Höhlentauchgänge in der Mühlbachquellhöhle

 

In dieser Rubrik werden in Auszügen aus meinem Forschungstagebuch von meinen Tauchgängen in der Mühlbachquellhöhle berichtet. Weshalb dieser Teil der Webseite so spät online gestellt wurde erläutere ich in Kürze unter Mühlbachquellhöhle Erforschung Teil 4: „Ein Neubeginn in der Mühlbachquellhöhlenforschung?“

 

Erst die Entdeckung der Mühlbachquellhöhle machte es Erforderlich, mich mit der Höhlentaucherei auseinander zu setzten. Wie auch in allen anderen Sparten meiner Höhlenforschungen tastete ich mich langsam aber intensiv an dieses neue Aufgabengebiet heran. Schon bald stellte sich heraus, dass Höhlentauchen im Altmühltal bald eine wichtige Voraussetzung sein wird, um weitere große Wasserhöhlen zu entdecken. Und so machte ich die ersten Erfahrungen beim Höhlentauchen…

 

03.11.01 Mein erster Tauchgang in der Mühlbachquellhöhle

Um 11 Uhr sind Martin Queitsch, Robert Queitsch und ich mit den Vorbereitungen zur heutigen Höhlenbefahrung fertig. Ich habe meine gesamte Tauchausrüstung im Tauchrucksack verstaut, der sich sehr gut tragen lässt. Nur am Schluf ins „Schlüsselloch“ und im anschließenden „3. Januar Käfig“ muss ich ihn abnehmen. Der Transport geht zügig voran. Wir erreichen nach einer Stunde den „OS 1“ und bereiten uns dort auf den Tauchgang vor. Dabei stelle ich fest, dass mein Lungenautomat minimal abbläst, was in einem Meter Tiefe sicher aufhört.

Ich tauche mit zwei 5 l Tanks, 200 bar meine beiden zweiten Stufen bestehen aus einer Apex 50 und einer Apex 100. Drei LED-Helmlampen, Werkzeug-Notfallpatrone, Teifenmesser, zwei Scheren, einem 30 m Reel und einer Reservemaske. Ich benutze einen dünnen Segelanzug von Marinepool als Trockentauchanzug, der sich bis maximal -10 m gut bewährt. Darunter trage ich Thermowäsche und einen dicken Faserpelz. Ich tauche in Gummistiefeln. Arbeitsflossen und Tarierweste.

Ich muss mich im Trockenanzug, mit 9 kg Blei neutral tarieren. Dann tauche ich in den Ostsiphon 1 bis in die Käpt´n Nemo-Halle, dort warten Martin und Robert auf mich. Robert war bereits, ohne dass Probleme auftraten, durch den OS 2 getaucht. Ich ziehe mich an der Führungsleine durch den glasklaren Siphon, tauche kurz auf und mache mich bei immer noch klarer Sicht wieder auf den Rückweg um die Tauchstrecke besser kennen zu lernen. Die Decke ist zwar teilweise sehr hachelig und auch am Boden sind scharfkantige Felsbrocken zwischen denen das Führungsseil läuft. Trotzdem liegt es perfekt und ich habe keine Schwierigkeiten am Rückweg. Martin und Robert tauchen nun zuerst durch und nach ihrem Pfeifsignal aus dem Kommunikator, das ist ein elastisches PVC-Kalbelschutzrohr, durch das man sich auf weite Strecken unter Wasser verständigen kann, mache auch ich mich auf den Weg. Im „Reich der Stille“ angekommen schütteln wir uns die Hände und sind begeistert hier zu sein. Wer hätte das noch vor einem Jahr gedacht, dass wir mal in einer Höhle tauchen müssen.

