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Mein Weg zur Königsdisziplin „Wasserhöhlenforschung“

Das Außergewöhnliche hat mich schon immer in seinen Bann gezogen. Improvisieren, Unmögliches möglich machen, aus der Reihe tanzen, nicht mit den Massen marschieren, gegen den Strom schwimmen, sich nicht zurücklehnen und andere machen lassen.  All dies sind Charakterzüge, mit denen ich bei so vielen Menschen anecke oder auf Unverständnis stoße.

„Weshalb muss bei dir immer alles perfekt sein, kannst Du nicht einmal ohne Kritik etwas annehmen. Sei doch nur einmal normal.“ Das ist die Reaktion der meisten Menschen, die mit der Gewöhnlichkeit, der Normalität im Leben zufrieden sind. Menschen wie ich haben nicht viele Freunde, denn nur wenige sind so wie ich und verstehen um was es uns geht. Wir sind keine Menschen, die mehr erreichen wollen als andere. Wir erreichen nur anderes; und wir sind Menschen, die sicher Ungewöhnlicheres sehen, erfahren oder leisten können als andere. Wir sind Menschen, deren ständiger Wegbegleiter Verzicht und Entbehrung sind. Der Lohn ist der Erfolg, und wie alle erfolgreichen Menschen wissen auch wir schon vor Beginn eines Projektes, wie das Ergebnis aussehen wird. Wir identifizieren uns kompromisslos mit unserem Ziel und werden dadurch selbst zum Ziel mancher Menschen.

So vieles habe ich in meinem Leben schon erreicht und erlebt. Doch nie hat es mich davon abgehalten, weiter nach neuen Zielen Ausschau zu halten. Sie waren schnell geplant und schnell erreicht. Doch eines Tages sollte alles ganz anders werden. Damals verbrachte ich meine Wochenenden oft in der Fränkischen Schweiz und wanderte mit Freunden durchs malerische Wiesenttal. Ich genoss die Natur und die bizarre Landschaft. Als ich mir, es war im Jahr 1980, einen Wanderführer durchs Wiesenttal kaufte, waren auf den Karten seltsame hufeisenförmige Zeichen abgebildet. Es handelte sich dabei um Symbole, die Höhlen markierten. Natürlich waren mir Höhlen nicht unbekannt, jedoch beschränkte sich mein Wissen über sie bis dahin nur auf Schauhöhlenbesuche.

Nun wurde ich mit Höhlen konfrontiert, die ich auf eigene Initiative erkunden konnte. Und es gab eine Menge dieser Symbole auf den Wanderkarten dieses kleinen Buches. Wieder wurde eine Wanderung entlang der steilen Hänge des Wiesenttals geplant. Aber diesmal mit Augenmerk auf dunkle Löcher, die unter die Erde führten. Vorsorglich nahmen wir mehrere Taschenlampen mit. Es dauerte nicht lange bis wir eine auf der Karte markierte Höhle erreichten. Ich werde nie vergessen, dass es sich bei dieser Höhle um die Wundershöhle bei Muggendorf handelte. Dieser Tag sollte mein weiteres Leben nachhaltig verändern. Schon seltsam, welche Wunder ich von da an immer wieder erleben durfte.

Damals fiel mir, nur wenige Schritte östlich des Ausganges der Oswaldhöhle, bei der es sich um eine Durchgangshöhle von etwa 60 m Länge mit einem bis zu 7 m hohen und einige Meter breiten Tunnel handelt, der Zugang zur Wundershöhle auf. Dort befand sich, in einer niedrigen Felsnische, ein etwa Medizinball großes Loch. Keiner meiner Begleiter wollte sich da hineinzwängen, um nachzusehen, was sich dahinter verbarg. Das war meine Gelegenheit und die würde, ohne dass ich es ahnen konnte, viele Jahrzehnte meines Lebens prägen. Ich steckte mich mit einem Virus an, der bis heute als unheilbar gilt. Dem gemeinen Höhlenvirus „Speleovirensis“. Ich zwängte mich also durch das kleine Loch im Boden und verschwand für zwei Stunden vor den Augen meiner Freunde von der Bildfläche. Das was ich sah beeindruckte mich so sehr, um von nun an jede freie Minute meiner neuen Passion, den Höhlen, zu widmen.

