Mai 2006. Erdbeben in Zentraljava.

Baustelle des Höhlenwasserkraftwerk der Gua Bribin überflutet

 

Was sich seit letztem Jahr ergeben hat

1Fast ein Jahr ist vergangen. Während dieser Zeit informierte mich Peter Oberle immer wieder über den Stand der Arbeiten am Höhlenkraftwerk. Am 8. Juni 2006 bekam ich die erschütternde Nachricht über die neuesten Ereignisse nach dem Erdbeben in Yogyakarta und der Gua Bribin. Die gesamte Baustelle in der Höhle steht seit dem Erdbeben Mitte Mai 2,5 m unter Wasser. Aufgrund der schwierigen Lage flog Peter im Vorfeld nach Yogja, um sich ein genaues Bild der Situation vor Ort zu verschaffen. Das Erdbeben im Gebiet um Yogja hatte verheerende Ausmaße: 200.000 Gebäude wurden zerstört und über 6000 Opfer sind zu beklagen. Selbst unser Hotel Sahid ist im Hauptgebäude so sehr beschädigt, dass es vermutlich abgerissen werden muss.

Die in diesem Bericht angegebenen Ganglängen der Höhle Gua Bribin gleichen nicht denen des Berichtes aus 2005. Damals wurden alle Ganglängen unter widrigen Umständen geschätzt und waren deshalb ungenau.

Die Lage in der Höhle hat sich zugespitzt

1Drei Tage nach dem Beben der Stärke 6,3 erhöhte sich der Wasserspiegel am Wasserkraftwerk in der Höhle um 2,5 m. Nach einigen Tagen pendelte sich der Wasserstand dann auf ca. 2 m über normal ein. Die unterstromige Schutzmauer wurde dabei um 10 cm überflutet, sodass weitere Baumaßnahmen derzeit unmöglich sind. Während seines fast zweiwöchigen Aufenthaltes fiel der Pegel nur um wenige Zentimeter. Peter teilte mir damals mit, dass aufgrund der außergewöhnlichen Situation in Bribin von Seiten der indonesischen Projektpartner mein Einsatz erwogen wird. Als er dann am 20. Juni zurückkehrte, beauftragte er mich mit der Planung meines Einsatzes, denn dessen Genehmigung von Regierungsseite schien sicher. So schnell wie möglich sollte ich nach Java fliegen.

Martin Fenchel, der mit weiteren Mitgliedern der Uni Karlsruhe wegen des Ad-Hoc Projekts „Erdbebensicheres Bauen“ schon am 3. Juli anreiste, kümmert sich im Vorfeld um die Organisation von Presslufttanks und Blei, um  nach meiner Ankunft keine Zeit zu verlieren.

Als erfahrener Sporttaucher sollte er, wie ich mit Peter vereinbart habe, mich unter akzeptablen Gegebenheiten beim Taucheinsatz am unterstromigen Siphon an der Baustelle unterstützen. Ich würde dann am 8. Juli nachkommen, um bis zum Eintreffen von Prof. Franz Nestmann und Peter den Grund des Wasseranstaus an der Baustelle am Höhlenkraftwerk möglichst schon gefunden zu haben.

Mein Einsatz sieht folgendermaßen aus:

Der unterstromige Höhlengang, der nach dem Erdbeben auf ca. 50 m Länge siphoniert sein dürfte, soll bis zum ersten Siphon „Blind Date“ nach der Ursache des Wasseranstaus untersucht werden.

Ist die Verklausung vor Siphon 1 zu finden, soll versucht werden, diese zu beseitigen.

Ist dort keine auszumachen, soll, falls es die Schüttungs- und Sichtverhältnisse zulassen, Siphon 1 „Blind Date“ durchtaucht werden, um festzustellen in wie weit der anschließende 250 m lange Wassertunnel bis Siphon 2 „Shark Bites Goat“ überflutet ist.

Kann der „250 m See“ durchschwommen werden, soll er nach Verklausungen abgesucht werden.

Wird auch hier kein Ergebnis erzielt, oder ist der Höhlenteil ab „Blind Date“ weitgehend siphoniert, ist der Einsatz eines zweiten Höhlentauchers aus Deutschland vereinbart, der mich beim Betauchen der neuen Siphons und der dahinter liegenden riesigen Höhle unterstützen soll.

Samstag 08. Juli 2006 Anreise

109.35 Uhr: planmäßiger Beginn der Reise. Renate fährt mich mit 16 kg Übergepäck zum Nürnberger Hauptbahnhof.

11.55 Uhr: Ankunft Frankfurt Flughafen

15.05 Uhr: Abflug Thai Airways, 10 Std. nach Bangkok

07.55 Uhr Ortszeit: Abflug Thai Airways, 3,5 Std. nach Jakarta

14.35 Uhr Ortszeit: Abflug Garuda, 1 Std. nach Yogjakarta

15.20 Uhr Ortszeit: Ankunft Yogjakarta

 

Die fast 22stündige Reise hat mich ziemlich mitgenommen. Am Flughafen erwartet mich pünktlich das Hoteltaxi. Schon während des Anflugs über Yogja konnte man die Zerstörungen des Erdbebens überall deutlich sehen. Auch unser 7stöckiges Hotel Sahid sieht wirklich schlimm aus. Die gesamte Fassade ist vollkommen zerstört, die einzelnen Stockwerke deutlich ausgebrochen. Es hat den Anschein, als stürze es jeden Augenblick ein. Die dieses Jahr etwas kleinere Projektgruppe ist in den gemütlichen Bungalows direkt unter dem Gebäude einquartiert. Es ist nur zu hoffen, dass die Erde nicht noch mal bebt.

Sonntag 09. Juli 2006

Der lange Flug zeigt immer noch Wirkung, ich bin ziemlich müde. Um 16 Uhr begegnet mir zum ersten Mal Malte. Er baut in einem Hilfsprojekt von Cap Anamur eine vom Erdbeben zerstörte Schule nicht weit von Wonosari wieder auf. Abends um 20 Uhr stoßen Martin und der Rest der Gruppe im Hotelrestaurant zu uns. Wir fahren ins Gadjah Wong zum Essen und besprechen dort in wundervollem Ambiente die Vorgehensweise der nächsten Tage.

