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Neben den Forschungsarbeiten in der Mühlbachquellhöhle habe ich mich intensiv um die Vorbereitungen zur Entdeckung einer zweiten wasseraktiven Höhle im Altmühltal bemüht. Ich wollte belegen, dass es sich bei der Mühlbachquellhöhle um keine Ausnahmeerscheinung im Karst der Frankenalb handelt, sondern um den Regelfall. Denn hinter jedem größeren Quellaustritt verbirgt sich eine zumindest betauchbare Wasserhöhle. Auch wenn das seit Beginn der Höhlenforschung in der Frankenalb vor über 200 Jahren bis vor kurzem niemand glauben wollte. Man muss nur die Augen offen halten, sich an anderen Karstgebieten der Welt ein Beispiel nehmen, nicht beeinflussen lassen, neue Wege gehen, immer wieder neue Ideen selbst verwirklichen können und dann nur noch den Zugang finden.

Wie auch bei der Mühlbachquellhöhle haben mir die Originalberichte des Bezirksamtmanns Eymann von der Hochwasserkatastrophe 1909 im Altmühltal, die in der Rubrik – Mühlbachquellhöhle – Wie wurde diese Höhle entdeckt – genauer behandelt werden, bei der Entdeckung der Petrusquellhöhle sehr geholfen.

Auszug aus dem Bericht

„Stark betroffen ist die politische Gemeinde Deising, in die ein plötzlich aus dem Berge ausbrechender mächtiger Wasserstrom eindrang und den Gemeindeweg von Deising nach Zell auf etwa 400 - 500 m völlig zerstört hat, so dass die Frage erwogen wird, ob nicht eine völlige Verlegung des Weges auf die zerstörte Strecke angezeigt wäre. Jedenfalls wird neben dem Wege oder an dessen Stelle für zukünftige Fälle ein breiter Gießgraben angelegt werden müssen und dazu der Ankauf von Land erforderlich sein, wodurch die Herstellungskosten sich wesentlich erhöhen. Vorerst ist der Weg gesperrt und wird auch vor endgültiger Wiederinstandsetzung dem Verkehr nicht mehr übergeben werden können, da provisorische Maßnahmen ausgeschlossen sind.“

Mitte des letzten Jahrhunderts wiederholte sich dieses Ereingis erneut. Auch damals wurde die noch geschotterte Ortsverbindungsstraße zwischen Deising und Zell am westlichen Orteingang wieder bis zum Felsboden auf eine Tiefe von 2 m weggespült.

Anhand meiner Untersuchungsergebnisse konnte ich eindeutige Gemeinsamkeiten der beiden Karstquellen in Mühlbach und Deising nachweisen. Also musste sich hinter der Petrusquelle ebenso wie hinter der Mühlbachquelle, eine riesige Wasserhöhle befinden. Grund genug einen Forschungsantrag beim Landratsamt Kehlheim zu stellen.

Datenvergleich beider Karstquellen

 

Mühlbach

Deising

Einzugsgebiet

35 km²

65 km²

Ganglänge der Höhle

6,2 km

Bis jetzt erforscht 1 km

Quellschüttung

ca. 250 l/Sek.

ca. 550 l/sek.

Maximalschüttung

500 – 1200 l/Sek.

1000 – 6000 l/Sek.

Hochwasserschüttung 1909

ca. 80000 l/Sek.

ca. 50000 l/Sek.

Quellaustritte

3

2

Ehemalige Quellaustritte

7

Mindestens 2

Ausbruchskessel

1000m²

5000m²

Hochwasserausbrüche seit 1909   

3

3

Bewetterungsverbindung zur Hochfläche

Ja!

Ja!

Quelleintrübung nach einem Hochwasser

Setzt 2 – 3 Tagen später ein

Setzt 10 – 30 Stunden später ein

Quelle ist noch nie versiegt

X

X

 

2 Jahre intensive Vorbereitungen führten im Juni 2003 dazu, die Suche nach einem Wasserhöhlensystem an einem fossilen Quellaustritt unter Verwendung eines Kettenbaggers zu beginnen. Am 01.06.2003 erhielt ich erstmals in der Frankenalb die behördliche Genehmigung einen unbekannten Zugang zu einem Wasserhöhlensystem zu öffnen und diese zu erforschen.