Auf unseren Streifzügen durch die Fränkische Alb fanden wir in zahlreichen Büchern, die das Thema Karst näher beschrieben, Höhlen, die damals für uns eher abenteuerlichen Charakter hatten. Doch mein Interesse an Höhlen und deren Entstehung, stieg von Woche zu Woche. Bald stellten wir fest, dass wir nicht die einzigen waren, die sich für dieses Naturphänomen interessierten. Wir trafen Gleichgesinnte. Wenn man normalerweise seinem Hobby mit Gleichgesinnten nachgeht, trifft man diese eigentlich mehr in Kneipen, Vereinen oder bei Veranstaltungen. Hier war das ganz anders. Höhlenkundler sind in Deutschland nicht sehr häufig anzutreffen.

So waren unsere Begegnungen mehr bizarrer Gestalt und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wenn wir uns aufmachten, Höhlen zu erkunden, sahen wir nicht gerade wie der normale Wandersmann aus. Wir trugen zu Anfang meist stark verschmutzte Overalls, jegliche Art von Kopfschutz, wobei ein Bauhelm schon zur Top Ausrüstung gehörte. Taschenlampe und Wäscheseil waren dabei. Aus Besenstielen und alten Nylonstricken geknüpfte Strickleitern halfen so manchen Abgrund zu überwinden. Wir waren eine Hand voll seltsamer Gestalten, die immer versuchten den Blicken entsetzter Wanderer zu entgehen. Dabei begegneten wir auf unseren Streifzügen durch das Unterholz vereinzelt Leuten, die versuchten, sich auch vor uns zu verstecken und in die dreckigen Löcher unter die Erde krochen. Nach anfänglicher Scheu suchte man die Annäherung und knüpfte so immer mehr freundschaftliche Kontakte zu dieser Spezies der Höhlenkundler und Höhlenforscher.

Zusammen verbrachten wir die Wochenenden und so manchen Urlaub in den einheimischen aber auch benachbarten ausländischen Karstgebieten. Dabei spezialisierte sich der eine oder andere meiner Höhlenfreunde auf ganz bestimmte Bereiche. Meist handelte es sich dabei um die Höhlenfotografie. Dann gab es welche, die Höhlenpläne sammelten. Wieder andere haben sich auf die Vermessung der Höhlen spezialisiert. Manche wollten einfach nur Höhlen besuchen oder verloren bald wieder das Interesse an ihnen. Mich hat von Anfang an die Entstehung dieser Wunderwerke der Natur fasziniert. Hinzu kam noch, dass ich eine ausgesprochene Wasserratte war, und auch das Wasser spielt die wesentliche Rolle bei der Höhlenbildung.

Als kleiner Junge versteckte ich mich oft beim Baden vor meinen Geschwistern unter einer weißen Schaumdecke in der mit wohlig warmem Wasser gefüllten Badewanne. Ich schraubte den Duschkopf vom Schlauch ab, schob den Mischer auf Duschbetrieb und benutzte den Schlauch als Schnorchel. Ich habe damals im Schwimmunterricht schon gelernt, wie das funktioniert, um nicht zu ersticken. So verbrachte ich bis zu 30 Minuten unter Wasser, war unsichtbar, konnte aber alles ganz deutlich hören, was im Badezimmer geschah.  Da unten fühlte ich mich einfach wohl. Hätte ich vielleicht ein Fisch werden sollen, oder war ich mal einer? Genau dieses faszinierende Element, das Wasser, sollte das Spezialgebiet meiner Höhlenerkundungen werden. Mehr und mehr verlegte ich meine Aktivitäten auf den Bereich der Wasserhöhlen. Dabei dünnte sich auch die Zahl meiner Begleiter etwas aus.

