Lohn der Mühen und Entbehrungen

Auf den folgenden Seiten erzähle ich über meine Erlebnisse in der Mühlbachquellhöhle. Dabei dient mein privates Tagebuch als Leitfaden.

Da es sich bei der Mühlbachquellhöhle um eine aktive Wasserhöhle handelt, in der die ersten Höhlentauchgänge der Frankenalb stattfanden, werde ich von diesen Höhlentauchgängen in der Rubrik Höhlentauchen gesondert erzählen.

Einleitend erzähle ich von meinen Tätigkeiten im Zugangsstollen, die schließlich zur Entdeckung der Höhle führten.

Der Stollen:

Bei der Stollenkonstruktion handelt es sich um eine Holzabstützung, deren Einbau mir Goldgräber in Australien gelernt haben. Dabei stellt man auf beiden Seiten des Stollens senkrechte Stützpeiler auf, über die ein Querbalken gelegt wird. Die Kontaktflächen werden mit Einkerbungen versehen, damit sich die Außenstreben durch den seitlichen Druck nicht nach innen schieben können. Über den Querbalken werden dann von links nach rechts Deckenbretter eingesteckt, die über eine Zwischenabstützung auf die nächste Trägerkonstruktion, die nach etwa einem Meter kommt, geschlagen werden. Auf diese Weise kann der Stollen in alle Richtungen geführt werden.

Was den Weg versperrt:

Große Felsblöcke werden unter Verwendung von Klemmkeilen auseinandergesprengt. Dazu wird ein Loch in den Block gebohrt, zwei Klemmkeile eingeführt und zwischen beide ein dritter gesteckt. Dieser wird unter Einsatz eines schweren Fäustels zwischen beide Keile getrieben, bis sich der Felsblock sprengt. Auf diese Weise kann jede beliebige Größe von Felsblöcken zerkleinert werden.

Später erzähle ich euch, warum der Durchbruch in die Wasserhöhle so lange dauerte.

Anschliessend erzähle ich von den Unternehmungen in der Höhle, die von mir geleitet oder durchgeführt wurden. Forschungsergebnisse, auch von Vereinsmitgliedern, dürfen an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden.

Erlebnisse und Erzählungen aus meinem privaten Tagebuch:

 

1. Tag 28.06.98 Erste Sondierungen am Hungerbrunnenkessel

Nach reiflicher Überlegung und einigen Probegrabungen werden wir den Stollen in der Mitte des Hungerbrunnentals, im oberen Drittel, rechts neben einem großen Verbruchblock beginnen. Es ist geplant, einen Stollen, 80 x 80 cm im Winkel von 18° schräg nach unten bis an die östliche Felswand des Hangkessels zu treiben. Dabei wollen wir eine Tiefe von ca. 12 m erreichen.

12. Tag 24.08.98 Grabung am Hungerbrunnen

Sedimentfolge im Stollen. Eine 30 cm starke Humusdecke geht in die stark bewetterte Lockerschuttablagerung von ca. 50 cm Dicke über. Nach 5 m Stollenlänge mischt sich unter den Lockerschutt eine feste Lehmablagerung, die den Stollen mit 45° Neigung von rechts oben nach links unten quert. Wir beschließen den Stollen Richtung 20° Nord mit einem Gefälle von 20° zu drehen, da die Lehmschicht auf der rechen Seite nicht vom Hochwasserausbruch verändert wurde. Wir wollen versuchen den Stollen auf das tiefste mögliche Wasseraustrittsniveau zu führen.

18. Tag 11.09.98

An der linken Wandseite stehen mehrere große Blöcke an. Ein Felsriegel geht mitten durch den Stollen hindurch und setzt sich in der rechten Wand fort. Der Luftzug an der Grabungsstelle ist jetzt zum ersten Mal direkt von vorne aus dem Verbruch spürbar. Leider ist die Außentemperatur gefallen, ca. +12°C, daher wenig Bewette­rung. Stempel 12 wurde bei 11,40 m auf die herausragenden Fels­blöcke gestellt. Umbau möglich. 2 Blöcke gesprengt. Stempel 13 (bei 12,50 m) konnte widererwarten rechts und in die Decke eingebaut werden. Zusätzlich wurden 4 Schraubspreizen zur Sicherung eingesetzt. Eigentlich sind es bis zur Wand nur noch 60 cm. Doch sehen kann man sie noch nicht. Wir liegen mit 142 Eimer Abraum gut im Zeitplan.

22. Tag 08.11.98

Nachdem wir etwa einen halben Meter weiter an der Wand entlang gegraben haben, erreichen wir endlich den an der Oberfläche sichtbaren Felssporn. Ein Rauchversuch am Stollenende zeigt, dass die Luft nach links unten abzieht. Nach einer Oberflächenpeilung vom unteren Hungerbrunnenaustritt Richtung Luftabzug am Stollenende vermuten wir nun den Höhleneingang 1 - 2 m unter uns auf 254° West. Der Felssporn stützt die rechte Wand und den Deckenbereich des Stollens auf die nächsten 2 m.

Die Auswertung des Temperatur-Datenlockers hat bei Bewetterung auswärts eine konstante Temperatur von +8 C° ergeben. Da diese durchaus im Bereich der mittleren Höhlentemperatur liegt, könnte das auch ein Hinweis auf eine kurze Distanz zum Höhleneingang sein. Die Stollenlänge beträgt nun 16 m. Es können jetzt nur noch 3 - 5 m bis zum tatsächlichen Höhleneingang sein. 100 Eimer Aushub und ca. 20 Felsblöcke weggeschafft.

25. Tag 03.01.99

1. Ausschachtungstag:

Die letzten Arbeitstage zeigten, dass wir an der beschriebenen Felswand, die sich als äußerst instabil erwies, mit dieser Stollentechnik nicht mehr weiter kommen. Wir entscheiden uns deshalb zwischen den Stempeln Nr. 13 + 14 einen Schacht in die massive Wand zu meißeln. Dadurch soll ca. 3 - 4 m Tiefe gewonnen werden. Die Felswand wird an der ausgewählten Stelle in einem Quadrat von 1 x 1 m mit 13 mm Löchern gespickt und dann mit einem elektrischen Meißel (Wackerhammer) aufgebrochen. Wir befinden uns hier in gebankten Kalk, die Schichten sind etwa 40 cm dick. Der Fels ist sehr spröde und es staubt gewaltig.

28. Tag 30.01.99  

5. Ausschachtungstag:

Wir können zwei Bankungen mit je 30 cm abmeißeln. Der einströmende Luftzug ist bei einer Außentemperatur von - 7° C  sehr stark. Ohne geschlossene Stollentüre können wir nicht arbeiten.

31. Tag 13.02.99  

8. Ausschachtungstag:

Wir wechseln den Meißel und verwenden den Wackerhammer diesmal mit Spitzmeißel. Dieser arbeitet wesentlich besser als der 5 cm breite. Um 14 Uhr werden von Martin Rüsseler, der übrigens bei allen Stollenarbeiten der KGM an meiner Seite war, die nötigen Löcher für die Spreizkeile gebohrt. Um 15 Uhr verlassen wir den Stollen.

Am ersten Stempel hatte es gestern und heute Morgen - 4°C. Tagestemperatur ca. - 4° C, in der Nacht ca. - 10° C. Von Samstag auf Sonntag hatten wir die Stollentüre offen. Vielleicht sinkt dadurch die Höhlentemperatur am Endversturz einer nahegelegenen Höhle etwas. Dort liegt ein Thermometer. Wir erhoffen uns dadurch ein Bild der möglichen Länge der Höhle zwischen Hungerbrunnen und der ca. 300 m Luftlinie entfernten oberen Höhle zu machen. Am Wochenende ca. 100 Eimer aus dem Stollen gebracht und ca. 60 Eimer im „Blinddarm“ deponiert. Die Schachttiefe hat sich um 80 cm auf 280 cm verlängert.

37. Tag 01.05.99  

13. Ausschachtungstag:

Beim Setzen der Trittstifte im Schacht bohre ich eine Luftzug führende Schicht an. Sicherheitshalber mache ich am Schachtboden und an der Südwandseite zwei Probebohrungen die ebenfalls Luftzug führen. Aus diesem Grund wird der Schacht noch mal etwas vertieft. Dabei stoßen wir am Boden nach weiteren 30 cm auf eine bewetterte Kluft. Die Freude ist groß aber es ist doch sehr verwirrend, dass sich wie erhofft kein intakter Höhleneingang auftut, sondern das Schachtfenster wieder in Verbruch mündet. Direkt an der Felsstufe des Schachtbodens, die in die Verbruchzone mündet, können wir einige Tellergroße Felsfragmente mit Fließfacetten bergen. Auch der gesamte Verbruch im Bodenbereich weist korrodierte Steine auf. Hier floss vermutlich sehr oft Wasser.

Nach 13 Arbeitstagen haben wir durch massiven Fels in einer Tiefe von 5,4 m endlich wieder bewetterten Verbruch angeschnitten. Damit ist unser Ziel erreicht, sicher einen großen Tiefenversatz zu erlangen. Die Temperatur am Verbruch beträgt +3,5° C. Von jetzt an wird der Stollen horizontal an der Nordwand entlang geführt, bis wir hoffentlich bald den Höhleneingang erreichen. Doch bei +3,5° C wird das sicher noch etwas auf sich warten lassen, denn die durchschnittliche Höhlentemperatur liegt in Deutschland bei etwa +8° C. Erst wenn dieser Wert erreicht wird sind wir bei Luftzug stollenauswärts am tatsächlichen Höhleneingang.

38. Tag 02.05.99  

Ich untersuche den Verbruch. Den Beginn des unteren Stollens zu bauen erweist sich als äußerst schwierig. An der Felswand entlang türmt sich fast nur faustgroßer Verbruch. Deshalb wird hier der erste Meter mit einem Lochblech und zwei Eisenträgern abgestützt um danach wieder wie gewohnt mit Holzstempeln weiter zu machen. So wie es aussieht gehen die Felswände von der Oberfläche bis zum Schachtboden senkrecht nach unten. Der untere Stollenanfang, er liegt 17 m vom Eingang entfernt, führt nun an der Felswand entlang nach Südosten. Nach 1,5 m verlieren wir diese wieder um in gerader Linie weiter zukommen.

Es scheint als läge der Höhleneingang doch am Ende der Hungerbrunnen Schlucht, vermutlich in der jetzigen Tiefe. Durch die Öffnung des 6 m Schachtes in die untere Etage des Stollens, wurde der Luftzug zum Blinddarm (damaliges Stollenende) abgegraben.

51. Tag 14. - 15.08. 99  

Die Blöcke werden größer und liegen auch teilweise horizontal. Auf der rechten Stollenseite hat sich ein dickes Lehmlager gebildet, die linke Seite ist frei und der Schutt ist von Fließfacetten geprägt. Luftzug kommt noch von vorne und links aus Richtung Felswand. Die Bewetterung ist im Schacht genauso stark wie an der Stollentüre, aber am Stollenende wesentlich schwächer. Vielleicht ist der Eingang mehr auf der linken Seite. Er könnte aber auch noch ein Stück tiefer liegen (1 m). Am Stollenboden haben wir zum ersten Mal drei Flussgerölle gefunden, die etwa 0,5 cm u. 1,5 cm messen. Wir sind also auf dem richtigen Weg!

Seit 3 Wochenenden überbieten wir den Aushubrekord um einen Eimer. Diesmal liegt er bei 252 Eimern. Wir kommen wieder 2 m weiter. Der Stollen hat jetzt eine Länge von 26 m.

56. Tag 18. - 19.09.99  

Wir arbeiten jetzt seit 15 Monaten am Hungerbrunnen!

Heute wird der Stollen um 1 m verlängert und Stempel 10 des unteren Stollens eingesetzt. Am Boden ist weiterhin sehr weicher, an Decke und Wänden aber trockener Lehm. Die Bewetterung setzt erst 2 m vor dem Stollenende ein. Vorne ist alles plombiert. 70 Eimer Aushub entfernt.

Am Sonntag wird Stempel 11 eingesetzt. Kommen 1 m weiter. Der Lehmpfropfen ist zu Ende und wir stoßen auf einen zerrütteten Felsriegel mit horizontaler Bankung, dem ein starker Luftzug entströmt. Man kann durch die losen Schichten ca. 1,5 m weiter bis zur intakten Felswand schauen. Der ganze Bereich ab dem letzten Stempel ist vollkommen sauber ausgewaschen. Es scheint als ob sich eine Art Gangansatz auf der rechten Seite etwas unter die senkrechte Felswand zieht. Auch die Bewetterung könnte aus dieser Richtung kommen. Nach genau einem Jahr haben wir die Ostwand erreicht.

57. Tag 26.09.99 Vermessung Hungerbrunnenstollen

Hoffman und Schöffel vermessen den unteren Stollen. Ich und Strobl öffnen das Fenster am Endpunkt des Stollens. Jetzt kann man sich schon 1,5 m weit bis zur Wand hineinlegen. Man liegt unter einer Felsdecke die ca. 4 m weit nach rechts zieht. Der Verbruchboden ist 50 cm tiefer. Ein Rauchversuch zeigt, dass die Bewetterung auswärts auf jeden Fall von rechts aus Richtung Süden kommt, aber vermutlich an der Wand nach oben gedrückt wird und sich im gesamten Hangschuttbereich zum Stolleneingang hin orientiert. Vor uns sind die Felsbrocken sauber abgespült und teilweise mit einem feinen Sandgemisch überzogen. Ein kleiner Tropfstein ist zu sehen. Wenn man nach Süden schaut hat man beinahe den Eindruck man liegt in einer kleinen Höhle.

Der Boden zieht am Ende zur Decke hoch. Weiter rechts könnte es sich um einen vertikalen Wandabschluss handeln. Trotz der niedrigen Sommertemperatur von ca. +18 C° herrscht ein starker Luftzug. Am Stollenende wurde eine Temperatur von + 7,8 C° gemessen. Durch den Anstieg von +0,2° C, den wir bei der letzten Grabung einen Meter weiter hinten gemessen haben, könnten wir uns vom gesuchten Höhleneingang entfernen. Wir befinden uns hier genau in der linken Ecke des Hungerbrunnenkessels, denn als wir an der linken Stollenseite einige Steine entfernen kommt tatsächlich auch die nördliche Felswand zum Vorschein. Der Luftzug führt nun plötzlich auch in diese Richtung und verschwindet in Zentimetergroßen Spalten. Trotz allem Versteckspiel, das uns die Grabung bisher beschert hat, lassen wir uns nicht mehr von kleinen Luftzugkapriolen beeinflussen und planen die Grabung nun an die rechte Ecke im Süden des Hungerbrunnentals zu führen. Das ist unsere letzte Chance, den Höhleneingang zu finden.

84. Tag 04.12.99   

Eine Fläche von ca. 80 x 80 cm wird am Boden frei geräumt, um die beiden nächsten Stempel einzusetzen. Diese werden provisorisch horizontal miteinander vernagelt um die Seiten im Lot zu halten. Der Schutt der von oben kommt wird hinter den Seitenbrettern deponiert. Der hintere linke Stempel muss unter eine Felsnase gesetzt werden, die, falls sie ausbrechen sollte, Schwierigkeiten bereiten kann.

85. Tag 01.10.00  

Die Stollenfront steckt bis zur Hälfte im Lehm, darüber sehen die Blöcke sehr sauber aus. Die Bewetterung ist für die kühle Außentemperatur von + 17 C° ganz gut. Von oben hat sich ein tonnenschwerer Block auf den Deckenbrettern verkeilt, er ist so groß und schwer, dass es nötig wird, den letzten Deckenabschnitt nochmals mit Stempel und Bretter abzufangen. Beim nächsten Mal kämen wir so gleich 1 m weiter, ohne dass die Decke einstürzen kann. Der Ostwandstollen hat nun eine Länge von 8,5 m. Eine Außenvermessung hat ergeben, dass wir noch max. 8 m bis zur senkrechten Verlängerung der Südwand haben. Bei einem Wandversatz, der an der Oberfläche wahrzunehmen ist, sind es nur noch 4 Meter. Es bleibt also weiter spannend. Der Winter wird es zeigen! Gesamtstollenlänge beträgt derzeit 48.05 Meter

89. Tag 19.11.00  

Die großen Felsplatten lassen sich gut zerschlagen. Endlich ist auch wieder mehr Platz im Stollen, weil ich die Decke etwas nach oben gezogen habe und die Felswand eine kleine Einbeulung macht. Zum ersten Mal erscheint an der Ostwand ein kleines halbrundes Druckröhrenprofil, typisch für Wasserhöhlen. Ein Rauchversuch am unteren linken Stollenende bringt den Beweis. Der Rauch zieht endlich in die Ostwand. Jetzt gibt es nur noch eine Möglichkeit wo sich der Eingang befinden kann. Er kann nur noch an der linken hinteren Ecke des Hungerbrunnenkessels liegen. Wir haben es bald geschafft. Ein weiterer Hinweis dafür versteckt sich auch hinter dem stetigen Schichtfallen Richtung Süden, zusätzlich brechen nun schon einige Schichtpakete bis zu 2 cm weit nach unten aus der Wand. Schade dass wir schon wieder aufhören müssen. Dieses Wochenende sind wir um 1,7 m weiter gekommen und haben ca. 230 Eimer Aushub nach draußen befördert. GGl. 50,80 m.

92. Tag 16.12.00   

Die Außentemperatur liegt bei +1 C°. Der Luftzug am Stollenende ist nicht übermäßig stark. Ich beginne damit, eine Plattform für den nächsten Stempel aus einer großen Bodenplatte heraus zu meißeln. Jedes Mal wenn ich auf die Felsplatte schlage, fällt mir auf, dass es dahinter irgendwie anders klingt als die vergangenen 2 Jahre, wenn ich auf Verbruchblöcke schlug. Ich gebe meine Vermutungen nach hinten zu Tom weiter, dass vor uns ein kleiner Hohlraum von 2 x 2 m sein könnte. Der meint leider nur, er hätte sich schon oft von solchen Geräuschen täuschen lassen und glaube deshalb nicht daran. Aber mein Gefühl hat mich selten getrügt und zudem glaube ich an das was ich tue.

Wie auch in den letzten Wochen werden die Blöcke immer größer, aber dank unserer Zersprengtechnik  bereitet uns das keine Schwierigkeiten. Wir kommen bis zum Abend fast 1,5 m voran. Sämtlicher Schutt und der deponierte Aushub vor dem Stollen werden mit der Seilbahn nach unten gefahren, ich komme kaum nach, die Eimer zu füllen. Robert hat seinen Flaschenzug mitgebracht um unser Seilbahn Tragseil damit besser zuspannen. Diese von mir schon an verschiedenen Baustellen eingesetzte Materialbahn befindet sich am Stolleneingang. Dort oben werden die Aushub Eimer in die Wanne kippen, die dann 30 m weiter und 10 m tiefer fährt und dort selbständig auslöst und das Gestein auf einen mittlerweile schon gewaltigen Verbruchberg abkippt. Heute waren 9 Personen im Einsatz.

93. Tag 17.12.00  

Nachdem wieder einige Helfer nicht gekommen sind, müssen wir die vorhandenen Leute im Stollen neu einteilen. Aber trotzdem gelingt alles sehr gut. Die Gesamtstollenlänge beträgt  inzwischen 52 m. Ohne unsere Aushubwannen, die mit Seilen über die verschiedenen Stollenstrecken bis zu 15 m weit gezogen werden, wäre der Aushubtransport unmöglich.

Um 12 Uhr machen wir unsere wohlverdiente Mittagspause. Während ich gierig meine zwei Brote verschlinge und vor Kälte fast meinen Tee verschütte, besprechen wir das weitere Vorgehen. Nach der letzten Deckenstütze liegt eine riesige ca. 3 m x 2 m x 0,5 m große Platte genau in der Gangfortsetzung und versperrt den Weiterweg. Hier ist äußerste Vorsicht angesagt, wenn es heißt, die richtige Position für die Bohrlöcher zu finden. Denn wenn zuviel vom Block abplatzt könnte dieser Stollenbereich einstürzen und das würde einige Tage Mehrarbeit bedeuten.

Nachdem es mir auch mit heißem Tee nicht wärmer wird, machen wir uns wieder an die Arbeit. Martin hat bereits einige Felsblöcke zwischen Wand und dem Klemmblock aus dem Boden gezogen, so dass man fast einen Meter weiter schauen kann. Um meinen Leitfaden, die Mergelspalte in der Ostwand nicht zu verlieren, grabe ich den Boden noch etwas tiefer. Dadurch wird es möglich, mich nach vorne zu quetschen um weitere Verbruchblöcke herauszuziehen. Mit letzter Kraft schiebe ich meine nun schon lahmen Finger unter einen kaum zu erreichenden Brocken und kraule ihn zu mir her. Nachdem sich meine Dunstschwaden im Schluf verzogen haben und ich endlich wieder Kraft finde, den Kopf zu heben, wird die Sicht einen Meter tiefer in eine Felsröhre von ca. 40 cm Durchmesser frei.

Mir bleibt fast der Atem stehen und es fällt mir schwer die Neuigkeit nach hinten weiterzugeben. Sollten wir tatsächlich am Ziel sein? Über die Sprechanlage rufe ich Martin Q. an, er soll mit der Stabkamera und Martin R. nach unten zu mir kommen. Da wir im Stollen eine weitere Sprechstation haben, hat sich die Neuigkeit wie ein starker Luftzug durch den gesamten Stollen verbreitet. Die Beiden kommen mit der gesamten Grabungstruppe im Schlepptau an.

Alle wollen mit ins Neuland schauen. 8 Höhlenforscher liegen neben-, über- und untereinander, um möglichst alles mitzubekommen. Endlich schiebt Martin Q. den Kameraschlauch in das Loch vor uns und versucht so weit wie möglich hineinzukommen. Doch was er auch tut, es zeichnet sich kein Bild auf dem Monitor ab. Wir ziehen das Kabel wieder heraus und säubern die Linse. Eigentlich war sie gar nicht verschmutzt. Also der nächste Versuch. Schieben, rütteln, fluchen, das Ding will einfach nicht über die Felsblöcke rutschen. Aber dann, ein Ruck und der Kamerakopf flutscht weiter. Wieder nichts zu sehen! Er versucht den Schlauch etwas zu verdrehen, da wird die atemlose Stille von lautem Gejohle unterbrochen: „Halt, halt noch einmal zurück, da war etwas“. Martin fragt ob was zu sehen ist, aber keiner weis genau was es war. „Ja genau da, halt still, oh weih, oh weih, das ist ja eine Felswand. Das ist groß. Bestimmt“.

Zunächst geht ein leises Raunen durch den Stollen, das sich langsam zu lautem Jubel verstärkt. „Wir haben´s geschafft, juhu, endlich, nicht zu fassen“, ist zu hören. Mittlerweile ist es 15 Uhr geworden, eigentlich wollen wir in einer Stunde aufhören. Ich frage in die versammelte Runde, wer außer mir vielleicht noch ins Neuland vorstoßen möchte, denn ich werde auf keinen Fall nach Hause fahren, ohne wenigstens in die Kammer geschaut zu haben. Nacheinander meldeten sich alle und wollen weitermachen.

Ich untersuche kurz die 3 m lange Felswand die noch abgesprengt werden muss und komme zu dem Schluss, dass wir in ca. 90 Minuten ins Neuland vordringen können. Die Freude ist groß und die Meute im Stollen befiehlt mir: „Also los, brech` durch!“

Das waren die wildesten 90 Minuten der letzten 2 ½ Jahren im Stollen. Ich bin fast am Abwinken, nichts zu trinken und den ganzen Tag nur 2 kleine Brote. Mein Jammern findet bei Tom Gehör, er bietet mir ein Snickers an. Ich verschlinge das Teil, eingeklemmt zwischen den Felsblöcken und meinte, „Den Durchschlupf können wir ja Snickers nennen“. Nach knapp 2 Stunden ist es dann soweit. Ich rufe den anderen zu, einer soll doch Sekt zum Anstoßen besorgen, doch keiner wollte so richtig. Martin Q. meinte man braucht doch nicht immer Sekt beim Vorstoß. Aber wir schon, denn wir sind es gewohnt, nur große Vorstöße zu machen. Und hier steht nun endlich nach zweieinhalb Jahren an der Baustelle Hungerbrunnenstollen bedeutender Vorstoß an. Nach kurzem Gezeter erklärt sich Jaqueline bereit an der Tankstelle in Dietfurt zwei Flaschen Sekt zu kaufen. Als sie wieder kommt, ist alles zum Durchbruch vorbereitet.

Bis jetzt warf ich noch keinen einzigen Blick ins Neuland. Ich wollte einem meiner Kollegen die Möglichkeit geben, das noch nie gesehene mit seiner Lampe zu erleuchten. Also lasse ich mir die Videokamera geben und krieche mit meiner winzigen LED-Helmlampe, die nur noch ca. 1 m weit leuchtet, rückwärts durch die Engstelle und rutschte dabei fast eine Lehmhalde hinunter. Ziemlich erschrocken hänge ich an einen Felsbrocken, denn um mich herum war alles  Stockfinster. 4 m vom Durchschlupf weg postierte ich mich mit der Kamera unter der weit gespannten Felsdecke. Es ist ein komisches Gefühl nach zweieinhalb Jahren in irgendetwas Großem zu sitzen, und nicht zu sehen, was es ist. Tom ist der Erste der nachkommt. Gestern konnte er noch an keinen Hohlraum glauben und heute wird er ganz blass und sagt nur: „Das gibt`s ja nicht, das ist ja voll der Flusslauf“. So schnell kann es manchmal gehen. Nacheinander kamen alle durch die Engstelle und keiner kann trotz weit aufgerissener Augen glauben was er da sieht.

Über eine 5 m breite und 3 m tiefe Lehmhalde rutschten alle bis auf den tiefsten Punkt des Raums, der unten ca. 2,5 m hoch und 3 m breit ist. Unsere Ostwand die wir bis zum Durchschlupf nun schon über 15 m weit verfolgt haben setzt sich in dem Gang weitere 10 m fort. Am Boden verschwindet sie über zwei Absätzen im Verbruch, der noch gut 1 m tief einsehbar ist. Der Spalt zwischen Wand und Verbruch ist 2 m lang und nach unten stark bewettert. Die Gangfortsetzung wird von einer Lehmböschung abgeschlossen, die hinter einer Deckenöffnung verschwindet, aus der oben große Felsplatten herunter gebrochen sind. Mit so einem großen Raum hätte keiner gerechnet. Aber wie schon seit einiger Zeit vermutet, befinden wir uns noch zu hoch und der Raum hat sich nur durch Deckenabplatzungen unten nach oben durchgepaust. Wir sind alle überglücklich und stoßen mit Sekt auf die Neuentdeckung an.

Jetzt haben wir´s endlich geschafft. Nach zweieinhalb Jahren haben wir das erreicht, was vor uns noch niemand in der Geschichte der Frankenalbforschung geschafft hat. Wir stehen am Anfang einer befahrbar großen Flusshöhle. Was für ein Wahnsinn. Durch den sehr starken Luftzug wird es uns immer kälter und wir beschließen zu vorgerückte Stunde den erfolgreichen Tag der Entdeckung des Eingangs in die Mühlbachquellhöhle zu beenden. Es ist bereits 19.30 Uhr und wir machen uns auf den Rückweg. Alle sind total erledigt. Eine Stunde später sitze ich im Auto auf dem Weg nach Hause und lassen alles noch einmal im Gedanken Revue passieren. Tränen der Freude verlieren ihren Halt. Welch ein wunderschöner Tag.

Mit Wehmut denke ich an drei Leute unserer Gruppe, die heute aus verschiedenen Gründen, nicht an unserer Freude teilnehmen konnten. Aber eines ist sicher: Wir werden in der Mühlbachquellhöhle noch Entdeckungen machen, bei denen auch sie ihre Neulandbegehung bekommen werden.

Zum Schluss muss man auch unseren Glückspilz nennen. Armin Schnobrich, der nur dreimal bei einer Hungerbrunnengrabung dabei war, kam heute genau zum richtigen Zeitpunkt und konnte die Neuentdeckung miterleben. Nach langem Bitten ließ er sich doch noch dazu überreden, mit in den neu entdeckten Raum zu gehen.

Bei der Entdeckung des Eingangs in die MBQH waren anwesend: Manfred Walter, Dieter Gebelein, Martin Rüsseler, Jaqueline Feyerer, Tom Fürtig, Martin Queitsch, Armin Schnobrich, Sebastian Mehringer.

94. Tag 27.12.00 Schachtkäfigbau

Über die Weihnachtsfeiertage habe ich mir eine Käfigkonstruktion überlegt und besorge heute das Material für den Bau eines 4 m tiefen Schachtes. In der Garage meiner Eltern werden die Teile verschweißt und fertig zusammengeschraubt. Nach 30 Stunden Arbeit sind alle Elemente fertig und werden im Auto verstaut. Ich fahre direkt von der Werkstatt nach Mühlbach.

98. Tag 03.01.01

Es ist Mittwoch. Von unserer Silvestermannschaft sind nur noch Steffen, Dieter und ich übrig. Für uns  sollte es ein ganz besonderer Tag werden, davon hat aber morgens noch keiner etwas geahnt. Dieser Tag könnte die Wasserhöhlenforschung in der Frankenalb einleiten.

Während D. Gebelein an seinen Memoiren schreibt, bereiten Steffen und ich bis 12 Uhr den Stollen so vor, dass die Grabung fortgesetzt werden kann. Dann trifft auch Dieter zu uns. Nach den gestrigen Schwierigkeiten einen Ansatz für den hoffentlich letzten Käfig im Stollen zu finden, klappt heute alles wesentlich besser.

Ich sitze unten am Schachtboden und lasse, während ich die Eisenteile miteinander verschraube, ein halbes Jahrzehnt meiner Aktivitäten in Mühlbach Revue passieren. Meine Gedanken schweifen ab.

Ich erinnere mich, wie ich vor vielen Jahren eine Grabungstechnik entwickelte, die es im fränkischen Karst so noch nicht gegeben hat. Vor 6 Jahren begannen einige Mitglieder der KGM in einer Höhle der näheren Umgebung, einen Endverbruch der starken Luftzug aufwies, an zugraben. Damals war ich noch eher selten dabei, doch als ich eines Tages wieder beim Graben half, stellte sich heraus, dass der bereits 6 m lange ungestützte Stollen einzustürzen drohte. Am Ende hatte sich eine hohe Verbruchkammer gebildet, die immer instabiler wurde. Die Grabungsleute beschlossen daraufhin, den Stollen aus Sicherheitsgründen aufzugeben. Damals trat ich auf den Plan. Unlösbare Probleme zu meistern, gefällt mit.

Wir beschlossen eine neue Grabungsstelle 3 m tiefer an der linken Felswand anzufangen. Da sich am Verbruchverhalten dieser Felsschutthalde nichts geändert hat, musste eine andere Technik angewandt werden. Meine Idee war, den von rechts einfallenden Verbruch mit Zuhilfenahme von Eisenträgern und Lochblechen abzustützen. Das war der Beginn einer Grabungstechnik, die in den nächsten Jahren, durch Weiterentwicklung, an anderen Stellen immer wieder zu ungeahnten Entdeckungen führen sollte. Nach und nach wurde auch die Technik, größte Felsblöcke zu zerkleinern, immer ausgefeilter. Selbst massiver Fels war kein Thema mehr. Mich konnte nichts mehr aufhalten.

