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Der beschwerliche Weg bis zur Entdeckung der Mühlbachquellhöhle zog sich über 12 Jahre hin. Seit 1998 arbeitete ich mit einer kleinen Gruppe von Höhlenforschern im Umfeld der Mühlbachquelle, bis wir 2001 für unsere Mühen belohnt wurden. Sie sollte die erste Wasserhöhle sein zu deren Entdeckung und Erforschung ich all meine Grabungs- und Forschungstechniken anwenden und testen konnte. Nicht zuletzt das Originalprotokoll der Hochwasserkatastrophe im Altmühltal von 1909 des Bezirksamtmanns Eymann aus Riedenburg untermauerte meine Vermutung, dass sich hinter jeder Quelle im unteren Altmühltal, also auch hinter der in Mühlbach, ein riesiges Wasserhöhlensystem verbirgt.

Zitat aus dem Originalskript:

„Das in der Zeit vom 31. Januar 1909 bis zum Vormittag des 3. Februar währende andauernde Schauerwetter hatte ungeheure Schneemassen angehäuft, deren plötzliche Schmelze voraussichtlich überall Hochwasser im Gefolge haben müsste. Als nun am Nachmittag des 3. Februar der Schnee in Regen überging, war eine Katastrophe unausbleiblich. Die Schneemassen begannen zu schmelzen und bereits am Morgen des 4. Februar waren die Bäche und Flutgräben stark angeschwollen. Im Laufe des Tages nahmen die anstürmenden Wassermassen einen immer stärkeren Umfang an und gegen Abend begannen der Schambach und die Altmühl über ihre Ufer zu treten. Der das Abwasser von den südlichen Bergen sammelnde so genannte Güßgraben brachte gleichfalls ungeheure Wassermassen, drohte sich am Eintritte in sein überwölbtes Bett aufzustauen, wodurch eine nicht unbedeutende Gefährdung benachbarter Anwesen verursacht werden konnte.“

„Weitaus am bedenklichsten im ganzen Bezirk hat das Hochwasser in Mühlbach gewütet, wo ebenso wie in Deising, aus dem Berge oberhalb des Ortes plötzlich ein starker Wasserstrom hervorbrach, welcher den Boden auf etwa  300 - 400 m Länge, 1 - 2 m Tiefe und 2 - 4 m Breite aufriss, schwere Felsblöcke mit sich führte, das Dorf zum großen Teil überschwemmte, mit Schlamm und Geröll bedeckte und mehrere Anwesen stark gefährdete. Sogar die Kirche wurde unter Wasser gesetzt. Auch die durch das untere Ende des Dorfes führende Distriktsstraße wurde stark beschädigt und der Verkehr auf derselben einige Tage unterbrochen. Die Straße ist jetzt wieder soweit hergestellt, dass der Verkehr wieder gut möglich ist. Die Aufräumungsarbeiten im Orte werden noch wochenlange Arbeit beanspruchen.

Stark geschädigt und zwar so, dass sie auf fremde Hilfe angewiesen sind waren zwei Privatanwesen in Mühlbach. Das eine,  auf dessen Grund und Boden fast ausschließlich der Wassergraben aufgerissen wurde, ist durch diesen in zwei Teile zerrissen; das Wohnhaus ist vom Stallgebäude völlig getrennt und nur mittels einer provisorischen Brücke über den Graben zu erreichen.

Der Ortstechniker ist mit mir der Ansicht, dass der Graben überhaupt nicht mehr geschlossen werden darf, da auch früher schon bei starken Niederschlägen an der gleichen Stelle Wasser ausgebrochen ist und daher die Offenhaltung eines Ablaufgrabens notwendig erscheint. Hierzu kommt, dass die Einfüllung des Grabens die Beifuhr ungeheurer Erd- und Steinmassen und jahrelange Arbeit erfordern würde. Der Anwesensbesitzer will daher selbst den Graben offen lassen, nur innerhalb seines Hofanwesens will er ihn überrollt haben, da er andernfalls seinen Wirtschaftsbetrieb nicht mehr ausüben könnte. Verschiedene Anwesensbesitzer haben sich bereits erboten, ihm unentgeltlich Baumaterial bei zu fahren, so dass im Wesentlichen nur die Arbeitslöhne aufzubringen wären. Die schwer betroffene und wenig leistungsfähige Gemeinde Mühlbach selbst will zwar auch Zuschüsse leisten, aber in der Hauptsache werden die erforderlichen Baukosten wohl aus öffentlichen Fonds bestritten werden. Ich will sehen welche Mittel der Distrikt aufzubringen vermag. Doch bitte ich schon jetzt bei einer etwa einzuleitenden Hilfsaktion auch für den vor bezeichneten Zweck Mittel flüssig zu machen.