Wir beginnen mit der Vermessung der Gangteile und kontrollieren die ersten drei Messzüge von Martins letzter Befahrung bis zum Halbsiphon. Die Höhle setzt sich nach dem SO 2 auf die nächsten 50 m in geräumigen Dimensionen von 4 m Breite und 3 m Höhe bis zum Halbsiphon fort, der jetzt einen etwa 10 cm hohen Luftspalt aufweist. Der Spalt war bei der Erstbegehung am 14.08.01 nur 7 cm hoch. Die Höhlendecke steigt von ihrer tiefsten Stelle am Anfang, gleichmäßig in die Gangfortsetzung an. Bereits nach einem Meter kann man den Kopf schon wieder aus dem Wasser nehmen. Jetzt wird der Gang wieder 6 m breit und 3 m hoch und zieht in langen Gangpassagen zickzackartig weiter.

An einem Gangknick ca. 150 m nach SO 2, öffnet sich links eine etwa 1 m breite Fortsetzung, die fast bis zur Decke mit Lehm verfüllt ist, aber einen größeren Spalt aufweist, aus dem zumindest teilweise Wasser fließt. Die Messzuglängen der einzelnen Gangstrecken betragen ca. 15 m. Immer wieder trifft man auf hohe Kolke aus denen sicher ab und zu etwas Wasser fließt. Nach 250 m erreichen wir die Halle am OS 3. Hier treffen verschiedene Klüfte aufeinander und es sieht so aus, als ob sich an der südlichen Deckenseite eine kleine Fortsetzung öffnen könnte. Die Halle ist ca. 7 m hoch, 8 m breit und bestimmt 14 m lang. Am Ende beginnt unter einem großen Deckenversatz ein etwa 4 x 4 m großer See, der den Wasserspiegel zum OS 3 bildet. Dieser öffnet sich kegelförmig zu einer ca. 7 m tiefen, 15 m langen und unten 8 m breiten Unterwasserhalle. Am östlichen Hallengrund tut sich ein 5 m langer und etwa 1 m hoher Spalt auf, der die Siphonfortsetzung bildet. Wir beenden die Vermessung und machen auf dem Rückweg noch einige Fotos für die Überwasserhöfos. Ich bin mit meiner Tauchausrüstung sehr zufrieden.

11.11.01 Sondierung zweier Siphone

Es befinden sich außer uns noch zwei Forschungsgruppen in der Höhle. Für Vermessung zwei und Fotodokumentation drei Personen.

Martin Queitsch begleitet mich zu zwei Siphonsondierungen. Die erste ist am „Zwergensiphon“, die zweite wird am „Nordgangsiphon“ durchgeführt.

Der „Zwergensiphon“ konnte mit der Stabkamera auf eine Länge von 3,5 m, horizontal verfolgt werden. Dabei stellte sich heraus, dass sich der Gang nach etwa einem Meter auf ca. 1 m Höhe und 50 cm Breite vergrößert. Am Ende zieht er nach unten weg und verengt sich offensichtlich wieder zu einer engen Spalte. Deutlich ist am Monitor die starke Strömung nach unten zu erkennen. Betauchbar ist dieser Siphon nicht. Selbst wenn man ihn erweitern würde, der starke Sog einwärts würde einen wie einen Korken in eine Weinflasche drücken.

Es geht weiter in den Nordgang. Martin war noch nie in diesem Teil und ist schon ganz aufgeregt. Ich lasse ihn vorgehen und erkläre ihm die nicht so offensichtlichen Besonderheiten dieses Ganges, der die Hauptentwässerungsader des Polje um Eutenhofen ist. Durch diesen Gang hat sich das Hochwasser von 1909 seinen Weg von der Hochfläche ins Tal nach Mühlbach gebahnt. (Den Originalbericht der Hochwasserkatastrophe von 1909 im Altmühltal, des Bezirksamtmanns Eyman, findet Ihr demnächst in der Rubrik –Karstphänomene-).  