Der erste große Erfolg stellte sich dann 1998 ein. Als ich damals einen kleinen Stein in eine Spalte am Stollenboden warf, fiel dieser einige Meter in die Tiefe. Man konnte dabei so etwas wie einen Widerhall vernehmen. Daraufhin kam ich einige Tage später alleine mit einer Stabkamera zurück und schob sie in den inzwischen erweiterten Spalt. In 5 m Tiefe erblickte ich eine Höhlenwand die voller kleinster Tropfsteine war und ein schöner Abschluss des 35 m langen Stollens sein sollte. Schon damals wurde unsere Arbeitsgruppe für 4 Jahre andauernder Mühen, Schinderei und Entbehrungen belohnt.

Nur die jahrelange Verbesserung der unterschiedlichen Grabungstechniken ermöglichte es, ein Objekt in Angriff zu nehmen, an das sich vorher keiner gewagt hätte. Es war der Hungerbrunnen von Mühlbach, aus dem 1909 ein gewaltiger Bach entströmte, der das gesamte Dorf überflutete und ungeheuere Schäden verursachte. Im ganzen Hangbereich dieses Hungerbrunnens strömt im Sommer eiskalte Luft nach außen, die man sogar noch 200 m weiter unten im Ort spürt. Im Winter dagegen dreht die Bewetterung um, und der ganze Hang saugt die frostige Luft in den Berg. Nach vielen missglückten Versuchen gelang es uns, eine Bewetterungsverbindung zwischen diesem Hungerbrunnen und der oberen Höhle nachzuweisen. Und genau dieser Luftzug wies uns fast 3 Jahre später den Weg durch die Hangschutthalde zur dahinter liegenden Mühlbachquellhöhle.

Mitte 1998 begann ich dann die Bergbau-Stollentechnik anzuwenden, die sich grundlegend von der am Endverbruch der oberen Höhle unterschied. Mit einer bereits seit 5 Jahren eingespielten Truppe von KGM-Mitgliedern begann ich einen Stollen in einen riesigen Hangschuttverbruch zu graben. Er führt vom Eingang in der Hangmitte schräg abwärts und erreichte nach 18 m Länge und 5 m Tiefe eine instabile zerrüttete Felswand an der ein starker Luftzug senkrecht nach unten führte. Das wäre normalerweise wieder einmal das vorprogrammierte „Aus“ gewesen. Aber durch die im Endverbruchstollen der oberen Höhle entwickelte „Zerkleinerungstechnik“, schlug ich vor im Hungerbrunnenstollen einen Schacht in die massive Felswand nach unten zu treiben. Dieses verrückte Unterfangen führte, wie alles was ich bis jetzt hier entwickelt hatte, zum Erfolg. Nach 11 Arbeitstagen, erreichten wir ein bewettertes Loch in 5 m Tiefe, am Schachtboden. Nachdem wir dieses geöffnet hatten, konnte man wieder starken Luftzug in Richtung Talabschlußwand feststellen. Das sollte auch die neue Stollenrichtung werden. Unzählige Wochenenden und tausende von Eimern mit Verbruch gefüllt schafften wir an die Oberfläche. Ende 1999 wurde die Ostwand erreicht. Der Stollen hatte nun schon eine Länge von 36 m und war 11 m tief. Der Höhleneingang aber immer noch nicht gefunden. Rauchversuche veranlassten uns den Stollen diesmal nach Süden knicken zu lassen. Ein Jahr später am 20.12.1999 stießen wir dann mit einer Gesamtstollenlänge von 54 m auf den Zugang in die „Schlüssellochkammer“. Und so sitze ich jetzt unten in diesem Raum, in einem nun schon wieder 4 m tiefen Schacht und fühle eine Sensation auf uns zukommen. „Hallo Manfred. Hej, bist Du noch da?“ Dieter und Steffen wecken mich aus meinen Träumereien.

Ich konzentriere mich wieder auf die Arbeit. Der Schachtkäfig lässt sich sehr leicht einbauen, da die großen Blöcke auf den Zentimeter genau abgesprengt werden können. Die Beiden über mir reichen abwechselnd Bohrer, Schraubenschlüssel und Schrauben nach unten. Langsam wird der Schacht so tief, dass man die großen Blöcke ohne Flachenzug nur schwer nach oben bekommt. Wir haben vollkommen das Zeitgefühl verloren, aber alles sieht so gut aus, dass mir die Uhrzeit völlig egal ist. Steffen und Dieter spüren auch, dass es jetzt beginnt! Mit dem Fäustel klopfe ich auf einen großen Bodenblock und rufe nach oben. „Es hört sich nach einem Raum von 2 auf 2 m an. Dieter jubelt und Steffen kann es nicht glauben. „Und, siehst du schon etwas, ist es ein Gang“, rufen beide aufgeregt von oben. „Das war doch nur eine Echolotung“, sage ich. „Und wie lang, wie lang ist er, sag doch endlich. Ist er lang, der Gang?“ „Ich weis es nicht, glaube sehr lang. Er hört sich sehr lang an!“ Oben dagegen hört man für einige Sekunden gar nichts mehr, und als ich hinauf blicke, schauen mich zwei bleiche Gesichter mit weit aufgerissenen Augen an.

Wir machen eine Pause. Ich suche mein Vesper und finde es nicht. Na ja, macht auch nichts, dann nehme ich eben das Brot von gestern, dass ich vor lauter Euphorie vergaß zu essen. Wir arbeiten jetzt schon 6 Stunden und mir ist alles egal. Was soll der Hunger, wenn das Neuland im Hungerbrunnen ruft. Also weiter kämpfen, sagt mir mein Neulandinstinkt.

Am Boden kommt tatsächlich der vermutete Deckenversatz. Hinter einem kleinen Spalt taucht in 1 m Tiefe Lehmboden auf. Um den ersten Blick in den Höhlengang zu dokumentieren, reicht mir Dieter die Videokamera herunter und ich filme ins Neuland. Ich reiche ihm den vermutlich letzten Felsblock nach oben, dann verhindert nur noch eine dicke Felsplatte das Durchkommen. Mit der Bohrmaschine setze ich das letzte Loch und Steffen soll die Platte zersprengen. „Das habe ich noch nie gemacht“,  sagt er mit ungläubigen Augen. „Was soll`s, ab heute schon. Hau weg den Block und geh durch“ sage ich ermutigend. „Oh wei, oh wei“, kommt als Antwort. Er schlägt auf die Keile und der Block zerplatzt in mehrere Teile. Mit zittrigen Händen räumt er den Schutt weg. Der Rest wird mit den Füßen nach innen gedrückt. Wir sitzen oben am Schacht und beobachten gespannt, wie Steffen rückwärts unter der Felswand verschwindet.

„Oh – Oh – Oh, Oh – Oh – Oh, eine räumliche Erweiterung ist es auf jeden Fall und beschlufbar“. Dann herrscht Stille. Wir erahnen die Dimension des Neulands an Steffens Reaktion. Ich gehe als zweiter durch den Spalt. Er ist bequem zu befahren. Vor mir ist es dunkel. Mein Kopf dreht sich in die Fortsetzung wo Steffen im Dunklen auf mich wartet. Er sitzt an der linken Felswand des Ganges auf einem Vorsprung. Hinter ihm ist es stockfinster. Der Gang ist ca. 1,5 m hoch und 2,5 m breit, wir schätzen ihn auf ca. 15 m Länge. Am Ende ist eine Felswand zu erkennen, dort könnte es nach rechts weitergehen. Ein deutlicher Luftzug ist zu spüren.

Der helle Wahnsinn, nach genau 2 ½ Jahren während 144 Tage habe ich mit bloßen Händen 120 Tonnen Gestein aus dem Stollen gekratzt, in 14000 Eimer gefüllt und nach hinten an einen Rattenschwanz von Helfern gereicht. Nach 60 m Stollen, in einer Tiefe von 11 m erreichten wir am 17.12.2000 die erste Kammer, das „Schlüsselloch“, 3 m auf 10 m groß. Am Ende verschwand der starke Luftzug im Verbruchboden. Über die Weihnachtsfeiertage konstruierte ich einen Schachtkäfig für ca. 4 m Schachttiefe. Am Donnerstag den 28.12.2000 wurde dieser in der Garage meiner Eltern geschweißt und am 29.12.2000 nach Mühlbach transportiert. Am Samstag und Sonntag wurde der Durchgang ins „Schlüsselloch“ tiefer gelegt und mit Brettern eingeschalt. Zwei Tage später war der 4 m tiefe Schacht ausgegraben und versichert. Heute am 03.01.2001 um 20 Uhr haben wir unser Grabungsziel erreicht. Ich blickte als erster Mensch in den Zugang, in ein bis dahin in seinen Dimensionen noch nicht zu erahnendes Wasserhöhlensystem.

Steffen und Dieter sitzen neben mir in einem Bilderbuch-Kastenprofil, dessen Wände voll von Fließfacetten sind. Wir können immer noch nicht fassen, was wir da geleistet haben und wo wir jetzt endlich sitzen. Dieser Gang kann nur in ein großes Wasserhöhlensystem führen, wie es z.B. die Falkensteiner Höhle in der Schwäbischen Alb ist. Einige Minuten sitzen wir in Gedanken versunken in der düsteren Stille. Ab und zu hört man das Auftreffen der einen oder anderen Freudenträne auf den Höhlenboden. Ich filme Dieter wie er nacheinander die Namen der Erstbefahrer an die Höhlenwand schreibt. „Das ist das Vorrecht der Erstbefahrer“, sagt er. Mittlerweile zeigt die Videokamera 21 Uhr an. Seit 10 Stunden sind wir bereits wieder am Hungerbrunnen beschäftigt. Diesmal wohl zum letzten Mal! Glücklich und zufrieden, nicht zuletzt  darüber, dass wir nach 5 m auf offener, begehbarer Strecke unseren Forscherdrang im Zaum hielten und umgekehrt sind, um auch unseren KGM-Mitgliedern, die ja alle fleißig mitgearbeitet haben, eine Neulandbegehung zu ermöglichen.

Die Nacht wird noch lange. Wir feiern unsere Entdeckung bis ½ 4 Uhr Früh mit einigen Flaschen Sekt in unserem Karstquartier, dem "Haus des Gastes“ in Mühlbach. Die unvergesslichen Tage in Mühlbach, an denen Neuland gefunden wurde, sind wieder um einen Tag reicher und wir werden in dieser Höhle eine Flut an Neuentdeckungen erleben.

Ich bin stolz auf unsere Truppe, die ich manchmal ganz schön angetrieben habe, um dieses Ziel zu erreichen. Es war für mich eine Ehre diesen Tag mit meinen Höhlenfreunden erlebt zu haben. Bei der Entdeckung waren anwesend: Walter, Hoffmann, Gebelein.

04.01.01 Donnerstag

Alle KGM-Mitglieder werden für Freitagabend 19 Uhr ins Speleocamp nach Mühlbach zur Besprechung und späteren Neulandbefahrung geladen. So wie es Steffen schon vor Jahren bei einer anderen bedeutenden Entdeckung vorgeschlagen hat, wollen wir diesmal, die Erstbefahrung, mit Maßband und Peilkompass durchführen. Die betretenen Gänge sollen gleich dokumentiert werden.

Die nächsten beiden Tage verbringen wir drei, relativ entspannt aber doch etwas verwirrt, in Mühlbach. Steffen und ich räumen am Freitag das „Schlüsselloch“ für die geplante Neulandbefahrung auf. Der Raum soll wieder so natürlich wie möglich aussehen.

Weshalb dauerte der Durchbruch ins Höhlensystem 2 ½ Jahre?

Die Schwierigkeiten, den Höhlenzugang in dem 15 m breiten 20 m langen und 20 m tiefen Hungerbrunnenkessel zu finden lagen daran, dass keine konkrete Wasseraustrittsstelle zu lokalisieren war. Im gesamten Kesselbereich gab es 17 Stellen, an denen im Sommer ein bis zu +1° C kalter Luftzug austrat. Hier die richtige Stelle für den Suchstollen zu finden war nicht einfach. So entschieden wir uns, den Stolleneingang in die Mitte des Kessels zu legen. Von hier aus wollten wir mit einer Neigung von weniger als 20° direkt nach unten Richtung Ostwand graben. Der Stollen sollte dabei auf dem kürzesten Wege nicht länger als 15 m werden.

Als wir die ersten 2 m des Stollens fertig hatten, setzte starker Luftzug am Stollenende ein, der jedoch aus Richtung Norden kam. Wir entschieden uns, diesen Luftzug zu folgen und ihn als Leitfaden zu nutzen. Dadurch waren wir aber gezwungen, immer wieder die Richtungswechsel des Luftzugs anzunehmen.

Durch die Vermessung der Höhle klärten sich diese Richtungswechsel später auf. So ist auf dem Höhlenplan zu erkennen, dass vier bewetterte Höhlengänge direkt in den Hungerbrunnenkessel einmünden. Im Laufe der Grabung haben wir mit dem Stollen im Hangverbruch alle diese Eingänge passiert, ohne zu ahnen, wie nahe wir diesen sind. Erst im unteren Teil des Stollens konnten wir durch Temperaturmessungen feststellen, das wir nahe einem Höhlenzugang sein mussten. Denn je näher wir diesem kamen, umso mehr glich sich die Luftzug-Temperatur von teilweise +4° C, der durchschnittlichen Jahrestemperatur, die bei uns +8 ° C beträgt, an. Das bedeutete, bei +8° C muss der Höhleneingang liegen. Doch aufgrund der vielen Zugänge war das alles nicht so einfach, und so trieben wir den Stollen auf eine Länge von 54 m und einer Tiefe von 10 m bis zum letzten, dem dominierendsten Luftzugaustritt. Das wir den Eingang aufgrund des vorherrschenden Luftzugs finden würden war immer klar, den die Luftzugverbindung zur weit entfernten oberen Höhle war schon zu Beginn der Grabung nachgewiesen.  Es dauerte eben nur 2 ½ Jahre.

 

05.01.2001 Vorstoß in die erste Wasserhöhle der Frankenalb

Zum ersten Mal in unserer KGM-Vereinsgeschichte treffen alle Mitglieder pünktlich um 19 Uhr in Mühlbach ein. Meine Eltern die wie so oft während der Grabungsarbeiten für unser leibliches Wohl sorgten, haben auch heute Eintopf spendiert. Die Besprechung beginnt wie geplant mit der Verlesung des Vorstoßablaufs, der von uns Dreien ausgearbeitet wurde.

Es sollen nacheinander drei Gruppen, geleitet von den drei Erstbegehern, mit 2x4 und 1x3 Personen, maximal 50 m weit vorstoßen und gleichzeitig vermessen. Dafür steht ihnen jeweils 1 Stunde zur Verfügung. Während die erste Gruppe ins Neuland vorstößt, wartet die nachfolgende in der „Schlüssellochkammer“ auf ihren Einsatz am letzten Messpunkt der Vorgänger. Seitenteile werden mit einem Trassierband abgetrennt. Genauso wird auch der letzte Trupp verfahren. Die Reihenfolge der Befahrungstrupps soll das Los entscheiden. Auf diese Weise ist jeder Gruppe ein Neulanderlebnis garantiert.

Langsam werden alle noch nervöser als sie ohnehin schon sind. So schreiten wir zur Auslosung. Nach der Reihe ziehen Tom für Steffens, Martin für meine, und Angelika für Dieters Gruppe. Das Ergebnis lautet: 1. Gruppe Manfred Walter, 2. Gruppe Dieter Gebelein, 3. Gruppe Steffen Hoffmann.

Die Würfel sind gefallen. Wir fühlen uns wie beim Start einer NASA-Raumfahrtmission und gehen in den Heizungskeller um uns für den Einsatz umzuziehen.

Die verschiedensten Leute haben es ermöglicht, den größten Vorstoß in die Karstunterwelt zu wagen, den es bei uns in der Fränkischen Alb je gegeben hat. Allen muss gedankt werden.

Wir können uns im Keller kaum bewegen. Immer wieder kommt einer der zum Warten verurteilten herunter und sieht nach uns. Endlich eingeschlazt geht es los. Alle schauen uns mit wehmütigen Blicken nach und wünschen viel Glück. Ich weis nicht, wie es den anderen in meiner Gruppe geht, aber ich verspürte ein unbeschreibliches Gefühl von Stolz. Stolz darauf, von vielen als einer der verrückten KGM`ler und Sandkastenbuddler bezeichnet worden zu sein, die schon so lange vergeblich versucht hatten, etwas zu finden. Aber für alles kommt einmal der richtige Zeitpunkt. So marschierten wir ins Dunkel der Nacht, um die zu ewiger Finsternis verdammten Geheimnisse des Berges zu lüften. Heute werden wir sie erstmals mit unserem Licht erhellen.

Wir betreten den Suchstollen, dieses grandiose Bauwerk, das uns diesen Erfolg beschert hat. Ein Gefühl von Wehmut überkommt uns als wir durch den Tunnel kriechen. Es ist vollbracht, es ist vorbei. Der Zweck, diesen Stollen zu betreten, hat sich grundlegend geändert. Nicht mehr um zu graben, betreten wir ihn, sondern um ein Höhlensystem zu erforschen.

Martin Rüsseler, Sabine Müller, Christan Strobl und ich schlufen nacheinander durch die letzte Engstelle in den neuen Gang, bis an den Punkt, an welchem die Erstbefahrer nach 5 m ihren Vorstoß abbrachen. Alle sind von Größe und Länge des Ganges begeistert. Wo stehen wir hier und was wird uns am Ende dieses Ganges, der in eine bedrohlich wirkende Finsternis übergeht, erwarten? Mit den Worten „Mach was getan werden muss“, drücke ich dem noch zögernden Martin das Maßband in die Hand. Er blickt mich ehrfürchtig an, angesichts dessen auf ihn zukommt. Mir stehen Tränen in den Augen. Das Maßband rollt in meiner Hand ab. Ich höre von Martin nur einige Wortfetzen, bis er nach 13,1 m anhält und ruft: „Hej, es geht weiter und genau so groß“. Ich schreibe den ersten Messzug ins Heft. Was für ein Augenblick. Alle gehen wir in gebückter Haltung in den langen Gang zu Martin vor. Tatsächlich, es geht weiter. Wieder spult sich das Maßband ab, 12,4 m weit. „Oh, Wahnsinn, toll“ höre ich von vorne. Sabine und Christian schieben mich weiter. Der dritte Messzug. Weiter geht`s, links eine schöne Sinterformation, 7,1 m lese ich ab. Wir befinden uns immer noch in einer 3 m breiten und 1,5 m hohen Druckröhre, alles voll mit Fließfacetten. Martin geht weiter, die beiden hinter mir verlegen ein rotes Trasierband um eine große Versinterung. Dann plötzlich ruft Martin ganz aufgeregt, während ich 5,8 m eintrage. „Pst, seid mal still, seid doch endlich mal still. Das ist ja irre, ich höre Wasserrauschen, da vorne muss der Bach sein. Ich fasse es nicht!“. Wir kriechen zu ihm vor und alle rufen „Wasser, Wasser, Juhu“. Martin sitzt an einem Gangknick, unser führt Blick in einen fast 2 m hohen kreisrunden Gang, der nach 8 m ins Dunkel mündet. Schemenhaft wird dieser am Ende von einem Stalaktiten in der Mitte geteilt. Der Anblick alleine ist schon grandios, doch das Wasserrauschen versetzt uns schlagartig in ein fremdes Karstgebiet, irgendwo in die südliche Hemisphäre. Wir schauen uns mit leuchtenden Augen an.

„Los, geh weiter“, sage ich zu Martin. Er zieht das Maßband weiter, es bleibt bei 6,8 m stehen. Ich rechne mal vorsichtshalber zusammen, 45,2 m kommen heraus. Euphorisch unterhalten sich Sabine und Christian hinter mir. Als ich nach vorne zu Martin blicke, schaut er am Boden kauernd nach unten. Ich frage ihn, was er denn am Boden sieht, denn dort wo er sich befindet sollte es doch eigentlich rechts oder links interessanter sein. „Hier geht es 4 m nach unten und da fließt der Bach!“ höre ich von vorne. Während wir alles noch nicht so glauben können, laufen wir an den Abbruch. Tatsächlich ein riesiger Gang, bestimmt 7 m hoch und 3 m breit, aus dem das Rauschen des Baches zu uns hoch dringt. Unsere Stimmen hallen aus dem Gangprofil das rechts noch größer wird zu uns zurück. Wir haben es geschafft. Jetzt ist es sicher, das erste aktive Wasserhöhlensystem der Frankenalb wurde gefunden. Martin klettert an den scharfen Hacheln der Felswand nach unten und gibt uns Hilfestellung.

Wir stehen in einem Raum, an dem sich 4 Gänge treffen. Aus einem Siphon kommt ein Bach, der in einem niedrigen Gang verschwindet. Der Großteil des Wassers fließt in einen Verbruchberg von ca. 7 m Höhe, hinter dem es stockfinster ist. Der letzte Gang scheint ein fossiler Teil zu sein. Auch er lässt kein Ende erahnen. Wir stehen herum und wissen gar nicht wohin wir gehen sollen. Als ich meinen Atem in den riesigen Gang schicke, stelle ich fest, dass er bewettert ist. Vielleicht die Hauptfortsetzung? Offiziell haben wir nur noch 5 m Messtrecke zur Verfügung. Aber Angesichts der vielen Fortsetzungen beschließen wir, unsere Vermessung auf 60 m auszudehnen. Martin spult das Maßband 19 m weit ab. Wir folgen ihm bis zu einer Raumerweiterung und blicken wieder mal in die Finsternis, über einen langen See. Die Zeit vergeht wie im Flug, doch der Rückweg ist angesagt. Still und leise verlassen wir die mystisch wirkende Unterwelt. Leise entschuldige ich mich beim Berg für unser unwürdiges Eindringen.

Dieter`s Gruppe, mit Helmut Köhler, Angelika Köhler und Jacqueline Feyerer wartet schon ungeduldig in der „Schlüssellochkammer“. Wir wollten ihnen nichts erzählen, aber unsere Augen haben uns verraten. Als mir dann eine Träne über die Wange läuft und Sabine, Dieter weinend um den Hals fällt, ist für die anderen alles klar. Ich gebe ihnen noch ein Seil mit, das in der Kammer lag, dann machen wir uns auf den Weg nach draußen.

Im Quartier angekommen empfängt uns die letzte Vorstoßgruppe, die gar nicht so glücklich aussieht, denn sie weis ja immer noch nicht was auf sie zukommt. Wir sagen nicht viel, ziehen uns um und ich wünsche Steffen noch Lebewohl, denn das wird seine größte Neulandbefahrung, die er bis jetzt in der Franken Alb gemacht hat. Er sieht irgendwie ängstlich aus, nicht Angst vor der Höhle, sonder vor dem Unfassbaren, das er erleben könnte. Tom Fürtig und Christian Schöffel, schließen sich Steffen an. Sie verschwinden im Schatten der Straßenlaterne, ins auch für sie Unbekannte. Wir fangen unterdessen schon mal an zu feiern.

Es dauert gar nicht lange, da ertönen Geräusche im Haus. Sofort eilen wir nach unten. Der Jubel ist groß. Dieter entschuldigt sich, dass er aus Versehen auch 10 m mehr Vermessen hat. Aber wen stört das schon. Gespannt hören wir allen zu.

Der Gang geht immer in gleicher Größe weiter. 10 m nach unserem Umkehrpunkt trafen sie auf den Höhlenbach, der nach rechts in einen 2 m breiten und 5 m hohen Gang hinein fließt. Mit dem letzten Trassierband wurde dieser Gang abgesperrt. Bald erreichten sie bachaufwärts die vorgegebenen 60 m Messzuglänge. Dabei bewegten sich sie auf teilweise 20 cm tiefen Bachsedimenten, in einem 4 x 6 m hohen Gangprofil, der starken Strömung entgegen. Sie kehrten auf offener Strecke um. Es wurde immer größer.

Wir stehen bestimmt eine Stunde im kalten Hausflur, als die letzte Vermessungstruppe zurückkommt. Auch sie strahlen vor Freude und teilen uns von einem zweiten Seitengang mit, in den ebenfalls ein Teil des Höhlenbaches verschwindet. Nach 50 m standen sie dann am scheinbaren Ende, des bis hierhin ca. 140 m langen und schnurgerade verlaufenden Wassergangs. Von irgendwo her hörten sei ein leises Donnern. Alle drei bückten sich zur Wasseroberfläche und blickten in einen ca. 10 m Langen und 5 m Breiten Gang, der noch 10 cm hoch lufterfüllt war. Daher kam auch das Donnern, dass sich von da unten noch lauter anhörte. Ein Wasserfall. Das gibt es doch nicht! Was kommt denn noch alles? Ein Traum jagt den anderen.

Wir sind alle total aufgezogen. Nach kurzer Zeit sitzen wir oben im Zimmer und lassen die Sektkorken knallen. Es wird gefeiert bis 5 Uhr früh. Nach und nach entschlummern alle, jeder in seinen eigenen Höhlentraum.

06.01.01 Vermessung

Ich wache um 9 Uhr auf und bin eigentlich schon wieder fit. Langsam kommt Leben in die Bude und die Kaffeemaschine beginnt zu gurgeln. Am Tisch beginnen die ersten Diskussionen, wie die Höhle wohl weitergeht. Ich meine, „Wie gewöhnlich, immer anders als wir denken, und auch immer größer als wir uns das vorstellen können“. Alle stimmen mir zu. Ich werde langsam ungeduldig und beginne einen Vorstoß-Vermessungstrupp zusammenzustellen. Martin Queitsch ist nun auch gekommen. Er schließt sich uns an und will mit durch den Halbsiphon. Jaqueline, Dieter und C. Strobl sind auch dabei. Die anderen wollen später nachkommen und im Eingangsbereich vermessen.

Wir laufen durch die für einige von uns unbekannten Höhlengänge und sind von ihrer Größe und Schönheit begeistert. Nach 30 Minuten erreichen wir das derzeitige Ende. Dort hört man tatsächlich das Donnern eines Wasserfalls. Ich soll als erster durch und  kann es gar nicht erwarten in den Halbsiphon zu kriechen. Mit einem Seil in der Hand lege ich mich ins Wasser. Nach 5 m hebt sich die Decke bereits wieder etwas. Danach wird der Gang so hoch, dass man sich aufsetzen und weiter krabbeln kann. Am Seil werden die Schleifsäcke festgebunden, die ich zu mir herziehe. Der Rest der Truppe folgt. Wir stehen bis zum Bauch im Wasser, in einem düsteren, etwa 2 m hohen 5 m breiten Gang. Die Wände sind schwarz überzogen. Wo der Überzug fehlt sind Fließfacetten zu sehen. Der erste Messzug ist 15 m lang. Der Geräuschpegel ist bereits so stark, dass wir uns die Daten nur schreiend zurufen können. Dieter geht mit dem Maßband weiter. Man kann nur seine fassungslosen Wortfetzen verstehen. Vorsichtig und fast ängstlich bewegen wir uns weiter. Es geht um die Ecke. Könnte dahinter nicht ein urzeitlicher Dinosaurier auf uns warten, um uns nach jahrmillionenlangem Fasten endlich verspeisen zu können. Oder erwartet uns im tiefen Wasser des Höhlenbaches ein Ichthyosaurier, der uns durch Blindheit geschlagen, an das Höhlenleben angepasst, mit Fischen verwechselt und auffrisst.

Wir befinden uns am Anfang eines etwa 12 m hohen Ganges. Über Verbruch fließt uns der 3 m breite Bach in einem Canyon entgegen, an dessen Ende in ca. 50 m Entfernung ein Wasserfall in einen großen See donnert. Wir stehen im „Donnerdom“, schauen uns mit großen Augen an. Bis ich die Messdaten eingetragen habe, klettert der Rest von uns schon an den steil aufragenden Wänden des Sees entlang und versucht die 4 m hohe Wasserfallstufe zu bezwingen. Alles erscheint absolut unwirklich. Was man hier sieht gibt es in unserem Karst einfach nicht. Selbst in Frankreich oder Slowenien ist eine solche Höhle eher selten. Trotz der Euphorie und Nervosität die uns immer wieder überfällt geht die Vermessung zügig voran. Bei jedem Messzug, mit dem Dieter weiter in die Höhle vordringt, höre ich ihn laut kreischen, „Oh weih, das gibt’s doch nicht, ist das Wahnsinn!“.

Die Gangdimensionen werden immer größer. Wie groß denn noch, denke ich und schreibe wie betrunken Breiten- und Höhenangaben auf das Messblatt. 6 m hoch, 8 m breit. Dann 8 m hoch, 8 m breit. Der Großteil fränkischer Höhlen hat diese Maße als Gesamtganglänge. Hier ist es nur die Gangbreite. Wir sind wie hypnotisiert. Ab und an zähle ich die Ganglänge zusammen. Die 300 m Marke der heutigen Vermessung ist überschritten. An den Wänden sind überall Fließfacetten, auch an die Decke und immer wieder haben sich rechts und links große Wandversinterungen gebildet. Plötzlich ein lauter Schrei von Dieter, „Allmächtiger, schaut mal nach Vorne“. Als wir alle unsere Helmlichter ausrichten, erkennt man einen Wald aus mächtigen Stalaktiten, die von der Decke in ca. 5 m Höhe, bis zum Wasserspiegel reichen. Aber wir haben uns schon an unseren schnelleren Pulsschlag gewöhnt und kommen nun besser mit dem immer grandioseren Anblicken zurecht.

Ständig laufen wir im tiefen Wasser, müssen sogar in den immer wiederkehrenden Gangbiegungen schwimmend seichteres Wasser suchen. Der Gang hat mittlerweile die Dimension einer Bundesstraße. Zwei Sattelschlepper kommen hier bequem an einander vorbei. Die Versinterungen sind grandios. Der Bach fließt in diesem Höhlenteil sehr langsam, fasst unmerklich. Und noch einmal legt die Höhle einen drauf. Über einen mächtigen, 3 m hohen Sinterfall, stößt von links ein trockener Gang in gleicher Dimension an den Höhlenbach. In der Ferne stehen bizarre Stalagmiten. 20 m weiter teilt sich der Bach. Von links fließt uns ein kleiner Bach aus einem 7 m hohen und 4 m breiten Gang entgegen. Im Vordergrund stehen mächtige Stalagmiten, die die Sicht nach hinten versperren. Direkt gegenüber rauscht der Höhlenbach, anscheinend aus der Hauptfortsetzung kommend, über eine Wasserfallstufe in den See, in dem wir fassungslos stehen. Dahinter tut sich ein 4 m breiter und nur 2 m hoher Tunnel auf, der ein beeindruckendes Echo aufweist. Wir wollen diesem Bachlauf folgen und lassen die beiden Seitenteile im wahrsten Sinne des Wortes links liegen.

Nach der kleinen Wasserfallstufe befinden wir uns in einem 2 m niedrigen Tunnel, dessen Wände senkrecht aus dem Wasser aufsteigen. Der Grund des Sees ist Bodenlos. Wir müssen schwimmen. Es wird bitter kalt. Unsere 3 mm Neoprenanzüge wärmen uns nicht mehr. Mancher von uns wird schon blau im Gesicht. Doch wir wollen weiter, zu groß und eindrucksvoll ist der Höhlenbach. 300 m weit müssen wir schwimmen, bis uns der Boden wieder etwas aus dem eiskalten Wasser hebt. Der niedrige Tunnel wird langsam wieder höher.