Die meisten waren von dem nur 8°C kalten, meist lehmtrüben Wasser nicht sehr begeistert. Überall im Ausland gab es unzählige Wasserhöhlen, die man mit Neoprenanzügen zum Wärmeschutz oder mit Schlauchbooten erkunden konnte. Nur bei uns in der Franken Alb gab es keine. Wenn wir mal am Wochenende Wasserhöhlen untersuchen wollten, mussten wir in die Schwäbische Alb fahren. Die Quellen und Eingangsbereiche der Wasserhöhlen waren es, die mich magisch anzogen. Eine unbekannte Wasserhöhle zu entdecken, das wäre wohl das Größte. Aber wie, wo und mit welcher Technik könnte ich einen unbekannten Eingang in eine solche Höhle finden?

10 Jahre nachdem ich mich mit Speleovirensis infiziert hatte musste ich 1990 eine nicht rückgängig zumachende Entscheidung treffen. Mein bisheriges Leben hatte ich im Betrieb meiner Eltern verbracht, machte eine Ausbildung zum Metzgermeister und sollte natürlich auch Ihren Betrieb übernehmen. Doch es waren die Höhlen, die meine Seele berührten. Ich lehnte ab und schlug meinen enttäuschten Eltern vor, Ihren Betrieb zu verpachten.

Ich wollte Forscher und Entdecker, in der Königsdisziplin, dem Wasserhöhlenforschen, werden. Ich wollte an Orte auf unserem Planeten vordringen, die noch nie ein Mensch gesehen, geschweige denn betreten hat. Und ich wollte nicht nur 50 m Löcher entdecken. Welch ein waghalsiges Ziel. Jetzt galt ich bei allen als Spinner. Doch ich hatte mein Ziel genau vor Augen. Ich wusste und war mir ganz sicher, wie und vor allem, dass ich dieses Ziel erreiche.

Die Tragweite meiner Entscheidung war mir von Anfang an klar. Meine Höhlenaktivitäten waren von diesem Tag an nicht mehr nur auf ein paar freie Wochenenden beschränkt. Sie waren jetzt kein Hobby mehr, kein Ausgleich für eine stressige Arbeitswoche, oder um mal von zuhause weg zu kommen. Meine ganze Energie wollte ich von nun an für meine Berufung einsetzen, Wasserhöhlen-Entdecker zu werden. Da man nun als Höhlenforscher nur wenig, oder gar nichts verdient, musste ich meine Ersparnisse, für den jahrelangen Weg dorthin sehr präzise einteilen. Auch mein Lebenswandel musste geändert und meine Ansprüche auf ein Minimum herunter geschraubt werden. In zehn bis fünfzehn Jahren wollte ich mein Ziel erreichen. Das klingt fast wie die Verbüßung einer fünfzehnjährigen Haftstrafe wegen geistiger Umnachtung. Doch ganz so schlimm sollte es nicht werden. Wie von selbst geschahen immer wieder Dinge, die sich im Nachhinein als wegbereitend erwiesen.

Fast zeitgleich mit meiner Entscheidung Wasserhöhlenforscher zu werden traf ich auf eine Hand voll Höhlenbegeisterter, die sich im Altmühltal auf nur eine ganz bestimmte Höhle konzentrieren wollten. 1989 fiel ihnen an einer Hangkante oberhalb von Mühlbach ein Loch in der Erde auf, aus dem im Winter eine weit in den Himmel aufsteigende Dunstsäule entwich. Ich schloss mich damals diesen Leuten an. Ein weiterer wichtiger Schritt, in Richtung meines Zieles.

Genau dieser Luftzug sollte uns weit in den Berg hinein führen. Wir bewegten uns ständig durch gefährlich instabile Verbruchzonen. Riesige Felsbrocken drohten jederzeit auf uns hinab zu stürzen, um uns tot oder lebendig zu begraben. Um weiter zu kommen wurde es immer wichtiger, eine Stütztechnik zu entwickeln, die uns vor dieser Gefahr schützte. Da ich der einzige in der Gruppe war, der sich wie man so sagen kann, hauptberuflich mit der Höhlenforschung beschäftigt, hatte ich genügend Zeit und Möglichkeiten, sehr schnell immer wieder neue Techniken zu entwickeln und einzusetzen. So konnte ich die anstehenden Probleme immer bis zum nächsten Wochenende lösen und der Gruppe vorstellen. Sicherlich waren wir damals eine von wenigen Höhlenforschergruppen in Deutschland, die derartige Techniken verwendeten. Ich stellte bald fest, dass es für den Erfolg einer Höhlenerforschung ausschlaggebend war, wie sicher und schnell eine Abstützung ein- und ausgebaut werden kann. Darauf wollte ich mich nun spezialisieren.