aAm Siphon angekommen bereiten wir uns auf die Kamerasondierung vor. Der 7 m breite 2,5 m hohe Gang endet hier an einer senkrechten Wand, die jetzt im November 3 cm unter die Wasserlinie reicht. Darunter kommt nach 15 cm Wassertiefe der Siphonboden, der sich aus einer tiefen, zähen, lehmsandartigen Sedimentschicht zusammensetzt. Drei Meter vor der Wand haben sich zwei mächtige Stalagtate (Tropfsteine, die Bonden und Decke verbinden) von ca. 1,5 m Durchmesser von der Decke gelöst und sind Richtung Abschlusswand gerutscht. Wenn man sich diese Situation genauer betrachtet, kommt man zwangsläufig zu dem Schluss, dass sich diese tonnenschweren Sinterformationen einstmals während eines gewaltigen Hochwassers von der Decke lösten, weil sie durch den anströmenden Wasserdruck aus dem Siphon unterspült wurden. Dabei rutschten sie in die entstandene Strömungsmulde. Nach diesem Ereignis haben sich bereits wieder starke Bodenversinterungen unter den Abrissstellen gebildet. Durch eine Sinterdatierung könnte man genau feststellen, wann sich dieses sicherlich auch für die gesamte Region schwere Hochwasser ereignete. 

Doch zurück an den Siphon. Martin schraubt die Kamerastäbe zusammen und führt das wasserdichte Objektiv unter die Siphondecke. Die Sicht ist ausgesprochen gut, da von vorne immer klares Wasser zugeführt wird. Nach 2,5 m Länge sehe ich an der absolut glatten Decke einen 30 cm breiten Wasserspiegel. Wir sind völlig aus dem Häuschen. Soll das schon das Ende des Siphons sein? Es wird der nächste 1 m lange Stab angeschraubt und Martin schiebt ihn weiter am Boden entlang. 3,5 m sind wir jetzt vorgedrungen und immer noch ist über dem Objektiv ein glitzernder Wasserspiegel zu sehen. Leider steigt die Kamera wegen des fehlenden Auftriebs nicht nach oben. Ich schraube den nächsten Meter an die Stange. 4,5 m und die Fahrt ins Ungewisse geht weiter. Wieder ist das Ende der Stange erreicht, aber diesmal schiebt sich irgendetwas vor die Linse. Martin zieht die Kamerasonde etwas zurück und schraubt den letzten halben Meter hinten an. Er legt sich am Boden ins Wasser, damit er mit ausgestrecktem Arm den Rest der Stange so weit es geht unter die Siphondecke schieben kann. Plötzlich sieht es so aus als ob sich die Kamera auf eine Schotterböschung hinauf schiebt. Viel kann man nicht erkennen, da die Linse immer noch unter Wasser ist. Wir beschließen, alles noch einmal herauszuziehen und vorne am Kamerakopf eine kleine, leere Plastikflasche mit Isolierband zu befestigen, damit dieser hinter der Siphonwand über die Wasseroberfläche gedrückt wird.

Jetzt wird es spannend. Martin schiebt die Stangen und ich schraube die einzelnen Stücke hinter ihm nacheinander besonders fest zusammen, damit wir den Kamerakopf über den Wasserspiegel drehen können. Es funktioniert super. Wir fahren an der Siphondecke entlang nach hinten. Bald ist die erste Luftblase an der Höhlendecke zu erkennen. Leider aber misst sie über der Wasserfläche nur einige Zentimeter. Weiter geht’s, je mehr wir vorwärts kommen umso höher wird der Luftspalt. Dann das Unglaubliche. Nach ca. 5,5 m verschwindet die Höhlendecke ins Schwarze. Die Kamera schwimmt auf einer dunklen Wasseroberfläche. Sonst ist nichts zu erkennen. Nach 6 m erreichen wir das rechte Bachufer, an dem von vorne Wasser über Schotterboden fließt. Nur der Boden ist zu erkennen. Keine Wand und keine Decke werden vom Licht der Lampe erreicht. Wir jubeln vor Freude. Unsere Vorahnung wird bestätigt, der Nordgang setzt sich hinter einer 6 m dicken Felsbarriere ebenso großräumig wie in dem Gangabschnitt, in dem wir uns gerade befinden, fort. Die wichtigste Gangfortsetzung der Höhle wurde entdeckt, denn in diesen Höhlenteil entwässert die gesamte nördliche Oberfläche um Eutenhofen. Wir haben alles gesehen was wir wollten und ziehen die Kamera aus dem Siphon zurück. Bei uns angekommen halten wir das Objektiv in Richtung Halle, um zu prüfen welche Dimensionen wir hier bei uns am Monitor erkennen können. Der Gang in dem wir uns befinden ist 2,5 m hoch und 7 m breit, rechts stehen zwei große Tropfsteinstümpfe. All das ist am Monitor zu erkennen, also ist der neue Gang sicher eben so groß. Welch eine Sensation. Der Nordgang ist bis hier her ein sehr gleichmäßig und ruhig dahin mäandrierender Gang der nur von einem kleinen Bach durchflossen wird. Es sieht nun so aus, als ob dieser Gang am Siphon nur durch einen etwa 6 m langen Deckenversatz, der bis zum Wasserspiegel reicht, unterbrochen wird. Die Gänge dahinter könnten sich in gewohnter Weise lufterfüllt und ebenso groß weiter, bis ans ca. 3 km entfernte Eutenhofen, fortsetzen. Die „Nordpassage“ wäre dann gefunden. Am nächsten Wochenende wird versucht den Siphon zu bezwingen.