600 m sind vermessen, ich stehe in einem fast runden Gangprofil von 4 m Durchmesser und erschrecke. Das ist eine Druckröhre! Oh weh, wie gefährlich ist die Höhle eigentlich. Doch nach kurzem Nachdenken beruhige ich mich wieder. Selbst bei einer Hachwasserschüttung von 2000 l/s, das ist 8-mal so viel als normal und wurde am Pegel im Ort noch nie gemessen, siphoniert dieser Gang nicht. Die Zeit vergeht, ich rufe die Gruppe zusammen. „Leute wir haben schon 42 Messzüge gelegt und erreichen jetzt ca. 700 m Ganglänge. Machen wir die 50 noch voll, dann werden wir heute auf 800 m kommen. Mit der Vermessung der anderen Gruppe werden es sicher über 1000 m. Das sollte reichen“. Alle sind einverstanden.

Die Strömung nimmt zu, Wasserrauschen kommt auf. Die Gangstrukturen sind sagenhaft, sie winden sich weiter ins Plateau. Das Rauschen wird lauter, bald wird dessen Ursache ersichtlich. Ein mächtiger Gang öffnet sich vor uns. 8 m breit 10 m hoch, der Bach sucht sich seinen Weg durch große Verbruchblöcke. Über- und seitlich von uns öffnen sich mächtige Löcher in Wand und Decke. Die Messzuglängen sind gigantisch. Wir könnten, wenn es das Maßband zuließe, 50 Meter Strecken legen.

Der fünfzigste Messzug wird an eine Lehmbank der rechten Gangseite gelegt. Dieter macht einen Strich und schreibt das Datum 6.1.2001 in den Lehmboden. Der Gang ist hier ca. 5 m breit und 6 m hoch. Er macht scheinbar 10 m weiter einen 90°-Knick nach rechts. Wir frieren schrecklich und sind alle ganz blau im Gesicht. Wir müssen raus und kehren auf offener Strecke um.

Für den Rückweg brauchen wir ca. 2 Stunden. Jetzt kann auch ich die Höhle genießen, denn die Vermesserei hat mich doch sehr abgelenkt. Das Szenario ist unbeschreiblich. Wir haben uns etwas von einander entfernt. Die Lichter der Helmlampen leuchten im riesigen Gangprofil wie Glühwürmchen in der Nacht. Nicht nur mir wird immer kälter. Erst im niedrigen Zugangsstollen wird uns bewusst, wie durchgefroren und unbeweglich wir alle sind.

Um 18 Uhr treffen wir im Camp ein, belagern sämtliche Heizkörpern um uns aufzuwärmen und tauschen unsere Neuigkeiten mit der anderen Vermessungsgruppe aus. Auch ihr Vorstoß ergab ca. 300 m Ganglänge. Damit ist die Höhle mit der gestrigen Vermessung 1350 m lang. Wir feiern den Erfolg in unserer Stammkneipe und können alles immer noch nicht begreifen. 10 Jahre sind wir nun in Mühlbach und wussten nichts von dem größten Geheimnis, das der fränkische Karst bis heute bewahrt hat. Jetzt wird es nach und nach gelüftet.

17.02.01

Um 10 Uhr soll es losgehen und wieder klappt einiges nicht ganz. Einer hat das Vermessungsgerät vergessen, ein Anderer nur eine vage Zusage für heute gemacht und ist immer noch nicht da und ein weiterer hat verschlafen. Dennoch kann die heutige Tour 5 Minuten vor Abmarschtermin zufrieden stellend umorganisieren werden.

Ich führe die noch „Unwissenden“ (Sabine Müller, Rainer Kunz und Martin Strickrot) in die Höhle. Es ist für mich etwas ganz besonderes, ihnen den Höhlenteil des so genannten „Eingangsbereichs“, der bis zum Halbsiphon gehen, zeigen zu dürfen. Sie sind total von den Socken und gratulieren uns zu dieser “sensationellen Entdeckung“. Rainer ist am Halbsiphon, der den Eingangsbereich der Höhle markiert, nicht zu bremsen und muss unbedingt, wie er meint „Nur mal kurz“, dahinter schauen.

Zurück zum Eingang, aber diesmal über die Passage des kleinen Wasserfalls, überwindet die ganze Mannschaft den noch nicht erkundeten Rentnersiphon (auch ein Halbsiphon), der in den vorderen Wassergang führt. Selbst Martin mit seinen 70 Jahren meistert diese Stelle problemlos. Weiter geht es ins Degeridoo. Hier endet die Befahrung. Alle drei verlassen mich hier und gehen nach draußen. Ich mache mich mit zwei Schlauchboten auf den Weg zu Steffens Vermessungsgruppe in den Hauptgang.

Es ist ein tolles Erlebnis, ganz alleine durch diese riesigen Gangteile zu schlendern. Der Wasserfall wird überwunden, vorbei am „Himmelstor“, das Richtung „Jenseits“ der oberen Höhle führt. Nach 20 Minuten treffe ich auf Steffen. Der begrüßt mich mit den Worten, „Du, wir haben keinen Schlüssel für die Bohrmaschine“. Das trifft mich wie ein Hammerschlag. Aber mit Hilfe eines zweiten Bohrers kann ich das Bohrfutter fest drehen und es kann losgehen. Noch schnell das Boot aufgepumpt, und die Flotte, bestehend aus fünf Schlauchbooten, läuft aus dem „Yachthafen“ aus. Anfangs gibt es noch einige Schwierigkeiten, die Löcher für die Plaketten vom Boot aus zu bohren. Ich drücke Martins Boot mit meinem an die Wand, so geht es besser. Wir beginnen die Vermessung am „Bermuda Dreieck“ und erreichen nach 3 Stunden den Punkt „6. Januar“. Der Wasserstand ist besonders niedrig. Ab hier beginnt Neuland. Nach einem 90° Rechtsknick erreichen wir eine über 15 m hohe Querklufthalle. Es geht weiter in großen Gangprofilen von ca. 5 m Breite und 3 m Höhe.

Nach einer kurzen Vesperpause fragt mich Tom wie lange wir denn noch weitermachen wollen. „Also mindestens bis 17 Uhr schon noch“ sage ich. Tom meint „Ich wollte nur sagen, es ist bereits 18.30 Uhr“. Doch mein Gefühl sagt mir weiter zugehen. Wir beschließen eine weitere halbe Stunde zu vermessen. Ich gehe vor, suche die nächsten Punkte und erreiche bald einen Gangverbruch. Das erste Hindernis seit dem Eingang. Riesige Blöcke kommen aus einem schwarzen Kamin, der etwa 20 m hoch und 8 m breit ist. Im Bachlauf kann man diese Stelle an der rechten Wandweite durchkriechen. Als die anderen nachkommen höre ich einen lauten Donnerschlag. Oh Gott, jetzt hat es einen erwischt, denke ich. Martin ruft nach unten. „Alles Klar?“ Robert meldet sich, „Nichts passiert!“. Ein ungefähr 2 Tonnen schwerer Block hat sich gelöst und ist nach unten gerutscht. Das war knapp. Hinter diesem Verbruch geht der Gang noch 30 m weiter. Man kann an den Wänden erkennen, wie sich die Kalkschichten nach unten zum Wasserspiegel senken. Kein gutes Zeichen. Wie vermutet kommt auch schon der erste richtige Siphon. Er ist wunderschön. 4 m breit und über 2 m tief. Glasklar kommt uns der Mühlbach entgegen. Hier ist also der vorläufige Endpunkt, aber wie lange? Schon wird beschlossen, das nächste Mal mit Roberts U-Boot wiederzukommen.

Es ist 19 Uhr, eigentlich sollten wir jetzt am Ausgang sein. Der Rückweg wird angetreten. Nach 30 Minuten erreichen wir das „Bermuda Dreieck“. Ab hier laufen einige. Steffen und ich benutzen weiterhin die Boote bis zum „Himmelstor“. Das war die beeindruckendste Bootsfahrt in einer Höhle, die ich jemals gemacht habe. Nach 2 Stunden sind wir am Ausgang. GGL. 2129 m.

In Mühlbach hat die Kneipe zu, deshalb geht es nach Dietfurt in die Pizzeria. Dort erzählten wir den anderen, die alle andächtig zuhören, von unseren Entdeckungen.

25.02.01

Heute wird es ernst. Am Endpunkt der Höhle wartet der größte Siphon der Franken Alb auf seine Entdeckung. Wir packen die Schleifsäcke im Hof des Höhlenbesitzers. Diesmal ist Roberts Unterseeboot mit dabei. M. Queitsch verstaut seine Tauchausrüstung. Auf dem Programm steht; Erkundung des Ost-Siphons.

Um 10.30 Uhr versammeln sich alle vor dem Eingang. Erst jetzt wird uns wieder klar, dass wir ab hier 2 Stunden bis zum Endpunkt brauchen. Mittlerweile fasst routiniert, doch immer wieder fasziniert von der Höhle, wandern wir durch die wassererfüllten großen Gänge. Am „Bermuda Dreieck“ werden die neuen Schläuche aufgepumpt und paddeln bei sehr niedrigem Wasserstand los. Martin ist das erste Mal in diesem Teil der Höhle. Während wir durch eine der großen Hallenerweiterungen laufen, fällt mir in der Decke ein schwarzes Loch auf. Ich rufe alle zu mir. Martin leuchtet mit seiner starken Lampe nach oben in einen mindestens 20 m hohen Kamin mit Fortsetzung. Den haben wir bis jetzt übersehen. Nicht weit davon entfernt mündet ein kleiner aktiver Gang, Durchmesser 50 cm, in die Halle ein. Kurze Zeit später ist das Ziel erreicht. Nach einer kleinen Mittagspause beginnt Robert, sein U-Boot klarzumachen. Im Wasser schaltet er das Licht ein und dreht gleich mal eine Platzrunde. Vor uns erscheint ein gespenstisch leuchtend blauer See, der unter einer Felsdecke verschwindet.

Gespannt betrachten wir den Monitor und konzentrieren uns auf die Messdaten. An einer Stelle erreicht das U-Boot eine Tiefe von 3,20 m. Der Siphon geht ziemlich genau nach Süden. Unter der Felsdecke zeigt die Skala –20 cm an, ein gutes Zeichen. Am Führungskabel wird die 14 m Marke erreicht. Ganz schön lang. Ob es nun bald aufmacht? Wenn die Decke nicht wieder nach unten abtaucht, besteht eine gute Chance. Der Monitor ist teilweise schwarz, so groß ist der Unterwassergang. Robert fährt weiter ins Dunkle. Nachdem es vorne nicht heller wird, zieht er den Steuerknüppel nach oben und durchbricht den Wasserspiegel. Freudenrufe ertönt. Nach 20 m ist der Siphon zu Ende. Welch eine Sensation. 20 m lang und nicht tiefer als 30 cm. Damit haben wir gewonnen. „Dieser Siphon ist bald keiner mehr“, sage ich zu den anderen. “Dem Graben wir das Wasser weg“. Martin macht inzwischen seine Tauchausrüstung klar und steigt ins Wasser. Für uns Trockenhöhlenforscher sieht alles utopisch aus. Er nimmt sein wasserdichtes Telefon, das zugleich als Führungsleine dient und verschwindet unter die Felsdecke. Langsam verglimmt sein Lichtschein. Bei 14 m stoppt die Leine. Ist er etwa schon durch, fragen wir uns? Martin R. strafft das Kabel etwas und merkt dabei, dass der Taucher zurückkommt. Wieder bei uns, erklärt er, dass keine Auftauchstelle in Sicht war und er deshalb umgekehrt ist. Die Decke hat sich noch etwas tiefer gesenkt, so dass er immer stärker nach oben gedrückt wurde. Ohne Tarierweste und Bleigurt ist der Vorstoß zu gefährlich. Macht ja nichts, ich habe mich eh schon auf das tiefer legen des Bachbettes eingestellt.

Nach einer kurzen Lagebesprechung machen wir uns an die Arbeit. An welche eigentlich, überlege ich mir auf dem 50 m langen Weg Bach abwärts. Wir haben vor, auf 40 m Länge, Tonnen von schweren Felsblöcken aus dem Wasser zu heben, um das Bachbett dadurch tiefer zu legen. Ist das nicht etwas verrückt? Nein, ehr typisch für uns. Ein Donnern erfüllt die Halle, als wir die ersten Blöcke ans Ufer werfen. Es hört sich unheimlich an. Nachdem alle kleineren Steine unter 40 kg entfernt waren, machen wir uns daran die ganz großen Fische an Land zu ziehen. Die größte Platte hatte eine Länge von 2,20 m, war 1,5 m hoch und 30 cm dick. Sie wog bestimmt 700 kg. Hier ist die Truppe „Wahnsinn“ bei der Arbeit. Nach 3 Stunden wird aus dem rauschenden Bach ein leise fließender Kanal. Völlig am Ende gehen wir zum Siphon, um das Ergebnis zu begutachten. Dort angekommen, tut sich ein langer lufterfüllter Kanal auf, der genau in Richtung Süden führt.

Sofort waren alle Strapazen vergessen. Robert steigt mit Neoprenhaube und Lampe ins eisige Wasser. An der Siphondecke angekommen, bemerkt er Luftzug ins Höhleninnere. Wir können es kaum glauben. Luftzug, ist der Siphon etwa schon offen? Bald verlieren wir Robert aus den Augen. Hören nur noch seine Stimme, die aus dem dunklen Luftspalt zu uns vordringt. „Ich habe jetzt nur noch 2 cm Luft über mir, macht bitte keine Wellen. Wie weit bin ich denn schon drinnen?“ Das Maßband zeigt 15 m an. Super denke ich, noch höchstens 5 m und ist er durch. Vorne an der Gefällstrecke haben wir noch genug Potential, um den Wasserspiegel weitere 30 cm abzusenken. Das bedeutet „Halbsiphon“ und freies Durchkommen. Robert kommt unbeschadet zurück, ohne den Halbsiphon überwunden zu haben. Der Luftspalt wir zu niedrig und seine Länge nicht einzuschätzen.

Langsam wir es spät. Wir beschließen, den Rückweg anzutreten. Vollkommen erledigt, aber mit einem riesigen Glücksgefühl im Bauch, paddeln wir gemütlich Richtung Ausgang. Um 20.30 Uhr sind wir am Auto und ziehen uns bei –7°C im Freien um. Wieder geht eine erfolgreiche Höhlenexpedition seinem Ende zu und wird mit einem guten Abendessen in Dietfurt gefeiert.

Mühlbachquellhöhle Teil 2

 

10.03.01 Absenkung des Ostsiphons

Die ganze Woche habe ich mir überlegt was wir am Samstag in unserer Höhle arbeiten könnten. Niemand hat sich gemeldet um etwas auszumachen. Ich entschloss mich, die beiden Queitsch Brüder anzurufen um die letzte Möglichkeit zu nutzen, den Ostsiphon zu knacken, denn in zwei Wochen wird auf Sommerzeit umgestellt, dann bleibt es wieder sehr lange hell und die Bachtrübung ist bis spät in die Nacht sichtbar. Christian S. hat sich auch kurzfristig angemeldet und so machen wir uns am Morgen mit einer fünfköpfigen Truppe auf den langen und schönen Weg zum Ost-Siphon.

Am Ziel angekommen hat sich der Wasserspiegel wie erwartet nicht weiter gesenkt. Gleich werden Bohrmaschine und Spreizkeile ausgepackt damit wir die ersten Blöcke auf der Gefällstrecke, zu handlichen Stücken, zerkleinern können. Es dauert nicht lange bis die letzten 7 m der absenkbaren Flussstrecke zu einem schnell abfließenden Bach umgestaltet sind. Jetzt kommen die beiden Staustellen im Bereich vor dem Siphon an die Reihe. Auch das lässt sich schnell bewerkstelligen, der Pegel zeigt bald –8 cm an, was bedeutet, wir haben schon wieder 6 cm Wasserspiegel abgesenkt. Robert Q. startet einen Versuch, den 2 cm hohen Luftspalt zu nutzen und durch den zum Halbsiphon gewordenen Gangteil zu gelangen. Er ist bereits mit den Füßen im Neuland, wo die Decke wieder ansteigt. Doch durch die starke Strömung und den zu niedrigen Luftspalt staut sich das Wasser so vor seinem Gesicht an, dass er sich verschluckt und schnell wieder zurück zu Martin muss, der 2 m weiter hinten auf ihn wartet. Zu Glück geht alles gut.

Wir haben aus Zeitgründen nur noch einen Versuch um durchzukommen. So nutze ich die letzte Möglichkeit, den Wasserspiegel schnell noch mal um 2 cm abzusenken, indem wir die große Insel vor dem Siphon verkleinern, um die Abflussgeschwindigkeit zu erhöhen. Die Aktion hat Erfolg. Martin bereitet sich mit seinen kleinen Tauchflaschen auf den endgültigen Durchbruch vor. Robert begleitet ihn bis an die niedrigste Stelle vor dem Siphon und gibt ihm das Sicherungsseil in die Hand. Christian und ich hören nur noch wie Martin sagt: „Ich gehe jetzt durch“, dann ist es für einige Sekunden still. „Alles klar?“, erkundigt sich Robert bei Martin. „Ja, ich bin durch. Ich stehe in einer großen Halle, ca. 15 m hoch und 10 m im Durchmesser!“. Ich rufe Martin von der Insel aus zu, „Schau mal ein Stück weiter Martin“. „OK. Dann schau ich mal weiter“ sagt er.

Wir sitzen wie auf Kohlen, ich auf der Insel, Robert im Wasser, aber wärmer wird uns deshalb noch lange nicht. Nach einigen Minuten kommt Martin zur Auftauchstelle zurück und meldet sich mit, „Oh wei, oh wei“. Als beide wieder bei mir sind erfahre ich, dass sich nach dem Siphon eine sehr hohe Verbruchhalle auftut, an deren Decke von unten aus keine Fortsetzung zu erkennen ist. Die Halde reicht bis in den Höhlenbach und staut ihn etwas an. Am Ende der Halle beginnt ein weiterer Siphon an einer senkrechten Felswand. Martin versuchte noch in diesen einzutauchen, dabei löste sich beim betreten des Sees unter seinen Füßen eine große Felsplatte, mit der er ins tiefere Wasser rutschte. Darauf brach er den Vorstoß ab. Wir gratulieren ihm zu seinem Erfolg und machen uns daran die Ausrüstung für den Rückweg einzupacken.

Es ist bereits sehr spät, als wir den Stollenausgang erreichen. Aber kurz darauf sitzen wir alle bei Enzzo in Dietfurt und erzählen den anderen von unseren Erlebnissen. In der gesamten Höhle konnte heute kein Luftzug festgestellt werden. Ob es am verschließen der beiden oberen Eingänge lag, oder an den höheren Außentemperaturen von ca. +10C° ist nicht geklärt. Gesamtganglänge 2246 m.

24.03.01 Hochwasserbegehung

Es hat seit Mittwoch geregnet. In ganz Bayern herrscht Überflutungsgefahr. Um die Höhle bei Hochwasser besser einschätzen zu können werden wir heute alle wichtigen Stellen untersuchen.

Zusätzlich wird der im Nordgang befindliche Canyon genauer untersucht. Der Höhlenbach ist sehr trübe und führt wie erwartet gut Hochwasser. Wie ich erfahren konnte, können wir vermutlich den am Feuerwehrhaus im Mühlbach befindlichen Pegel nicht für unsere Zwecke nützen, da das in der Untermühle befindliche Wehr bei Hochwasser ständig geöffnet und geschlossen wird. Dadurch wird auch der Pegelstand immer wieder verändert und wir erhalten keine realistischen Daten. Aber das muss noch geprüft werden.

Wie vermutet, besteht für den Hauptgang-Siphon bei geringer Hochwasserlage keine Siphoniergefahr. Auch der Wasserfall ist bei erhöhter Schüttung noch zu bewältigen. Die Schüttung des Höhlenbachs hat um ca. 30 % zugenommen und beträgt ungefähr 350 – 400 l/s. Im Nordgang konnte man anhand unserer alten Fußspuren feststellen, dass wir die Hochwasserspitze verpasst haben. Der Wasserstand war während der letzten 3 Tage um 10 cm höher als jetzt. Die Schüttung liegt momentan bei ca. 60 l/s. Vermutlich erhöht sie sich während einer längeren Regenphase spontan und lässt dann genauso schnell wieder nach, was auf direkte Ponorzuläufe schließen lässt. Am „Bermuda-Dreieck“ wurden zwei weitere Kletterstangen und zwei Strickleitern deponiert.

Am „Nordcanyon“, ca. 100 m vor dem Ende des Nordgangs angekommen, mache ich mich mit Christian S.  gleich an die Arbeit, die ca. 15 m vom Hauptgang entfernte Engstelle in einer kleinen Kammer mit einer Bohrung zu beseitigen. Ich habe große Schwierigkeiten das Loch mit meiner kleinen Messpunkt-Bohrmaschine in den Fels zu bekommen. Aber nach 30 Minuten ist es so weit, ich zwänge mich in die sehr enge Fortsetzungskluft hinein. Diese kann noch ca. 15 m weit verfolgt werden, bis sich die hohe Spalte unpassierbar verengt. Man kann zwar etwas weiter schauen, aber es wird auch da nicht größer. Trotzdem ist dieser Gang viel versprechend, denn ich konnte geringe Bewetterung feststellen. Das muss aber noch im Sommer, bei höheren Temperaturen bestätigt werden. Mittlerweile kommt auch Steffen mit Thomas Neser vom Ende des Nordgangs bei uns an. Thomas sieht die Höhle das erste Mal und ist begeistert. „Nicht gerade fränkisch, diese Gangdimensionen“, meint er. Steffen schaut sich die Kluft genauer an und sieht weiter oben eine vermutlich beschlufbare Fortsetzung. Um dort hin zu kommen muss der Aufstieg beim nächsten Mal noch etwas erweitert werden.

Ich mache mich mit Christian auf den Weg zum Ostsiphon um dort die Hochwassersituation beurteilen zu können. Auch hier sieht es super aus. Der Wasserspiegel liegt noch 5 cm unter der Siphondecke und man kann es dahinter rauschen hören. Wir legen die Gefällstrecke im Siphongang etwas tiefer und machen uns dann auf den Rückweg. Um 17.30 Uhr verlassen wir die Höhle.

05.05.01 Erweiterung Nordcanyon

Unser heutiges Ziel ist der „Nordcanyon“. Dort wollen wir die von Steffen erkundete Fortsetzung aufmachen. Um überhaupt an diese Stelle ranzukommen, muss in die Firstspalte hinaufgeklettert werden. Dort oben kann man sich nur auf einen kleinen Tropfsteinstumpf stellen um mit der Bohrmaschine an die richtige Stelle zu kommen. Das größte Problem an diesen Arbeiten ist unser Material. Wir brauchen endlich eine große Bohrmaschine um effektiv arbeiten zu können. Nach 3 Stunden ist die Spalte so weit geöffnet, dass Steffen, der mit Christian S. den „Blauen Siphon“ und die ersten 20 m im Nordcanyon vermessen hat, in die neuen Teile vorstoßen kann. Nach seinen Angaben, geht es gleich in eine kolkartige Erweiterung hinein, von wo aus eine enge Spalte horizontal Richtung Norden weitergeht. Er konnte mit seinem Karbidlicht kein Ende einsehen, meint aber man könnte weiterkommen. Gesamtganglänge 2504 Meter.

09.06.01. Am Ostsiphon

Wir versuchen mit einer vierköpfigen Gruppe den „Ostsiphon 1“ mit einem Führungsseil fest einzurichten. Dazu habe ich einen 8 m langen Atemschlauch mit Ein- und Ausatemventil konstruiert, mit dem man aber nicht tiefer als 40 cm abtauchen darf. Für unseren Siphon also ideal, da dieser einen 4 cm hohen Luftspalt hat. Steffen, Martin Q. und Robert Q. haben ihre Tauchflaschen mit dabei, um meine Arbeit unter Wasser zu beobachten und mir nötigenfalls zu helfen. Nach 1½ Stunden kommen wir am Arbeitsplatz an und beginnen mit den Vorbereitungen für die Tauchaktion. Martins Akkubohrmaschine wird in einen von mir zum Unterwasserbohrsack umgebauten wasserdichten Ortlieb-Rollsack eingepackt.

Robert begleitet mich zum Siphonanfang, um mir dort beim Bohren des ersten Loches behilflich zu sein. Wir wollen das Führungsseil so verlegen, dass man den Luftspalt zum Überwinden des Siphons nutzen kann. Der starke Auftrieb meines Trockenanzuges hilft beim Bohren unter Wasser, das Loch schneller in die Decke zu bekommen. Nach einigen Versuchen klappt das ganz gut. Robert bindet das Führungsseil in den Karabiner, dann tauche ich mit meinem Atemschlauch das erste Mal durch den Siphon. Unter mir versetzen meine Lampen den ca. 5 x 5 m großen, wunderschönen Unterwassergang in ein unwirkliches blaugrünes Licht. Nach 4 m tauche ich drüben wieder auf. Sofort wird nach einem geeigneten Platz für den nächsten Haken gesucht. Beim Bohren stelle ich fest, dass ich einen Hohlraum erwischt habe, versuche aber trotzdem, den Anker fest zubekommen. Die Schraube rutscht immer wieder durch, so dass ein zweites Loch gebohrt werden muss. Diesmal sitzt es an der richtigen Stelle. Langsam werden meine Füße gefühllos. Es gelingt mir kaum noch das Schraubglied fürs Sicherungsseil festzudrehen. Hinter mir dehnt sich eine große Wasserfläche aus, in die ständig der Bohrsack hinein schwimmt. Es dauert etwas bis er wieder zu mir her treibt.

Mehr und mehr bekomme ich ernste Probleme mit der fortschreitenden Unterkühlung, aber ein Loch muss unbedingt noch gebohrt werden. Robert und Martin haben unterdessen Schwierigkeiten mit dem Atemschlauchende, das sich am Auftriebskörper verdreht hat. Ich bekomme aber immer noch genügend Luft um die Arbeit fortzusetzen. Kurze Zeit später ist das Problem beseitigt. Mit letzter Kraft schlage ich den Anker ins Loch und binde das Seil ein. Ich muss mich jetzt sofort auf den Rückweg machen, sonst werde ich noch bewegungsunfähig. Das Seil ist sicher durch den Siphon verlegt, der nun ohne Tauchausrüstung für jeden zu überwinden ist.  Ich rufe Robert zu, er soll den Atemschlauch, während ich zurück schwimme, langsam mit nach außen ziehen. Als ich bei ihm ankomme erkenne ich an seinem bläulichen Gesicht, dass er auch ganz schön durchgefroren ist. Sofort verlassen wir die Siphonstrecke um aus dem 8 °C kalten Wasser zu kommen.

Draußen sagt mir Martin, dass ich fast eine Stunde teilweise unter Wasser gearbeitet habe. Mir ist jetzt arschkalt und ich spüre den Boden unter den  Füßen nicht mehr. Nachdem wir einige Male den Gang auf und ab gelaufen sind und ich in meine Stiefel gepinkelt habe, kommt wieder Leben in meine Füße. Wir besuchen Ralph, Christian S. und Thomas N. die den nicht weit von uns entfernten „Siphondom“ vermessen. Ganz aufgeregt lauschen sie unseren Erzählungen.

Robert und Martin sind nicht mehr zu bremsen. Sie wollen nun durch den Siphon, das Neuland erkunden. Auch Steffen, der die Ganze Aktion überwacht hat, legt nun sein Tauchgerät an. Kurz darauf  verschwinden alle drei im Dunkeln. Durch den kleinen Luftspalt höre ich sie aufgeregt miteinander reden. Steffen kehrt zu mir zurück und sagt, es sähe nicht gut aus, der nächste Siphon beginnt schon nach ca. 20 m und könnte sehr schwierig werden. Er bietet mir sein Tauchgerät an, aber ich will jetzt ohne Atemhilfe durch die Tauchstrecke. Steffen taucht mit seinem Gerät hinter mir her, während ich mich am Seil entlang des Luftspalts durch den Halbsiphon ziehe. Die Strecke verläuft super, der Siphon ist bezwungen. Kurz nach der Auftauchstelle zieht der niedrige Gang nach links in eine imposante Halle. Eine 10 m hohe Verbruchhalde schiebt sich von der Decke aus bis in den Höhlenbach und staut ihn 30 cm hoch an. Überquert man den 8 m langen Verbruch, dehnt sich dahinter der See des zweiten Ostsiphons aus. Wir untersuchen die gesamte Halle nach möglichen Umgehungen, finden aber nichts.

Steffen schwimmt mit mir zum Abgang des zweiten Siphon und leuchtet mit seinen hellen Lampen in einen, wie mir scheint, großen Unterwassergang. An der linken Wand entlang kann ich bestimmt 20 m weit in eine verzauberte Unterwasserwelt blicken. Etwa 10 m von uns entfernt liegen in 5 m Wassertiefe große Verbruchblöcke, die sicher aus der Decke ausgebrochen sind. Möglicherweise ist darüber lufterfüllter Raum. Nachdem uns schon wieder kalt wird, beschließen wir die überaus erfolgreiche Expedition zu beenden und den Rückweg anzutreten.

Am Wasserfall treffen wir Dieter G. und Stefan G., die dort die Schichtenaufnahme durchführen. Wir machen ein Gruppenfoto und weiter geht's nach draußen. Während wir unsere kalten Klamotten ausziehen, sind Armin, Jaqueline und Reiner seit den Morgenstunden noch immer am Bauwagen mit Reparaturarbeiten beschäftigt. Es ist mittlerweile 19 Uhr. Mit den Gedanken, wie lange wohl die nächsten Vorstoßexpeditionen dauern werden, die sich vielleicht hinter dem zweiten Siphon anbahnen, machen wir uns auf den Weg in die Wirtschaft.

 

Zur Erklärung unserer Vorgehensweisen an den Ostsiphons, muss an dieser Stelle angefügt werden, dass es sich bei allen Vereinsmitgliedern um Personen handelt, von denen zwar einige eine Tauchausbildung haben, aber keiner wirklich Höhlentaucherfahrung besitzt. Angesichts der Ausdehnung und den Gangverläufen der Höhle waren wir am Anfang der Erforschung der Höhle der Meinung, dass es sich bei den ersten beiden Ostsiphons nur um kurze und flache Siphons handeln wird. Dahinter könnte es wie gewohnt in großen Tunnelgängen weiter gehen. Deshalb haben wir beschlossen, keine Person durch Tauchgänge in den Siphons zu gefährden, und deshalb versucht, die ohnehin niedrigen Siphons abzusenken. Jeder der potenziellen Höhlentauchanwärter sollte die Möglichkeit haben, sich langsam an die Materie herantasten zu können und Erfahrung zu sammeln.  

 

14.06.01 U-Bootsondierung OS 2

Heute ist wieder ein großer Tag. Wir versuchen mit dem U-Boot den Ostsiphon 2 auszukundschaften. Die Ausrüstung ist sehr umfangreich, so dass wir die anwesenden 8 Personen gut einsetzen können. Zusätzlich zum U-Boot werden noch eine komplette Tauchausrüstung und Roberts 2 Liter Tauchflaschen mitgenommen. Der Transport bis zum OS 2 dauert gute 2 Stunden. Diesmal geht Ralph mit durch den ersten Siphon, nimmt dabei aber einen kräftigen Schluck Wasser. Jaqueline bleibt zurück.

Als Robert das U-Boot in den OS 2 setzt, stellen er fest, dass die Tarierstangen nach seiner gestrigen, um 23 Uhr durchgeführten Reparatur, verschoben sind und ein abtauchen nicht möglich ist. Wir beschließen, den Fehler an Ort und Stelle zu beheben. Nach 30 Minuten funktioniert alles soweit, um einen ersten Tauchversuch zu starte.