Montag 10. Juli 2006

Der Jetlag klingt langsam aus. Solichin, unser indonesischer Manager vor Ort, wollte 6 x 12 l Tanks besorgen, bekam von der Uni. Yogja aber nur zwei. Alles läuft wieder wie gewohnt chaotisch ab. Wie zuvor schon befürchtet, muss Martin daher am frühen Morgen nach Jakarta in ein Tauchcenter fliegen, um dort die 4 noch benötigten Tanks zu besorgen. Auch mit dem Blei haut es nicht hin. Soli kann für den morgigen Einsatz gerade mal 2 x 4 kg aus der Notfallausrüstung von Polizei und Feuerwehr in Yogja besorgen. Trotz aller Schwierigkeiten werden wir morgen wie gewohnt mit etwas Verspätung und allem was wir brauchen nach Bribin aufbrechen. Martin, der die Höhle bis „Blind Date“ gut kennt, hat sich die aktuelle Situation eine Woche zuvor schon angesehen. Er würde mich, wenn wir beide es verantworten können beim Tauchgang im unterstromigen Siphon an der Baustelle unterstützen. Danach werde ich entscheiden, ob es zu verantworten ist, dass er weitere Tauchaktionen mitmacht.

Dienstag 11. Juli 2006

1Mit Verspätung treffen wir an der Baustelle ein. Eine fasst schon heimische Umgebung empfängt mich. Unser Freund Dicky vom Höhlenclub ASC bereitet das Schlauchboot vor, um im See vor dem überfluteten Höhlengang auf uns zu warten. Martin und ich haben die nötige Ausrüstung schnell zusammengestellt. Um 14.15 Uhr fahren wir im neuen Aufzug den 100 m Schacht hinab. Schon von oben sieht man in gespenstischer Tiefe den Wasserspiegel glitzern. Nach über vier Minuten Fahrt hält der Aufzug knapp über der Wasserlinie an. Die gesamte Baustelle ist geflutet, der Wasserstand sicher 2 m höher als letztes Jahr. Die Sichtweite kein Vergleich zum letzten Einsatz. Es könnten ca. 3 m sein, gegenüber 20 cm von damals. Wassertemperatur + 26°C, Lufttemperatur 30°C. Wir werden beide mit je einem 12 l Tank mit      2 Reglern und Jackets tauchen.

Der überflutete Gang, den ich mit einer Leine einrichten soll, führt gut 100 m in gerader Richtung. Der Siphon dürfte nicht länger als 50 m sein.

Ich gehe ins Wasser, Martin folgt mir bis zum Siphon. Bei relativ guter Sicht bewege ich mich an der linken Wand entlang und erreiche nach 30 m wieder Luft. An einem Stalaktiten wird die Leine befestigt, dann hole ich Martin nach hinten.

1Weiter geht’s zum Engpass. Dort blockiert ein mächtiger Felsblock den ca. 10 m breiten Gang, der dem anströmenden Wasser rechts und links ca. 1,5 m Platz zum Durchfließen lässt. Nach Peters Ansicht hätte hier eine Verklausung durch angeschwemmtes Baumaterialmwährend der letzten extremen Flut, den Wasseranstau verursachen können. Doch schnell wird klar, außer ein paar Bambusstangen und einigen Schaltafeln ist nichts zu finden. Der Wasserspiegel dahinter ist derselbe. Daraufhin machen wir uns umgehend auf die Suche nach der Führungsleine, die sich auf -3 m vor dem Siphon „Blind Date“ befindet. Nach 15 Min. habe ich sie gefunden.

Ich tauche langsam ab, um den Siphon nach eingeschwemmtem Baumaterial zu untersuchen. An der Decke in 2 m Tiefe finde ich eine Schaltafel und einen Autoreifen. Sonst ist der Siphon vollkommen sauber. An dem Unterwasserstalaktit, an dem ich letztes Jahr das Leinenende befestigt hatte, muss ich feststellen, dass der 200 m lange See wie schon zuhause vermutet, größtenteils siphoniert sein dürfte.

Der erste Tei des Auftrags ist somit erledigt und geklärt. Verklausungen am Engpass und im Siphon „Blind Date“ sind nicht die Ursache für den Wasseranstieg an der Baustelle. Es befindet sich nur wenig Baumaterial in diesen Bereichen. Da die weiteren Gangteile bis vor Siphon „Shark Bites Goat“ aufgrund des hohen Wasserstandes nach meiner Einschätzung vollkommen überflutet sein dürften, muss ich hier abbrechen und die Vorgehensweise für weitere Aktionen erst mal im Hotel überdenken. Denn der Wasseranstau nach dem Erdbeben wird hundertprozentig an der Stelle liegen, an der wir letztes Jahr den Wasserspiegel abgesenkt hatten. Denn dort ist der einzige Ort in der hinteren Höhle, an dem sich eine anstauende Barriere bilden kann. Um 17 Uhr verlassen wir die Unterwelt.

Mittwoch 12. Juli 2006

Wie vereinbart endete mein Auftrag aufgrund der vorgefundenen Situation am „Blind Date“. Da der 250 m See sicherlich weitgehend siphoniert ist, müsste ich von Peter nun einen neuen Auftrag bekommen, um hinter „Blind Date“ weiter zu machen. Nach unserer Abmachung hätte nun ein Taucher aus Deutschland zur Unterstützung angefordert werden müssen.

Nach reiflicher Überlegung, Gefahrenanalyse und eingehender Besprechung mit Martin, entscheide ich mich kurzfristig die folgenden Siphons nacheinander anzutauchen. Eine weitere Verzögerung würde den erfolgreichen Abschluss des Projekts noch in diesem Jahr sicherlich gefährden.

Da Martin ein erfahrener Taucher ist und mir einen sicheren und zuverlässigen Eindruck hinterlassen hat, nehme ich sein Angebot als Begleittaucher an. So können nicht nur Zeit, sondern auch erhebliche Kosten gespart werden. Ich habe also vor, Siphon „Blind Date“ bis zur nächsten Auftauchstelle auszuleinen und dann Martin zu holen. Ich will mich vorsichtig in den Siphons nach vorne arbeiten.

1Um 12.30 Uhr fahren wir im Aufzug nach unten. Diesmal mit drei Tanks im Korb. Ich werde den ersten nach dem Umbau der Führungsleine von Siphon 0 an der Baustelle und einem kurzen Erkundungstauchgang in Siphon 1 wechseln, um dann mit vollem Tank die Fortsetzung zu suchen. Martin erwartet mich später auf einer Felsbank am Engpass und wird mir dort den zweiten Tank übergeben.

Nach dem Umbau der Leine begebe ich mich direkt ans Leinenende von „Blind Date“, um mit der neuen 100 m langen 7 mm Führungsleine nach lufterfüllten Gangteilen im näheren Umfeld von 20 m zu suchen.

Die Strömung im Siphon ist hilfreich. Nach 15 m treffe ich auf eine 7 m weite Luftglocke. Ein Felszacken dient als Zwischenbefestigung. Nach kurzer Überlegung will ich doch versuchen, den nächsten Siphon zu durchtauchen.