Gleichfalls schwer geschädigt ist das unterhalb des oben erwähnten Anwesens gelegene Mühlanwesen. Der Hofraum desselben ist durch Geröll und Schlamm 1 - 1,5 m hoch überdeckt, das Bett des Mühlbaches ist gleichfalls vollständig übermurrt, so dass das Wasser im Leerlauf entlang läuft und die Mühle daher zurzeit völlig außer Betrieb ist. Das Sägemühlgebäude droht einzustürzen und wurde daher einstweilig gesperrt. Da der Müller finanziell nicht gut situiert ist, so ist er durch diese Schäden dem Ruine nahe gebracht, insbesondere wenn etwa die Außerbetriebsetzung seiner Mühle längere Zeit andauern und er dadurch seine Kunden verlieren sollte. Auch hier tut Hilfe not. Ich habe deshalb Auftrag gegeben, dass zunächst der Mühlbach geräumt werde, damit das Mühlwerk in Bälde wieder in Betrieb gesetzt werden kann. Die Arbeiten lasse ich einstweilen durch einen Distriktsstraßenwärter beaufsichtigen, werde aber später hierfür einen eigenen Vorarbeiter auf Distriktskosten aufstellen.

Erwünscht wäre es, wenn die Situation in Mühlbach und Deising durch den technischen Referenten hoher Stelle in Augenschein genommen werden könnte. Auch eine Besichtigung der Laberbrücke in Dietfurt und der Altmühlbrücke in Griesstetten möchte ich erbitten. Da ich mich aber mit dem Amtstechniker persönlich an diesen Besichtigungen beteiligen möchte, so darf ich vielleicht die Bitte stellen, falls meinem Ansuchen Folge gegeben werden kann, mir vorher von dem Tage der Besichtigung Kenntnis geben zu wollen. Nicht als Besichtungstage bitte ich in Aussicht zu nehmen, den 20. - 24. - und 26. Februar und den 3. März, da ich an diesen Tagen unabkömmlich bin.“

 

 

1Für so manchen Höhlenforscher gab es nun keinen Zweifel mehr, dass sich hinter der Mühlbachquelle und deren Hungerbrunnen eine geologische Sensation verbirgt. Das größte Problem, das man bis dahin aber sah, bestand darin, den vermutlich nur 1-2 m² großen Eingang in einem riesigen Schuttkessel von 20 m Breite und 20 m Höhe zu finden.

Der Schlüssel zur Entdeckung dieser Höhle war sicherlich mein Aufenthalt in Australien. Dort lernte ich von Goldgräbern, wie man einen sicheren Suchstollen in lockeres Gestein vortreibt. Mit diesem Wissen konnte sich die KGM 1998 unter meiner Projektleitung an ein, in dieser Art sicher noch nie da gewesenes Vorhaben wagen, einen unter 20 m hohen Geröllmassen versteckten Höhleneingang zu suchen.

So machte ich mich damals auf die Suche, geeignete Materialien für einen Prospektionsstollen zu finden. Fündig wurde ich bei einer Spedition, die als Unterlage für ihre Material-Paletten genau die geeigneten Holzstempel besaß. 1Der gesamte Hangbereich um den Hungerbrunnen, aus dem sich fast regelmäßig alle 50 Jahre gewaltige Wassermassen ihren Weg bahnen, war an mehr als 17 verschiedenen Stellen stark bewettert. Wegweiser für den Suchstollen sollte, vor allem im Winter, der einströmende Luftzug sein. Wir suchten also die vielversprechendste Stelle am Schutthang, und begannen den Stollen hineinzutreiben. Eine derartige Stollenanlage selbst zu bauen ist doch etwas ganz anderes als sie sich nur anzuschauen. Welche Odyssee von nun an vor mir lag, wusste ich damals noch nicht. Ich dachte mir, wir kämen nach maximal 20 m an einen Höhlengang. Doch dies sollte sich als fataler Irrtum erweisen. Dadurch, dass der gesamte Untergrund während der vielen Wasserausbrüche der letzten Jahrhunderte ziemlich ausgespült war, bewegte sich der Luftzug wie in Schlangenlinien vor mir her. Immer wieder musste der günstigste Winkel gesucht werden, um den verschwundenen Luftzug nach einigen Metern wieder zu erreichen. Über 10.000 Eimer Schutt (160 t) habe ich dabei mit bloßen Händen teilweise auf dem Bauch liegend in Zementeimer eingefüllt und meinen Kollegen, die zahlreich hinter mir stationiert waren, gereicht. Damals konnte mich M. Rüsseler noch an der Front unterstützen, der die restlichen 3000 Eimer, wenn ich vor Erschöpfung oder Psychoterror nicht mehr konnte, einfüllte. Die schweren Eimer wurden dann auf einer flachen Wanne über Holzbretter durch den gesamten Stollen hinausgezogen.