Vom Ufer des Sees aus fährt das U-Boot bis an die Felswand und taucht in den Siphon. Wie schon bei der Erstbefahrung festgestellt wurde, öffnet sich nach der Abtauchstelle ein breiter Siphon, der bis zu 4 m tief ist. Nach etwa 10 m passiert die Sonde den Bodenverbruch, über dem aber keine Wasserfläche erkennbar ist. An dieser Stelle ist der Gang nur 1,5 m hoch. Die Sonde taucht langsam im Unterwassertunnel weiter, dessen linke Seite wesentlich tiefer ist als die rechte. Der Boden ist von Lehmsedimenten bedeckt, die nach rechts bis an die Decke ziehen. Plötzlich öffnet sich in der Decke eine etwa 1 m breite Kluft. Aus ca. 1,5 m Tiefe zieht Robert die Sonde nach oben und Sekunden später durchbricht sie, nach insgesamt 15 m Tauchfahrt, die Wasseroberfläche.

Ein lautes Jubeln erfüllt die Halle und wir können fast nicht glauben, was uns der Bildschirm zeigt. Gleich an der Auftauchstelle zieht die Decke 2 m nach oben, in einen großen Gang. Es könnte sich sogar um eine Halle handeln. Man kann Topfwasser erkennen, dass aus größerer Höhe auf die Wasserfläche trifft. Robert versucht den Gang weiter zu erkunden, doch die Bordlichter können den Raum nicht ausleuchten. An der Wasseroberfläche sind Strömungswirbel sichtbar, die Wassertiefe beträgt hier etwa 1 m. Mit der Heckkamera steuert Robert das U-Boot wieder zu uns zurück.

Martin hat sich derweilen entschlossen, den Siphon etwas näher zu untersuchen und legt seine Tauchausrüstung an. Dazu fährt Robert die Sonde nochmals ohne Probleme in den schnurgeraden Siphon, bis zur Auftauchstelle und lässt sie dort liegen. Das Versorgungskabel soll als Führungsleine dienen. Dann legt auch er seine Flaschen an und beobachtet mit mir, wie Martin im Siphon verschwindet. Aus meiner Position sieht es aus, als ob Martin in einen großen Gang hinein schwimmt. Er befindet sich ziemlich tief am Boden. Es dauert nicht lange bis er wieder bei uns in der Halle auftaucht. Er befand sich diesmal etwas weiter als beim ersten Mal im Siphon und hat den Bodenverbruch etwa 2 m hinter sich gelassen. Seltsamerweise befand sich das U-Boot sehr hoch über ihm und er konnte dort keinen Wasserspiegel erkennen, deshalb entschloss er sich zur Umkehr. Nach unseren Berechnungen, befand er sich etwa 3 m unter dem Wasserspiegel am Boden des Siphons und ca. 3 Meter vom U-Boot entfernt. Deshalb auch die für ihn so unwirklich erscheinende Höhe der Sonde. Trotz allem meint er, der Siphon sei leicht zu betauchen, da er weiter hinten noch breiter wird und insgesamt sehr geräumig ist.

Alles in allem war die Expedition wieder vom Erfolg gekrönt und wir beenden die Aktion hier. Ralph, der noch vor wenigen Monaten nichts mit Wasser zu tun haben wollte, hat beim Zurücktauchen Schwierigkeiten, darum mache ich mit ihm noch einige Abtauchübungen. Nachdem wir ihn am Transportseil gesichert hatten, gab er Steffen das Kommando zu ziehen und kurz darauf verschwand er vor meinen Augen im Siphon. Sekunden später beruhigte mich Steffens Rückmeldung, Ralph sei wohlbehalten angekommen. Ich tauche als letzter zurück. Nach 10 Stunden haben alle die Höhle heil verlassen.

04.08.01 Steffen durch den Ostsiphon 2

Ich helfe Steffen beim Transport seiner Tauchausrüstung zum Ostsiphon 1. Dort angekommen bereitet er sich auf den Tauchgang vor. Währenddessen tauche ich ohne Gerät die 20 m des ersten Siphons mit Brille und Flossen unter der Führungsleine entlang, bis zum Verbruch auf der anderen Seite und habe dabei keine Luftprobleme. Am anschließenden Rückweg nehme ich die 8 m längere Strecke am Grund entlang, was mit Flossen und absolut klarer Sicht an der glatten Wand entlang, kein Problem darstellt. Steffen erwartet mich auf der kleinen Insel vor dem Siphon, auf der ich ihm helfe, seine Tauchausrüstung anzulegen. Er betaucht den ersten Siphon und ruft mir nach wenigen Minuten durch den niedrigen Luftspalt zu, er wolle gleich auch den zweiten Siphon, so weit er kann, betauchen, wobei er mich gerne dabei hätte. Ich hole vom nur wenige Meter entfernten Depot einen Bleigurt und tauche noch mal zu ihm in die Käpt´n Nemo Halle hinüber. Inzwischen ist er am See vor dem Siphon und befestigt die Sicherheitsleine. Als er in den glasklaren Siphon abtaucht, lege ich mich am Grund vor den Eingang ab, und beobachte Steffen wie er sich von mir entfernt, in dem breiten Gangprofil immer kleiner erscheint und bald außer Sicht gerät. Ich tauche immer wieder auf um Luft zu holen. Bald sehe ich in der Ferne Steffens Lampen aufleuchten und näher kommen. Er ist kurz aufgetaucht und hat sich vom Wasser aus umgesehen, ist dann aber gleich wieder umgekehrt. In der starken Rückenströmung tat er sich etwas schwer, wie er meint, die Führungsleine aufzurollen.

Im See der Käpt´n Nemo Halle angekommen, gibt er mir das OK-Zeichen und ich ziehe mich auf die Verbruchhalde zurück, um ihn nicht zu behindern. Steffen ist mit dem Tauchgang sehr zufrieden und hatte keine Probleme. In der Halle angekommen, bietet er mir seine Tauchausrüstung an, da er aber sehr friert und ich mindestens eine Stunde Zeit bräuchte, beschließen wir, den Rückweg anzutreten.

14.08.01  Bis zum Ostsiphon 3

Wir haben gestern beschlossen, die Erkundung im Ostsiphon fortzusetzen und bereiten uns den ganzen Vormittag auf die für uns noch sehr komplizierte Siphonerkundung vor. Jeder Handgriff am Ostsiphon wird genau besprochen und alle benötigten Gegenstände wie Kommunikationsrohr, Führungsleine, Maueranker, Werkzeug und Bohrmaschine nacheinander in den Schleifsäcken verstaut. Trotz des großen Materialaufwandes und der zwei kompletten Tauchausrüstungen, bestehend aus drei Tanks (ein voller Tank befindet sich schon am Siphon) und vier Lungenautomaten, sind die einzelnen Materialsäcke noch gut zu tragen. Nach zwei Stunden erreichen wir den Ostsiphon. Robert und ich tauchen sogleich durch den OS 1 in die Käpt´n Nemo Halle, um alles für den Tauchgang im OS 2 vorzubereiten. Da es nirgends eine geeignete Befestigung gibt, bohre ich genau gegenüber der Abtauchstelle, in direkter Verlängerung des Siphons das Loch für den Leinenanker, während Robert das Seil in einen Schleifsack einrollt, um es unter Wasser besser rausziehen zu können. Wir sind kaum fertig, da treffen auch schon Martin Q. und Steffen bei uns ein. Ich lege mit Steffen den Installationsschlauch in der Halle aus, der für die Sprechverbindung durch den OS 2 vorgesehen ist, und übergebe diesen Martin Q., der schon bereit für den Tauchgang, vor dem Siphon wartet.

Die Führungsleine befestigt er mit einem Schnappkarabiner an der Tarierweste, um sie im Notfall schnell lösen zu können. In der rechten Hand hat er den Telefonschlauch der an beiden Enden mit einem Gummistopfen verschlossen ist, dann taucht er in den glasklaren Siphon ab.

Der Kommunikatikonsschlauch, der aus einem Spiralkabelschlauch hergestellt ist, lässt sich verhältnismäßig schwer nachziehen. Das liegt vermutlich am Auftrieb und der starken Reibung an der Höhlendecke, bedingt durch die raue Oberfläche des Schlauchs. In der Mitte des Siphons geht dann gar nichts mehr. Doch mit ein paar starken Zügen am Schlauch kommt er langsam weiter. Beim Auftauchen orientiert er sich gleich nach rechts ins einströmende Bachbett, um dort den Schlauch mit einem Stein am Boden provisorisch zu befestigen. Die Führungsleine zieht er bis zum Anschlag zu sich und lässt sie dann wieder 2 m zurück gleiten. Das ist das Zeichen für uns, dass die Sprechverbindung zustande kommen soll. Wir entfernen den Gummipfropfen, kurz darauf pfeift Martin durch den Kommunikationsschlauch. Er gibt Bescheid, dass Steffen mitsamt dem Vermessungskoffer nachkommen kann.

Als beide Ihre Tauchausrüstung auf einer breiten, mehrere Meter langen Lehmbank abgelegt haben, melden Sie sich bei uns ab, um den neuen Gang zu vermessen. Schon nach drei Messzügen erreichen sie nach 53 m den von Martins letzter Befahrung bekannten Halbsiphon. Dieser hat einen 8 cm hohen Luftspalt und sieht noch schlimmer aus, als ihn Martin in Erinnerung hat.

Nachdem Martin den Laserentfernungsmesser bereits mehrmals ins Wasser hängen ließ, beschließen sie, die gesamte Doku-Ausrüstung vor dem Halbsiphon zurückzulassen. Auch hätte die weitere Dokumentation ein zügiges Vorwärtskommen im neuen Gang in Frage gestellt.

Der 5 m lange Halbsiphon ist schnell bewältigt. Danach setzt sich der Gang in angenehmer Größe, in gesamter Breite wassererfüllt, fort. Der weitere Verlauf des Ganges ist deutlich sichtbar von gebanktem Kalkstein geprägt. Das Bachbett hat noch eine gewisse Trittfestigkeit, was sich nach einigen Befahrungen sicher ändern wird. Man bewegt sich meist in knie- bis hüfttiefem Wasser. Je weiter man in dem 5 m breiten und 3 m hohen Höhlentunnel vordringt, umso deutlicher ist zu erkennen, dass die bisher horizontale Schichtung der Kalkbänke mehr und mehr Richtung Wasseroberfläche abkippt. Hinter jeder Gangbiegung ist mit einem erneuten Siphon zu rechnen. Der Gang verläuft wie im Zick Zack mit beinahe rechten Winkeln. Immer wieder verbreitert er sich auf bis zu 8 m mit teilweise 15 m hohen Schloten.

Mittlerweile sind sie etwa 200 m weiter gekommen, glauben die Siphonzone überwunden zu haben, und beratschlagen schon, wann auf offener Strecke umgekehrt werden soll. Sie erreichen eine große Halle, in der auf einigen Metern der gesamte Höhlenbach über Felsboden fließt. Fragil erodierte Felsblöcke verzieren die Halle. Steffen gibt einige juchzende Laute der Begeisterung von sich. Doch kurz darauf erkennen Sie eine flache Gangfortsetzung, die geradewegs an einer Felswand endet. Jetzt wird Ihnen die bittere Wahrheit bewusst. Sie stehen vor dem nächsten Siphon. Nach ihren Angaben wird das Wasser immer tiefer, Ihnen wird fast schwindelig. Unterhalb einer kleinen Nische mit Spitzbogenprofil ist die Abtauchstelle des Schwarz-grünen, dritten Ostsiphons. Im vorderen Teil des beeindruckenden Sees kann man nochmals stehen. Steffen blickt mit seiner Tauchermaske, die er wegen der optischen Gläser als Brillenersatz dabei hat, mehrere Male unter Wasser, wo sich vor ihm die beeindruckende Kulisse einer tiefen Unterwasserhalle eröffnet.

Auch Martin benutzt die Maske um den wie er sagt, riesigen Unterwasserraum mit bis zum Grund reichendem Spitzbogenprofil, zu betrachten. Der See ist etwa 6 m tief. Am Grund setzt der Ostsiphon 3 briefkastenartig nach rechts an, ist aber nicht weiter einsehbar.

An dieser Stelle beenden Sie ihre Expedition und bewegen sich langsam und vorsichtig zurück zum zweiten Ostsiphon, um möglichst wenig Schlamm aufzuwirbeln. Beim Austauchen ist noch gut ein halber Meter Sicht. Das Führungsseil liegt zwar zwischen den Verbruchblöcken, der Siphon ist aber gut zu tauchen. Nach zwei Stunden erscheinen Ihre Lichter vor uns im See der Käpt´n Nemo Halle.

Zufrieden mit dem Erfolg der Aktion verstauten wir unsere Ausrüstung am Depot vor dem ersten Siphon und machen uns auf den Rückweg, der immer wieder ein Erlebnis ist. Um 21 Uhr verlassen wir die Höhle, waschen unsere verschmutzen Sachen und fahren nach Dietfurt zum Essen. Der Abend wird entsprechend gefeiert.

29.09.01 Der große Kamin in der Jules Verne Passage

Seit langem habe ich geplant, das mächtige Loch mitten in der Decke der „Jules Verne Passage“ zu untersuchen, heute ist es so weit. Inzwischen haben wir auch eine leistungsfähige Akku-Bohrmaschine erworben, die das Vorhaben ermöglichen soll.

Es gibt nur eine Möglichkeit das Deckenloch zu erreichen, und das ist über einen ca. 10 m langen, schräg ansteigenden Quergang, der vom „Kleinen Abschneider“, der eine ausgedehnte Gangschleife umgeht, vom Bachbett aus nach links oben führt. Einige Helfer und interessierte sind mit von der Partie.

Von der Basis des „kleinen Abschneider“ aus, beginne ich etwa alle 80 cm einen Anker in die Wand zu bohren. An meiner Schachtausrüstung, die eng an den Körper geschnallt ist, hängen Bohrmaschine, ein first aid kit von Ortlieb (ideales Behältnis für Material und 12V Akkus) mit 20 Ankern und Laschen, die mit Karabinern bestückt sind. Daneben zwei 1 m lange Fiffi-Leitern (Strickleitern), Hammer und Schraubenschlüssel. Steigklemme und Abseilgerät, sind am Hüftgurt befestigt. Alles klappert wie beim Almabtrieb.

Der Weg von rechts nach links erweist sich bald als besonders ansträngend, da ich die Bohrmaschine für jedes Loch nur mit der linken Hand halten kann. 3,5 kg stundenlang nach oben zu heben und dort zu halten, strengt an. Dennoch komme ich gut voran. Mir fehlt zwar etwas die Übung, mich von Ankerpunkt zu Ankerpunkt nach oben zu ziehen. Dabei in die beiden Strickleitern zu steigen und meinen Körper am Hüftgurt im Wandanker zu fixiert, möglichst gestreckt zu halten, um das nächste Loch so weit wie es geht nach oben zu setzten. Langsam aber sicher habe ich die Kniffe heraußen. Dass die Angelegenheit so ansträngend wird, dachte ich nicht. Auch die psychische Belastung, für einen ungeübten Kaminbohrer wie mich, der nur im Dunklen schwindelfrei ist, habe ich etwas unterschätzt. Nach drei Stunden bekomme ich langsam weiche Knie und mein linker Arm wird unbeschreiblich schwer. Aber so lange der Akku noch läuft, will ich weiter machen. Die Kulisse um mich herum entschädigt die Anstrengungen. Die Beleuchtung der Helfer hüllt den mächtigen Tunnelgang, in dem der Höhlenbach laut über großes Blockwerk dahinrauscht, in ein zauberhaftes Licht. Immer wieder wandelt mein Blick durch diese bizarre Landschaft. Ab und zu werde ich von den Blitzen der Fotografen erhellt. Nach 5 Stunden läst der Akku der Bohrmaschine nach, ebenso wie mich meine Kräfte verlassen. Endlich kann ich Feierabend machen. 15 m weit habe ich mich, teilweise überhängend, im „Ikarus-Schacht“ nach oben gebohrt und in ca. 8 m Höhe die Basis der Höhlendecke eingerichtet. Von da aus geht es beim nächsten Mal über den Deckenabbruch in den eigentlichen Schacht, der sich weit oben im Finstern verliert. Insgesamt wurden 17 Anker verbraucht. An der Schachtwand konnte ich leichten Luftzug abwärts feststellen, was aber auch durch meine Eigenthermik verursacht werden kann.

06.10.01 Wieder am Ikarus

Wieder bin ich mit einem Helfer zum „Ikarus“ unterwegs. Vom Endpunkt des Querganges aus, bereitet der Übergang in die überhängende Schachtzone die befürchteten Schwierigkeiten. Aber auch dieses Hindernis wird überwunden und so hänge ich nach einer Stunde mitten in der Decke am Schachtansatz. Die Wand ist überraschender Weise völlig mit klebrigem Schlamm überzogen. Bald sehe ich echt versaut aus. Die Ausrüstung ist mit einem dicken braunen Überzug belegt.

Nach 3 m erreiche ich eine steil ansteigende Rinne, in der ich nun leichter nach oben komme. Weitere 12 m höher stehe ich endlich auf einem kleinen Sockel und kann mich ausruhen. 25 m über dem Höhlenbach ist die Aussicht atemberaubend. So etwas habe ich noch nie gemacht, geschweige denn aus solch einer Position gesehen. Die unter dem Schacht abgestellte Karbidlampe verwünscht den Höhlenbach in das Licht eines skandinavischen Sonnenuntergangs. Die Wände des Schachtes glitzern im Gegenlicht wie ein mondloser Sternenhimmel im Outback Australiens. Ich atme tief durch. Das sind Momente die man nur selten erlebt.

Ab hier wird es wieder etwas überhängend und der Fels mergelig weich. Ich muss mehrere Löcher bohren, bis ein Dübel den Anschein macht, zu halten. Einen guten Eindruck macht das alles nicht. Langsam geht mir die Kraft aus. Nach weiteren 5 m setze ich 4 Sicherungsanker, um von hier aus abzuseilen. Nach oben geht es noch etwa 7 m weiter in eine glockenförmige Erweiterung. Die Decke ist horizontal und hat zwei ca. 1 m große Öffnungen. Eine davon sieht viel versprechend aus. Ihr Rand wird gesäumt von weißem Sinter, darüber ist es völlig schwarz. Den Zugang in diese Löcher, kann man nur über einen ausgesetzten Quergang  erreichen, was sicher sehr schwierig wird. Das hebe ich mir für’s nächste Mal auf.

28.10.01 Ein neuer Siphon?

Heute bin ich alleine unterwegs und öffne in der Mühlbachpromenade die Engstelle zum „Raupensiphon“, den bis jetzt nur Martin Q. gesehen hat. Die Arbeit erweist sich auf Grund der Enge als sehr mühsam. Ich bohre von außen vier Löcher, um den störenden Felsblock zu entfernen. Mit aller Gewalt gelingt es mir, mich in den in zwei Meter Höhe befindlichen Spalt zu zwängen. Mit den Beinen in der Luft baumelnd, beginne ich nun den Rest des Schlufs so weit zu öffnen, dass ich in den vor mir erscheinenden, reich versinterten Kluftgang gelange. Die Arbeit geht ausgesprochen gut von der Hand. Nach zwei Stunden bin ich fertig und erkunde den sehr schönen, etwa 2 m breiten und bis zu 6 m hohen Gang, der nach insgesamt 20 m an einem ca. 80 cm breiten Siphonbecken endet. Die Wände runden sich zum Siphon hin und die einzelnen Bankungen haben sich baumkuchenartig bis zur Decke hoch herausgebildet. Das Gangende sieht wirklich wie ein Raupenkörper aus. Hier muss mal getaucht werden.

Ich habe noch Zeit, deshalb nehme ich den Verlauf der „Mühlbach-Promenade“ bis zum „Hauptgangsiphon“ etwas genauer unter die Lupe. Dabei stelle ich am Kristallbecken, das sich etwa 25 m vorher befindet, mäßigen Luftzug nach oben in eine Öffnung der Deckenkluft fest. Eigentlich müsste der Luftzug unten im Gang, Richtung „Hauptgangsiphon“ verlaufen. Gibt es da oben etwa noch unentdecktes? Das werde ich mir in den nächsten Wochen mal näher ansehen.

Weiter geht’s zum „Digeridoo“, den mysteriösen Wassergeräuschen bin ich auf der Spur, die der Halle ihren Nahmen geben. Nachdem ich die hohe Verbruchhalle mehrmals abgeklettert habe, ist die Herkunft der Geräusche geklärt. So wie es derzeit aussieht, tritt das Wasser, dass am Hallenanfang unter der südlichen Felswand verschwindend, 10 m weiter im Verbruch unter der westlichen Hallenwand wieder aus, durchquert den mächtigen Verbruchberg mit leichtem Gefälle und verschwindet dann wieder in der gegenüber liegenden Hallenwand, um an der kleinen Mühlbachquelle auszutreten. Hier bieten sich in Hangnähe sicher noch interessante Möglichkeiten Neuland zu finden.

11.11.01 Sensationelle Entdeckung

Es befinden sich außer uns noch zwei Gruppen in der Höhle. Für Vermessung zwei und Fotodokumentation drei Personen.

Martin Queitsch begleitet mich zu zwei Siphonsondierungen. Die erste ist am „Zwergensiphon“, die zweite wird am „Nordgangsiphon“ durchgeführt.

Der „Zwergensiphon“ konnte mit der Stabkamera auf eine Länge von 3,5 m, horizontal verfolgt werden. Dabei stellte sich heraus, dass sich der Gang nach etwa einem Meter auf ca. 1 m Höhe und 50 cm Breite vergrößert. Am Ende zieht er nach unten weg und verengt sich offensichtlich wieder zu einer engen Spalte. Deutlich ist am Monitor die starke Strömung nach unten zu erkennen. Betauchbar ist dieser Siphon nicht. Selbst wenn man ihn erweitern würde, der starke Sog einwärts würde einen wie einen Korken in eine Weinflasche drücken.

Es geht weiter in den Nordgang. Martin war noch nie in diesem Teil und ist schon ganz aufgeregt. Ich lasse ihn vorgehen und erkläre ihm die nicht so offensichtlichen Besonderheiten dieses Ganges, der die Hauptentwässerungsader des Polje um Eutenhofen ist. Durch diesen Gang hat sich das Hochwasser von 1909 seinen Weg von der Hochfläche ins Tal nach Mühlbach gebahnt. (Das Originalschreiben der Hochwasserkatastrophe von 1909 im Altmühltal, des Bezirksamtmanns Eyman, findet Ihr demnächst in der Rubrik –Karstphänomene-).  

Am Siphon angekommen bereiten wir uns auf die Kamerasondierung vor. Der 7 m breite 2,5 m hohe Gang endet hier an einer senkrechten Wand, die jetzt im November 3 cm unter die Wasserlinie reicht. Darunter kommt nach 15 cm Wassertiefe der Siphonboden, der sich aus einer tiefen, zähen, lehmsandartigen Sedimentschicht zusammensetzt. Drei Meter vor der Wand haben sich zwei mächtige Stalagtate (Tropfsteine, die Bonden und Decke verbinden) von ca. 1,5 m Durchmesser von der Decke gelöst und sind Richtung Abschlusswand gerutscht. Wenn man sich diese Situation genauer betrachtet, kommt man zwangsläufig zu dem Schluss, dass sich diese tonnenschweren Sinterformationen einstmals während eines gewaltigen Hochwassers von der Decke lösten, weil sie durch den anströmenden Wasserdruck aus dem Siphon unterspült wurden. Dabei rutschten sie in die entstandene Strömungsmulde. Nach diesem Ereignis haben sich bereits wieder starke Bodenversinterungen unter den Abrissstellen gebildet. Durch eine Sinterdatierung könnte man genau feststellen, wann sich dieses sicherlich auch für die gesamte Region schwere Hochwasser ereignete.  

Doch zurück an den Siphon. Martin schraubt die Kamerastäbe zusammen und führt das wasserdichte Objektiv unter die Siphondecke. Die Sicht ist ausgesprochen gut, da von vorne immer klares Wasser zugeführt wird. Nach 2,5 m Länge sehe ich an der absolut glatten Decke einen 30 cm breiten Wasserspiegel. Wir sind völlig aus dem Häuschen. Soll das schon das Ende des Siphons sein? Es wird der nächste 1 m lange Stab angeschraubt und Martin schiebt ihn weiter am Boden entlang. 3,5 m sind wir jetzt vorgedrungen und immer noch ist über dem Objektiv ein glitzernder Wasserspiegel zu sehen. Leider steigt die Kamera wegen des fehlenden Auftriebs nicht nach oben. Ich schraube den nächsten Meter an die Stange. 4,5 m und die Fahrt ins Ungewisse geht weiter. Wieder ist das Ende der Stange erreicht, aber diesmal schiebt sich irgendetwas vor die Linse. Martin zieht die Kamerasonde etwas zurück. Der letzte halbe Meter wird hinten angeschraubt. Er legt sich am Boden ins Wasser, schiebt mit ausgestrecktem Arm den Rest der Stange so weit es geht unter die Siphondecke. Plötzlich sieht es so aus als ob sich die Kamera auf eine Schotterböschung hinauf schiebt. Viel kann man nicht erkennen, da die Linse immer noch Unterwasser ist. Wir beschließen, alles noch einmal herauszuziehen und vorne am Kamerakopf eine kleine, leere Plastikflasche mit Isolierband zu befestigen, damit dieser hinter der Siphonwand über die Wasseroberfläche gedrückt wird.

Jetzt wird es spannend. Martin schiebt die Stangen und ich schraube die einzelnen Stücke hinter ihm nacheinander besonders fest zusammen, damit wir den Kamerakopf über den Wasserspiegel drehen können. Es funktioniert super. Wir fahren an der Siphondecke entlang nach hinten. Bald ist die erste Luftblase an der Höhlendecke zu erkennen. Leider aber misst sie über der Wasserfläche nur einige Zentimeter. Weiter geht’s, je mehr wir vorwärts kommen umso höher wird der Luftspalt. Dann das Unglaubliche. Nach ca. 5,5 m verschwindet die Höhlendecke ins Schwarze. Die Kamera schwimmt auf einer dunklen Wasseroberfläche. Sonst ist nichts zu erkennen. Nach 6 m erreichen wir das rechte Bachufer, an dem von vorne Wasser über Schotterboden fließt. Nur der Boden ist zu erkennen. Keine Wand und keine Decke werden vom Licht der Lampe erreicht. Wir jubeln vor Freude. Unsere Vorahnung wird bestätigt, der Nordgang setzt sich hinter einer 6 m dicken Felsbarriere ebenso großräumig fort. Die wichtigste Gangfortsetzung der Höhle wurde entdeckt, denn in diesen Höhlenteil entwässert die gesamte nördliche Oberfläche um Eutenhofen. Wir haben alles gesehen was wir wollten und ziehen die Kamera aus dem Siphon zurück. Bei uns angekommen halten wir das Objektiv in Richtung Halle, um zu prüfen welche Dimensionen wir hier bei uns am Monitor erkennen können. Der Gang in dem wir uns befinden ist 2,5 m hoch und 7 m breit, rechts stehen zwei große Tropfsteinstümpfe. All das ist am Monitor zu erkennen, also ist der neue Gang sicher eben so groß. Welch eine Sensation. Der Nordgang ist bis hier her ein sehr gleichmäßig und ruhig dahin mäandrierender Gang der nur von einem kleinen Bach durchflossen wird. Es sieht nun so aus, als ob dieser Gang am Siphon nur durch einen etwa 6 m langen Deckenversatz, der bis zum Wasserspiegel reicht, unterbrochen wird. Die Gänge dahinter könnten sich in gewohnter Weise lufterfüllt und ebenso groß weiter, bis ans ca. 3 km entfernte Eutenhofen, fortsetzen. Die „Nordpassage“ wäre dann gefunden. Am nächsten Wochenende wird versucht den Siphon zu bezwingen.

17.11.01 Entdeckung der kilometerlangen „Nordpassage“

Vergangene Woche habe ich am Atemschlauch wichtige Verbesserungen vorgenommen, um bei der geplanten Unterwassergrabung alle möglichen Risiken auszuschalten. Ich habe für heute eine, zumindest in der Frankenalb noch nie da gewesene Grabung geplant, an der Martin Queitsch, Robert Queitsch, Steffen Hoffmann und Martin Rüsseler beteiligt sind. Da ich bei diesem Unternehmen über viele Stunden hoch konzentriert arbeiten muss, habe ich nur eine kleine Gruppe von Leuten eingeweiht, damit ich bei diesem für manchen sicher sehr unterhaltsamen Event, nicht ständig abgelenkt werde. Dafür werde ich später von manchem mit Undank und Unverständnis belohnt. Aber Sicherheit geht vor.

07.30 Uhr. Treffpunkt Mühlbach, Haus des Gastes.

08.30 Uhr. Alle Schleifsäcke sind gepackt, wir fahren in die Höhle ein.

09.30 Uhr. Ankunft am „Nordgangsiphon“. Martin R. und Steffen H. sind im vorderen Teil des Ganges damit beschäftigt ein Absetzbecken für den durch die Unterwassergrabung aufgewirbelten Schlamm anzulegen. Wir bereiten am Siphon alles für die Grabung vor. Als Werkzeug haben wir eine große Sandschaufel, eine Transportwanne und eine Unterwasser-Klappschaufel dabei.

11.00 Uhr. Martin R. und Steffen stoßen zu uns. Wir beginnen damit vor der Siphonwand eine geräumige Mulde anzulegen, um später besser hinein tauchen zu können.

12.30 Uhr. Wir haben soweit unter die Siphondecke gegraben, dass jetzt nur noch unter Wasser weiter gearbeitet werden kann. Wir machen eine Pause in der ich den Atemschlauch für den Grabungstauchgang vorbereite. Der Schlauch ist 6 m lang und hat vorne ein Atemventil. Dieses Gerät habe ich schon im Ostsiphon 1 zum Einrichten des Führungsseils benutzt. Damit konnte ich über eine Stunde unter Wasser bohren und arbeiten. Das war die Feuertaufe für die schon damals geplanten Arbeiten am „Nordgangsiphon“.

Jetzt wird es ernst. Ich ziehe Neoprenhaube, Handschuhe und Brille an, nehme den Atemschlauch in den Mund und lege mich in die Mulde vor der Siphonwand. Das Wasser hat sich schon wieder aufgeklart, so dass man etwa 1,5 m weit in den ausgegrabenen Unterwasserschluf schauen kann. Danach hebt sich das Bodensediment wieder bis auf 10 cm unter die Decke. Ich tauche noch einmal auf um den anderen, die mich betreuen, die nötigen Anweisungen für den Tauchgang zu geben.

Nun schiebe ich mich auf dem Bauch liegend in den 40 cm hohen Schluf. Noch ist die Sicht super. Nach 1,5 m erreiche ich das Grabungsende, dahinter ist nur ein ewig langer 10 cm hoher und ca. 3 m breiter Spalt zu erkennen. Ich beginne mit den Händen den Boden unter mir noch etwas aufzulockern und freizulegen um bauchfreiheit zu bekommen und nicht so stark an die Decke gepresst zu werden. Sofort wird es um mich herum stockfinster. Die Sicht ist auf den Luftraum in meiner Taucherbrille begrenzt. Ein unheimliches Gefühl überkommt mich. Ich versuche meine Gedanken zu sammeln und die Situation ruhig zu überdenken. Prinzipiell kann, so lange ich den Atemschlauch nicht aus dem Mund verliere, kann nichts Dramatisches passieren. Sicht brauche ich keine und die Orientierung kann ich auch nicht verlieren, da man ja in einem nur 80 cm breiten und 40 cm hohen Schluf liegt, in dem es nur eine Richtung gibt, nämlich die zurück. So beruhige ich mich schnell wieder und grabe weiter. Den Aushub von vorne versuche ich so weit wie möglich rechts und links in die Unterwasserspalte zu schieben. Nach 15 Minuten rufe ich durch den Atemschlauch zu Robert, der am Ende sitzt, die anderen sollen mich und den Atemschlauch langsam und vorsichtig zurückziehen. Draußen angekommen erzähle ich kurz was passiert ist und mache mich gleich wieder an die Arbeit. Das Wasser ist wieder klar und der Schluf nun etwas über 2 m lang. Mittlerweile verschwinde ich völlig unter der Siphonwand. Der Sicherungstrupp sieht nur noch den schwarzen Schlauch, der unter die Decke führt. Ich weiß nicht wie es denen da draußen geht, aber ich fühle mich total wohl und habe das Gefühl ein Fisch zu sein, der einfach ins Wasser gehört und außerhalb nur sterben würde. Das Graben ist sehr anstrengend, aber so wird es mir wenigstens nicht zu kalt. Dennoch zehren die +8° C Wassertemperatur an meiner Substanz, zudem muss ich immer wieder zurück und abwarten bis sich das Wasser aufklart.