Mit 3400 l Luft im Tank lasse ich mich einige Meter in die Tiefe sinken und suche nach der rechten Wand, die erst mal nicht zu finden ist. Nach 15 m taucht sie endlich auf. Sie erscheint aber nicht so wie es sollte. Angelöster heller Kalk mit einem teilweise leichten Lehmüberzug. Ich suche eigentlich schwarze Eisenmanganüberzüge, so wie wir sie letztes Jahr in den lufterfüllten Räumen angetroffen haben. Sie reichten damals bis ca. 50 cm an den Wasserspiegel. An dieser Grenzschicht wollte ich mich orientieren.

Ich folge der Wand in einem großen Kreis nach links. Von der letzten Luftglocke bin ich nun schon wieder 30 m entfernt und finde nichts. Wenn ich an die Dimensionen des Gangs denke, kein Wunder. Wir hätten damals den 250 m See doch vermessen sollen. Jetzt liegen, so wie es ausschaut, 250 m Siphons vor mir, die ich nicht kenne. Zweimal tauche ich am Ausgangspunkt auf, dann breche ich aus Sicherheitsgründen ab. Mit 2600 l im Tank kehre ich zum Treffpunkt zurück. Ziemlich frustriert mache ich mich an den Umbau der Tanks.

Ab jetzt begleitet mich Martin, mit dem ich wenig später die Luftglocke im „Blind Date“ erreiche. Hier wartet er auf mich, während ich in schier endlos erscheinenden Schleifen den Siphon nach der Fortsetzung absuche. Dabei finde ich zwar immer wieder Martin, aber nicht den Durchgang. Ich konzentriere meine Suche auf eine vollkommen andere Stelle, noch weiter links. Die unregelmäßige Decke und die vielen Stalaktiten, die ich umtauchen muss, erschweren den Tauchgang. Beim zweiten Versuch finde ich an der rechten Wand einen Gewebesack von der Baustelle. Er zeigt mir die Strömungsrichtung. Mit einem leichten Ruck wird mir das Ende der ersten Leine angezeigt, dass ich nun mit einem Gummiband an einem Felszacken befestige.

Die nächsten 50 m werden angehängt. Ich fühle, hier bin ich richtig. In einer Tiefe von 6 m ist über mir alles stockdunkel, so versuche ich der Wand folgend die schwarze Decke zu erreichen. 8 m weiter durchbreche ich die Wasseroberfläche. Rechts befindet sich ein geeigneter Stalagmit, an dem ich Leine und Rolle befestige. Ein kurzer Ruf in den Gang lässt Hoffnung aufkommen. Sogleich tauche ich zu Martin zurück, um ihn nach hinten zu holen. Als wir beide am Leinenende ankommen, entferne ich unter Wasser die Zwischenbefestigung und führe sie direkt nach oben. So kann man in geringeren Tiefen tauchen.

Anschließend geht es in den lufterfüllten Gang. Nach ca. 15 m schwimmt man durch ein niedriges Fenster, das von tief ins Wasser hängenden Stalaktiten geteilt wird. Dahinter tut sich eine weitere 25 x 6 m große Luftkammer auf. Von der Decke hängen hunderte von Stalaktiten ins Wasser, die man teilweise im Slalom tauchend hinter sich lässt. An der Abschlusswand ist der nächste 3. Siphon zu erahnen.

Zunächst versuche ich es links hinten. Erfolglos. Dann an der rechten Wand. Hier scheint es richtig. Auf meiner Rolle sind noch 47 m. Das gleiche Spiel. Ich tauche in dem riesigen Siphon umher, ohne nur die geringste Strömung zu finden, während Martin an einem Stalaktiten eingehängt auf mich wartet. Von einer Nische zur anderen, mal auf -8 m bis zum Boden tauchend, dann wieder in irgendwelchen ehemaligen lufterfüllten Deckenbereichen, die jetzt 2 m unter Wasser liegen, finde ich nach 5 Anläufen den Durchgang und tauche mit dem letzten Meter der Führungsleine zwischen einem Wald aus Stalaktiten auf.

Wie das gezahnte Maul eines gefährlichen Raubtiers empfängt mich die nächste Luftglocke. Es stehen mir zum Glück genug Stalaktiten zur Auswahl, um das kurze Stück Leine zu befestigen. Durch den Wust von Sinter findet man keinen günstigen Weg weiter, deshalb tauche ich zwischen den Unterwassertropfsteinen hindurch und erreiche eine etwas höhere Stelle. Plötzlich überkommt mich der Gedanke, die Orientierung zwischen den vielen Sintersäulen zu verlieren und den Weg zur Leine nicht mehr zu finden. Es könnte hier bei + 30°C und 100 % Luftfeuchtigkeit etwas ungemütlich werden, bis Martin nachkommt und mir den Rückweg zeigt. Also zuerst mal die Lage peilen und dann weiter. Ich kann das schöne Panorama um mich herum gar nicht recht genießen. Der leichte Stress lenkt doch etwas ab. Wann taucht man schon zwischen Wäldern aus Stalaktiten umher. Nach 15 m ist es wieder aus. Das ist der Hammer. Auf den ersten 180 m gibt es schon 120 m Siphons. Gute Aussichten. Mir wird jetzt schon klar, dass dieser Auftrag besonders schwierig wird. Noch zwei Tage, dann muss ich die Ursache des Wasseranstaus herausgefunden haben. Peter wäre sonst sehr enttäuscht.

Es hilft alles nichts. Hier muss ich umkehren. Mein Luftvorrat liegt beim Raustauchen noch gut bei 50 %. Als ich Martin wieder treffe, ist er nicht gerade begeistert von meinem Bericht, aber dennoch zuversichtlich, dass ich es schaffen werde. Wir tauchen zurück, er nimmt vor Siphon 0 meinen Reservetank mit, ich den Rest. Um 18 Uhr erreichen wir die Oberfläche. Ich bin ziemlich fertig und bekomme ab und zu Krämpfe in den Beinen.

Auf dem Rückweg wollen wir in Yogja neue Führungsleinen besorgen, bekommen aber nichts Vernünftiges und müssen Soli und Imam vom ASC morgen den Einkauf überlassen.

Donnerstag 13. Juli 2006

1Ein immer reichlicheres Frühstück bestehend aus mehreren Tassen Kaffee, Hühnchen mit Gemüsereis, Toast mit Omelett und Cornflakes mit Milch, stärkt uns für einen 14-stündigen Einsatz ohne Verpflegung.

Um 10.00 Uhr wollte Soli mit der Führungsleine eintreffen. Doch alles verzögert sich. Glücklicherweise bekommen wir die bestellten 240 m Leinen doch noch.