Damals war mir noch nicht klar, welche besondere Rolle diese Höhle für mich und auch für die gesamte Gruppe, die von Jahr zu Jahr größer wurde, spielen sollte. Die Arbeiten in dieser Höhle wurden immer aufwändiger. Aufgrund ihres Forschungspotentials stießen bald auch Spezialisten renommierter Höhlenvereine zu uns. So gründeten wir einige Jahre später unseren eigenen Verein, die Karstgruppe Mühlbach. Nach dem gleichnamigen Ort und seinem Bach, der am nahe gelegenen Talhang entsprang. Einigen von uns war die Mutation einer unkomplizierten, hoch motivierten Arbeitsgruppe zu einem nach deutschen Regeln, mit großem Verwaltungsaufwand geführten Verein, nicht ganz geheuer. Ich stellte mich als zweiter Vorstand zur Verfügung und wurde als technischer Forschungsleiter von meinen Vereinskollegen bestimmt. Die Höhle nahm immer größere Ausmaße an, wobei wir uns überwiegend am Bauch kriechend durch die engen Röhren vorwärts bewegen mussten. Dennoch war der enorme Luftzug, der uns in den Berg hinein führen sollte, Motivation genug, um immer weiter zu machen. Wir sahen die große Chance von dieser Höhle aus in ein darunter liegendes Wasserhöhlensystem zu gelangen.

1994 bot sich mir ein Jahr lang die Gelegenheit, mit Sabine meiner damaligen Lebensgefährtin und Vereinskollegin, von Südost Asien bis nach Neuseeland zu reisen. Auch Sabine war ein äußerst wichtiges Glied in der Kette von Umständen, die mich zu dem machten, der ich jetzt bin. Auf dieser Reise erlebten wir nicht nur Haut nah die Schönheit unseres Planenten. Wir begriffen, uns auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren. Zufrieden zu sein, mit allem was einem gegeben wird, keine Forderungen ans Leben zu stellen und von Herzen zu helfen. Wir trafen die Ärmsten der Armen, sie alle waren immer mit einem lieben Lächeln hilfsbereit. Auf dieser Reise begriffen wir, wie überheblich und neidig der Großteil unserer Mitmenschen in ihrer so sehr zivilisierten Welt ist.

Während dieser Reise konnte ich mich mit den Phänomenen des tropischen Karstes eingehend beschäftigen. Ganz banal ausgedrückt bedeutet das, Höhlen werden durch ein Vergrößerungsglas betrachtet. Sie sind um ein Vielfaches größer als die in unseren Breiten. So waren Auffälligkeiten an Quellen und Höhleneingängen wesentlich leichter zu verstehen als bei uns.

Um bei mir zu Hause im heimischen Karst Wasserhöhlen zu finden war klar, dort musste auf jeden Fall gegraben werden. Alle meine Entwicklungen, die ich bis dahin mit den Kollegen einsetzte, um Höhlen zu finden kamen mir während dieser Reise mehr und mehr unprofessionell vor. Auf unserer gesamten Reise durch viele Länder hatten wir Kontakt zu den verschiedensten Höhlenvereinen. Die ansässigen Höhlenforscher zeigten uns ihre schönsten Höhlen. Selbstverständlich hatten auch sie besondere Techniken, um Höhlen zu finden oder einen Zugang zu schaffen. Aber keiner der Höhlenforscher konnte mir eine sichere Methode zeigen, wie man einen Verbruch auf unbestimmte Länge und Tiefe sicher und schnell abstützen konnte. Waghalsig krochen sie im labilen Verbruch herum, der höchstens mit einem Holzbalken oder einer Eisenstange abgestützt wurde. Das hat mich doch sehr verwundert. Ist der Verbruch doch das häufigste Ende einer Höhle. Ich dachte mir damals, das muss ich unbedingt ändern. Denn begehbare Höhleneingänge zu finden wird immer schwieriger.