17.11.01 Sensationelle Entdeckung durch Unterwassergrabung am „Maulwurfsiphon“

Vergangene Woche habe ich am Atemschlauch wichtige Verbesserungen vorgenommen, um bei der geplanten Unterwassergrabung alle möglichen Risiken auszuschalten. Ich habe für heute eine, zumindest in der Franken Alb noch nie da gewesene Forschungsgrabung geplant, an der Martin Queitsch, Robert Queitsch, Steffen Hoffmann und Martin Rüsseler beteiligt sind. Da ich bei diesem Unternehmen über viele Stunden hoch konzentriert arbeiten muss, habe ich nur eine kleine Gruppe von Leuten eingeweiht, damit ich bei diesem für manchen sicher sehr unterhaltsamen Event, nicht ständig abgelenkt werde. Dafür werde ich sicher von manchem mit Undank und Unverständnis belohnt. Aber Sicherheit geht vor.

07.30 Uhr. Treffpunkt Mühlbach, Haus des Gastes.

08.30 Uhr. Alle Schleifsäcke sind gepackt, wir fahren in die Höhle ein.

09.30 Uhr. Ankunft am „Nordgangsiphon“. Martin R. und Steffen H. sind im vorderen Teil des Ganges damit beschäftigt ein Absetzbecken für den durch die Unterwassergrabung aufgewirbelten Schlamm anzulegen. Wir bereiten am Siphon alles für die Grabung vor. Als Werkzeug haben wir eine große Sandschaufel, eine Transportwanne und eine Unterwasser-Klappschaufel dabei.

a11.00 Uhr. Martin R. und Steffen stoßen zu uns. Wir beginnen damit, vor der Siphonwand eine geräumige Mulde anzulegen, um später besser hinein tauchen zu können.

12.30 Uhr. Wir haben soweit unter die Siphondecke gegraben, dass jetzt nur noch unter Wasser weiter gearbeitet werden kann. Wir machen eine Pause in der ich den Atemschlauch für den Grabungstauchgang vorbereite. Der Schlauch ist 6 m lang und hat vorne ein Atemventil. Dieses Gerät habe ich schon im Ostsiphon 1 zum Einrichten des Führungsseils benutzt. Damit konnte ich über eine Stunde unter Wasser bohren und arbeiten. Das war die Feuertaufe für die schon damals geplanten Arbeiten am „Nordgangsiphon“.

Jetzt wird es ernst. Ich ziehe Neoprenhaube, Handschuhe und Brille an, nehme den Atemschlauch in den Mund und lege mich in die Mulde vor der Siphonwand. Das Wasser hat sich schon wieder aufgeklart, so dass man etwa 1,5 m weit in den ausgegrabenen Unterwasserschluf schauen kann. Danach hebt sich das Bodensediment wieder bis auf 10 cm unter die Decke. Ich tauche noch einmal auf um den anderen, die mich betreuen, die nötigen Anweisungen für den Tauchgang zu geben.