12.00 Uhr, es geht endlich los. Den ganzen Tag ist es schon bewölkt und es regnet leicht. Darum haben wir heute vor, sämtliche Lufterfüllten Seestrecken zwischen den Siphons auszuleinen, und dann am gestrigen Endpunkt weiterzumachen.

13.45 Uhr, wir erreichen Bribin und machen uns, ohne weiter Zeit zu verlieren, an den Zusammenbau der Tauchgeräte. Heute tauche ich mit 2 x 12 l Tanks. Martin wird direkt vor mir bis zum Endpunkt mit einer 12er und zwei Reglern tauchen. Bis alles vorbereitet ist wird es doch wieder 15.00 Uhr. 30 Min. später ist alle Ausrüstung am Wasser.

Die Widrigkeiten nehmen kein Ende. Martins zweite Stufe bläst leicht ab. Ich kann den Schaden nicht beheben, und entferne den defekten Regler von der ersten Stufe. Er taucht nur mit einem Atemregler.

Endlich ist es so weit.  Vorsichtshalber verabreiche ich mir eine Prise Nasendope, um mein linkes Ohr zu schonen, dass ich gestern durch die stundenlange Jojo-Taucherei etwas überbeansprucht habe. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir bis Freitag hinter „Shark Bites Goat“ kommen. Aber alles kommt sicher wieder anders als man denkt. Nach 20 Min. erreichen wir den gestrigen Endpunkt. Martin hat sich, während ich den See ausgeleint habe, die Fortsetzung angesehen. Es scheint gerade aus weiterzugehen. Die Decke ist gleichmäßig und ca. 8 m breit. Nach 10 m tauche ich in einer großen Halle auf. Da ich direkt hinter der Auftauchstelle keine Befestigung finde, tauche ich zurück, um Martin Bescheid zu geben, dass er mir nach ca. 2 Min. auf mein Seilzugzeichen folgen soll.

 

Die Raumformen der gesamten Höhle, die wir letztes Jahr mehrere Male durchschwommen haben, kommen mir vollkommen fremd vor. Vielleicht auch kein Wunder, weil wir diesmal nur ganz kurze Strecken schwimmen. Sie führen mehr oder weniger direkt unter der Decke entlang, die wir letztes Jahr überhaupt nicht beachtet haben. Das einzige, an das ich mich erinnere, ist das starke Tropfwasser aus der Decke in dieser Halle. Wir befinden uns also irgendwo im hinteren Drittel des damaligen Sees. Eine unendlich frustrierende Suche nach dem nächsten Siphon beginnt. Noch eine Auftauchstelle, dann müsste ich in den Bereich von „Shark Bites Goat“ kommen.

Ich kann eine leichte Strömung am Ende der Halle feststellen, tauche aber immer wieder im Kreis in einer riesigen Unterwasserhalle. Ein gelber Helm eines indonesischen Arbeiters erschreckt mich etwas. Ständig denke ich, der Typ hängt auch noch irgendwo an der Decke. Dann sind da immer wieder diese weißen Gewebesäcke, die sich wie Leichensäcke an spitzen Zacken der Decke verfangen haben. Ich finde einfach nichts. Die Strömung führt mich immer an verschiedene Stellen, an denen es nicht weiter geht.

Viele Male kehre ich zu Martin zurück und versuche es von neuem. Immer wieder brauche ich Nasendope, um weiter tauchen zu können. Das ewige auf und ab auf –6 m belastet meine Ohren enorm. Wenn ich jetzt abbrechen muss, war alles umsonst, weil ich diese Stelle in den nächsten Wochen nicht mehr erreichen werde. Martins Flug geht übermorgen. Der Erfolgsdruck steigt mehr und mehr. Ich suche mir nach gründlicher Überlegung einen neuen Abtauchpunkt in der Halle und versuche es noch mal. Martin motiviert mich, und meint, er hätte das Gefühl, ich werde es diesmal schaffen. Wieder komme ich an dem verdammten gelben Helm an.

Plötzlich taucht wie von Geisterhand erschaffen eine Führungsleine vor mir auf. Ich erschrecke fürchterlich, denn damit habe ich an dieser Stelle absolut nicht gerechnet. Ich halte mich daran fest, prüfe den Flaschendruck und überlege ständig, wer wohl hier gewesen sein könnte und diese Leine befestigt hat. Ich bin etwas verwirrt. Mein einziger Gedanke ist, wer war hier, mitten auf dem Weg zu „Shark Bites Goat“. Ich betrachte meine Leine, sie ist grün. Die abwärts führende fremde Leine ist rotgelb, nach einem Knoten wird sie grau. Was ist denn das für ein Blödsinn? Ich bin so auf die Wegfindung konzentriert, dass ich die Zusammenhänge in dieser Situation vollkommen verdrehe.

Ich verlasse, ohne meine Leine zu befestigen, die Stelle und kehre zu Martin zurück. Immer noch ziemlich verdutzt tauche ich bei ihm auf und erzähle ihm von der für mich so ungewöhnlichen Entdeckung unter Wasser. Aber irgendwie sieht er mich dabei noch verdutzter an, als ich es bin. Mit den Worten „Warum hast Du denn die Leinen nicht verbunden dass kann doch nur Deine sein?“ macht er mich auf meinen Blackout aufmerksam. Er hat ja Recht, denn wer außer mir sollte denn diese Leine in den Siphon gelegt haben? Einige Höhlentaucher haben solche Situationen vielleicht schon erlebt.

Etwas frustriert erwidere ich Martin, dass ich die Leine von letztem Jahr wohl nicht mehr finden werde. Doch mit den Worten „du hast sie einmal gefunden, dann findest du sie halt noch ein zweites Mal“ macht er mir Mut für einen letzten Versuch. Und tatsächlich finde ich wieder die Stelle, verbinde die Leinen und tauche 10 Min. später mit leeren Händen, also ohne meine Führungsrolle, wieder bei Martin auf. Er versteht sofort und wir beide strahlen glücklich um die Wette.

Ich spreche mich mit Martin ab, dass ich noch mal hineintauchen werde, um den „Shark Bites Goat“ nach Verklausungen zu untersuchen. Sollte er durchgängig sein, tauche ich komplett durch. Die Länge des Siphons dürfte dann etwa bei 100 m liegen.