Das Ziel unserer Reise waren eigentlich nicht die Höhlen der südlichen Hemisphäre. Wir haben uns vorgenommen nach Australien zu fahren, um dort nach Gold zu suchen. Auch das war ein wichtiger Schritt in Richtung meines Zieles. Denn auf den Spuren der Goldsucher trafen wir immer wieder auf Menschen, die sich durchaus zahlreich, ihren Lebensunterhalt mit Goldwaschen verdienen. Wir erkannten viele Gemeinsamkeiten, doch verstanden die Goldgräber nie, warum man nach Löchern in der Erde buddelt, wenn da doch nichts heraus zu holen ist. Aber das verstehen nicht nur Goldgräber nicht. Ich lernte von ihnen, wie man Gold aus der Erde wäscht, und wie man sicher einen Stollen in die Erde treibt, ohne vom lockeren Gestein gleich verschüttet zu werden.

Alles in allem war das Jahr unserer Weltreise ein unglaubliches und unvergessliches Erlebnis für das ich auch Sabine sehr dankbar bin. Wie ausgeglichen und zufrieden man sein kann, hat uns dieses Jahr gelehrt. Auch dass man ohne große finanzielle Mittel mehr erleben kann als mit prall gefüllter Geldbörse, ohne dabei viel zu vermissen. Wir erlebten täglich, wie wunderschön unser Planet ist. Trafen unendlich viele liebe Menschen, wohnten und lebten mit ihnen. Sie waren sich nichts neidig oder durch Geld verdorben. Mehr als je zuvor haben wir erkannt, dass auch wir nur eines der vielen Lebewesen unseres Planeten und keine besondere Bedeutung für ihn darstellen.

Doch auch dieses Jahr ging einmal zu Ende. Die ersten paar Monate zuhause waren ein Schock und unheimlich hart für uns. Während meiner Abwesenheit fanden fast keine Aktivitäten des Vereins am Endpunkt der Höhle statt. Das sollte sich aber schnell wieder ändern. Für die nächsten Monate plante ich unsere Vereinskollegen erneut zu motivieren und die Arbeiten wieder zu intensivieren. Mittlerweile erreichten wir eine Region in der Höhle, die nur mit aufwändiger Arbeit überwunden werden konnte. Jedes Wochenende trafen sich bis zu 8 Personen, um am Endpunkt weiter zu kommen. Der Weg dorthin war eine echte Tortur. Es dauerte fast eine Stunde um die engen, verwinkelten Schlufe, Kamine und Schächte zu überwinden. Über 200-mal habe ich diese Strecke schon hinter mich gebracht. Ich kannte jeden Meter auswendig. Jede Bewegung, jede Verrenkung war in meinem Unterbewusstsein abgespeichert. Ich wusste wo ich ausatmen musste, um durchzukommen. Oder an welcher Stelle im engen Schacht einatmen angesagt war, um mich zu verkeilen und nicht abzurutschen.

Als wir eines Tages am Endverbruch unsere wohlverdiente Mittagspause machten, kam ich auf die Idee, die gesamte Strecke bis zum Höhlenausgang ohne die Benutzung einer Lichtquelle zu bewältigen. Einige Meter hat so schon mancher von uns in einer Höhle zurückgelegt. Aber beinahe 300 m durch verwinkelte Röhren und Hallen hat noch keiner gewagt. Meine Kollegen gaben mir 15 Minuten Vorsprung, doch erst als ich das diffuse Licht des Eingangsbereiches sah, hörte ich sie hinter mir. Noch niemals während all der Befahrungen in diesem unendlich erscheinenden Schluf, habe ich mich so sicher und ohne mich irgendwo anzustoßen bewegt. Eine außergewöhnliche Erfahrung.