1Damit wir Personal einsparen konnten und das Felsmaterial an eine bestimmte Stelle am Hang deponiert werden konnte, konstruierte ich einen auf einem Höhlenseil laufenden Schlitten. Dieser wirft am Ende der Seilbahn die Felsbrocken automatisch ab. Wie oft ich beim Stochern in dem losen Verbruch verschüttet wurde, habe ich vergessen. Die Leistung, die alle Beteiligten über 30 Monate lang jedes Wochenende vollbracht haben, ist unbeschreiblich. Am Ende war der Stollen 55 m lang und 10 m tief.

Kurz vor Weihnachten 2000 stieß ich mit meinem Meisel das erste Mal durch einen Verbruchhaufen, der den Blick in die erste intakte Höhlenkammer frei gab. Die Freude aller anwesenden war groß. Wir besorgten uns 2 Flaschen Sekt und feierten die lang ersehnte Entdeckung. Doch die Begeisterung währte nicht lange. Am Boden der Halle verschwand der Luftzug wieder in grobem Verbruch. Wir trennten uns an diesem Wochenende mit der Abmachung, über Silvester eine Forschungswoche anzusetzen. Das bedeutete für mich, auch die Weihnachtsfeiertage in meiner Werkstatt zu verbringen, um einen Stahlkäfig zu entwickeln, den man mindestens 4 m tief in den vorgefundenen Verbruch einbauen konnte. Denn in dieser Tiefe sollte das Vorflutniveau der Höhle beginnen.  Wir sollten das Wasser erreichen.

Tagebuchauszug:

Wir treffen uns am Wochenende, räumen den Stollen auf und bereiten unsere Silvesterfeier im Haus des Gastes in Mühlbach vor.

Am Montag den 01.01.2001 wird das gesamte Käfigmaterial in die Kammer geschafft. Dabei versuchen sich einige Silvester-Gäste am Verbruch und schlichten etliche Steine weg. Da aber alles einzustürzen droht, beenden sie ihre Aktion.

02.01.2001 Grabung Hungerbrunnen

Die Grabung der Gäste hat sich als sehr hinderlich für den Einbau des Eisenkäfigs herausgestellt. Es dauert deshalb länger, die Gerüstteile einzusetzen. Am Abend ist der Schacht 1 m tief gesichert und für morgen sieht es jetzt besser aus. Ich rechne damit,  möglicherweise 1,5 – 2 m weiter nach unten zu kommen. Dort sollte sich dann schon langsam die Decke des hier vermuteten Höhlenganges zeigen.

03.01.2001 Die letzte Grabung am Hungerbrunnen

Es ist Mittwoch. Von unserer Silvestermannschaft sind nur noch Steffen, Dieter und ich übrig. Für uns sollte es ein ganz besonderer Tag werden, davon hat aber morgens noch keiner etwas geahnt. Um 11 Uhr ist der Stollen so vorbereitet, dass die Arbeiten fortgesetzt werden können. Nach den gestrigen Schwierigkeiten klappt heute alles viel besser.

Ich sitze unten am Schachtboden und denke, während ich die Eisenteile miteinander verschraube, an die letzten Jahre zurück, in denen ich eine Grabungstechnik entwickelt habe, die es im fränkischen Karst so noch nicht gegeben hat. Ich konnte nun über und unter Wasser sämtliche Verbrüche überwinden. Diese ständig weiterentwickelte Abstütztechnik, brachte mir in den nächsten Jahren immer wieder ungeahnte Entdeckungen.

Dieter und Steffen reichen mir abwechselnd Bohrer, Schraubenschlüssel und Schrauben nach unten. Der Schachtkäfig lässt sich sehr leicht einbauen. Langsam wird er so tief, dass man die großen Blöcke nur noch schwer nach oben bekommt. Wir haben das Zeitgefühl total verloren, aber alles sieht so gut aus, dass mir die Uhrzeit völlig egal ist. Die zwei über mir spüren auch, dass es jetzt beginnt! Mit dem Fäustel klopfe ich auf einen großen Bodenblock und rufe nach oben. „Es hört sich nach einem Raum von 2 auf 2 m an.“ Dieter jubelt und Steffen kann es nicht glauben. „Und, siehst du schon etwas, ist es ein Gang?“ rufen beide aufgeregt von oben herunter. „Das war doch nur eine Echolotung“, sage ich. „Und wie lang, wie lang ist er, sag doch endlich.“ „Ich weiß es nicht, glaube sehr lang. Es hört sich sehr lang an!“ Oben dagegen hört man nun für einige Sekunden gar nichts mehr, und als ich hinauf blicke, schauen mich zwei bleiche Gesichter mit aufgerissenen Augen an.