Als ich wieder an der mich so irritierenden Leine ankomme, wird mir auch sofort klar, wo ich mich befinde. Und zwar in der ersten Luftglocke, 10 m nach Beginn des „Shark Bites Goat“, die jetzt 2,5 m unter Wasser liegt. Von hier aus geht es steil auf den Grund des Siphons in - 8,5 m Tiefe hinunter. Überall hängen wieder diese makaberen Leinensäcke herum. Am Boden finde ich vereinzelt Holz von der Baustelle. Die Sicht ist besser als im letzten Jahr. Und doch wirkt alles geisterhaft. Langsam gleite ich an den Entfernungspfeilen der Leine weiter in den Siphon hinein. Ständig in Gedanken an die Auftauchstelle. Wie wird sie aussehen? Muss ich mich mit den sperrigen Tanks durch Verbruch nach oben zwängen? Die 90 m Marke zieht vorbei. Hier sollte schon Luft über mir sein. Aber nichts dergleichen. Wie zu erwarten, ist auch das Leinenende weit unter Wasser. Ich binde ein letztes kurzes Stück zum Auftauchen an, und durchbreche kurz darauf den Wasserspiegel.

Vergeblich lausche ich nach dem Geräusch des Wasserfalls. Doch es ist ziemlich still. Nur in der Ferne kann ich leises Rauschen vernehmen. Alles sieht völlig anders aus. An der Stelle, an der wir damals den Bach tiefer legten, erhebt sich zwischen beiden Höhlenwänden ein mächtiger Verbruch, mir unerklärlich, woher er gekommen ist. Eigentlich wollte ich das Wasser mit der schweren Ausrüstung nicht verlassen, doch etwas mehr Informationen sollte ich schon über die Ursache des Wasseranstaus mit nach draußen nehmen. So schwimme ich an den Stau heran, und gehe einige Meter weiter auf den Verbruch hinauf. Von der Arbeit, die wir hier geleistet haben, ist nichts mehr zu erkennen. Alles ist unter einer bis zu 6 m hohen Schutthalde begraben.

1Meine nur kurze in Augenscheinnahme des Verbruchereignisses ergibt folgendes: die flussabwärts gelegene linke 2,5 m weit unterspülte Felswand ist auf eine Höhe von 5 m und eine Länge von ca. 15 m durch das Erdbeben abgerissen. Die Wandstärke beträgt vermutlich bis zu 2,5 m. Links zwischen Verbruch und Felswand fließen in einem schmalen Kanal maximal 500 l/s bei einer Gesamtschüttung von ca. 1,5 m³/s. Alles andere sucht seinen Weg durch die bis zu 2 x 6 m großen Blöcke. Ich habe genug Informationen, um weitere Planungen einzuleiten.

Die Strecke zu Martin tauche ich zügig zurück. Ich erzähle zunächst nichts von meiner Entdeckung. Ich will nicht, dass er seinen Kopf mit anderen Dingen als mit dem Tauchgang voll hat. Er fragt auch nicht nach, sondern ist damit beschäftigt, sich vom  Schlamm zu befreien. Während meines Tauchgangs hat er einen über Wasser gelegenen engen Seitengang im nordwestlichen Teil der Kammer erkundet, der aber nach ca. 30 m endet.

Zu allem Verdruss, macht mein Ohr trotz Nasendopings, langsam Schwierigkeiten. Nach 35 Min. Tauchzeit sind wir um 20.45 Uhr am Aufzug der Baustelle. Der Hunger quält mich schon gewaltig. Nie hätte ich gedacht, dass wir heute hinter „Shark Bites Goat“ kommen.

Martin ist nicht begeistert von meinem Bericht. Doch schon in Deutschland war ich mir sicher, wo sich der Anstau befinden wird. Heute konnte ich meine Vorahnung bestätigen. Ich bin sehr zufrieden mit unserem Ergebnis, in 3 Tagen 280 m Siphonstrecken neu erkundet zu haben, die in ihren Dimensionen von ca. 15 m Breite und etwa 10 m Höhe doch ziemlich spektakulär sind. Die gesamte Strecke von der Baustelle bis nach „Siphon 0“ und ab Siphon 1 „Blind Date“ bis hinter „Shark Bites Goat“ ist mit 475 m Ariadnefaden ausgelegt. Nur die hochwassersichere Halle ab „Siphon 0“ wurde freigelassen.

 

Im Hotel bekommen wir um 23.00 Uhr gerade noch eine Suppe und ein Bier, dann gehe ich schlafen. Martin will schnell noch ins Internetcafe. Dort wird ihm zu allem Ärger sein Handy gestohlen.

Freitag 14. Juli 2006

Die geplante Fotodokumentation des Verbruchereignisses platzt. Martin hört auf die dringende Bitte aus Karlsruhe, von weiteren Höhlentauchgängen abzusehen, da er dafür ja eigentlich nicht ausgebildet ist und im Ernstfall auch versicherungsrechtliche Schwierigkeiten drohen. Weitere Tauchgänge scheinen zu gefährlich. Mir geht es mit meinem Ohr auch nicht gerade gut. Außerdem reichen mir die vielen Jojo-Tauchgänge der vergangenen drei Tage. Täglich 5 Std. mindestens 20mal von null auf minus sechs Meter belastet meinen Körper ziemlich. So ist es mir ganz recht, eine Pause einlegen zu können. Für den Abend ist eine Besprechung mit den verantwortlichen indonesischen Projektleitern, Regierungsstellen und Finanziers vorgesehen. Martin wird dort die Lage zur Situation in der Höhle erläutern.

Im Laufe des Tages wird die Vorgehensweise der nächsten Aktionen besprochen. Nachmittags fahren wir mit Silichin nach Wonosari, um ein vom Erdbeben beschädigtes Krankenhaus zu besuchen, das für das Hilfsprojekt „Erdbebensicheres Bauen“ in Frage kommt. Die Schäden sind aber so gering, dass die Behörden vor Ort ohne besondere Hilfe zurechtkommen. Anschließend geht es weiter nach Bribin. Unsere Ausrüstung wird vorsichtshalber nach Yogja zurückgebracht, denn Martin reist höchstwahrscheinlich morgen ab. Alles hängt zurzeit vollkommen in der Luft. Reist er wirklich ab, muss ich den Dokutauchgang alleine durchführen. Das beunruhigt mich nicht besonders. Das größte Risiko ist, dass ich bei einer schon leichten Verletzung hinter der 280 m langen Tauchstrecke mit keinerlei Hilfe rechnen kann. Denn es steht weder ein Taucher zur Verfügung, der mich versorgen könnte, noch ist ein deutsches Mitglied des Projektes auf Java, das mir helfen, oder wirksame Entscheidungen treffen könnte. Unter diesen Umständen ist es höchst riskant, die Höhle zu betreten. Noch immer bin ich mir nicht im Klaren, was ich tun werde.

Die anberaumte Besprechung verläuft sehr gut. Martin erklärt die Situation in der Höhle sehr präzise. Alle beteiligen sich intensiv an der Diskussion, und versuchen Vorschläge zur Lösung des Problems vorzubringen.