Unsere jahrelangen Bemühungen wurden einfach nicht belohnt. 8 Jahre sind seit Beginn verstrichen. Zuletzt versuchten wir über den „Endverbruch“ in große und intakte Höhlenteile zu kommen. Der Zeitpunkt aufzugeben rückte 1998 immer näher. Als ich damals in einen unscheinbaren winzigen Verbruchspalt im Boden einen Stein warf, fiel dieser 5 m tiefer in einen größeren Höhlenraum. Ein halbes Jahr lang arbeiteten wir uns nach unten und kamen schließlich unserem so sehr herbeigesehnten Durchbruch in eine große Höhle immer näher. Doch unser großer Tag wurde nicht zu dem, was wir erwarteten. Wir entdeckten zwar einen schönen Raum, in dem auch ein Tei der Mannschaft platz fand, doch endete dieser wiederum an einem Verbruch, in dem der starke Luftzug verschwand. Die Enttäuschung war groß und der Erfolg unserer jahrelangen Arbeit in Frage gestellt. Der Arbeitsaufwand so weit im Berg wurde einfach zu viel. Es fanden sich nur noch wenige von uns, die im lebensgefährlichen Verbruch bei der Arbeit helfen wollten. Der langjährige Versuch scheiterte, von der Hochfläche aus ein Wasserhöhlensystem zu entdecken.

Aber da gab es noch etwas anderes in unserer unmittelbaren Nähe. Etwas, was schon seit langem unsere Aufmerksamkeit weckte. Durch einen alten Zeitungsartikel über eine gewaltige Hochwasserkatastrophe im Altmühltal wurde unser Interesse auf eine mysteriöse Hangdelle am Ortsrand von Mühlbach gelenkt. Wie in diesem Artikel beschrieben, erklärten uns auch Einheimische, dass hier im Jahre 1909 nach einsetzendem Tauwetter urplötzlich ein riesiger Bach aus dem Berg austrat. Genau an dieser Stelle bemerkten wir einen deutlichen kalten Luftzug, der im Sommer aus verschiedenen Stellen im Hang austrat. Sollte es etwa von hier aus eine unterirdische Verbindung zu unserer nur wenige hundert Meter entfernt liegenden Höhle geben, in der wir schon so lange arbeiten. Das wäre die Sensation. Ein halbes Jahr lang recherchierte ich nach den Quellen des Zeitungsartikels von 1909, um mehr herauszubekommen.

Und ich wurde fündig. Manchmal passieren schon unglaubliche Dinge. Nach unzähligen Telefonaten hatte ich den Enkel des Verfassers Sepp Wellnhofer aus Deggendorf an der Donau am Telefon. Er erklärte mir, er hätte beim erst vor kurzem getätigten Umzug drei alte Koffer seines Großvaters auf dem Speicher gefunden. Was sich darin befand, wüsste er allerdings nicht.  Auf meine Bitte hin, die Koffer mit ihm sichten zu dürfen, lud er mich zu sich ein. Vorsorglich organisierte ich mir ein Kopiergerät, um das, was ich vorfinden würde, gleich zu sichern. Freundlich empfing mich Sepp in seinem neu renovierten Bauernhaus. In der gemütlichen Küche standen auf dem Tisch drei alte, verstaubte Lederkoffer. Gemeinsam öffneten wir den obersten. Was ich dann sah, lies meinen Puls höher schlagen. Zu oberst lag ein Ordner mit der Aufschrift „Hochwasserkatastrophe 1909 im Altmühltal“.

Ich kopierte sämtliche Unterlagen und übersetzte später in vielen Stunden die in altdeutscher Handschrift verfassten Texte von Philipp Wellnhofer (Auszüge daraus findet ihr unter – Mühlbachquellhöhle – Entdeckung –). Was ich in diesen Texten herausfand, sollte in den nächsten Jahren dazu beitragen, zwei der bedeutendsten Wasserhöhlen der Region hervorzubringen, und zugleich die ersten in der über 200 jährigen Geschichte der Höhlenforschung in der Frankenalb.

Seit nun schon mehr als 15 Jahren habe ich meinen Beruf an den Nagel gehängt und beschäftige mich ausschließlich mit der Wasserhöhlenforschung. All das in einem Gebiet, das mir mittlerweile besonders ans Herz gewachsen ist. Es ist das Altmühltal, in der südlichen Franken Alb.

 

© whf

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