 

12.06.2003 Tag der Entdeckung

1Am 11.06.03 erfuhr ich, dass der benötigte Bagger für den nächsten Morgen bereit steht. Jetzt wurde es ernst. Die Anspannung näherte sich seinem Höhepunkt. Innerhalb weniger Stunden musste ich nun die Grabung organisieren, die innerhalb eines Tages durchgeführt werden sollte. Je mehr Zeit verging, desto übler wurde mir bei dem Gedanken an morgen. In der Nacht konnte ich kein Auge zu machen. Ralph Schoberth, ein Höhlenvermessungsprofi, der mich bei den Arbeiten unterstützen wollte bekam natürlich so kurzfristig nur einen haben Tag Urlaub. Schon seit vielen Jahren steht er immer loyal zu mir. Er wollte ab 14 Uhr kommen.

Sabine, meine beste Freundin aus Ehrwald in Österreich reiste hochschwanger an, um die Entdeckung mitzuerleben. Ich stand bereits um 6 Uhr auf, um rechtzeitig vor Eintreffen des Tiefladers, der den gewaltigen 920 Kettenbagger brachte, vor Ort zu sein. Ich fühlte mich scheußlich, und war so blass wie ein Bettlaken.

Die heutige Verantwortung, die Schwierigkeiten und der Stress der letzten Jahre brachen plötzlich auf mich ein, so dass ich mich im Wald übergeben musste, um all das loszuwerden, was sich so lange anstaute. Sofort danach fühlte ich mich besser. Ein Zeichen dafür, neue Wege zu beschreiten.

Schon ertönte das laute Quietschen des Baggers, der sich wie ein riesiger Dinosaurier auf den Waldrand zu bewegte. 1Es war genau 8 Uhr, als die ein Meter breite Schaufel die ersten 100 Eimer Geröll aus dem Boden holte. Begeistert machte ich mir klar, dass jede Baggerschaufel ein Arbeitstag mit mind. 6 Personen einsparte. Ohne einen Baum oder Strauch zu verletzen, arbeitete sich der routinierte Baggerfahrer der Firma Templer aus Zell an der Felswand nach unten. Der Eigner des Grundstücks war vor Ort und beobachtete  mich bei meiner schwierigen Aufgabe. Trotz aller Vorbereitung wusste ich genau, dass mich die Natur mit nicht abwägbaren Schwierigkeiten überraschen konnte. Aber bis jetzt lief alles gut. Nach einer Stunde tat sich an der Felswand in etwa 2 m Tiefe ein kleines Loch auf. Ich ließ die Arbeiten einstellen, um den dahinter liegenden Hohlraum näher zu untersuchen. Mit einer Taschenlampe bewaffnet zwängte ich mich in den schmalen Spalt unter eine Felsdecke. Gleich wurde es ca. 3 m breit und der Boden des Kämmerchens neigte sich 2 m weit schräg nach unten zur Felswand. Alles sah perfekt aus. Alle vom Wasser gerundeten Felsbrocken hatten einen dünnen lehmigen Überzug, der von den früheren Hochwasserausbrüchen stammte. Wenn sich hier schon eine  80 cm tiefe Absackung unter der Felsdecke befand, ist es sicher nicht mehr weit bis zum ersten großen Hohlraum. Das Geröll verschwand in einer Senke vor der Felswand. Von unter kam mir kalte Luft entgegen. Alles war perfekt. Ich traf in dem 100 m breiten Talkessel genau an der richtigen Stelle auf den Eingang zum Höhlensystem.

1Wieder wurde der Bagger eingesetzt. Aber je tiefer wir kamen, desto instabiler wurde die linke Felsschutthalde. Das Loch hatte nun schon enorme Ausmaße. Wir waren an einem Punkt angelangt, an dem es ohne Abstützungen nicht mehr weiter ging. Nach kurzer Beratung konnte der Baggerfahrer eine 2,5 m  hohe Spundwand organisieren. In der Zwischenzeit wurde Mittag gemacht. Mit dem Tieflader kam eine Stunde später die 3 t schwere Spundwand an. Mir erschien alles wie in einem Sience Fiction Film. Der Bagger keuchte mit dem riesigen Ding am Haken wie ein Ungeheuer auf uns zu und versenkte nach wenigen Minuten das Teil in der tiefen Grube. Jetzt ging es wieder zügig voran. Ab und zu kontrollierte ich die Felswand, dann war es so weit.