Drei Möglichkeiten zur Problemlösung stehen momentan zur Auswahl:

1Die Erste wäre, einen neuen 60 cm weiten Schacht in der Nähe des Wasseranstaus zu Bohren, um dann von oben mit schwerem Gerät, Abbruchhammer, Seilwinden usw. die großen Felsblöcke aus der betroffenen Zone zu schaffen. Dadurch könnte der Wasserspiegel unter Mithilfe der indonesischen Baufirma WIKA auf einen akzeptablen Stand zurückgebracht werden.

Die Zweite Möglichkeit könnte sein, dass die Höhle ab dem verbrochenen Gang, unterstromig nach möglichen Zugängen von oben abgesucht wird.

Die Dritte besteht darin, Sprengstoff zu beschaffen, den man dann durch die Siphons nach hinten schafft.

Die letztere wäre wohl die schnellste Art, ein Ergebnis erzielen zu können, damit die Bauarbeiten dieses Jahr noch fortgeführt werden können.

Was letztlich gemacht wird, hängt sicherlich von der anstehenden Untersuchung der Unglücksstelle ab.

Abends geht Martin vorsichtshalber ins Hugo´s, der Szenedisco von Yogja, um wie jedes Jahr das Ende seines Aufenthaltes einzuläuten.

Samstag 15. Juli 2006

Auch heute dauert alles wieder länger als es sich Europäer einbilden. Oft denke ich mir, wenn Asiaten mit Europäern arbeiten, beginnt deren Tag nicht wie wir es meist gewohnt sind um 6.00 Uhr morgens, sondern sie schlagen gleich mal 6 Stunden Ausläderbonus auf und kommen erst Mittags um 12.00 Uhr.

In der vergangenen Nacht hat Martin sich ausführlich mit Peter und weiteren Projektbeteiligten in Karlsruhe über die weitere Vorgehensweise abgestimmt. Er wird versuchen, seine Reise zu verlängern, bis der Verbruch ausführlich dokumentiert ist. Solichin organisiert den ganzen Vormittag, um Martins Rückflug auf Dienstag umzubuchen.

Ich selbst hatte bis heute noch keine Gelegenheit mich mit Peter über meinen weiteren Einsatz zu besprechen. Denn ich hatte ja, in der Annahme in Peters Sinne zu handeln, damit mein Einsatz nicht umsonst war, kurzfristig und eigenmächtig hinter Siphon „Blind Date“ weitere 5 Siphons mit insgesamt 175 m Länge erkundet und ausgeleint. Dadurch konnte ich die Ursache des Hochwasseranstaus klären – einen Tag vor Martins geplantem Rückflug. 

 

1Wir kommen erst nachmittags los, um uns im Rahmen des Erdbeben-Projekts drei stark zerstörte Gebäude in Yogya anzusehen. Am stärksten hat es die Sportarena und die Universität erwischt.

 

 

 

 

 

Sonntag 16. Juli 2006

1Es geht an die Südküste ins am stärksten betroffene Erdbebengebiet. Die Gebäudeschäden, die man rechts und links der Straßen sieht, sind wirklich erschreckend. Doch wenn man die Menschen dort beobachtet, sieht es so aus, als ob jeder seiner normalen Geschäftigkeit nachgeht. Nach einem ausgiebigen Badestopp in der starken Brandung des Pazifischen Ozians am bekannten Strand von Parangtritis  machen wir uns auf den Rückweg nach Yogya.

In der Nacht kann ich endlich persönlich mit Peter meinen weiteren Einsatz besprechen. Es wäre im Nachhinein doch vernünftiger gewesen vorher mit ihm über die Tauchgänge in die unbekannten Siphons hinter „Blind Date“ zu verhandeln. Wir hätten uns viel Ärger gespart. Dennoch fanden wir eine vernünftige Lösung. Ich habe mich entschlossen, mit Martin auch noch den 100 m langen „Shark Bites Goat“ bis zum Verbruch zu tauchen, damit er sich selbst ein eigenes Bild vom Schadensausmaß machen kann.

Montag 17. Juli 2006

Mit drei Tagen Verspätung machen wir uns heute auf den Weg zum verbrochenen Gang der Gua Bribin.

Eigentlich sollte uns Soli um 8.30 Uhr am Hotel abholen. Zuvor wollte er meinen Rückflug umbuchen. Ich habe das Gefühl, wir kommen auch heute wieder nicht vor 14.00 Uhr ins Wasser. Um 20.00 Uhr spätestens müssen wir wieder aus der Höhle sein, denn für die geplante Abschlussbesprechung am Dienstagmorgen müssen unsere Ergebnisse noch in eine Power Point Präsentation einbauen. Langsam werde ich durch die ständige Warterei stinke sauer. Die Zeit, die man hier vertrödelt, ist unglaublich. Es ist schon nach 9.00 Uhr. Niemand ist zu sehen. Naja, dann rasiere ich mich eben noch, damit die Maske später besser anliegt.

Vermutlich braucht Soli doch länger, meinen Rückflug vorzuverlegen. Denn wie angedacht, auf Peters und Franz Ankunft in einer Woche zu warten, um vor Ort gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, ist Angesichts des enormen Verbruchs in der Höhle doch mehr Vorbereitungszeit erforderlich. An einen erneuten Einsatz meinerseits ist in den kommenden Wochen daher nicht zu denken. Mein Aufenthalt vor Ort würde sich unnötig in die Länge ziehen und weitere Kosten verursachen.

Es klingelt. Mit eingeschäumtem Gesicht öffne ich Martin die Türe. Auch er ist etwas angesäuert, weil wir kostbare Zeit vergeuden. Aber endlich eine ½ Stunde später geht es los. Soli hat meinen Rückflug wider erwarten für Mittwoch organisiert. Wir erreichen Bribin um 11.30 Uhr. Ich verwende heute 2 x 12 l Tanks, Martin taucht mit einem 12 l Tank und zwei Reglern. Wenn ich später im Wasser bin, fühle ich mich sicher wieder wie ein Lastkahn.  Diese Riesentanks sind wirklich unhandlich und die Pelibox mit der Fotoausrüstung und 6 kg Blei tariert ist nicht gerade strömungsgünstig. Um 13.00 Uhr steigen wir in den Aufzug und nach dem dritten Anlauf erreichen wir den Wasserspiegel. Auch hier geht es wie gewohnt weiter. Das Schlauchboot für Dicky ist abgesoffen. Also erst mal Schiffswrack bergen, damit wir den Aufzug verlassen können. Wie erwartet sieht man außer meiner Ausrüstung von mir fast nix. Doch unter der Wasseroberfläche bin ich wieder ich selbst und schwebe bei gut 2 m Sicht in meinem Element.