14.00 Uhr. Um diese Zeit wollte ich eigentlich schon das Siphonende erreicht haben. Ich sehe vor mir zwar schon einen Wasserspiegel unter der Decke, der ist aber wesentlich niedriger, als bei der Kamerasondierung vermutet. Mit nur 1 cm Höhe ist er nicht zu verwenden. Einzig und allein als Anhaltspunkt für die Richtung und die noch zu erwartende Länge des Unterwasserschlufs ist er nützlich. Ich bin jetzt schon über 3,5 m vorwärts gekommen, aber die Decke hebt sich immer noch nicht über den Wasserspiegel und der Luftspalt bleibt winzig. Ich muss wieder zurück um mich etwas auszuruhen. Die anderen scheinen langsam nervös zu werden, doch zu ihrer Beruhigung erkläre ich, beim nächsten Versuch durchzukommen.

14.45 Uhr. Ich tauche wieder ein. Der Wasserspiegel am Ende ist jetzt schon ziemlich breit, der Schluf aber noch so niedrig das ich den Kopf nicht heben kann, um gut nach vorne schauen zu können. Deshalb suche ich die Handlampe die ständig irgendwo herumliegt und sowieso kein Licht bringt, um damit die Decke abzuklopfen, wann denn wohl der Absatz kommt. „Nichts, Mist!“ Langsam wird es nervig. Ich will nicht noch einmal raus, also weiter graben bis ich durch bin. Ich schiebe das Sediment an beiden Seiten hoch und drücke mich mit den Ellbogen weiter nach vorne. Wo ist denn nur die blöde Lampe wieder! Endlich finde ich sie und fahre an der Decke, so weit es geht nach vorne. Hoppla, was war das, irgendwas tut sich da vorn. Tatsächlich, der Absatz kommt. Noch einen Meter und ich bin durch. Ich rufe durch den Atemschlauch „Zurück“ und Martin R. zieht mich am Seil, das an meinem rechten Fuß angebunden ist, langsam wieder heraus. Alle schauen mich sehr betroffen an, aber als ich sage, dass der Wandabsatz nicht mehr weit sei, können sie es kaum glauben.

15.00 Uhr. Diesmal will ich durchkommen. Das wird der letzte Tauchgang. Ich gebe noch einige wichtige Anweisungen, wie der Transport des Werkzeugs durch den Siphon vor sich gehen soll, dann verschwinde ich wieder unter der langen Felswand. Jetzt wird es noch einmal gefährlich. Man neigt am Schlufende meist dazu, nur soviel auszugraben, um gerade mal durchzukommen. Das wäre unter Wasser fatal, deshalb zwinge ich mich, den Ausgang sorgfältig zu erweitern um beim Rückweg kein unnötiges Risiko eingehen zu müssen. Ich spüre beim Buddeln wie der Boden nach vorne nachgibt und schiebe den Lehm nun auch ins Freie. Noch immer kann ich nichts sehen. Die Lampe liegt schon im Neuland und beleuchtet hoffentlich eine geräumige Gangfortsetzung. Mit den Fußspitzen schiebe ich mich nach vorne, bis der Rand meiner Maske den Wasserspiegel durchbricht. Ich blicke tatsächlich, nach 170 Minuten unter Wasser, wieder mal als erster Mensch in ein bis heute verborgen gebliebenes Geheimnis unseres Planeten. Über den Atemschlauch rufe ich den anderen zu „Juhu, ich bin durch!“ und schiebe mich ins Freie. Der Gang wirkt gespenstisch. Ein schwarzer Tunnel verschwindet im Nichts. Ich rufe „Hallo Höhle“, und sie antwortet tatsächlich mehrere Male mit „Hallo Höhle“. Der Gang geht also weiter und hört sicher nicht gleich wieder auf!

Jetzt wird es noch mal sehr brenzlig. Durch den Siphon müssen zusätzlich der Kommunikationsschlauch, das Führungsseil, das Transportseil und der Atemschlauch so verlegt werden, dass sich nichts verheddert, und wir auch sicher zurückkommen. Wasserdicht im „Ortliebsack“ verpackt kommt die Bohrmaschine mit der ich das Führungsseil mit einem Maueranker befestige. Ganz rechts liegt die Sprechverbindung.

15.15 Uhr. Nun einige Mitglieder versuchen der Sicherungs-mannschaft den Siphon zu durchtauchen. Als erster will es Robert probieren. Aber nach 20 cm gibt er wegen des zu hohen Atemwiderstandes im Schlauch auf. Auch Martin R. kommt mit seiner Maske und dem Atemschlauch nicht zurecht und muss aufgeben. Der letzte ist Martin Q. Bei ihm bin ich mir sicher, dass er durchkommt. Und so dauert es auch nicht lange bis er mit seinem Tauchgerät, der 1 l Flache, bei mir auftaucht. Zu zweit sitzen wir nun im Gang und er fragt mich neugierig, wie weit ich schon gegangen bin. Aber ich habe mich nicht einen Meter vom Siphon entfernt, denn Neuland wollen wir doch zusammen machen.

15.30 Uhr. Wir verlassen den Siphon und begeben uns mit Martins neu entwickeltem Vermessungsgerät in die „Nordpassage“, um dort eine Stunde lang Neuland zu vermessen. Mich überkommt das überwältigende Gefühl, in diesem Gang einfach kilometerweit ins Hochplateau vordringen zu können. Messzug um Messzug, stoßen wir in den geräumigen Gang vor. Das Flussbett ist etwa 5 m breit. Man hat den Eindruck als käme jeden Moment ein riesiger Tsunami auf einem zu, denn der gesamte Lehmboden ist von Fließformen geprägt, die auf extrem schnell fließendes Wasser hindeuten. Aber wir wissen bereits, dass nur bei Schneeschmelze und bei sehr ergiebigen Regenfällen im vorderen Nordgang Hochwasserspitzen von 30 cm Höhe vorkommen. Es besteht heute keine Gefahr. Nach 70 m erreichen wir einen Deckenabsatz. Dahinter zieht ein beeindruckender 10 m hoher Kamin nach oben. Gleich danach der nächste, mit einem Gangansatz in 4 m Höhe, nach Süden. Je weiter wir vordringen, umso größer wird der Gang. Jetzt ist er teilweise 7 m breit, doch wieder bricht die Decke bis auf 1,5 m Höhe über dem Dach ab. Gebückt gehen wir unter der völlig glatten Decke weiter. Diese Passage erinnert irgendwie an den Siphon, den ich vorhin ausgegraben habe. Zum Glück ist hier die Decke höher. Nach 20 m steigt sie wieder an und bleibt 4 – 5 m hoch. Wieder mündet von Süden ein Seitengang ein, aus dem zwei kleine Gerinne fließen, insgesamt etwa 3 l/s. Wir sind schon 300 m vorgedrungen und die eingeplante Stunde ist vorbei. Die letzten  5 Messplaketten wollen wir noch verlegen. Am vierten, diesmal westlichen Gangabzweig bohre ich die letzte Plakette Nr. 524 an die linke Felswand. Im 40° Winkel setzt sich der Gang in unglaublichen Dimensionen von 7 m Breite und 8 m Höhe etwa 20 m weit fort, bis er ein schwarzes Loch bildet. Wir sind überwältigt von den Ausmaßen der Höhle, die ab heute in die Kategorie der Riesenhöhlen aufsteigen wird. Ich rufe ein letztes Mal in die Gangfortsetzung hinein und wieder habe ich den Eindruck einfach weiter laufen zu können. Aber wir kehren hier auf offener Strecke um, in einem Höhlengang, der ehr nach Frankreich oder Slowenien gehört. Mit 15 Minuten Verspätung kommen wir am Siphon an. Die anderen sind schon da und erwarten uns neugierig. Alle Ausrüstungsgegenstände werden in den wasserdichten Ortliebsack verpackt und durch den Siphon geschickt. Dann lege ich mich mit den Füßen voran in den Siphon und Martin Q. gibt den anderen Bescheid, damit sie den Atemschlauch langsam immer auf Spannung haltend mit mir zurückziehen. Ich komme ohne Probleme durch den 6 m langen Siphon. Alle begrüßen mich mit leuchtenden Augen. Sie lauschen gespannt meinen Erlebnissen vom Neuland, während Martin nun auch mit seiner Tauchausrüstung bei uns erscheint. Ich habe den Eindruck sie glauben, wie es dahinten weitergeht, und dass wir in einem riesigen Gang auf offener Strecke umgekehrt sind.

17.30 Uhr. Wir machen uns nach 10 Stunden harter Arbeit auf den Rückweg und erreichen um 18.30 Uhr den Ausgang.

Diese Aktion wird vermutlich in die Geschichte der Höhlenforschung der Fränkischen Alb eingehen. Nach einer kurzen Kamerasondierung letzte Woche habe ich innerhalb von 8 Tagen eine Expedition vorbereitet, die wie immer Erfolgsgarantie hatte. Mit dem Wissen über die Höhle, meiner langjährigen Erfahrung und meiner jeder Schwierigkeit angepassten Höhlentechnik gelang mir unter Mitwirkung meines Sicherheitsteams (Martin Q. und Robert Q., Steffen Hoffmann und Martin R.) einen der größten Erfolge die es bei uns in der Frankenalb je gegeben hat. Ich bin wieder einmal überaus Stolz, eine so gute und zuverlässige Truppe zu haben. Schade nur, dass sich unsere Wege heute Abend trennen und wir den Erfolg nicht gebührend miteinander feiern können. Gesamtganglänge. 3820 m.

Die Erfolge in der Mühlbachquellhöhle werden unauslöschlich in mir verankert bleiben, egal wie groß die Wasserhöhlen auch sein mögen, die ich im Altmühltal noch zu finden gedenke.

01.12.01. Rekordvermessung in der Nordpassage

Die Vorbereitungen der letzten Woche sind abgeschlossen. Martin Q. hat sein Vermessungsgerät modifiziert und mit einer 1000 m Rolle versehen. Ich habe meinen Atemschlauch gewartet und alles Wichtige für eine Rekordvermessung in der Franken Alb vorbereitet. Denn nie zuvor bestand hier die Möglichkeit an einem Tag 1000 Meter Neuland zu vermessen.

Wir treffen uns im Haus des Gastes und besprechen noch mal alle Einzelheiten. Robert hat während der Nacht Fieber bekommen und fühlt sich nicht wohl. Er bleibt draußen. Als Ersatzmann springt Christof Gropp ein. Wir begeben uns nach oben ins Camp und packen die Schleifsäcke. Um 12 Uhr geht’s zum Eingang. Nach der letzten Befahrung habe ich das Gefühl, als könnten wir heute tatsächlich die unglaubliche Neulandstrecke von 1000 m überschreiten und vermessen. Alle dafür notwendigen Maßnamen habe ich getroffen. Verursacht durch den bereits 10-tägigen Regen hat sich auch die Wassermenge in der Höhle erhöht. Beim Befahren der Wassertunnels mit den Schlauchbooten ist eine geringfügige Bachtrübung festzustellen. Wieder deutlich erkennbar kommt diese aus dem Nordgang.

Am Siphon im Nordgang, dem „Maulwurfsiphon“,  angekommen mache ich mich fertig, um den bestimmt wieder etwas aufsedimentierten Siphonboden auszugraben. In den vergangenen 8 Tagen hat er sich aber nur wenig aufgefüllt, trotzdem musste ich doch ca. 10 Minuten unter Wasser graben. Drüben angekommen gab ich Christof Bescheid, er könne sich für den Tauchgang fertigmachen. Nach dem dritten Anlauf erkenne ich im niedrigen Luftspalt Christofs Neoprenhaube. Ich mache mich durch lautes Rufen bei ihm bemerkbar, um ihn zu beruhigen, dass es nicht mehr weit ist.  Schon wenige Sekunden später schiebt sich sein Kopf unter der flachen Felsdecke in sein erstes Neuland in der MBQH. Als er dann neben mir steht ist ihm deutlich anzusehen, dass er sich im Augenblick gar nicht so wohl fühlt. Auf meine Frage, sagt er nur: “Mir geht’s ganz gut, aber ich muss da ja wieder am Rückweg durch!”. Ich versuche ihn nochmals zu beruhigen, während Martin bereits bei uns auftaucht.

Wir packen die Schleifsäcke zusammen, für die Befahrung ins Land der Auserwählten. Es ist kurz nach 14 Uhr, als wir den Messpunkt 524 erreichen. Ich betrete die große Gangfortsetzung und bohre einen Messpunkt nach dem anderen in den bis zu 5 m hohen Tunnel, dessen Wände über und über mit Fließfacetten bedeckten sind. Nach jedem Messzug wird der Gang größer. Ich kann es nicht fassen, in welch riesigen, teilweise canyonartigen Gangprofilen wir uns hier weit unter der Hochfläche bewegen. Wie ich letzte Woche schon vermutet habe steigt nun der Felsboden 500 m nach dem „Maulwurfsiphon“ über den Lehmstauhorizont des „Bermuda Dreieck“ an. Wir laufen auf glatt gewaschenem Felsboden, durch einen traumhaften Gang in einem kleinen Bach, immer tiefer ins Hochplateau hinein. Langsam nimmt das Rauschen des Wassers wieder zu. Wir biegen um die Ecke und blicken in einen 3 m breiten und 6 m hohen Kastenprofilgang. In der Ferne, aus dem uns immer noch dieses laute Wasserrauschen entgegen kommt, verschwindet er im Dunklen. In diesem Augenblick, ist das was wir hier tun, auf keinen Fall begreifbar. Jeder von uns ist mit sich und seiner Aufgabe beschäftigt, so dass sich die Unterhaltungen auf das Nötigste beschränken. Ich sehe die Lichter der anderen sowieso nur selten, und wenn Christof doch mal ganz hinten erscheint, nur als winzigen Lichtpunkt. Das Rauschen wird immer lauter, der Gang knickt leicht nach rechts und dann ist die Ursache des Geräusches zu sehen, nämlich der kleine Wasserfall in der „Nordpassage“. Er ist wunderschön und ergießt sich über eine einen Meter Hohe Felsstufe aus einer überwältigenden Szenerie. Der Gang öffnet sich  zu einer beeindruckend großen Halle, der „Arena“. Wir steigen hoch, betrete die Halle über ein ca. 2 m breites Felsbachbett und stehen, wie am Boden fest geeist an einer riesigen Gangverzweigung.

Etwas verdutzt blicke ich mich um, ohne zu wissen wohin ich jetzt den Messzug legen soll. Aus dem rechten Gang kommt der Hauptbach mit sehr trübem Wasser. Seine Ausmaße betragen ca. 4 m Breite und 6 m Höhe. Die linke Abzweigung hat mit einer Deckenspannweite von mindestens 6 m wesentlich größere Ausdehnungen. Hieraus läuft aber nur ein kleines glasklares Bächlein. Ich warte hier erst mal auf die anderen. Als sie bei mir eintreffen blicken wir uns alle ungläubig an. “Kann das denn wahr sein, eine Gangverzweigung” sagt der eine, der andere “Was kommt den nun noch alles auf uns zu, ich fasse es nicht!”.

Wir entscheiden uns für den Hauptbachlauf und legen nur einen 20 m Zug in den linken Gang, der sich danach zu einem großen Canyon entwickelt dem „Grand Canyon“. Weiter geht’s. Wieder öffnet sich die Fortsetzung zu einem hohen glatt ausgewaschenen Gang mit Felsboden, ausgekleidet  von Fließfacetten. Er führt schnurgerade in die Dunkelheit. Versinterungen, bis auf die hinter dem „Maulwurfsiphon“ sind bis jetzt nur vereinzelt aufgetreten. Plötzlich taucht vor mir in dem mächtigen, ovalen Felsgangprofil eine große massive Sinterformation auf, die auf einem Verbruchberg zu ruhen scheint, den gesamten Gang verschließt. Nur auf der linken Seite öffnet sich darunter ein etwa 2 x 2 m großer Durchgang, dessen Decke aus reinem Sinter, komplett von Fließfacetten überzogen ist. Dahinter geht es in gleicher Manier wie vorher, mit einer sanften Linkskurve, weiter. “Was ist denn das da vorne schon wieder”, höre ich mich leise sprechen. Es sieht aus wie ein riesiger Mammut Stoßzahn, der mitten im Gang steht. Die Länge wäre ja O.K., drei Meter, aber mit einem Durchmesser von 1 m, vielleicht doch etwas zu groß.

Ich nähere mich dem Objekt. Es entpuppt sich als ein wahrscheinlich vor langer Zeit Gang füllendes Tropfsteingebilde, das bis zu seiner jetzigen Form durch anströmendes Wasser erodiert wurde. Es ist von oben bis unten mit Fließfacetten bedeckt. Nur wenige Meter weiter schmückt eine 6 m lange Wandorgel die rechte Seite. Der Gang wird nun immer niedriger 1,5 x 2 Meter groß, bis er schließlich an einem Siphon, dem „Nordostsiphon“ endet. Vorher zweigt ein etwa 1,5 m hoher und 3 m breiter Gang nach links ab. Er ist zur Hälfte mit Lehm verfüllt, in den sich ein schmales, zurzeit inaktives, Gerinne bis auf den Felsboden eingeschnitten hat. Wir vermessen auch diesen Gang nur auf ca. 20 m Länge. Eine weitere Verzweigung, aus der das Gerinne kommt wird nicht untersucht. Hier sind also noch zwei offene Fortsetzungen.

Zufrieden, mit dem bis jetzt vermessenem Neuland, erreichen wir um 17.30 Uhr die „Arena“  und machen erst einmal Mittag. Endlich sitzen wir für kurze Zeit zusammen und können unsere Eindrücke gegenseitig austauschen. Martin Q. und Christof geht es nicht anders als mir. Alle sind wir erschlagen von den Eindrücken die wie ein Trommelfeuer auf uns niederprasseln. Das zu verarbeiten dauert vermutlich noch Tage.

Nach dieser kurzen Pause können wir uns wieder voll auf die Arbeit konzentrieren, nämlich unsere Höhle in die Riege der Riesenhöhlen aufsteigen zu lassen. Das bedeutet, die 5000 m Marke muss überschritten werden. Dafür haben wir gute Chancen. Ich gehe wieder vor und suche die günstigste Messzuglinie durch den weiterhin größer werdenden Gang. Jetzt muss auch noch über einen bis zu 3 m tiefen und 50 cm breiten Canyon gespreizt werden. Die Wände ziehen sich mit 50° Neigung bis zur Decke hoch. Es ist sehr schwierig, die lehmigen Stiefelsohlen auf den mit Fließfacetten überzogenen Wänden zu halten, ohne in den tiefen Spalt zu rutschen. Nach 100 m steigt der Canyonboden wieder an und wir laufen in normalen bis zu 8 m breiten Tunnelgängen weiter. Plötzlich knickt der Gang nach links ab und wird merklich kleiner. Interessant ist das glasklare Wasser und die teilweise 2 m hohen Sedimentbänke, die an den Seitenwänden deutlich strukturiert aufsteigen. Nach weiteren 200 m erkennt man, dass die Höhlendecke bis zur in dieser Höhle meist deckenbildenden Platinota-Mergelschicht, nach oben ausgebrochen ist und der Gangboden dadurch bis auf knapp 2 m unter die Decke aufgefüllt ist. Bald trifft an einem Gangknick ein weiterer Seitengang auf die vom Deckenverbruch fast vollständig verstürzte linke Gangfortsetzung. Als ich in den Seitenteil, der bis auf einen 50 cm hohen Spalt bis unter die Decke mit Lehm aufgefüllt ist hineinrufe, kommt mir ein beeindruckendes Echo entgegen. Wir beschließen zuerst einmal im vermutlich kleineren Gangteil weiter zu vermessen. Bald kommt der nächste Abzweig, dann eine sehr markante Verwerfung, die uns Christian S. schon angekündigt hat. Er meinte hier könnten wir auf einen Wasserfall treffen. Aber wie immer kommt alles ganz anders. Der Höhlengang passiert die Verwerfung ganz unspektakulär und macht nur eine kleine S-Kurfe. Die Höhle ist also jünger als die Verwerfung. Kurz danach ein niedriger Seitengang von rechts, gefolgt von einem Schachtversturz, durch den ich aber bald den Abstieg in einen 10 m langen Höhlensee finde. Am Ende des Sees öffnet sich ein 2 x 2 m großer Durchgang in eine etwas größer werdende Röhre, die nach weiteren 15 m am Nordwest-Siphon endet. Das ist schon der 14te Siphon in dieser Höhle. Es ist bereits 21.45 Uhr geworden und Gefühlsmäßig nähern wir uns der 5000 m Marke. Heute haben wir auf jeden Fall schon 1100 m Neuland vermessen. Es fehlen also nur noch weniger als 100 m. Selbst diese 100 m sind ja schon im nicht vermessenen “Terra inkognita“ und im “Ikarusschacht” bekannt. Aber was soll’s, auf dem Rückweg liegt ja noch der Gang mit dem viel versprechenden Echo.

Voller Erwartung steige ich, während Martin den Messzug anknüpft, zum schmalen Lehmspalt hoch. An der Decke angekommen stelle ich eindeutig starken Luftzug auswärts fest. Im Durchschlupf ist der Lehmboden deshalb fast trocken, dahinter aber, wie Schokoladenpudding und 20 cm tief. Ich stehe in einer 10 m breiten runden Halle, die keine Fortsetzung hat. Ratlos blicke ich zu Christof und Martin und frage ob da wirklich Luftzug ist. “Natürlich”, antworten mir beide. Also laufe ich die große verlehmte Sinterformation hoch und finde dahinter einen kleinen Durchschlupf. Wir sind uns einig, hier ist für heute Schluss, egal was noch fehlt. 1165 m vermessen, etwa 10 Seitengänge und zwei Siphon´s, warten auf weitere Expeditionen.

Wir machen uns auf den Weg zurück zum „Maulwurfsiphon“. Christof ist die Anspannung anzusehen, auf ihn wartet zum zweiten Mal der Tauchschluf. Nach 1 Stunde haben wir den Siphon erreicht. Alles läuft schon sehr routiniert ab und nach 30 Minuten sind wir auf der anderen Seite. Jetzt geht es auch Christof wieder merklich besser. Es folgt der gemütliche Teil der Befahrung, nämlich die Bootsfahrt Richtung Ausgang. Um 1.15 Uhr, nach 13 Stunden in der Höhle, sind wir endlich im Camp und zünden den Ofen an um uns aufzuwärmen. Wieder einmal ein Tag nicht wie jeder andere. GGl. 4967 m.

08.12.01 Neuer Anlauf in der Nordpassage

Robert Q. und Christof S. nehmen die Gangprofildaten, ab „Maulwurfsiphon“ bis Punkt 524 auf. Martin Q. und ich versehen alle Messpunkte mit Alufolie, damit man sie besser wieder findet, denn Ralph (unser Profivermesser) soll in den kommenden Monaten durch die Hauptteile der Höhle einen digitalen Durchflug konstruieren. Dazu müssen noch hunderte von Profilaufnahmen mit der Kamera durchgeführt werden. Sie alle sind den Messpunkten genau zuzuordnen.

Kurz vor dem „Nordost-Siphon“ treffen wir uns alle. Robert ist ganz aus dem Häuschen, vor dem was er bis jetzt gesehen hat. Er hat seine neue Videokamera in der Hand und erzählt uns, was er schon alles gefilmt hat. Wir gehen zurück in die „Arena“, um dort erst mal Mittagspause zu machen. Aber schon bald machen wir uns auf den Weg, das Ziel unserer Expedition, die Fortsetzung in der „Windhalle“ zu erkunden. Während Martin Q. die restlichen Messpunkte bis zum „Nordwest-Siphon“ markiert schlufe ich in die Fortsetzung. Es ist anfangs ziemlich eng. Die mächtige Versinterung in der Halle lässt nur einen 40 cm breiten Spalt zur Wand frei. Nach einem Meter öffnet sich jedoch ein niedriger Gang mit wunderschön spiegelndem Lehmboden. Der Gang wird 6 m weiter von einem mit Fließfacetten gezeichneten Tropfsteinkegel unterbrochen. Dahinter ist es schwarz. Ich rufe Robert zu mir, um diesen herrlichen Anblick, der ja gleich nicht mehr existieren wird, wenigstens auf Video zu dokumentieren. Auch er ist von diesem Gang verzaubert. Aber bald holt uns der Alltag wieder ein. Die Passage vergrößert sich auf 2 x 1,5 m und knickt gleich nach links ab, bis sie in einem Versturz endet, in dem der Luftzug verschwindet. Dort habe ich zu unser aller Verwunderung einen Mistkäfer und ein Fledermausskelett gefunden, die sicher eingespült wurden. 2 m vorher öffnet sich in der Decke ein kleiner Schacht von 2,5 m Höhe, mit einer horizontalen Druckröhre, von 1,5 m Durchmesser. Nach 7 m endet auch dieser Teil an einem Versturz. Unsere Hoffnung auf weiterführende größere Gänge hat sich hier zerschlagen.

Wenn es schon nicht groß weitergeht, dann vermessen wir eben die kleineren Nebengänge. Einer davon beginnt nur 30 m entfernt an „Kunzen’s-Weiher“. Es ist ein fast bis zur Decke mit Schlammsuppe verfüllter Gang von 3 m Höhe und 1,5 m Breite, aus dem ein kleines Gerinne entspringt. Ich liege in dem niedrigen Spalt und kann mich erst nach einiger Zeit dazu überwinden, hier weiter zu schlufen. Aber schnell wird es etwas höher und man kommt besser voran. Nach 20 m ist eine kleine Raumerweiterung erreicht, in der ein dunkler Schacht nach oben zieht. Wenn es da oben größer wird hohle ich die anderen, denke ich mir. Der Aufstieg ist gut kletterbar und nach ca. 6 m erkennt man von unten eine riesige, glatte Decke, die fast wie eine horizontale Gangfortsetzung aussieht. Ein Stück höher kletternd öffnet sich der große Raum. Dieser Teil muss auf jeden Fall noch vermessen werden. Also schinde ich mich in dem niedrigen Gang zurück zum „Kunzen’s-Weiher“, wo mir gerade die anderen entgegen kommen.

Ich unterrichte sie von der Entdeckung, die wir anfangs noch euphorisch, später immer mehr schnaufend und stöhnend vermessen etwas gedämpfter weiterführen. In dem höher gelegenen Raum (6 x 8 m) angekommen, erkennt man hinter einem breiten Felsblock eine 80 cm hohe und 4 m breite Gangfortsetzung. Deren Vermessung stellt sich als noch anstrengender als die vorherige heraus. Nach 20 m wird der flache Spalt fast unschlufbar. Wir beschließen, die Vermessung in einem an der linken Wand angelegten Kluftraum von 5 m Länge, 1,5 m Breite und 8 m Höhe, zu beenden. Dieser Gangabschnitt ist insofern sehr interessant, da sich hier bestätigt, dass sich zwischen den Dolinnen auf der Hochfläche und dem Karstwassersammler, doch kürzere horizontale Gangpassagen ausgebildet haben, die sehr schnell stufenweise ins unterste Entwässerungsniveau führen. Es wäre äußerst aufschlussreich, diese sehr flache Gangfortsetzung weiter zu erkunden. Aber es wird sicher noch Monate dauern, bis hier wieder Höhlenforscher erscheinen, um das Rätsel zu lösen.

Christof schaut auf seine Uhr. Es ist gerade 18.30 Uhr geworden. Wir machen uns auf den Rückweg und stellen fest, dass wir letzte Woche zehnmal so viel vermessen hatten als heute. Trotzdem war auch dieser Tag sehr aufschlussreich und schön. Nach 10 Stunden Aufenthalt in der Höhle erreichen wir den Ausgang. Dort hat auch Robert das Maulwurfsiphon-Syndrom überwunden; nämlich zu wissen, dass man immer nur durch diesen so engen Siphon nach draußen kommt. GGl. 5083 m. Wir haben endlich eine Riesenhöhle!

Als ich am Waschplatz vor der Höhle ankomme, zerschlägt Martin Q. gerade eine 2 cm dicke Eisschicht auf der Badewanne. Das wird wohl dieses Jahr das letzte Mal sein, das wir unsere Schlatze in der Wanne waschen können. Im warmen Speleocamp  fällt einem das Umziehen dafür umso leichter. Bei einer Pizza in Dietfurt lassen wir unsere Erlebnisse noch einmal Revue passieren.

Als wir heute Morgen in Mühlbach ankamen war der Bach bereits sehr stark eingetrübt, was auf die vor zwei Tagen starken Regenfälle zurückzuführen ist.

05.01.02 U-Bootbergung am OS-3

1 Jahr nach dem ersten Vermessungstag in der Höhle sind wir auf dem Weg zum „OS-3“ und paddeln an der Erstbefahrungsmarke „6.1.2001“ vorbei, die letztes Jahr, am zweiten Vermessungstag, ca. 800 m Neuland brachte. Mit in den Schleifsäcken ist Roberts U-Boot, das am „OS-3“ eingesetzt werden soll. Christof Gropp betaucht heute das erste Mal den „OS-2“. Genau so wie wir, taucht auch er nur kurz dahinter auf um mit klarer Sicht den Rückweg zu üben. Nachdem er damit keine Probleme hat, verschwindet er wieder. Martin Q., Robert und ich folgen gleich darauf. Drüben angekommen gehe ich mit der gesamten Tauchausrüstung weiter, um sie für einen kurzen Tauchrundgang am See des „OS-3“ einzusetzen. Es dauert nicht lange bis wir am Ziel sind. Robert macht sein U-Boot klar, während ich kurz im See tauche. Die Halle ist tatsächlich sehr groß. Deutlich kann man den Briefkasten, die mögliche Fortsetzung des Siphons, in 6 m Wassertiefe sehen. Robert ist so weit fertig. Christof postiert sich am Seerand, um die U-Bootleine zu führen. Bei der Bildübertragung gibt es wieder Probleme, auch die Steuerung funktioniert nicht, trotzdem kann man Richtung und Wassertiefe ablesen. Der Unterwasserraum ist so groß, dass man sich am Bildschirm nicht orientieren kann. Es muss nach Kompassrichtung gesteuert werden. In 5,5 m Wassertiefe öffnet sich die Briefkastendecke und ein großer nicht auszuleuchtender Gang zieht weiter. Robert bleibt an der rechten Wandseite, aber schon nach 2 m hängt das Versorgungskabel irgendwo fest. Er bekommt das U-Boot nur mit Mühe frei. Daraufhin fährt er zurück und startet einen neuen Versuch. Der Gangboden befindet sich auf ca. 8 m Wassertiefe, die Decke bei 5 m. Wieder verhängt sich die Versorgungsleine, diesmal aber irreparabel. Robert ist verzweifelt und versucht mit Martin und Christof das Kabel frei zu bekommen.