1Am Do. den 12. Juni 2003 um 11.04 Uhr beleuchtete ich zum ersten Mal die Eingangshalle zu einem neuen Wasserhöhlensystem. Wir waren alle euphorisch und fielen  uns vor Freude um den Hals. Durch ein kopfgroßes Loch blickte ich in eine 6 m lange und 6 m tiefe Halle. Über eine steile Blockhalde sah ich den mit Geröll bedeckten Höhlenboden. Jetzt nur keinen Fehler bei den letzten Baggerarbeiten machen. Die gesamte Geröllhalde könnte dabei nach unten in die Halle verbrechen und eine mögliche Fortsetzung verschütten. Aber der Baggerfahrer verstand sein Handwerk perfekt. Es dauerte nicht mehr lange und der Zugang war groß genug, um jetzt die Schachtringe einzubauen.

1Der erste Ring wurde horizontal auf das lose Gestein bis an die Felswand geschoben. Sie war einen Meter überhängend und musste später mit großen Felsblöcken zugeschlichtet werden, damit wir einen stabilen Abschluss bekamen. Das nächste Rohr wurde vertikal daneben gestellt. Nach Fertigstellung des Schachtes wollte ich dann einen Durchgang in den Anschluss bohren. Die Rohre waren perfekt und ich war mir sicher, dass das ein vollkommener Zugang werden wird. Auch Ralph war davon begeistert. Nacheinander transportierte der kleine Dinosaurier einen Schachtring nach dem anderen heran. Wie ein gewaltiger Kamin stand das Bauwerk in dem Loch. Zu einem solchen Zugang kann nur eine gewaltige Höhle passen. Immer wieder muss ich daran denken, dass mir keiner meiner Kollegen zutraute, auf diese Weise den Eingang in ein Höhlensystem zu finden. Manche haben ganze Kisten Sekt darauf gewettet, sich dann aber doch vornehm zurückgehalten. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Auch die Zuschauer halten sich in Grenzen. Sabine steigt wie eine Gämse den Hang rauf und runter, dokumentiert alles schön mit Ralphs Foto und freut sich riesig. Ich mach mir doch einige Vorwürfe, dass ich sie in ihren Umständen anreisen lies. Aber sie machte schon immer was sie wollte.

1Alle Schachtringe waren nun aufgesetzt, sodass nun der Verschlussdeckel provisorisch aufgelegt werden konnte. Er sollte verhindern, dass beim Entfernen der Spundwand und dem Auffüllen des doch beachtlichen Loches kein Felsmaterial in den Schacht fällt. Das Gelände sieht jetzt fast besser aus als vorher. Es führt ein gleichmäßiger sanft ansteigender Weg bis an den Eingang. Zum Abschluss wird um den Deckel eine dicke Humusschicht aufgetragen, um eine schnell Renaturierung zu begünstigen. Um 17 Uhr schließe ich den Schachtdeckel. Somit war nach nur 8 Stunden Arbeit der Eingang in das 2te Wasserhöhlensystem der Frankenalb entdeckt. Damit kam ich dem wissenschaftlichen Nachweis näher als je zuvor, dass begehbare Wasserhöhlensysteme in der Frankenalb keine Einmaligkeit sind. Alles was ich mir seit Jahren vorgestellt hatte, ist bis jetzt eingetroffen. Die Höhle war meine Wunschhöhle, und viele Wünsche werden hier noch in Erfüllung gehen.


Vollkommen zufrieden und glücklich über diesen Erfolg verließen wir das Gelände. Ein Reporter vom Donaukurier erwartete mich schon aufgeregt, um eine Pressemeldung abzusetzen. Danach fuhren Sabine, Ralph und ich zum Agatha See, um uns vom Staub der Grabungsarbeiten zu befreien. Der kühle See baute uns wieder richtig auf. Mit meinen Eltern, die sich das Ereignis nicht entgehen lassen wollten, feierten wir den Erfolg im „Himmelreich“ mit ein paar kühlen Bierchen und Apfelschorle für Sabine. Völlig erschöpft verkroch ich mich um 23 Uhr in meinen Bus. Sabine brachte zwei Tage später den kleinen Leon zur Welt.

 

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© whf

Petrusquellhöhle    Wolfsblutschacht    Mühlbachquellhöhle     Bottelmühlhöhle    Indonesien/Java

 
 
 

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