Martin erwartet mich 30 m weiter an der Abtauchstelle des Siphons. Ich tausche dort die alte 60 m Leine aus, um eine längere bis weit hinter die Auftauchstelle zu verlegen um diese an einem höheren Punkt im Gang festzumachen zu können. Wir wollen dadurch sicherstellen, sämtliche Gangteile bis hinter „Shark Bites Goat“ - selbst bei 2 m mehr Wasserstand als momentan vorherrschen - ausgeleint betauchen zu können.

Diesmal taucht Martin ab „Blind Date“ vor, auf seinen Flossen gefolgt von mir. Er meistert die Siphons ausgezeichnet und hat keinerlei Stress. Es ist immer wieder ein schöner Anblick, vor sich einen Kollegen tauchen zu sehen. Es macht halt einfach Spaß.

45 min. nach Verlassen der Baustelle tauchen wir am Verbruch auf. Während des ganzen Tauchgangs dachte ich an die Ausmaße des Verbruchs. Hoffentlich ist er nicht so groß.

1Nach Ablegen der Geräte verlassen wir das Wasser. Was mich dann erwartet, verschlägt mir fast den Atem. Der 15 m lange Verbruch, den ich vor einigen Tagen erahnt habe, erweist sich als Katastrophe. Auf 21 m Länge, 8 m Breite und 4 -5 m Höhe blockiert ein riesiger Haufen Fels den gesamten Gang. Die Arbeit, die Marco und ich letztes Jahr hier geleistet haben, erscheint jetzt als richtige Lächerlichkeit. Mit Brecheisen oder bloßen Händen entfernten wir gut 9 t Gestein aus dem Bachbett, von dem nun auf 20 m Länge nichts mehr zu sehen ist. An dessen Stelle liegen nun ca. 1500-2000 t Fels. Die gesamte linke Wand, unter der wir letztes Jahr gearbeitet haben, ist auf eine Länge von 20 m abgeplatzt. Ausgelöst durch ein Erdbeben der Stärke 6,3. An der Felswand sind deutlich die Spuren des Ereignisses zu erkennen.

Die abstromige linke Felswand ist auf einer Länge von 21 m, einer Höhe von 6 m und einer Dicke von bis zu 2,5 m abgeplatzt. Möglich wurde dieses Verbruchereignis durch eine geologische Besonderheit, die darin bestand, dass der mittlere Bereich dieses Felspaketes auf etwa 10 m Länge und 5 m Höhe durch eine dicke Mergellage vom festen Muttergestein unterbrochen wurde. Dies ist in dieser Gegend eine äußerst seltene geologische Erscheinung, zumal diese Störung vertikal angelegt ist.

1Im oberstromigen Bereich des Verbruchs befindet sich noch eine ca. 3 x 4 m große Felsscholle an der Wand, die sich unter Umständen lösen könnte, dann aber zu keiner weiteren größeren Verklausung führen dürfte, da der linke Wandfuß unter Wasser auf ca. 3 m Breite und 1,5 m Tiefe unterspült ist, und deshalb genügend Durchflussmöglichkeiten bietet.

Unterstromig hat sich ein bis zu 3 m hohes Deckenfragment im Ganzen gelöst und am Ende des Verbruchs als riesiger Block abgelegt.

Ein aktuelles Verbruchereignis dieses Ausmaßes habe ich noch nie gesehen. Wir brauchen lange, um die Unglücksstelle genau zu vermessen und fotographisch zu dokumentieren. Um halb sieben sind wir endlich fertig, so dass uns nur noch 1 ½ Stunden bleiben, um im unterstromigen Höhlenteil nach weiteren Schäden zu suchen, und einige Fotos zu schießen.

Dass wir auch diesmal nicht über den Punkt vom Vorjahr kommen sollten, war mir klar. Denn die Schüttung des Höhlenbaches lag mit 1,5 m³/s deutlich höher als damals. Der Rückweg würde also mehr Zeit in Anspruch nehmen als letztes Jahr. Martin meinte zwar anfangs, die Höhle sei ja nicht größer als der oberstromige Teil von Bribin. Doch ich versicherte ihm, dass wir die Stelle sicher noch erreichen werden, an der es richtig groß wird.

1Ich versuche wenigstens etwas an Bildmaterial mitzubringen, doch erweist sich der hohe Wasserstand und die starke Strömung als sehr hinderlich. Wir kommen nicht weit und die Zeit läuft uns auch diesmal davon. Zum Glück haben wir den Höhlenteil erreicht, in dem es richtig groß wird. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Martin nun auch etwas überrascht ist. Wir stehen auf einem 5 m hohen Felsblock der mitten im Höhlengang steht, an dem Fetzen von Gewebesäcken hängen, die beim Hochwasser vor dem Erdbeben bis hierauf gespült wurden.

Links und rechts 10 m bis zur Felswand. 40 m vor uns ist ein regelrechtes Gebirgstal zu erahnen. Ich bitte Martin, auf einen Block 20 m von mir entfernt abzusteigen, um von dort aus zu versuchen, den Gang mit mehreren Blitzen auszuleuchten. Vorher beleuchtet er mit seiner starken Taucherlampe das Szenarium. Es kommt beinahe an das der Skocjanske Jame in Slowenien heran. Ich bin überwältigt von diesen Ausmaßen, und frage mich wieder, warum uns die Höhle nicht weiter hineinlässt. Doch das wird schon seinen Grund haben. Im vergangenen Jahr habe ich mir immer wieder Gedanken gemacht, ob ich mir diese riesigen Dimensionen nur eingebildet habe. Jetzt fühle ich mich bestätigt.

Die ist einfach riesig. Flussauf und -abwärts mache ich zwei Fotos, dann geht es zurück. Es ist bereits 18.30 Uhr und der Weg gegen die Strömung wird sicher etwas beschwerlich. Auf dem Rückweg habe ich das Gefühl, hier noch mal herzukommen und die Höhle endlich vermessen zu können. Sehnsüchtig werfe ich einen letzten Blick in die dunkle Finsternis, dann kehre ich der Höhle den Rücken.

Jeder Schritt muss bedacht werden, denn über und unter Wasser ist der Fels messerscharf und nagelspitz. Ein Ausrutscher oder unbedachter Schritt könnte zur Katastrophe führen. Am Versturz angekommen, machen wir erst mal 15 Min. Pause. Mir läuft der Schweiß wie in der Sauna den Körper hinunter. Diese Schwüle ist fasst unerträglich. Man muss ab und zu unter Wasser, um etwas abzukühlen.