Indessen mache ich im Hintergrund meine Tauchausrüstung fertig, um das U-Boot zu bergen. Alle drei sind etwas aufgeregt, als ich ihnen mein Vorhaben erkläre. Doch ich fühle mich sehr gut und sicher, da ich mich am Versorgungskabel bis zur Sonde vorarbeiten kann und bei der geringsten Unsicherheit abbrechen werden. Bei Christof angekommen nehme ich das Kabel in Empfang, das er immer etwas auf Spannung halten will. Gut austariert tauche ich bis an den „Briefkastendeckel“ ab. Dort hat sich das Kabel in der horizontal, spitz zulaufenden Gangdecke so sehr verklemmt, dass ich es nur mit Mühe freibekomme. Aber immer noch schwebt das U-Boot mitten in der Gangfortsetzung. Durch den engen Spalt bekomme ich es sicher nicht durch, denn der dabei aufgewirbelte Schlamm würde mir die Sicht nehmen. Deshalb brauche ich mehr Führungskabel, um im weiter unten größer werden Siphon zum U-Boot zu tauchen. Immer wieder ziehe ich am Kabel, bis Christof endlich begreift was ich will.

Weiträumig muss ich die niedrige Spalte umtauchen, um in die großräumige Gangfortsetzung zu gelangen. Dann sehe ich die Sonde vor mir, die an der Höhlendecke in 3 m Entfernung schwimmt. Der Gang ist dort etwa 5 m breit und 3 m hoch, mit einer absolut glatten Decke, die vorne in der Dunkelheit verschwindet. Da bei mir alles im grünen Bereich ist und ich 3 m lose Leine habe, tauche ich noch etwas an der Höhlendecke entlang ins Neuland. Plötzlich erkenne ich im Lampenschein, dass die Decke weiter vorne nach oben verschwindet. Bis dahin will ich noch tauchen. Mittlerweile bin ich schon 15 m von Christof entfernt. Am Deckenversatz angekommen blicke ich in eine große Unterwasserhalle, die sicher 10 m hoch und auch so lang ist und 90° zu meinem Gang liegt. In 6 m Entfernung ist die Höhlenwand, die sicher immer noch 4 m über mir in einer Spitzbogen-Decke endet. Ich bin überwältigt, von dem Ort, an dem ich mich befinde. Glasklares Wasser und riesige Gangdimensionen, aber trotzdem finde ich keine Fortsetzung. Gerade als ich umkehren will, streift mein Blick am Hallenboden ein großräumiges Gangprofil, mit sicher 5 m Breite und 2 m Höhe, dessen Boden schon langsam an die 10 m Grenze reichen dürfte. Langsam wird es Zeit umzukehren. Hab’ gerade mal 15 Bar Luft verbraucht und kehre mit 80 Bar um. Um Robert und Martin Bescheid zu geben was ich vorhabe, drehe ich die U-Bootkamera zu mir und gebe das Abbruchzeichen, Daumen nach oben. Doch irgendwie hat Robert es nicht gesehen oder weitergegeben, denn ich muss beim zurück Tauchen das Führungskabel in kleinen Schlaufen aufrollen, anstatt dass Christof es langsam nach draußen zieht.  Alles klappt aber hervorragend und bald tauche ich im See vor Christof auf.

Der steht mit aufgerissenen Augen vor mir. Bin mir nicht sicher, ob vor Kälte oder Entsetzen, und schüttelt nur den Kopf. Robert ruft aus dem Hintergrund „Darauf ist normalerweise ein Kasten Bier ausgesetzt“. Im ersten Moment verstehe ich nicht wie er das meint. Er bezieht seine Aussage aber auf die U-Boot Bergung. Wieder im Trockenen erzähle ich ihnen meine Entdeckung und den Grund warum ich doch noch ein Stück weiter getaucht bin. Langsam löst sich ihre Anspannung wieder und schlägt in Begeisterung um.

Somit war diese Aktion trotz einiger Pannen doch noch erfolgreich. Wir machen uns für den Rückweg fertig und verlassen die Höhle nach 5 ½ Std.

12.01.02 Mühlbach-Promenade

Der Tauchvorstoß in den NO- und den NW-Siphon muss aus gesundheitlichen Gründen verschoben werden. Ich gehe mit Jaqueline in die „MB-Promenade“ um am Kristall-Becken den darüber liegenden Kamin zu erkunden. Ich bohre mich mit 4 Ankern, 8 m in die Höhe und erreiche dort einen Firstgang von 20 m Länge, 1 m Breite und 2 m Höhe, der genau bis über den „Triangel-See“ führt. Unter mir sehe ich den Wasserspiegel, nach oben geht ein schwacher Luftzug in eine Kluft, in der ein Verbruchblock steckt. Um da rauf zu kommen, müsste gebohrt werden. Doch mir wird schnell klar, wohin der Luftzug führt. Nämlich in den „Donnerdom“, nicht weit von hier.

Danach geht es zum „Raupensiphon“ bei Messpunkt 19. Mit dem Atemschlauch lege ich mich in den niedrigen Siphon, der gleich unter der Decke wieder eine Breite von etwa 2 m erreicht. Da ich fast 50 cm unter Wasser bin, ist der Atemschlauch nicht mehr einzusetzen. Ich lege ihn ab und tauche noch einige Male nur mit Maske einen Meter weit hinein. Die Höhlendecke zieht in einem Dreiecksprofil schnurgerade weiter, wird dabei etwas breiter und auch die Wassertiefe nimmt etwas zu. Die Gangdimension dürfte bei ca. 2 m Höhe und mindestens 1,5 m Tiefe liegen. Er lädt zum Antauchen ein und wird bestimmt bald erkundet werden. Es dürfte sich hier um die Verbindung zum „Blauen-Siphon“ handeln.

19.01.02 Die Siphons der Nordpassage

Martin Q. will beide Endsiphons der „Nordpassage“ antauchen. Wir begeben uns zuerst an den „NO-Siphon“. Dort angekommen legt er seine Doppel 1,5 l Flaschen um und taucht untariert unter die Siphondecke. Er hat sein Unterwassertelefon dabei, so können wir den Tauchgang wenigstens akustisch verfolgen. Die Unterwassergeräusche klingen sehr gleichmäßig, während das Kabel langsam durch meine Hand gleitet. Es dauert nicht lange und ich höre ihn rufen: „Juhu, ich bin durch. Ich suche mir weiter vorne einen besseren Standplatz“. Auch bei uns bricht Jubel aus. Die Tauchstrecke betrug 20 m. Aber kurz darauf klingt Martins Stimme etwas bedrückt. Er kehrt um. Wieder bei uns angekommen kauert er vor uns im Wasser und sagt sehr niedergeschlagen: „Hier ist Schluss für uns, da kommen ja nur noch lauter Siphons“. Mir war klar, dass er momentan nur etwas niedergeschlagen war, weil wir gleich nach der Auftauchstelle mit weiteren lufterfüllten Höhlenteilen gerechnet hatten. Der Siphon zieht gerade aus in etwa 2,5 m Wassertiefe bis zur Auftauchstelle nach 20 m. Dort schließt in Verlängerung ein 10 m langer Wassergang an, dessen Decke 1 m über dem Wasserspiegel liegt, der dann wieder zu siphoniert. Martin hat nicht in die Fortsetzung gesehen. Nach einer kurzen Beratung und Bedenkzeit machen wir uns auf den Weg zum NW-Siphon.

Auch hier ist alles schnell vorbereitet und Martin verschwindet im Siphon. Nach 5 Minuten kommt er wieder zurück und erzählt von seinem Tauchgang. Der Siphon zieht gleich auf –4 m ab, steigt dann wieder an, um in 12 m Entfernung von der Basis wieder abzutauchen. Hier kehrte er um. Die Aktion war zufrieden stellend und zumindest der NO-Siphon sieht gut aus. Das nächste Mal könnte das U-Boot eingesetzt, oder gleich mit den Flaschen weiter getaucht werden.

02.04.02 Der Ikaruskamin gibt sein Geheimnis preis

Heute will ich endgültig den „Ikarus“ fertig einrichten. Ich bin alleine unterwegs. Natürlich habe ich Bescheid gesagt, wo und was ich mache, auch wann ich wieder zurück sein werde. Nach 2 Stunden bin ich am letzten Ankerpunkt. Mit fünf weiteren Ankern für den Quergang kann ich die Abschlusskammer in 40 m Höhe erreichen. Der gewaltige Schacht endet hier an einer Decke mit mehreren fußballgroßen Löchern. Hier ist die Schichtgrenze vom Bankkalk zum Dolomit erreicht. Diese verhindert auf weitere 10 – 20 m Höhe eine ausreichende Verkarstung, und lässt in dieser Höhle beinahe alle Kamine in unbefahrbaren Löchern enden. Möglicherweise war der Raum früher mit geschichteten Dolomitsanden verfüllt gewesen. Man kann überall an den Wänden die rot gebänderten Schichtenfolgen von Restsedimenten erkennen. Wunderschön sind die vielen Excentric, die große Teile der Kammerwand schmücken.

Um wieder ganz nach unten zu kommen muss das 40 m Seil komplett ausgebaut und alle Verankerungen entfernt werden, sonst endet meine Fahrt frei hängend über dem Höhlenbach. Ich ziehe es zu mir hoch und befestige es an einer großen Sanduhr. Setze oben in der Kammer einen zusätzlichen 10 mm Edelstahlanker und beginne beim Abseilen den 15 m langen Quergang, der in die Kammer führt, auszubauen. Am zweiten Standplatz, der in direkt Verlängerung in das Deckenloch des Höhlenganges 30 m unter mir mündet, durch das auch das laute Rauschen des Höhlenbaches zu mir hoch dringt, richte ich die zweite Umhängestelle ein. Dann beginnt die ultimative Schlammschlacht.

Es ist kein Seil, kein Knoten, geschweige denn irgendein Karabiner zu erkennen. Um den Höhlenfluss zu erreichen brauche ich noch 30 m Seil. Dazu müssen alle Knoten und Karabiner gelöst werden, sonst komme ich in echte Schwierigkeiten. Langsam bin ich am Ende meiner Kräfte und bekomme die ersten Krämpfe in den Händen. Das Magnesium-Dope ist unerreichbar in meinem Trockenanzug unter dem Gurtzeug verstaut. Ich habe maximal noch 30 Minuten, dann kann ich die Knoten und das Abseilgerät nicht mehr lösen. Die Zeit drängt. Das Wasser in der Karbidlampe ist zu Ende. Scheiße, die LED-Lampe hat auch einen Wackler. Das kann ja noch interessant werden. Mit aller Kraft kann ich die Seile sortieren und die letzte Umhängestelle einrichten. Eine riesige Schlammkugel seilt sich zum Höhlenfluss ab. Als ich das Wasser erreiche stehe ich im Dunkeln, die LED glimmt nur noch. Schnell hänge ich mich aus und laufe zur Felsbank, wo die Reservelampen liegen. Meine Karbidlampe bedankt sich bei mir für einen Schluck Wasser, mit überaus hellem und beruhigendem Licht. Auch das Magnesium wirkt Wunder. Zügig verpacke ich die völlig verlehmte Ausrüstung, die jetzt doppelt so schwer ist wie vorher. Mit dem guten Gefühl meinen ersten fast 40 m hohen Kamin hoch gebohrt und eingerichtet zu haben, sitze ich im Schlauchboot und genieße den Rückweg. Draußen erwarten mich noch 90 Minuten Materialreinigung. Der Tag klingt mit einem Dauerlauf in den Sonnenuntergang um den Wolfsberg aus.

28.04.02 Nordgang-Kamine

Da heute wieder einmal niemand gekommen ist, gehe ich alleine in den Nordgang um dort, kurz vor dem „Maulwurfsiphon“ zwei Kamine zu untersuchen. Mein Rucksack wiegt mit der gesamten Ausrüstung 20 kg. Mit dabei; Akku-Bohrmaschine, 20 m Seil, 30 Anker und Schraubglieder, Hammer und Schachtzeug.

10.30 Uhr. Ich bin gut vorbereitet und mache mich im Neoprenanzug auf den Weg. Der erste Kontakt mit dem 8°C kalten Wasser ist echt ekelhaft. Aber was soll’s, im Kamin wird’s mir schon wieder warm. Der erhöhte Wasserstand und das glasklare Wasser machen die Befahrung zu einem Traum. Allein in dieser Höhle unterwegs, wird man eins mit ihr und spürt die Macht und Kraft, die von ihr aus geht. Man hat das Gefühl nicht allein zu sein. Irgendetwas ist hier noch. Wie traumhaft wäre es jetzt im OS-3 zu tauchen,  im unsichtbaren Wasser ins Unbekannte zu fliegen.

Aber weiter in den Nordgang. Gut, dass die Kletterstangen noch da sind. Ohne sie wäre es enorm aufwendig, die überhängenden Wände bis zum Deckenansatz in der Mitte des Ganges zu erreichen. Ich stecke 4 Stangen zusammen und hänge das Seil ein. Als erstes gehe ich in den kleineren der beiden Kamine am Messpunkt 132. Schon beim Anlehnen der 5 m langen Stangen an den Kaminansatz, fallen mir ständig Wassertropfen, aus ca. 15 m Höhe, immer genau ins Auge. Nach dem zehnten Volltreffer wird der Kamin zu „Kleinen Augentropfen-Kamin“. Das Bohren geht gut und die Anker greifen auch super. Nach eineinhalb Stunden erreiche ich das Ende des Kamins, an dem eine ca. 20 cm breite und 40 cm hohe Röhre anschließt. Oben setze ich einen 10 er Edelstahlanker und baue das Seil wieder aus. Die Schraubglieder bleiben installiert.

Die Maschine hat noch Saft, Anker sind auch noch da und der nächste Kamin nur 30 m weiter, reizt schon sehr. Der Deckenansatz ist hier etwas höher, aber die Stangen reichen. Dieser Bankkalk ist echt super. Auch hier das gleiche Spiel. Jedes Mal, wenn ich nach oben schaue, treffen mich auch hier die herabfallenden Wassertropfen genau ins Auge. Langsam tut’s weh. Alles klar, dann ist das eben der „Große Augentropfen-Kamin“. Es ist überwältigend, all das hier alleine zu erleben. Ich fühle wie sich mein Blut in den Adern langsam in den Höhlenbach verwandelt und ich irgendwie mit dieser Höhle verschmelze.

Ein erhebendes Gefühl. Aber bald holt mich die Realität, einen Kamin hinaufzubohren, wieder ein. Unter mir rauscht der Höhlenbach und mein Karbidlicht hüllt den Kamin und die Wasserfläche darunter in ein zauberhaftes Licht. Nacheinander bohre ich die Anker in die Wand und komme langsam immer höher. Hoppla, da habe ich doch tatsächlich das falsche Seilende mit nach oben genommen. Na ja, noch mal 3 m runter und umbauen. So kann ich gleich drei Verankerungen ausbauen und gewinne 4 m Seillänge. Nach und nach macht sich mein Rücken bemerkbar. Aber zum Glück geht mir das Seil aus, für heute reicht’s. Ich bohre eine doppelte Seilverankerung, seile ab und baue gleich alle Laschen aus.

Es wird bereits 17 Uhr, ich mache mich auf den Rückweg. Der Schleifsack ist etwas leichter, aber dafür bin ich etwas geschaffter als am Vormittag. Trotzdem, Genuss bleibt Genuss, der Rückweg ist wieder wundervoll und mit dem Ortlieb-Rucksack als Lehne paddelt es sich einfach leichter. Um 18 Uhr bin ich in meinem Zuhause im Camp vor dem Höhleneingang, in dem ich den ganzen Sommer verbringen werde. Zusätzlich zum Abendessen gibt es noch drei Magnesium.

Mühlbachquellhöhle Teil 3

 

29.04.02 Thermalbad

Die Strapazen der letzten Woche und der gestrige Tag zeigen Wirkung. Ich fühle mich wie ein 90 jähriger und beschließe daher einen Ruhetag einzulegen. Fahre nach Bad Gögging und lege mich 2 ½ Stunden zu den 25 Jahre jüngeren hübschen 65 jährigen Frauen der Limes Terme und lasse mich von den Wasserspielen massieren. Abends fühle ich mich wieder wohl und meinem Forscherdrang sind keine Grenzen mehr gesetzt. Was wird der nächste Tag wohl bringen?

30.04.02 Kaskadenkamin

Mein heutiges Ziel ist der „Kaskadenkamin“ im Nordgang, 100 m vor dem „Maulwurfsiphon“. Es handelt sich dabei um einen Kamin von 4 auf 1 Meter, der 6 m hoch einsehbar ist. 1,5 m von der Basis setze ich den ersten Anker in den mit Lehm überzogenen Sinter. Schnell komme ich bis an die Stelle, die man von unten einsehen konnte. Drüber öffnet sich eine Kette von Kolkerweiterungen. Die senkrechte Wand geht in eine schräge Decke über. Das Dübelsetzen wird schwieriger. Der ganze Bereich ist sehr lehmig und bald sehe ich aus wie eine Wildsau nach dem Suhlen. Über mir tut sich ein etwa 3 m hoher und ca. 7 m breiter, total versinterter Raum auf. Nur durch ein kleines Loch zu erreichen.

Endlich oben angekommen, klemme ich mich an Decke und Schachtwand ein um mit dem Rücken zur Wand hinter meinem rechten Ohr einen Sicherungsanker zu bohren. Die Vibration der Bohrmaschine lässt meine Gummistiefel langsam auf der verlehmten Sinterkaskade in den Schacht abrutschen. Der ganze Raum ist mit Dampf erfüllt, so dass man keine Fortsetzungen mehr erkennen kann. Das 20 m Seil ist zu Ende und ich mit meinen Kräften ebenso. Also abseilen und alle Laschen ausbauen. Dann geht’s raus.

01.05.02 Kaskadenkamin

In der Nacht ging es mir doch etwas schlechter als ich gedacht habe. Aber da Stefan Glaser die Schichtenfolge im „Großen Augentropfenschacht“ aufnehmen will und mir das Fototeam, das im „Donnerdom“ Bilder macht, beim Materialtransport helfen will, entschließe ich mich, doch mitzugehen. In der Höhle sind die Schmerzen der Nacht verflogen.

Wir helfen eine Stunde lang zwei Bilder vom Wasserfall zu machen, dann gehen Stefan und ich in den Nordgang. Ich mache mich fertig, den Rest des Kaskadenkamins zu bearbeiten, während Stefan im „Großen Augentropfenschacht“ hängt. Als ich die oberste Kammer erreiche, stelle ich fest, dass die gesamte Sinterwand unter der Decke aus einer breiten Schichtfuge austritt. Hier geht’s nicht mehr weiter. Beim Abstieg untersuche ich eine schön ausgebildete Kolkröhre. Mit 6 Ankern erreiche ich einen kleinen Durchschlupf. Dahinter öffnet sich ein Raum mit flacher Decke, der aber leider bis auf 15 cm mit Lehmmassen verfüllt ist. Ich versuche mal bäuchlings, dann auf dem Rücken liegend durchzukommen, bis sich mein Helm so in den Lehm verklebt, dass ich 5 Minuten brauche um mich aus der engen Röhre zu befreien. Irgendwo klebt mein Abseiler an mir, aber vor lauter Schlamm ist er nicht zu finden. Ich sehe aus wie „Schinken im Brotteig“. Wenn es hier weiter geht, dann nur total verlehmt. Fließfacetten sind keine zu finden.

Stefan ist auch fertig, höre ich von unten. Mir reicht’s ebenfalls, ich seile ab und wasche die Ausrüstung im Bach. Gemeinsam machen wir uns auf den Rückweg. Wir treffen die anderen am Wasserfall. Auch sie sind fertig und gehen mit raus.

10.05.02 Augentropfenkamin.

Gehe mit Ralph zum Vermessen der Kamine. Da im „Großen Augentropfenschacht“ noch 7 m bis zur Decke fehlen, geht Ralph zunächst alleine in den „Kaskadenkamin“ um diesen zu vermessen. Ich mache mich unterdessen daran, die letzten Meter in meinem Kamin einzurichten. Vorsichtshalber nehme ich das 12 m Seil mit nach oben, denn man weiß ja nie, was noch alles kommt.

In 15 m Höhe verengt sich der Kamin zum Glück soweit, dass ich zum Bohren in die ausgesetzten Bankungen an der Schachtwand spreizen kann. 3 m weiter oben liegt hinter mir ein etwa faustgroßer, schwarz überzogener Stein auf einer breiten Felsbankung. Gleich darüber noch einer. Ich bin etwas verwirrt, wie die hier herkommen. Da ich mir keinen Reim darauf machen kann, bohre ich mich einfach weiter nach oben. Immer wieder kommt mir ein kalter Luftschwall entgegen. Das könnte aber auch an meiner Eigenthermik liegen. Die nördliche Kluft im Kamin zieht sich immer tiefer in den Fels, wo es aussieht, als ob sich darüber noch etwas Interessantes befinden könnte. Nach zwei weiteren Ankern kann ich ein etwa 50 cm weites Loch über der Kluft erkennen. Dahinter tut sich einen größerer schon im Dolomit liegender Raum auf. Das Seil wird langsam knapp, deshalb muss ich bis zum letzten Anker abseilen, um alle Knoten zu lösen. Mit dem Rest des Seils komme ich gerade noch durch das kleine Fenster in die Kammer, die mit einigen größeren Flussgeröllen verlegt ist.

„Jippi“, wenigstens eine kleine Erweiterung über dem Kamin. Nach genauerer Inspektion fallen mir die an den Wänden klebenden Gerölle auf, die ja eigentlich nur von einem Flusslauf stammen können. Flusslauf, da oben? Kommt hier etwa die so lang gesuchte obere Horizontaletage und dann noch ein ehemaliger Flusslauf? Ich bohre mich noch 3 m höher und stehe in einer großräumigen ausgekolkten sehr verlehmten Kammer. Links sieht es irgendwie dunkel aus, rechts geht ein niedriges etwa 1,5 m hohes Tunnelgewölbe Richtung Westen ab. Aus diesem kommen auch die Flussgerölle. Ich entschließe mich noch einige Meter weiter in diesen Gang vorzudringen. Immer wieder kann man sich aufstellen um dann wieder kriechend weiter zu kommen. Nach etwa 20 m taucht vor mir im Gang eine Verbruchblockade auf. Prima denke ich, dann kann ich ja umkehren. Der Endpunkt scheint eine ca. 2 m hohe ausgekolkte Kammer, die links eine ebenso hohe schöne Versinterung aufweist. Ich blicke um die Ecke und, verdammt, es geht weiter. Eine dunkle Fortsetzung verliert sich vor mir. Wieder einmal kehre ich auf offener Strecke um. Der erste Schacht der Höhle muss jetzt nur noch richtig mit Quergang und direkter Abseilstrecke versehen werden, dann kann er Vermessen werden.

Ich treffe Ralph unten im Bach. Er ist von meinen Entdeckungen ganz überrascht. Zusammen gehen wir zum „Maulwurfsiphon“, an dem er mit seinem Lungenautomaten und meiner 1 l-Flasche das erste mal reinschauen will. Er fühlt sich sehr sicher unter Wasser und will gar nicht mehr raus. Ich kann ihn nur mühsam am Stiefel festhalten, damit er mir nicht abhaut. Hat er schon das Siphonvirus? Zufrieden mit dem was wir erreicht haben, kehren wir an die Oberfläche zurück. Draußen ist es schwülwarm, was die Materialreinigung etwas angenehmer macht. Ich gehe beim Mehringer im Schwimmbad zum Duschen. Danach stoßen wir noch mit zwei kleinen Fürst Bismarck Sketchen auf die Neuentdeckung an. Um 19 Uhr geht´s nach Pottenstein zur VDHK Tagung.

19.05.02

Heute ist Ferdinands großer Tag. Er geht mit mir in den „Sommerleitenschacht“. Gestern sagte er zu seiner Mutter: „Das wird der schönste Tag in meinem Leben“. Es ist einfach schön einem Jungen solch einen Traum zu erfüllen. Er bekommt von mir Helm und Lampe und als wir das Camp verlassen sehe ich in seinen Augen das Leuchten, das einen angehenden Höhlenforscher auszeichnet. Er erzählt mir, wie er früher schon mal mit einem Gast aus dem Hotel bis zur Tafel gegangen ist. Ferdinand bewegt sich sehr sicher und ohne Angst in der Höhle. Ich bin ständig in seiner Nähe und sichere vor oder hinter ihm. Wir gehen am Laubschacht vorbei zum „Harzer-Bypass“. Als ich ihn vor der Engstelle frage, ob er hier auch noch durch will kommt nur ein kurzes, „Ja, natürlich“. Ich gehe vor, er drängt mir nach. Als wir oben ankommen leuchten seine Augen vor lauter Verwunderung fast heller als sein Helmlicht. Er betrachtet jeden Teil der Höhle genau und weicht nicht von meiner Seite. Nicht weil er Angst hat, sondern weil er Respekt vor der Höhle hat und nichts zerstören möchte. Ich lasse ihn die kleine Halle erkunden und beobachte seine Bewegungen. Er ist wirklich ein toller Junge. Nachdem alles so gut läuft, gehe ich mit ihm noch bis ins „Kuheuter“. Den ersten Schluf schaffte ich gerade noch, im zweiten bleibe ich stecken, worauf wir umkehren. Es wird langsam Zeit zurück zu gehen, denn am Nachmittag ist der erste Tauchgang in der Weihermühlquelle angesagt. Ich liefere Ferdinand persönlich bei Renate ab, die mich im Hotel zum Abendessen einlädt. Dieser Tag war für mich ein besonderes Erlebnis, der mir sehr viel bedeutet hat.

20.05.02 Augentropfen Schacht

Mache mich mit leichtem Schleifsack in den Nordgang auf, um den „Großen Augentropfenschacht“ für die morgige Vermessung fertig einzurichten. Es dauert einige Zeit bis ich ganz oben die optimale Stelle für eine Doppelverankerung finde. Die 10ner Anker halten super und bald ist der Quergang in die obere Kammer eingerichtet. Es hängen jetzt drei Seile im Schacht und ich fühle mich in eine alpine Schachthöhle versetzt. Die 32 m Seil reichen bis auf den letzten Zentimeter. Hihi! In der Horizontalfortsetzung schaue ich noch ein kurzes Stück abwärts, stelle fest, dass diese vermutlich weiterführt, aber komplett verfüllt ist. Am Rückweg baue ich alle Haken aus. Der Schacht ist wirklich perfekt geworden. Das war wieder ein Erlebnis der besonderen Art. Ich bin schon richtig aufgeregt, was uns morgen in den „Highlands“ erwartet. Der Luftzug der mir da oben entgegen kommt ist sehr viel versprechend. Meiner Meinung nach kann er nur vom „Sommerleitenschacht“ her kommen. Hoffentlich gibt’s keine größeren Verbrüche.

21.05.02 Die Highlands

Heute geht’s ins Neuland. Ralph und Steffen gehen als Vermesser und Fotograf mit. Was wird uns wohl erwarten? Die Neugier ist groß. Bald sind wir am Schacht und legen das Gurtzeug an. Steffen geht als erster hoch. Endlich sehe ich auch einmal jemanden, der oben im Schacht hängt. Der Anblick ist grandios. Ich höre Steffen immer wieder lachen, man merkt förmlich, wie ihm der Schacht gefällt. Als nächster gehe ich hoch, gefolgt von Ralph. Wir treffen uns in der „Dolomitkammer“, wo mir Steffen zu diesem perfekten Schacht gratuliert. Die ersten Messzüge werden schnell bis zu meinem damaligen Umkehrpunkt gelegt. Steffen geht vor, fotografiert mal ins Neuland und mal zu uns. Die Arbeit mit ihnen macht echt Spaß. Beide sind erstaunt, wie großräumig und interessant dieser Höhlenteil ist. Er hat einen völlig anderen Charakter als die bisherige Höhle. Es handelt sich hier um einen ehemaligen Bachlauf, mit großen schwarzen Bachgeröllen, im Dolomit des Malm-Beta. Der Höhlenteil ist zudem heftig bewettert. Wir kommen Anfangs zügig voran, obwohl immer wieder Engstellen und stark verlehmte Passagen überwunden werden müssen. Ich bohre die Messpunkte, während ich von Steffen mit einem Trommelfeuer von Blitzen eingedeckt werde. Dann höre ich sein viel versprechendes, „Oh weih, Oh weih“.

Er liegt vor mir am Bauch und schaut in einen niedrigen Tunnelschluf, voll von bis zu 20 cm langen Makkaroni. Der Wind bläst ihm ins Gesicht. Er weis nicht was er tun soll. Wäre hier nicht dieser starke Luftzug, würden wir sicher umkehren. Aber unter diesen Umständen müssen wir Steffen überreden, sich als Frontmann zu opfern. Ich kann genau spüren, wie weh ihm das tut und welche Überwindung es ihm kostet. Ich komme zu ihm vor und sehe, wie er in diesem „Makkaroniwald“ liegt, immer bemüht, nichts zu zerstören. Auch ich und Ralph tun unser bestes. Wir erreichten die nächste größere Kammer, die wieder schön versintert ist. Der Luftzug kommt uns jetzt aus einem noch niedrigeren Schluf entgegen. Ich sage zu beiden - „Hier ist wohl Schluss.“

Doch diesmal legt sich Ralph am Bauch und inspiziert den mindestens 8 m langen 20 cm hohen Schluf. Der Boden ist mit einer hauchdünnen Sinterschicht überzogen, unter der sich trockener Sand befindet. Ralph meint - „Den Schluf kann man ausgraben“. Darauf ich - „Wir haben ja noch Zeit, haben wir auch Lust?“ Sie bejahen meine Frage und Ralph beginnt zu graben. Später löse ich Ralph ab, der sich 7 m vorgearbeitet hat. Wie lange er dazu brauchte, ist nicht mehr nachvollziehbar, jeder von uns geht an seine körperlichen Grenzen. Für mich ist der „Sarg aus Sand“ aber noch zu eng, deshalb erweitere ich den letzten Teil noch etwas. Vor mir befindet sich eine mehrere Zentimeter dicke Sinterplatte und dahinter ein Raum, dessen Zugang von einem größeren Felsblock versperrt ist. Die beiden haben sich mit Steinwerkzeugen bis hier her gearbeitet, sollte ich jetzt etwa aufgeben?

Ich höre hinter mir, wie sich Steffen auf den Weg machen will, um den Petzel-Hammer aus der „Dolomitkammer“ zu holen. Unterdessen fertige ich mir Werkzeuge aus diversen abgebrochenen Tropfsteinen, um die Platte zu untergraben. Es dauert eine Ewigkeit, bis wir Steffen wieder hören. Er war noch am „Maulwurfsiphon“ und bringt eine Schaufel mit. Mit dem Hammer geht alles viel leichter, trotzdem gelingt es mir nicht die letzte Felsnase zu entfernen. Ich lasse mir die Messpunkt-Bohrmaschine mit dem 5 mm Bohrer bringen und beginne die Felsnase weg zu meißeln. Wir arbeiten an dieser Stelle drei Stunden, dann sind wir durch und stehen an einer weiteren Querkluft, der nach 3 m die nächste Engstelle folgt. Steffen zwängt sich durch, um von der anderen Seite aus den störenden Verbruchblock besser bearbeiten zu können.