Wir machen eine Pause. Ich suche mein Vesper und finde es nicht. Na ja, macht auch nichts, dann nehme ich eben das Brot von gestern, das ich vor lauter Euphorie zu essen vergaß. Wir arbeiten jetzt schon 6 Stunden und mir ist alles egal. Was soll der Hunger, wenn das Neuland im Hungerbrunnen ruft. Also weiter kämpfen, sagt mir mein Neulandinstinkt.

1Am Boden kommt tatsächlich der vermutete Deckenversatz. Hinter einem kleinen Spalt taucht in 1 m Tiefe Lehmboden auf. Ein großer Block am Boden verhindert noch das Durchkommen. Mit dem Fäustel wird die letzte störende Felsnase  entfernt, dann reiche den allerletzten Felsbrocken des Hungerbrunnenstollens nach oben. Ich fühle, dass dem Abschluss des Stollens der Beginn der Wasserhöhlenforschung im Altmühltal folgen wird. Steffen soll die Felsbank entfernen und dann als erster das Neuland betreten. „Das habe ich noch nie gemacht“, sagt er mit ungläubigen Augen. „Was soll´s, ab heute schon. Hau weg den Block und geh durch“, sage ich ermutigend. „Oh weh, oh weh“, kommt als Antwort. Er holt aus und der Block platzt auseinander. Mit zittrigen Händen nimmt er die Schutzbrille ab und räumt den Schutt weg. Den Rest drückt er mit den Füßen nach innen. Wir sitzen beide gespannt oben am Schacht und beobachten ehrfürchtig, wie Steffen langsam mit den Füßen voran in der Felswand verschwindet. Wir hören nur die Wortfetzen „Oh – Oh – Oh, Oh – Oh – Oh, eine räumliche Erweiterung ist es auf jeden Fall und beschlufbar“. Dann herrscht Stille. Wir erahnen die Dimension des Neulands an Steffens Reaktion. Ich gehe als zweiter. Der Durchgang ist leicht zu befahren. Vor mir ist es dunkel. Mein Kopf dreht sich in die Fortsetzung und dann erkenne ich Steffen. Er sitzt an der linken Felswand des Ganges auf einem Gesims. Hinter ihm ist es stockfinster. Der Gang ist ca. 1,5 m hoch und 2,5 m breit, wir schätzen ihn auf ca. 15 m Länge. Am Ende ist eine Felswand zu erkennen, und es könnte nach rechts weitergehen. Ein deutlicher Luftzug ist zu spüren.

Steffen und Dieter sitzen neben mir in einem Bilderbuch-Kastenprofil, dessen Wände voll von Fließfacetten sind. Wir können nicht fassen, was wir die vielen Jahre geleistet haben und wo wir jetzt endlich sitzen. Dieser Gang kann nur in ein großes Wasserhöhlensystem führen, wie z.B. dem Mordloch der Schwäbischen Alb. Einige Minuten sitzen wir in Gedanken versunken in der düsteren Stille, ab und zu hört man das Auftreffen der einen oder anderen Freudenträne auf den Höhlenboden. Ich filme Dieter dabei, wie er nacheinander unsere Namen an die Höhlenwand schreibt. „Das ist das Vorrecht der Erstbefahrer“, sagt er. Mittlerweile ist es schon 21 Uhr geworden. Seit 10 Stunden sind wir bereits wieder im Hungerbrunnen beschäftigt. Diesmal wohl zum letzten Mal! Ich schlage vor nicht ins Neuland vorzustoßen, um für das kommende Wochenende mit all unseren Vereinskameraden, die so fleißig mitgeholfen haben, eine Neulandbefahrung zu organisieren. Glücklich und zufrieden, besonders darüber, dass wir nach 5 m auf offener begehbarer Strecke im ersten Wasserhöhlensystem der Frankenalb stehen geblieben sind, verlassen wir die Höhle.

Es wird eine lange Nacht. Wir  stoßen mit einigen Flaschen Sekt auf den heutigen Durchbruch an und feiern bis 4 Uhr früh in unserem Karstquartier, dem "Haus des Gastes“ in Mühlbach. Die unvergesslichen Tage in Mühlbach, an denen Neuland gefunden wurde, sind wieder um einen Tag reicher, und wir werden mit dieser Höhle eine Flut an Neuentdeckungen erleben. Ich bin stolz auf unsere Truppe, die ich manchmal ganz schön hergenommen habe, um diese Höhle zu entdecken. Es war für mich eine Ehre, diesen Tag mit meinen Höhlenkollegen  erlebt zu haben.

© whf

Petrusquellhöhle    Wolfsblutschacht   Mühlbachquellhöhle     Bottelmühlhöhle    Indonesien/Java

 
 

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