Aber jetzt wird es Zeit. Wir  tauchen mit 45 Min. Verspätung zurück. Mit Daten und Informationen, die Regierung und Projektpartnern nicht gefallen werden. Beim Raustauchen nimmt Martin an allen Umlenkpunkten die Kompassrichtungen der Führungsleinen auf. Alles verläuft ruhig und sicher. Ich hatte mit Martin einen guten Taucher an meiner Seite, der das Zeug zu einem guten Höhlentaucher hat.

Um 21.30 hebe ich meine Ausrüstung in den Lift. Dicky zieht das Schlauchboot rein, dann geht es langsam nach oben. Mit dieser Fahrt schließen wir die Suche nach den Ursachen des 2,5 m hohen Wasseranstaus mit wichtigen Erkenntnissen ab. Auf der ca. 475 m langen Gangstrecke von der Baustelle bis zum Verbruch musste ich im Vergleich zum letzten Jahr statt 70 m Siphons, 210 m Siphons neu suchen und ausleinen. Die Gesamtlänge der Siphons liegt bei einem Wasserspiegel von 20 cm unter der Oberkante Rückstaumauer Baustelle bei 280 m.

1Wir verlassen um 22.00 Uhr Bribin. Auf der Rückfahrt zum Hotel erkundigt sich Peter per SMS, wie es uns geht. „Alles ok, sind auf dem Heimweg“ schreibt Martin, und denkt dabei natürlich nur an  den heutigen Tauchgang. Kurze Zeit später erfahren wir von Solichin, dass sich um 16 Uhr in Südwest Java, 200 km vor der Küste in 40 km Tiefe ein Erdbeben der Stärke 7,2 ereignet hat. 30 min. später traf ein 5 m hoher Tsunami einen 300 km langen Küstenstreifen, bei dem auch der bekannte Traumstrand Parangtritis, an dem wir tags zuvor noch in der Sonne lagen, am Rande betroffen war. Bis 18 Uhr folgten zwei weitere Nachbeben der Stärke 6,2. Über 500 Menschen fanden den Tod. Wir hielten uns zur Zeit des Hauptbebens direkt am Verbruch in der Höhle auf. Glücklicherweise spürten wir nichts und kamen unbeschadet davon. Betroffen soll auch die Hauptstadt Yakarta sein. Ich hoffe nur, dass es keine Schäden am Flughafen gab, denn mein Rückflug geht in zwei Tagen zurück nach Deutschland. Auch Peter erkundigt sich per SMS nach unserem Wohlbefinden. Erst jetzt ist uns klar, was Peter gemeint hat!

Bei einem kleinen Nachtmahl überarbeiten wir im Sahid-Hotel nochmals die mitgebrachten Daten, damit Martin für die morgige Abschlussbesprechung alles Notwendige vorlegen kann. Irgendwann um 1 Uhr falle ich ins Bett.

Dienstag 18. Juli 2006

Um 10.00 Uhr treffen wir uns zur Besprechung. Etwas überrascht von den Ausmaßen des Verbruchs versuchen doch alle Beteiligten mit guten Ideen, Möglichkeiten für die Problemlösung zu finden.

1Um 14.00 Uhr bringen Solichin und ich Martin zum Flughafen, um danach Malte zu besuchen, der nahe Wonosari an seinem Wiederaufbauprojekt von Cup Anamur arbeitet. Schon verblüffend, was ein Projektleiter, der von den einzelnen Baumaßnamen nur bedingt Ahnung hat, alles erreichen kann. Er baut in wenigen Wochen ein Schulgebäude mit einer Fläche von ca. 500 m². In Deutschland wäre das nie möglich. 30 Arbeiter aus den umliegenden Ortschaften, die größtenteils ihre Häuser verloren haben, helfen beim Aufbau. Durch ihr so erworbenes Wissen können sie ihre zerstörten Häuser dann in Eigeninitiative wieder selbst aufbauen.

Mittwoch 19. Juli 2006

Heimreise. Zeitig, schon um 12 Uhr Ortszeit fährt mich das Hoteltaxi mit 16kg Übergepäck an den Flughafen. Nach 22 Stunden Flugreise lande ich in einer ziemlich unbequemen Lufthansamaschine 747 in Frankfurt.  Nach insgesamt 31 Stunden bin ich wieder zuhause bei Renate im Altmühltal.

 

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Peter und Franz fliegen nach Java, um die Lage zu sondieren

Mittwoch 26. Juli 2006Mit einwöchiger Verspätung treffen Ing. Dr. Peter Oberle und Prof. Franz Nestmann in Yogyakarta ein. Sie wollen persönlich bei den indonesischen Projektpartnern vorsprechen, und Möglichkeiten zur Absenkung des Wasserspiegels an der Baustelle erörtern.

Die einheimischen Höhlenforscher vom ASC Yogja versuchten während der nächsten zwei Wochen, einen natürlichen Zugang durch verschiedene Höhleneingänge an der Oberfläche zu finden. Dabei suchten sie die nähere Umgebung über dem verbrochenen Gang der Gua Bribin ab.

Sie fanden dabei zwei Schachthöhlen. Die eine konnte beim ersten Anlauf auf eine Tiefe von etwa 100 m befahren werden. Beim nächsten Versuch endete der Schacht in einer Tiefe von ca. 160 m an einer unbefahrbaren Engstelle. Auch die zweite Höhle führte nicht bis an die gesuchten Höhlenteile der Bribin. So gibt es bis jetzt keine Möglichkeit von oben über einen natürlichen Zugang hinter die Siphons der Gua Bribin zu kommen.

Ich sehe als einzige Chance, einen Zugang in die hinteren Teile zu finden, nur den noch immer nicht erforschten Abzweig, direkt am Gangverbruch der Gua Bribin. In seinen gewaltigen Dimensionen von 10 x 10 m führt er sicher weiter ins Plateau, und muss auf nach oben führende Schächte treffen.

Peter und Franz versuchten indes in der Oberen Gua Bribin den Höhlenbach vor einem abfließenden  Siphon anzustauen, um die Schüttung an der Baustelle während der Trockenzeit zu verringern. Seinen letzten Informationen zufolge könnte Franz ab Mitte September etwaige Sprengarbeiten am Verbruch unterstützen.

September 2006

Ein neues Team des Projekts „Höhlenbewirtschaftung“ wird eingesetzt, um die Probleme am Gangverbruch zu lösen. Es besteht aus Tauchern der Höhlenrettung Baden-Württenberg.

 

 

© whf

Petrusquellhöhle    Wolfsblutschacht    Mühlbachquellhöhle     Bottelmühlhöhle    Indonesien/Java

Hintergrund
 

Expeditionsbericht 2005

Expeditionsbericht 2006
 
Plan Gua Bribin
 

Fotos 2005

 
Fotos 2006