Bald geht die Vermessung weiter in die folgenden Querklüfte und den immer größer werdenden Gang. Unsere Euphorie wächst gleichermaßen mit der Gangdimension. Doch dann trifft uns fast der Schlag, denn der Gang macht einen 90° Knick nach links und wird zur 3 m hohen Klamm, aus der uns der starke Luftzug entgegen kommt. So hoch wir gerade flogen, so tief fallen wir wieder, als uns Steffen aus 10 m Entfernung zuruft, „Der Gang geht nach oben, um sich dann in einen 20 cm breiten und 50 cm hohen Mäander mit enormen Luftzug zu verengen. Da ist Schluss!“ Hier muss wohl mit der Kamera sondiert werden, ob sich die Engstelle nach einsehbaren 4 m wieder vergrößert. Dann bestünde die Möglichkeit, sich da durchzuarbeiten. Hier ist vorerst Umkehrpunkt und Ende. Aber wir sind zufrieden mit dem was wir gefunden und vermessen haben und machen uns auf den Rückweg. Das Abseilen im Schacht ist der Hammer. Immer größer wird der Schacht nach unten, öffnet sich zur Höhlendecke und spannt diese 7 m breit über den Höhlenbach. Unsere Sachen werden gereinigt, in die Schleifsäcke verpackt, um mit sauberer Ausrüstung zurück Richtung Ausgang zu paddeln. Um 20 Uhr, nach 10 Stunden Schinderei und tollem Neuland, verlassen wir die Höhle. Was für ein Tag!

01.06.02 Maulwurfsiphon

Heute ist der Große Tag für Ralph und Steffen. Es geht zum „Maulwurfsiphon“ und beide haben vor, durchzugehen. Ich habe den Atemschlauch dabei, um den Siphon, sollte er verschwemmt sein, auszugraben. Aber vorher wollen wir fürs Hotel Wolfsberg in Mühlbach die bestellten Fotos machen. Wir treffen uns um 13 Uhr, besprechen die Fotos, die Vorgehensweise am „Maulwurfsiphon“ und gehen um 14 Uhr in die Höhle. Ich will unbedingt eine neue Kameraposition für die Wasserfallfotos ausprobieren und klettere dafür im Donnerdom die 10 m hohe Felswand bis zum „Baldakon“ hoch, bohre zwei Anker und hänge die Strickleiter ein. Ralph nimmt seine 6x7 Kamera mit nach oben und Armin gibt uns die Blitzpositionen an. Um 17.30 Uhr sind wir fertig und haben 12 Fotos im Kasten.

Ich gehe mit Steffen und Ralph zum Siphon und bereite mich auf die Unterwassergrabung vor. Ralph war ja schon letzte Woche bis zu den Stiefeln unter der Siphondecke, aber als ich mich heute hinein zwänge, geht schon mal gar nichts. Ich befürchte das Schlimmste und fange bereits ganz vorne an, den Siphon tiefer zu legen. Seit 4 Monaten war keiner mehr durchgetaucht und von dem Unterwasserschluf ist nicht mehr so viel zu sehen. Ich weiß was auf mich zu kommt, will aber nicht, dass die Aktion heute abgebrochen werden muss.

Der komplette Siphon ist völlig zu, aber das Sediment nur locker geschichtet. Ich benötige 1 ½ Stunden unter Wasser, bis ich auf der anderen Seite auftauchen kann. Ralph will erst einmal halb rein und dann wieder rückwärts raus, um zu sehen, wie es geht. Alles klappt und beim zweiten Versuch taucht er bei mir auf. Tolle Leistung, er ist sichtlich erleichtert. Ich begrüße ihn mit „Willkommen im Maulwurf-Club“. Steffen schickt die Helme durch und kommt dann selber nach. Auch er taucht ohne Probleme bei uns auf. Dann passiert es. Ich öffne den Transportsack, dabei fällt mir etwas zu Boden. Es war Steffens Brille, die ohne Polsterung in der Taucherbrillen Schachtel lag und dabei vermutlich zerbrach. Steffen sagt gleich, dass jetzt für ihn Schluss sei und er umkehren müsse. Das tut mir furchtbar leid, aber ich denke, dass war nicht allein meine Schuld. Ich frage Ralph ob wir jetzt auch abbrechen sollen, er meint aber, wir sollten doch wenigstens ein Stück weitergehen und einige Messzüge nachkontrollieren. Steffen taucht zurück, wir sind alleine.

Ralph stellt fest, dass sich die ersten 4 Messzüge um 1° bis 6° verschieben. Das bedeutet, alles nachmessen! Wir lassen die Sachen zurück und Ralph betritt in die für ihn neuen Höhlenteile. Die Unterhaltung beschränkt sich auf, sensationell, unglaublich, unfassbar. Er erlebt alles genau so wie wir damals. An jedem Gangknick wagt er sich nur vorsichtig heran und schaut fast ängstlich hinein, ob ihm jetzt nicht gleich ein urzeitliches Ungeheuer anfällt. Als wir die „Arena“ mit dem Abzweig zum „Grand Canyon“ erreichen, haut es ihn fast um. Er bewegt sich fassungslos durch die riesigen Gänge.

Am „Nordostsiphon“ angekommen spricht er erstmals etwas freier über seine Eindrücke. Langsam machen wir uns auf den Rückweg. Die Trübung hält sich in Grenzen und nach einiger Lauferei kommen wir am „Maulwurfsiphon“ an. Ich gehe als erster durch. Nach dem Auftauchen verschließt Ralph meinen Atemschlauch, damit ich ihn durchziehen kann. Es dauert etwas bis sich das Führungsseil bewegt. Doch dann erscheint auch schon Ralphs Licht im trüben Siphon. Mit strahlenden Augen steht er vor mir und sagt nur, „Was für ein sagenhafter Höhlenteil“. Jeder packt seine Sachen zusammen und wir schlendern zurück ans „Bermuda Dreieck“, wo unsere Boote liegen. Kurz vor 24 Uhr sind wir im Camp, wo uns unsere Kollegen empfangen. Wir plaudern noch bis 2 Uhr und verziehen uns dann in unsere Schlafsäcke. Wieder geht ein traumhafter Höhlentag zu Ende. Der Bach war bereits um 22 Uhr eingetrübt aber am nächsten Tag um 9 Uhr schon wieder klar. Also ist die Befahrungszeit des „Maulwurfsiphon“ für den Rückweg, vor 18 Uhr okay. Keiner kann sich am nächsten Morgen wegen der Bachtrügung beschweren!

07.07.02 Vermessung Highlands

Ralph trifft pünktlich um 10 Uhr ein. Packen alles für die Vermessung  zusammen und betreten die Höhle um 11.30 Uhr. Ich habe die Sondierkamera dabei und untersuche die kleine Sinterkaskade am „Palmenstrand“. Man kann 5 m einsehen. Der Gang hat Dreiecksprofil. 1 m breit und 1,5 m hoch, mit Lehmboden und schön versintert. Eine Öffnung ist möglich, aber momentan nicht angebracht. Weiter geht’s in den „Nordgang“. Wir legen das Schachtzeug an und ich steige als erster in den 20 m Schacht auf. Die „Highlands“ sind wirklich interessant aber, vom Charakter her, bis auf die Bachgerölle, die den gesamten Gang bis hinauf ans Ende begleiten, typisch fränkisch, eben klein. Die Kamerasondierung am Gangende verläuft negativ. Vier Meter können hier noch eingesehen werden, sind aber nur ca. 50 cm hoch und 30 cm breit.

Ralph beginnt derweil mit der Vermessung. Am östlichen Ende des Kluftganges kann ich nach Beseitigung einiger Verbruchblöcke durch ein enges Fenster, in einen 3 m hohen und 2 x 2 m großen schön versinterten Raum sehen. Fortsetzungen sind nicht erkennbar. Ralph vermisst die winzigen Gänge im Wahnsinnstempo. Die letzte Sondierung in der 3ten Querkluft vom Gangende aus gesehen ist nicht eindeutig. Die Kluft kann 6 m hoch eingesehen werden. Nach Osten hin erscheint sie größer, als in Richtung Westen, der Verbruch wirkt labil. Zügig geht es weiter bis zum Schacht. Dann endlich ist es geschafft. Wir seilen ab, waschen unsere verdreckte Ausrüstung und machen uns auf den Weg in den „Gang ins Jenseits“. Dort will Ralph noch einige unklaren Gangteile vermessen. Dieser Gang ist einer der interessantesten Teile der Höhle, denn er ist der älteste begehbare Teil der Höhle.

Im „Tropfsteinkabinett“ erkundet Ralf einen fossilen Wasserschlinger auf 14 m Länge und 7 m Tiefe. Fortsetzung möglich. Langsam wird mir echt kalt, deshalb beendet Ralph die Vermessung hier. Nach 8 Stunden harter Arbeit haben wir die warme Erdoberfläche wieder erreicht. Ralph fährt bald heim und ich verziehe mich nach einer kleinen Wanderung entlang der Altmühl, ins Camp, meinem Sommerdomizil.

17.07.02 Gang ins Jenseits

Bringe die zweite Tauchflasche zum „Maulwurfsiphon“, gehe aber gleich wieder zurück in den „Gang ins Jenseits“, um dort den „Wasserschlinger“ zu öffnen. Bohre am Reinweg den Durchgang im ersten Verbruch auf, um einen leichteren Transportweg zur „Haltestelle ins Jenseits“ zu bekommen. Hier handelt es sich um den Endverbruch des „Gang ins Jenseits“, der über die bereits nachgewiesene Luftzugverbindung mit dem „Sommerleitenschacht“, der hier noch 200 m entfernt ist, in Verbindung steht. Aber ohne aufwändige Käfigkonstruktion nicht durchgraben werden kann. Mit 20 Löchern wird der „Wasserschlinger“ geöffnet, doch um durchzukommen, hätte ich noch ein Loch gebraucht. Leider war der Akku leer. So mache ich mich, ohne zu wissen was da unten noch kommt, auf den Rückweg.

20. 07.02 Tauchgang NO-Siphon und Super Entdeckung des Stillen Landes

Fahre um 11 Uhr nach Mühlbach. Treffe dort Hans Rackel, mit dem ich die Eisenleiter abhole, die er für uns angefertigt hat. Sie ist so groß und so wahnsinnig schwer, dass ich sie vermutlich gar nicht in den Abstieg zur „Mühlbach-Promenade“ einbauen kann.

Steffen, Ralph und Jaqueline sind schon an der Hütte und wir bereiten alles für den Tauchversuch im NO-Siphon vor. Nach 2 ½ Stunden erreichen wir den Siphon. Ich mache mich fertig und Tauche ab.

Meine Tauchgänge in der Mühlbachhöhle werden in der Rubrik „Höhlentauchen“ beschrieben.

Nach 90 Minuten kehre ich zurück. Wenig später stoßen Ralph und Jaqueline zu uns. Sie sind ganz aufgeregt und erzählen von einer riesigen Halle. Tatsächlich geht das bei seiner Erstbefahrung vermessene „Labyrinth“ weiter. Ich lege meine Tauchausrüstung ab und wir verpacken alles in die Schleifsäcke. Dann beschließen wir, die Neuentdeckung näher zu untersuchen. Für mich, der ich mich in der Höhle nun mehr und mehr auf die Siphons konzentriere, hat es eine besondere Bedeutung, dass meine Höhlenforscher-Kollegen, wie von mir geplant, in den Seitenteilen bedeutende Entdeckungen machen können.

Das am bisherigen Ende mit Deckenverbruch aufgefüllte „Labyrinth“ zieht sich 3 m breit und ab dem letzten Messpunkt, anfangs mehrere Meter nur 35 cm hoch, 30 m geradeaus weiter. Dann erreicht man eine 2 m hohe und schön versinterte Kammer. Der Gang führt weiter und bald steigen wir über verlehmten Sinterboden in eine enorme Halle, in die „Halle der Trommler“, auf. Es ist stockfinster um uns herum, nur die geballte Energie aller Lampen kann die dunkle, bis an die Decke mit Lehmspuren verschmutzte Halle erleuchten. Wir sind alle sprachlos, dass es hier neben dem Hauptgang einen solch großen Raum gibt. Wir suchen den günstigsten Weg nach oben und sind bemüht, die immer wieder neuen, noch nirgendwo anders gesehenen Lehmgebilde, nicht zu zerstören. Am höchsten Punkt der Halle, stehen wir vor einer mächtigen Sintersäule, die in die nach unten führende Fortsetzung abgekippt ist. Wir sind erschlagen von den Dimensionen dieser Halle. Ralph und ich warten auf halbem Abstieg, während Jaqueline nach oben und Steffen nach unten verschwinden. Bei ihr geht offensichtlich nichts weiter, aber von Steffen kommt uns das immer wieder viel versprechende „Ihr könnt schon mal nachkommen“, entgegen. An einem Klemmblock vorbei, geht es nach unten in einen horizontalen Gangansatz. Der Boden ist mit dem mühlbachtypischen Lehmsand-Gemisch überzogen, das einmal in Bewegung gebracht, wie eine Nassschneelawine abgeht. Wir befinden uns in einer 1 m breiten und 1,30 m hohen Röhre mit einem deutlich eingetieften Gerinne im Lehmboden, in dem saubere Bachgerölle liegen. Der Gang zieht schnurgerade von der Halle, 40 m weiter, bis er sich teilt und auch seine Dimension halbiert, so dass wir hier nicht mehr weiterkommen. Zurück in der Halle orientieren wir uns auswärts gesehen auf die linke Seite der Halle, wo man noch eine Fortsetzung erhoffen kann, die uns möglicherweise in Richtung NO-Siphon führen könnte. Jaqueline hat wie immer Lampenprobleme und wartet in der Halle. Steffen ist bei ihr.

Ralph befindet sich bereites am Hallenboden unter einer Felsdecke. Als ich bei ihm ankomme, fällt mir sofort der Boden auf. Überall liegen sauber gewaschene Gerölle herum. Ich verfolge sie aufwärts und habe langsam den Eindruck, dass das Wasser hier mit ungeheurer Macht von unten zu uns hoch drückt. Nach einigen Metern erkenne ich die Herkunft der Steine. Zwischen großen Verbruchblöcken öffnet sich ein kleines Loch, das den Blick in einen 1 m hohen und 5 m breiten Gang freigibt. Ich beseitige die störenden Felsblöcke und steige nach unten. Dort erwartet mich eine geschlossene Wasserfläche, die auf einen Siphon schließen lässt. Ralph kommt nach, während ich mich auf einen Gangverbruch zu bewege. Hier scheint es endgültig aus zu sein. Beide schlufen wir von links nach rechts an der Verbruchwand entlang, bis wir an ein kleines Loch kommen, an dem uns die Lehmpackung am Schlatz sehr behilflich ist. Wieder steige ich in eine große Halle 20 m x 10 m ein, deren Verbruchboden auch blitzblank gewaschen ist und große Bachgerölle aufweist. Ich bekomme den Eindruck, als ob dieser Höhlenteil als Überdruckventil für den NO-Siphon fungiert.

Das gleiche Spiel. An der gegenüberliegenden Seite versperren einige Verbruchblöcke den Weiterweg. Ein paar Mal kräftig zugepackt und ich stehe unten. Der Gang setzt sich in der gleichen Dimension wie vorher fort. Nur diesmal mit dem schönsten Lehmboden, den ich je gesehen habe. Glatt wie geschliffener Marmor mit einem dünnen Wasserfilm. Ich stoße mich bäuchlings an einem Felsblock ab und gleite wie ein Eisstock einige Meter über den Boden. Etwa 15 m weiter führt der Gang nach rechts und wieder bildet sich im Boden ein Gerinne mit sauberen Geröllen. Es geht weiter bis an einen Verbruch. Noch mal haben wir Glück und betreten über einen 4 m hohen Anstieg einen großen Raum. Der Boden ist verbrochen und weist einen schönen Canyon auf, der auch hier mit sauberen Geröllen belegt ist. Rechts tut sich eine Art Riesenkluft auf, in der sich zimmergroße Blöcke in der Deckenkluft türmen.

Inzwischen ist auch Steffen zu uns gestoßen, er ersteigt eine zweite Kluft auf der linken Seite der Halle, die auch mit großen Blöcken aufgefüllt ist. Wir untersuchen den Hallenboden nach einer Fortsetzung. Mir fällt auf, dass sich unter einem flachen 4 m breiten Deckenansatz direkt am Hallenboden eine Geröllenhalde über einen Meter nach oben in die Halle schiebt. Das unterstreicht die Vermutung, dass es sich hier um einen Seitenteil des NO-Siphons handeln könnte. Wenn wir uns nicht vollkommen in der Richtung irren, könnte hier irgendwo der schon 90 m betauchte NO-Siphon liegen, den wir hier dann umgehen könnten. Aber leider ist der Gang fast vollkommen mit Lehm aufgefüllt, nur ein 50 cm x 40 cm großer Zulauf kommt aus dem noch zu entdeckenden Neuland. Hier muss, um weiter zu kommen, gegraben werden. Wir kehren nicht auf offener Fortsetzung, aber doch mit ca. 250 m Neuland zum NO-Siphon zurück und stoßen mit einer kleinen Flasche Sekt auf den Erfolg an. Wir waren über 2 Stunden im Neuland und dürften die GGl. der Höhle auf etwa 5500 m verlängert haben. Um 23 Uhr verlassen wir die Höhle.

23.07.02 Jenseits

Gehe mit Michael zum „Wasserschlinger“ in den „Gang ins Jenseits“, um endgültig nach unten zu kommen. Es klappt auch alles sehr gut, nur unten verengt sich der horizontal weiterführende Gang unschlufbar und verlehmt. Insgesamt 20 m Neuland. Dann geht’s noch an die „Ewige Haltestelle ins Jenseits“, um wieder mal nach Fortsetzungen zu suchen. Lege, einwärts gesehen, einige Meter frei. Sieht aber alles sehr bedrohlich aus. Der Luftzug ins nahe gelegene System des „Sommerleitenschachts“ ist nach wie vor sehr stark, in dieser 6 m breiten Verbruchzone, zu spüren. Wenn man hier eine bedeutende Fortsetzung in den ältesten Teil der Höhle finden will, geht das nur mit meinem Käfigsystem und nicht wie so mancher aus denkt, einmal im Jahr, durch ein paar Kratzer mit einem Brecheisen. Hier wird es also im „Jenseits“ jahrelang nichts Neues geben!

27.07.02 Leiteranstrich

Streiche Richards spendierte weiße Leiter braun, um sie nächste Woche mit Fabi und Sibi in den Abstieg zur „Mühlbachpromenade“ einzubauen.

29.07.02 Leitertransport

Um 15 Uhr kommen Fabi und Sibi, unsere zwei Mühlbacher Vereinsmitglieder. Wir transportieren die drei insgesamt 100 kg schweren Leiterteile bis an den Abstieg. Dazu muss der Durchgang unterer dem „Schlüssellochkäfig“ vergrößert werden. Nach 3 Stunden steht die Leiter, einstweilen nur zusammengeschraubt, im Abstieg. Es müssen erst die Halterungen zugeschnitten und gebohrt werden. Die Leiter ist überaus massiv und fällt schon etwas auf, dafür aber sehr bequem und sicher.

23.08.02 Vermessung Stilles Land

Ralph und Steffen sind um 17.30 Uhr im Camp. Wir bereiten uns für die Vermessung der neuen Teile hinterm „Labyrinth“ vor, das kurz vor dem „Nordostsiphon“ beginnt. Um 19 Uhr geht’s los. Nach 1 ½ Stunden sind wir am NO-Siphon. Wir legen neue Messzüge in die „Halle der Trommler“ und bald erreichen wir die „Rauschende Röhre“. Steffen gräbt am Endpunkt ca. 1 m in den Schluf, der mit lockerem Sand fast ganz verfüllt ist. Zu unserer großen Überraschung kann man im Schluf leises helles Wasserrauschen vernehmen. Hätte uns Ralph nicht die Kompassrichtung von SSW gesagt, hätten wir uns völlig verschätzt, wohin dieser Gangteil zieht. Am Rückweg legen wir noch den fälligen Messzug unter die südliche Hallenwand. Ralph stellt dabei fest, dass der Neigungsmesser Wasser zieht und nicht mehr funktioniert. Damit hat sich die Kontrollmessung im „Grand Canyon“ erübrigt. Trotzdem wollen wir bis zum NW-Siphon vorstoßen, denn die beiden haben diesen Teil noch nicht gesehen. Auch ich war das letzte Mal vor einem halben Jahr dort. Sie sind begeistert von der Größe dieser Gangeteile. Um 4 Uhr verlassen wir die Höhle und quasseln noch bis 6 Uhr früh. Die Vermessung ergab, dass „Die Rauschende Röhre“ 15 m vom MP 512 entfernt, also wieder ins „Labyrinth“, kurz vor dem NO-Siphon, stößt. Diese Höhle ist wirklich unglaublich.

30.08.02 Vermessung Nordpassage

Ich treffe mich mit Ralph um 17.30 Uhr in Mühlbach. Wir messen ab „Arena“ die Züge bis zum „NO-Siphon“ nach. Um 22.30 Uhr beginnen wir mit der Vermessung der neuen Teile bis in die „Riesenkluft-Halle“ im „Stillen Sand“. Dieser Höhlenteil ist permanent verschlammt. Um den Laser sauber und funktionsfähig zu halten muss ich meine Zunge benutzen, die einzige nutzbare Stelle an meinem Körper, die noch sauber ist. Die Arbeit mit unserer schweren Bohrmaschine ist außerordentlich kraftraubend. Es wird jetzt unerlässlich, eine neue leichtere Maschine zu kaufen.

Bis zur verfüllten Fortsetzung der „Kompression“ (Riesenkluft-Halle) konnten wir 180 m vermessen. Cirka weitere 100 m stehen noch aus. Wir untersuchen noch kurz die Westkluft dieser Halle und stellen dabei fest, dass es sich hier vermutlich um einen verstürzte Kluft handelt, an deren Wand Fließfacetten zu sehen sind, die höchstwahrscheinlich hallenauswärts ziehen. Das bedeutet, zwei ehemalige Wasserläufe verlassen diese Halle in verschiedene Richtungen. Des Weiteren wurde hier leichter Luftzug festgestellt. Durch den Kluftverbruch kommen von oben saubere Gerölle, die keinen schwarzen Überzug haben. Völlig geschafft quäle ich mich mit dem schweren Schleifsack zum NO-Siphon zurück. Um 2.15 Uhr machen wir uns auf den Rückweg und erreichen um 4.15 Uhr den Ausgang.

20.09.02 Abrakadabra Schacht

Ralph, Steffen und ich arbeiten heute wieder in der Nordpassage. Die beiden vermessen im NW-Gang und wollen dann das Schluf über dem Nordwest-Siphon erkunden, während ich mich in den großen Kamin, 150 m vor dem Nordost-Siphon, hinaufbohren will. Wie immer muss ich mich von rechts nach links hocharbeiten, was besonders anstrengt. Nach 1 ½ Stunden erreiche ich über einen Quergang den Kaminansatz in der Gangdecke. Dort seile ich ab und steige drüben wieder auf, um den Quergang auszubauen und die Anker in der Wand zu versenken, damit man sie nicht mehr sieht. Der Kamin ist wie, alle anderen in dieser Höhle, sehr schön. Nach weiteren 3 Stunden gehen mir das Seil und die Karabiner aus. Das heißt wieder runter und dabei alle Anker in die Felswand versenken. Der Bohrmaschinenakku ist immer noch voll, ich aber langsam leer. Eigentlich sollte ich jetzt zu den Vermessern, um Steffen abzulösen, damit er im Neulandschluf am NW-Siphon weiter machen kann. Aber wenn ich jetzt noch mal hoch gehe werde ich heute vielleicht schon fertig. Vor 3 Stunden hab ich meine beiden Semmeln aufgegessen, jetzt plagen mich schon wieder Fingerkrämpfe. Ich gehe zurück in die „Arena“, suche nach Gegenmaßnahmen und finde zwei Powerriegel und einige Magnesiums.

Frisch gestärkt steige ich wieder auf. Ich bin sicher schon 20 m hoch in dem 5 m breiten Kamin und kann durch den vielen Dunst immer noch kein Ende erkennen. Bald erreiche ich eine 70° steile Lehmhalde, in der größere Steine stecken, die mir möglicherweise gefährlich werden können. Die meisten kann ich nach unten werfen. Ich ziehe mich im Lehm klebend die steile Halde bis an die wieder senkrecht werdende Wand hoch. Jetzt sieht man endlich, was da oben los ist. Einige Meter über mir scheint es zumindest nicht mehr groß weiter zu gehen. Ich kann drei Klüfte erkennen, die in der Decke verschwinden. Die geräumigste geht über mir hoch. Zwei Anker kann ich noch setzen, dann werden die Krämpfe unberechenbar. Die Maschine bohrt immer noch, aber ich muss abbrechen. Außerdem ist es schon sehr spät und die anderen sind auch noch nicht da. Was ist denn da bloß los.

Die Lehmhalde saut einen von oben bis unten ein. Ich reinige meine Ausrüstung und mache mich auf den Weg zu den anderen. Es dauert nicht lange, als sie mir mit besorgten Gesichtern entgegen kommen. Ob mir wohl was passiert sei, meinten sie. Mir ging es genau so. Da ich mich nicht an die Vereinbarung gehalten habe, akzeptiere ich ihre Vorwürfe. Aber bald ist alles vergessen, denn die beiden haben Neuland gemacht und das nicht schlecht. Sie kamen nach dem Schluf, der genau über dem „Nordwestsiphon“ abgeht, in zwei ca. 15 m hohe Hallen und haben dort ca. 150 m Neuland befahren. Damit liegen wir auf Platz 5 der längsten deutschen Höhlen. Wir haben heute die 6060 m Marke erreicht. Jetzt geht’s ans 7 km Ziel. Bis nächstes Jahr möchte ich die Mühlbachquellhöhle mit 8500 m auf Platz 2 bringen, (doch alles wir ganz anders kommen). Nach 10 Stunden in der Höhle sind wir ziemlich futsch und machen uns deshalb langsam auf den Rückweg. Es ist ja auch schon 20 Uhr geworden.

19.10.02 Abrakadabra Schacht

Ralph und Christof Gropp vermessen im NW-Gang. Ich gehe zum Kamin „Abrakadabra“ und arbeite mich weiter nach oben. Vom letzten Anker aus muss ein freihängender Quergang auf über 4 m Länge gebohrt werden, denn hier teilt sich der Kamin in zwei Röhren. Insgesamt ist der Schacht doch sehr anspruchsvoll. Die Kalksteinwand des Kamins hat ab der Decke des Hauptgangs, bis hier oben in 20 m Höhe, eine rostrote Farbe und ist von feinen Bänderungen, wie die eines aufgeschnittenen Baumkuchens, durchzogen. Tief unter mir sehe ich den Bach dahin rauschen, eingetaucht in das rötliche Flackerlicht meiner am Wasser stehenden Karbidlampe. Ich betrete wieder Boden, den nur ganz wenige Menschen betreten können. Das Erlebnis ist grandios. Überraschenderweise halten die Anker absolut sicher, so wage ich es, mich teilweise nur an 1 – 2 Ankern nach oben zu bohren. Immer wieder muss ich absteigen, um das Seil auszubauen und den Schacht von oben her einzurichten. Eine besondere Gefahr besteht darin, dass ich oben große Steine nach unten werfen muss und dabei das Seil verletzen könnte.

Ich entscheide, mich im größeren der beiden Kamine nach oben zu arbeiten, denn dort kann ich schon einen möglichen Gangansatz erkennen. Es ist ein wundervoller Anblick, hier oben zu hängen. Fast 1 Jahr lang liefen wir unter diesem Kamin durch und wussten nicht wie es da oben aussieht. Ich bin der Erste. Welche unterirdischen Landschaften habe ich auf diesem Planeten schon als erster Mensch gesehen und betreten. Was für ein Privileg, dafür hat es sich gelohnt zu leben. Jetzt bin ich schon über 4 Stunden im Kamin und merke wie der Stress langsam an meinen Nerven zehrt. Ich setze noch einen Sicherheitsanker, dann breche ich die Aktion ab. Es ist ganz deutlich zu erkennen, dass der Kamin an eine senkrechte Kluft angelegt ist. Diese zieht vermutlich West-Ost und könnte in etwa 40 m Höhe in einen, so wie es scheint, verbrochenen Gangansatz weiterführen. Das muss beim nächsten Mal untersucht werden.

21.11.02 Abrakadabra Schacht

Ralph ist mit im Kamin und passt auf. Ich bohre mich heute von den letzten Schichten im Bankkalk, ca. 7 m, in die nun anstehende Dolomitschicht hoch. Habe dabei das mitgebrachte 20 m Seil komplett verbraucht. Jetzt hängen 60 m Seil im Kamin und noch kein Ende in Sicht. Es führen immer kleinere Röhren nach oben, alles wird enger. Eine ziemlich gefährliche Dolomitbrücke schwebt drohend ganz oben im Kamin.

Aus dem Nordgang flossen während des Hochwassers vor einigen Tagen ca. 150 l/s. Der höchste Wasserstand, mit ca. 15 cm Höhe bei 4 m Breite, seit der Entdeckung der Höhle.

29.11.02 Abrakadabra Schacht

In der Höhle herrscht immer noch Hochwasser. Gestern war Dieter mit seiner Gruppe an der „Ewigen Haltestelle ins Jenseits“. Er wollte nach einer Fortsetzung graben. Aber leider arbeiten manche immer noch wie vor 10 Jahren, ohne Abstützung. Am Hauptgangsiphon hatten sie einen Wasserpegel von 15,5 cm. Heute beim Einfahren am Hauptgangsiphon maßen wir 15 cm und am Rausweg 14 cm. Das Hochwasser klingt also langsam ab.

Wir vermessen den Kamin. Ralph ist wieder gigantisch schnell und bald sind wir mit dem 34 m hohen Kamin fertig. Er stellt momentan den höchsten Punkt der Höhle dar, nur noch die Hallen im „Überraschungs-Ei“ könnten ihn übertreffen, meint Ralph. Da wir noch Zeit haben, kontrollieren wir den „Schatzkammersiphon“. Es ist denkbar, dass dieser über die Wintermonate zu macht. Und wie vermutet ist er es auch. Momentan haben wir bei Hochwasser 27 Siphons.

07.12.02 Riesenklufthalle

Ich habe mir eine Edelstahl-Schubschaufel gebaut, um in der Riesenklufthalle den verschwemmten Lehmgang aufzugraben. Ralph und ich machen uns auf den dreistündigen Weg zur tagfernsten Grabungsstelle der Höhle. Die Schaufel funktioniert ganz gut, nur hätte sie zum besseren Zurückziehen hinten am Griff eine Rundung gebraucht. Aber trotzdem schaffen wir es, in nur knapp 2 Stunden, einen Graben von 50 cm Höhe, 2 Meter Länge und 1,5 m Breite in der zähen Lehmsuppe frei zulegen. Sieht gut aus, ist aber die größte Schweinerei die man sich überhaupt vorstellen kann.

27.12.02 Überraschungs-Ei

Der dritte Versuch das „Überraschungs-Ei“ zu vermessen. Nachdem bei unseren letzten Besuchen jedes Mal der „Schatzkammersiphon“ zu war, haben wir diesmal Glück und kommen mit leicht erhöhtem Wasserspiegel durch. Zur Vorsorge verlegen wir gleich eine Sicherungsleine durch den hochwassergefährdeten „Schatzkammersiphon“. Die Fortsetzung vom NW-Siphon geht in einem geräumigen Schluf horizontal weiter. Bald verengt sich die Röhre, links unten zweigt der „Hardcore Caver“ ab, ein körperenger Schluf, der noch etwa 7 m weitergeht und dann in einem Verbruch endet, der vermutlich in die Vorhalle des „Ü-Ei´s“ führt. Über dem Abzweig geht eine fast lotrechte Druckröhre 10 m nach oben. Hier beginnen wir mit der Vermessung. Ich schnalle mir die beiden Laser um und quäle mich nach hoch. Dort zwänge ich mich über einen großen Verbruchblock in die horizontale, enge Fortsetzung. Nach wenigen Metern blicke ich ins Schwarze. Ich bin wieder mal platt, was diese Höhle alles bietet. Aus diesem Druckröhrensystem kommt man tatsächlich wieder in ein großräumiges Gang- und Hallensystem. Die Vermessung geht gut von der Hand. Das „Ü-Ei“ macht seinem Namen alle Ehre. Phantastisch sind hunderte von Kristallbäumchen, die an mehreren großen Verbruchblöcken wachsen und etwa 1,5 cm messen. Die Halle ist riesig hoch und wirkt ehr wie ein großer Schacht, der mich an meinen, vor 5 Jahren in Slowenien entdeckten, „Bärenschacht“ erinnert. Irgendwie hat man hier den Eindruck, als stünde man nachts zwischen Alpengipfel, da die Seitenwände wie Bergspitzen nach oben ziehen. Weiter geht es durch einen 4 m breiten und 50 cm hohen Verbindungsschluf in die nächste Halle. Hier ist der Endpunkt der letzten Erkundungstouren. Die Ausrüstung ist total verlehmt. Das Wasser in der Karbidlampe ist alle und nirgends ein Tropfen, in der größten Wasserhöhle der Franken Alb zu finden. Ralph opfert einen Schluck Wasser aus seiner Trinkflasche, dann macht er sich ans Konstruieren der Messzüge. Ich beschäftige mich derweilen mit dem Öffnen der Fortsetzung, die Steffen und Ralph bei der letzten Befahrung Schwierigkeiten bereitete. Nach 30 Minuten sitze ich in einem 80 cm hohen und 2 m breiten Kastenprofil und blicke ins Schwarze. Es geht 7 m bis zu einem steilen Absatz, der in die große, mit Verbruch ausgelegte „Trichterhalle“ mündet. Die Fließfacetten zeigen in meine Richtung. Wohlgemerkt, 95% der Höhle sind mit Fließfacetten ausgekleidet. Über mir geht ein etwa 7 m hoher Kamin ab, den mein LED-Licht nicht ausleuchten kann. Ich steige in die Halle ein und klettere vorsichtig über den Verbruch zum tiefsten Punkt ab. Es sieht aus als wolle einen der Verbruch mit ins innere der Erde nehmen.

Am Boden tut sich ein faustgroßes Loch auf, in das ich einen Stein werfe. Ich höre nur noch Suuummmm – Duuumpf. Hopsala, hier steht man über einem 10 m tiefen Schacht auf Verbruchblöcken und man sollte sich nicht unüberlegt bewegen. Bald wird mir aber klar, dass die großen Blöcke stabil verkeilt sind. Dann der nächste Schock. Die Fließfacetten auf den Blöcken zeigen nach oben, das Wasser kommt also von da unten. Schnell will ich noch in die Fortsetzung an der gegenüber liegenden Hallenwand schauen, ob es dort etwa auch weiter geht, bevor ich zurück zu Ralph gehe.

Ich steige hoch und blicke in einen niedrigen aber breiten Gang. Alles voll Fließfacetten die auch diesmal von mir weg zeigen. Ich hab im überlagernden Gangsystem eine fossile Wasserscheide entdeckt. Jetzt werde sogar ich langsam etwas nervös. Schnell zurück zu Ralph. Er sitzt noch beim Zeichnen, hat sich aber schon gedacht, dass ich im Neuland war. Ich erzähle nicht viel sondern fordere ihn auf mit zu kommen. Die Sensationen reisen nicht ab. Ralph leuchtet mit seiner Halogenlampe in das Loch der „Trichterhalle“ hinunter und entdeckt eine Wasserfläche. Da müssen wir unbedingt runter, aber wo. Nach wenigen Sekunden hab ich hinter der großen Platte ein Loch gefunden, das in die Tiefe führen könnte. Ralph legt sich Kopfüber hinein und löst einige Blöcke aus, um besser nach unten zu sehen. Ich halte seine Füße fest. Da unten scheint ein größerer Gang zu liegen, der vermutlich die Umgehung des NW-Siphons darstellt. Wir sind total sprachlos. Da man hier eine Strickleiter benötigt, setzten wir unsere Erkundung in dem ablaufenden Gang, gegenüber fort.

Wieder geht es nur einige Meter flach weiter, bis man schon das erste Echo hört. Ein schmaler versinterter Durchgang erlaubt einem den Blick in einen herrlich versinterten Gang. Mit strahlendem Gesicht folgt mir Ralph. Es geht immer weiter, alles versintert. Am Boden liegen zwei  Fledermausskelette. Dann kommt die Krönung dieses sensationellen Tages. Vor uns tut sich ein geräumiger Gang auf, der in ein Wasserbecken führt. An den Wänden sind tausende von kleinfingerlangen Kristallzapfen. Das gibt’s in Deutschland noch nicht, da sind wir uns fast sicher. Ralph legt sich auf den Rücken und paddelt im wasserdichten Marinepol-Anzug durch das Becken ans andere Ufer. Dann verschwindet er nach oben in einem versinterten Verbruch. Er kehrt bald um, obwohl es noch weiter ginge. Am Beckenrand geht eine weitere Fortsetzung ab, auch hier kehrt er auf offener Strecke um. Wir sind völlig aufgezogen und machen uns auf den Rückweg. Nach dem engen Sinterschluf zweige ich kurz in eine kleine Wandabplatzung ab, die in einen hohen Schacht übergeht. Ralph geht vor und in 10 m Höhe erreichen wir einen Raum, der sich weitere 10 m horizontal erstreckt. Das war heute eine der interessantesten Erkungdungsbefahrungen in der Höhle.

Gibt es möglicherweise doch einen fossilen Gang in ein anderes Flusshöhlensystem? Denn die Abflussrichtung zeigt nach Südosten. Oder geht dieser Gangteil etwa zum NW-Siphon und bildet eine Umgehung. Alles ist möglich. Zufrieden machen wir uns auf den Rückweg. Ich musste vor einigen Stunden meinen wasserdichten Anzug öffnen und bekam ihn dann nicht mehr zu. Jetzt muss ich durch drei Seen und einen Siphon mit offenem Anzug schwimmen. Das wird bestimmt nicht lustig.

Nach 11 Stunden verlassen wir die Höhle und geben später im Camp die Messergebnisse in den Computer ein. Als wir dann die Daten von Roberts vor kurzem durchgeführten U-Bootaktion im NW-Siphon 1 dazu nehmen, nähern sich, der Trichterhallenschacht und die Auftauchstelle des U-Bootes im NW-Siphons, einander auf etwa 5 m. Trotz Roberts nur geschätzter Siphonrichtung können wir nun mit Bestimmtheit sagen, dass wir die erste Siphonumgehung der Höhle gefunden haben. Einige aktivere Mitglieder im Verein waren trotz unseres Erfolgs nicht sehr begeistert von unserem Vorgehen und haben sich uns gegenüber nicht gerade kameradschaftlich verhalten. In 5 Tagen sind wir mit Strickleiter und Vermessungszeug wieder da. Dann werden wir vielleicht die Ganglänge der Wulfbachquellhöhle übertreffen und in neue Welten vorstoßen. Der Tag war super.

02.01.03 Fasst eingeschlossen. Vorstoß in die Neumondhalle.

Es regnet seit Tagen und der Karst ist gesättigt. Der Weg ins Neuland könnte durch das Hochwasser in der Höhle versperrt sein. Ralph und ich treffen um 10 Uhr ein. Wir bereiten uns für den Neulandvorstoß vor. Beide haben wir die 1 l-Pressluftflaschen dabei um im „Schatzkammersiphon“ nicht eingeschlossen zu werden. Beim Reinweg zeigt der Hauptgangsiphon 13 cm an. Im Maulwurfsiphon hat sich seit letzter Woche wieder ganz schön Sediment abgelagert, wir kommen gerade noch durch. Die schweren Schleifsäcke sind heute etwas nervig. Am „Schatzkammersiphon“ ist der Wasserpegel etwa 7 cm über dem Messpunkt, so dass wir noch ohne Tauchausrüstung durchkommen. Die Siphonleine wird an einem Felsblock befestigt, dann ziehen wir uns durch. Wir packen die Schleifsäcke um und brechen mit Strickleiter, Spitzsetzer und Vermessungszeug ins „Ü-Ei“ auf. Die 150 m bis in die Trichterhalle sind mit den schweren Schleifsäcken echt herb. Aber bald sitzen wir über dem Neulandschacht, 3 Stunden vom Eingang entfernt und genießen unsere Vesper mit dem so viel versprechenden leisen Rauschen, das von unten zu uns hoch dringt. Wir malen uns die wildesten Gangfortsetzungen aus und sehen uns schon auf Platz 4 der Höhlenrangliste vor den „Wulfbachern“.

Der erste Neulandspit wird gesetzt, an dem Ralph, für den Schachtanschluss einen Messpunkt anlegt. Ich steige durch das Verbruchfenster nach unten und kann mich auf einen schmalen Sims über dem 8 m tiefen, runden Loch abstützen. Unter mir ein herrlicher Schacht, der auf die Wasserfläche eines Höhlensee trifft. Ich bin von den Socken und erzähle Ralph, während ich nach unten steige. Die Leiter reicht genau bis auf den Wasserspiegel, der mit Sicherheit die Auftauchstelle der U-Boot Aktion vor zwei Wochen ist. Wir haben tatsächlich die erste Siphonumgehung der Mühlbachquellhöhle gefunden. Der Siphon hat eine Länge von 45 m und ist mit einer extremen Engstelle und Verbruchtaucherei nicht einfach. Ralph kommt mit dem Vermessungszeug nach und wir feiern den Erfolg erst einmal mit ein paar Mon Cherie. Wir können schon ins Schwarze blicken und sind total aufgeregt. Haben wir doch letzte Woche schon den „Schatz am Silbersee“ entdeckt, der wieder einmal alle Erwartungen übertroffen hat.

Ralph zückt die Messtafel, ich die Lasergeräte und wir marschieren los. Wir ziehen Messzug für Messzug in einem schönen Kastenprofil ins Neuland, bis wir nach etwa 50 m in einem Dom stehen, einer Kuppelförmigen 17 m hohen Halle die sicher noch weiter nach oben geht. Wir haben Neumond und unser Licht zeichnet ein greisrundes schwarzes Loch hoch über uns in der Decke ab. Wir steigen weiter auf den 3 m hohen Verbruchberg und erreichen am Hallenende den „Nordwestsiphon 2“. Dieser ist etwa 3 m breit und die Decke zieht wenige Zentimeter unter dem Wasserspiegel in NW-Richtung weg. Da wir heute aber anlaufendes Hochwasser haben, besteht die Möglichkeit, dass dieser Siphon bei Niedrigwasser offen ist. Das Neuland ist vermessen, so dass wir noch einige Dokumentationsbilder für die „Nicht-Maulwürfe“ machen können, denn bis jetzt überwinden nur 7 von 27 Vereinsmitgliedern die Schlüsselstelle „Maulwurfsiphon“. Am „Leitersee“ bemerken wir, dass die Schüttung des kleinen Bächleins von normal 3 l/sek auf 8 l/sek gestiegen ist. Also ist langsam der Rückzug angesagt.

Nachdem ich gerade noch mit letzter Kraft die Strickleiter mit dem schweren Schleifsack hoch komme, ist erst mal eine kurze Pause angesagt. Wir entschließen uns dann, die letzten Schnurzüge bis hinter den „Schatz am Silbersee“ in den Endverbruch zu legen, um beim nächsten Mal gleich mit dem Zeichnen anfangen zu können. Um 21 Uhr erreichen wir wieder die „Trichterhalle“ und machen uns auf den Rückweg. Beim Abstieg in den 10 m tiefen Druckröhrenabstieg, dem „Baby Pass“, löst Ralphs Schleifsack einen gefährlichen Kippelblock aus, der mit Gedonner nach unten rauscht. Zum Glück habe ich mich schon weit unten im horizontalen Bereich des Schlufs befunden. Sofort frage ich ob alles o.k. ist. Ralph beruhigt mich, aber der Block liegt genau in der engsten Stelle des Abstieges. Mit dem Fäustel bewaffnet zwänge ich mich zu Ralph nach oben und sehe ihn, mit etwas nervösem Blick, über dem Verbruchblock sitzen. Ich schlage eine Felsnase von der Wand und schnell rutscht Ralph zu mir nach unten. Gerade noch mal geschafft. Das „Überraschungs-Ei“ macht seinem Namen alle Ehre.

Am „Schatzkammersiphon“ stellen wir fest, dass der Wasserspiegel um 40 cm gestiegen und der Siphon zu gemacht hat. Ralph taucht als erster „Maulwurf“ diesen 6 m langen Siphon mit dem Notfall-Tauchgerät. Beim Abtauchen lässt er aus Sicherheitsgründen den Schleifsack los und taucht ohne weiter. Ich packe meinen Schleifsack, tauche auf dem Rücken frei durch den Siphon, der doch einen etwas schwierigen Ausgang hat und hole den anderen Schleifsack mit meiner Tauchausrüstung. Wir gehen zügig weiter und merken bald, dass wir heute endlich mal die so lange ersehnte Hochwasserwelle in der Höhle live miterleben werden.

In der Arena angekommen, braust aus dem Nordostgang ein gewaltiger Bach, der den Boden der Halle 30 cm hoch anstaut. Der kleine Wasserfall donnert über die Stufe, die nachfolgende Nordpassage ist eine einzige Seenlandschaft. Etwas mulmig wird uns schon, angesichts des noch zu betauchenden „Maulwurfsiphons“.  Auch vor diesem hat sich ein großer See gebildet. Ich lege die Tauchausrüstung an und will durch. Aber gleich unter der Decke bleibe ich mit dem Helm stecken. Super, er ist zugespült. Ich stehe noch mal auf und grabe zuerst mal den Zugang frei. Dann geht’s mit einer noch vollen 4 l-Flasche unter Wasser und die Graberei wird fortgesetzt. Nach 4 m wird es wieder normal tiefer und ich bin durch. Ralph kommt ohne Probleme nach. Jetzt liegen nur noch der Wasserfall und der Hauptgangsiphon vor uns. Aber das schaffen wir nach all den zurückliegenden Widrigkeiten auch noch.

Der Wasserfall ist so stark, das wir zwar noch runter kommen, aber an einen Aufstieg wäre nicht zu denken. Der Hauptgangsiphon geht gerade noch ohne Neoprenhaube, der Pegel am Siphon stieg um 4 cm auf unglaubliche 17 cm. Aber heute Nacht erhöht er sich mit Sicherheit noch mehr an. Nach 12 Stunden erreichen wir den Ausgang. Im Haus geben wir gleich die neuen Messdaten ein, die das verwirrende Bild hinter dem „Ü-Ei“ aufklären. Die Gesamtlänge der Höhle beträgt nun 6212m. Fehlen nur noch 280 m bis auf „Wulfbach“.

25.01.03 Maulwurfsiphon

Habe in den letzten Wochen eine neue Unterwasserschippe  für den Maulwurfsiphon entwickelt um heute den verschwemmten Siphon frei zu graben. Martin Queitsch und Christof Gropp sind mit von der Partie. Zuerst gehe ich, mit dem Atemschlauch, durch den bereits sehr engen Unterwasserschluf. Drüben angekommen folgt gleich darauf Martin, danach werden die Schleifsäcke durchgezogen. Martin und ich graben abwechselnd unter Wasser und Christof zieht die volle Schaufel nach vorne zu sich raus und entleert sie. Martin hat noch nie unter Wasser gegraben und probiert deshalb die Schaufel zuerst am Siphoneingang aus. Bald hat er die Technik heraus und geht ins Wasser. Durch Zug am Siphonseil gibt er Christof das Zeichen zum Ziehen, der ihm dann wiederum das Zeichen zum Zurückziehen gibt. Martin zieht dann die Schaufel zu sich und drückt sie zum Füllen nach vorne ins Sediment.

Er bleibt ca. 45 Minuten im Siphon, dann löse ich ihn ab. Die Schippe funktioniert super. Trotzdem ist die Arbeit sehr anstrengend. Nach 45 Minuten reicht es mir dann auch. Ich war vor dem Wechsel kurz bei Christof drüben, der schon einen beachtlichen Berg an Sediment aufgehäuft hat. Ein letztes Mal geht Martin in den Siphon, um ihn nochmals etwas tiefer zu legen. Nach gut 2 Stunden sind wir fertig und machen uns zu einer kleinen Belohnungstour zum Nordostsiphon auf. Ich nehme am Rückweg das Schachtzeug von Ralph und mir mit hinaus, das jetzt schon 4 Wochen hinten liegt. Der „Maulwurfsiphon“ ist jetzt so geräumig, dass ich mir beim zu schnellen Durchziehen durch den Siphon, den Atemschlauch aus dem Mund gezogen habe. Der letzte Meter ging dann ohne. Nach 8 Stunden verlassen wir die Höhle.

2003, zwei Jahre nach der Entdeckung der Höhle ändert sich alles!

Die Zwistigkeiten im Verein werden mir immer unerträglicher. Ich konzentriere mich daher mehr und mehr auf meine eigenen Projekte im Altmühltal und überlasse die Höhle dem ungezügelten Erkundungsdrang der Vereinsführung. Mögen noch viele überaus hochwissenschaftliche Ergebnisse und wenigstens einige Neulandmeter dabei heraus kommen. Einige Mitglieder haben mehr bekommen, als ihnen wirklich wichtig war und sind damit die nächsten Jahrzehnte zufrieden.

02.02.05 Bröselhalle

Es geht an Jaquelines Grabungsstelle in die „Bröselhalle“, eines meiner letzten Projekte in der Höhle, die ich organisiere. Dort liegen bereits 4 Segmente meines Käfigs. Sie will mit ein paar Leuten endlich den nur 15 Minuten vom Eingang entfernt liegenden Verbruch abgraben, der Luftzug führt und einen lufterfüllten Gang bis zur 150 m entfernten Quelle versperrt. Dazu braucht sie mein Käfigsystem, das sie aber selbst nicht einbauen kann. Ich helfe ihr den komplizierten Ansatz der ersten eineinhalb Meter in den Verbruch zu bauen.

Die Einbaustelle ist mir ganz anders in Erinnerung, daher muss improvisiert und der Käfig etwa 1,5 m über dem Wasser in eine Verbruchglocke eingebaut werden. Direkt darüber befinden sich zwei sehr große Felsblöcke, die das Umfeld etwas stabilisieren. Trotz einiger Anlaufschwierigkeiten gelingt es mir, den ersten Käfigmeter unter einem Deckenversatz einzusetzen. Die Blöcke darüber sind äußerst labil und ich hoffe, sie halten bis zu nächsten Mal in zwei Wochen.

12.02.05 Bröselhalle gescheitert

Für heute ist der weitere Einbau des Stollenansatzes vorgesehen. Die Wetterverhältnisse machen uns aber einen Strich durch die Rechnung. Zu Anfang sieht alles sehr harmlos aus. Seit zwei Tagen taut es und die bis zu 30 cm hohen Schneemassen auf der Hochfläche beginnen zu schmelzen. Heute Morgen war bereits ziemlich Hochwasser im Tal, doch die Quellen waren noch sauber. Wir rechnen also heute in der Höhle mit einer Hochwasserwelle, die aber nicht sehr dramatisch ablaufen sollte. Als wir jedoch mit dem gesamten Baumaterial am „Leitersiphon“ ankommen war dort der Messpunkt schon 10 cm unter Wasser. Am ersten temporären Siphon, Richtung „Bröselhalle“ stellen wir fest, dass dieser schon bis an die Decke voll gelaufen ist. Die Aktion muss abgebrochen werden.

Daraufhin beschließen wir, die Höhle bis zum „Maulwurfsiphon“ auf Hochwassereinwirkungen zu untersuchen. Wir kommen um 12 Uhr am „Hauptgangsiphon“ an. Der Pegel steht bereits auf 17 cm. Das ist zwar ein erhöhter Wert, aber noch im „gelben Bereich“ für die Hauptteile. Der Wasserfall hat auch gute Strömung. Je weiter wir in den Hauptgang vordringen, desto mehr trübt der Bach ein. Am „Bermuda-Dreieck“ sehen wir den Grund. Über den Wasserfall am Ende des „300 m See“ können wir eine Schüttungszunahme von ca. 50 l/s feststellen. Das Wasser war zu dieser Zeit noch ziemlich klar. Aus dem Nordgang kommt stattdessen eine braune Brühe an. Wir befinden uns genau zum Zeitpunkt der anlaufenden Hochwasserwelle in der Höhle. Am „Maulwurfsiphon“ können wir auch noch keine bedrohliche Sedimentierung feststellen. Als wir eine Stunde später wieder am Pegel ankommen, steht dieser bereits auf 19 cm. Die ganze Nacht hindurch regnete es und der Schnee ist ziemlich weg getaut.

13.02.05 Starkes Hochwasser in der Höhle

Ralph und ich, begleitet von einigen Kollegen, wollen uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Hochwasserereignisse in der Höhle mit zu erleben. Am „Leitersiphon“ angekommen stellen wir fest, dass dort der Wasserstand von gestern 10 cm, auf 25 cm über Messpunkt angestiegen war. Der Bach führt mit einer braunen unansehnlichen Brühe stark Hochwasser und man kann die Gülle, die unsere Landwirte zu dieser Jahreszeit gerne ausbringen, deutlich in der Luft riechen. Wir sind sehr über den enorm hohen Wasserstand in der Höhle überrascht. Denn unserer Meinung nach war der Wassereintrag auf der Hochfläche nicht übermäßig auffällig.

Am „Hauptgangsiphon“ angekommen, war die Überraschung perfekt. Um 11.30 Uhr zeigt der Pegel statt gestern 17 cm, 27 cm an. Ein noch nie erlebter Höchststand, absoluter Rekord. Ob das bereits die Spitze der Hochwasserwelle ist, sollten wir erst später erfahren. Die meisten von uns haben kein Kopfkondom dabei, so wird die Nasenfahrt entlang des nur 5 cm hohen Luftspalts sehr kühl und aufgrund der starken Gülleverschmutzung nur für ausgekochte Höhlenforscher zum Vergnügen. Geweint hat danach keiner! Eine absolut bizarre Höhlenbefahrung. Die Gangpassagen sind von einem stinkenden Nebel erfüllt. Die braunen Fluten füllen selbst den Hauptgang merklich und stürzen mit gewaltigem Donnern über die Felsbarrieren. Der Wasserfall zeigt sich von seiner spektakulären Seite. Mit aller Gewalt kämpfen wir uns nach oben und werfen den Kollegen das Sicherungsseil zu, das jetzt gute Dienste leistet. Die „Bobbahn“ wird am Einlauf horizontal mit Wasser aufgefüllt, das aus dem 4 m breiten Bach schießt. Schon beeindruckend was da vor sich geht, doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denkt man an die gewaltigen Hochwasserereignisse des vergangenen Jahrhunderts. Am „Bermuda-Dreieck“ angekommen können wir eine Hochwasserschüttung von etwa +100 l/s aus dem „300 m See“ feststellen, die auch eine leichte Wassertrübung verursacht. Also läuft auch hier irgendwo in der näheren Umgebung (Luftlinie ca. 3 km von der Quelle) massiv Wasser zu. Es bestünde daher die Möglichkeit, im Ostgang, hinter oder in den Siphons, auf Gangteile zu stoßen, die sich eine gewisse Strecke horizontal über Wasser fortsetzen.

Der Nordgang führt natürlich auch extrem viel Wasser. Da hier durch den Wasserstau am „Bermuda-Dreieck“ kein Gefälle mehr herrscht, war eine Einschätzung der Schüttung nicht möglich. Wir entschließen uns aufgrund der Wassertrübung und der Tatsache, dass sich einige Neumitglieder an der Erkundung beteiligten, konsequent hintereinander im Bachlauf zu gehen. So wird vermieden, dass die seitlichen Lehmbänke, die jetzt überflutet und nicht zu erkennen sind, nicht beschädigt werden. Seit der letzten Hauptversammlung können wir vermehrt solche Beschädigungen feststellen, da etwas mehr Neumitgliederaktivitäten auftreten. Diese Leute sollten gezielt einige Male durch die Höhle geführt werden, damit auch sie die bis jetzt so vorbildlich eingehaltene Wegführung lernen.

Kurz nach dem „Großen Augentropfenschacht“ stellen wir am Pegel fest, was sich in der Nacht, zwischen unseren Befahrungen, abgespielt hat. Zu dem jetzt schon sehr hohen Wasserstand kamen in der Nacht weitere 15 cm Wasseranstau im Nordgang hinzu. Das bedeutet, das sich vor nur wenigen Stunden eine Hochwasserwelle von + 30 cm über Normal durch den Nordgang wälzte. Aufgrund dieser Erkenntnisse sind bestimmte Höhlenteile ganz anders auf die Gefahr einer kurzzeitigen Überflutung einzuschätzen. Alle temporären Siphons, die nicht umgangen werden können, müssen nun umgehend mit Führungsleinen ausgerüstet werden.

Wir können auch feststellen, das sich der „Mousse au chocolat“  (der geplante neue Höhlenzugang), nur mit Tropfwasser füllt und mit einem sehr schwachen Abfluss, direkt mit dem Höhlenbach in Verbindung steht. Das bedeutet natürlich auch, dass noch extremere Hochwasserereignisse, die dann über die Lehmbarriere schwappen, diesen Höhlenteil bis zu 1,5 m überfluten und dieser dann für jede Befahrung abgepumpt oder durchtaucht werden müsste. Bei unsicherem Wetter muss unbedingt überall Atemgerät mitgeführt werden. Einige Halbsiphons, die ausgeleint werden müssten: Mouse au chocolat, gesamter Quellgang zur Bröselhalle, Hauptgangsiphon, Schatzkammersiphon 1 + 2, NO-Siphon zwischen 2 und 5 (ca. 2 x 20 m), nach NW-Siphon 1 (ca. 20 m) und nach NW-Siphon 2 (ca. 20 m).

Zurück zum Nordgang. Am „Maulwurfsiphon“ können wir eine leichte Verschlammung des Auslaufs feststellen. Nach dem letzten Hochwasser ist anzunehmen, dass der Zulauf stark versandet ist. Dies muss beim nächsten durchtauchen des Siphons beachtet werden. Sollte ein Verschluss festzustellen sein, muss eine Grabung ansetzten werden, damit dieser Siphon nicht komplett zu macht. Als wir um 13.30 Uhr am „Hauptgangsiphon“ ankommen, ist der Pegel in den letzten zwei Stunden bereits wieder um 4 cm, auf 23 cm gefallen.

Resümee:

Die Befahrung zeigte, dass sich wie schon bekannt, ca. 40 Stunden nach einsetzendem Tauwetter oder starken Gewitterniederschlägen, eine Hochwasserwelle durch die Höhle bewegt. Etwas deutlicher zu erkennen war diesmal, dass dabei auch durchaus größere Wassermassen aus dem Ostgang zufließen. Wir konnten bei ablaufendem Hochwasser im Ostgang ein Plus von mindestens 200 l/s feststellen.

Die größte Gefahr eines Hochwassereinschlusses in der Höhle geht, wie schon mehrmals erfahren, vom „Maulwurfsiphon“ aus, der durch starke Regenfälle komplett mit Sedimenten aufgefüllt werden kann. Eine schnelle Rettung wäre hier ausschließlich von zwei Spezialisten (Martin Queitsch und mir), die Erfahrung mit Unterwassergrabungen am „Maulwurfsiphon“ haben, gewährleistet.

Die Befahrung der „Neumondhalle“, die für viele erreichbar ist, stellt durch den Schatzkammersiphon 1 + 2 ein sehr hohes Risiko dar. Der Wasserspiegel der beiden temporären Siphons steigt bereits schon bei einem Schüttungsanstieg von nur 3 l/s gefährlich an. Da man durch einen sehr engen Verbruch tauchen muss, können sich hier nur erfahrene Höhlentaucher mit Atemgerät selbst retten!

Wie die niedrigen Gangteile bei Hochwasser zwischen der „Halle der Trommler“ und der „Riesenklufthalle“ reagieren, ist noch nicht bekannt. Man muss sie als extrem gefährlich einstufen. Arbeiten in der „Riesenklufthalle“ können nur bei sicherem Wetter durchgeführt werden.

In der gesamten Nordpassage sollten die Befahrungswege bei Hochwasser von erfahrenen Mühlbachforschern geführt werden. So wird gewährleistet, dass die überfluteten Lehmbänke außerhalb des Weges nicht zerstört werden. Das gilt natürlich auch für die Passagen im Ostgang.

Resümee meiner 19 jährigen Forschungen im Altmühltal und der Tätigkeit im Verein der KGM. 

Da will ich mich zuerst einmal bei allen Höhlenkollegen und Einheimischen bedanken, die mir ehrlich zur Seite standen.

Meine Tätigkeit im Bezug auf die Höhlenforschung im Altmühltal hat mir seit 1989 einen unersetzbaren Erfahrungsschatz verliehen. Dieses Wissen führte zu zahlreichen Neuentdeckungen in der Mühlbachquellhöhle und zu großen Erfolgen in eigenen Höhlenprojekten im Altmühltal. Ich habe dabei nicht nur erfahren, Höhlen genauer zu betrachten und lesen zu lernen, sondern auch die Menschen in meinem Umfeld. So wie es Höhlen gibt, die schwer zu entdecken sind, gibt es auch Menschen, die schwer zu durchschauen sind. Doch Höhlen sind wesentlich harmloser als Menschen, sie fallen einem niemals in den Rücken. Ich habe während meiner Vereinsgeschichte in der Karstgruppe Mühlbach erfahren und gelernt, was ein Lächeln oder ein Händedruck wirklich bedeutet. Und ich habe nicht nur gelernt, die Zeichen der Höhlen zu deuten, die ich erforsche, sondern noch viel mehr die der Menschen in meiner Umgebung, die diese Zeichen ganz unbewusst aussenden.

In den Jahren nach der Entdeckung der Mühlbachquellhöhle 2001, haben sich die Prioritäten der KGM wesentlich geändert. Seit Anfang 2003 unterscheiden die sich ganz klar von meinen. Ich möchte auch keinesfalls mehr, die nicht gerade vorbildlichen Machenschaften des ersten und zweiten Vorstandes der KGM mir gegenüber dulden müssen und habe deshalb meine Aktivitäten im Verein seit 2005 eingestellt und mich ausschließlich auf meine berufliche Höhlenforschung konzentriert.

Unüberbrückbare Differenzen mit der KGM-Vorstandschaft zwingen mich letztendlich zur Trennung vom Verein, denn manche werten mein Tun als eine Art: „Arbeit gegen die Höhlenforschung“ und distanzieren sich öffentlich.
Als Konsequenz daraus endet meine KGM-Mitgliedschaft zum 30.6.2007. Der vierte und letzte Teil Mühlbachquellhöhle – Meine Erlebnisse folgt in Kürze.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass alle Tauchgänge, die ich in der Mühlbachquellhöhle durchgeführt habe, in der Rubrik „Höhlentauchen – Mühlbachquellhöhle“

ganz privat ERZÄHLT werden!

 

 

 

Fortsetzung folgt…

 

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Petrusquellhöhle    Wolfsblutschacht   Mühlbachquellhöhle     Bottelmühlhöhle    Indonesien/Java

 

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