aNun schiebe ich mich auf dem Bauch liegend in den 40 cm hohen Schluf. Noch ist die Sicht super. Nach 1,5 m erreiche ich das Grabungsende, dahinter ist nur ein ewig langer 10 cm hoher und ca. 3 m breiter Spalt zu erkennen. Ich beginne mit den Händen den Boden unter mir noch etwas aufzulockern und freizulegen, um bauchfreiheit zu bekommen und nicht so stark an die Decke gepresst zu werden. Sofort wird es um mich herum stockfinster. Die Sicht ist auf den Luftraum in meiner Taucherbrille begrenzt. Ein unheimliches Gefühl überkommt mich. Ich versuche meine Gedanken zu sammeln und die Situation ruhig zu überdenken. Prinzipiell kann, so lange ich den Atemschlauch nicht aus dem Mund verliere, kann nichts Dramatisches passieren. Sicht brauche ich keine und die Orientierung kann ich auch nicht verlieren, da man ja in einem nur 80 cm breiten und 40 cm hohen Schluf liegt, in dem es nur eine Richtung gibt, nämlich die zurück. So beruhige ich mich schnell wieder und grabe weiter. Den Aushub von vorne versuche ich so weit wie möglich rechts und links in die Unterwasserspalte zu schieben. Nach 15 Minuten rufe ich durch den Atemschlauch zu Robert, der am Ende sitzt, die anderen sollen mich und den Atemschlauch langsam und vorsichtig zurückziehen. Draußen angekommen gebe ich einen kurzen Bericht ab und mache mich gleich wieder an die Arbeit. Das Wasser ist wieder klar und der Schluf nun etwas über 2 m lang. Mittlerweile verschwinde ich völlig unter der Siphonwand. Der Sicherungstrupp sieht nur noch den schwarzen Schlauch, der unter die Decke führt. Ich weiß nicht wie es denen da draußen geht, aber ich fühle mich total wohl und habe das Gefühl ein Fisch zu sein, der einfach ins Wasser gehört und außerhalb nur sterben würde. Das Graben ist sehr anstrengend, aber so wird es mir wenigstens nicht zu kalt. Dennoch zehren die +8° C Wassertemperatur an meiner Substanz, zudem muss ich immer wieder zurück und abwarten bis sich das Wasser aufklart.

14.00 Uhr. Um diese Zeit wollte ich eigentlich schon das Siphonende erreicht haben. Ich sehe vor mir zwar schon einen Wasserspiegel unter der Decke, der ist aber wesentlich niedriger, als bei der Kamerasondierung vermutet. Mit nur 1 cm Höhe ist er nicht zu verwenden. Einzig und allein als Anhaltspunkt für die Richtung und die noch zu erwartende Länge des Unterwasserschlufs ist er nützlich. Ich bin jetzt schon über 3,5 m vorwärts gekommen, aber die Decke hebt sich immer noch nicht über den Wasserspiegel und der Luftspalt bleibt winzig. Ich muss wieder zurück um mich etwas auszuruhen. Die anderen scheinen langsam nervös zu werden, doch zu ihrer Beruhigung erkläre ich, beim nächsten Versuch durchzukommen.

a14.45 Uhr. Ich tauche wieder ein. Der Wasserspiegel am Ende ist jetzt schon ziemlich breit, der Schluf aber noch so niedrig das ich den Kopf nicht heben kann, um gut nach vorne schauen zu können. Deshalb suche ich die Handlampe die ständig irgendwo herumliegt und sowieso kein Licht bringt, um damit die Decke abzuklopfen, wann denn wohl der Absatz kommt. „Nichts, Mist!“ Langsam wird es nervig. Ich will nicht noch einmal raus, also weiter graben bis ich durch bin. Ich schiebe das Sediment an beiden Seiten hoch und drücke mich mit den Ellbogen weiter nach vorne. Wo ist denn nur die blöde Lampe wieder! Endlich finde ich sie und fahre an der Decke, so weit es geht nach vorne. Hoppla, was war das, irgendwas tut sich da vorn. Tatsächlich, der Absatz kommt. Noch einen Meter und ich bin durch. Ich rufe durch den Atemschlauch „Zurück“ und Martin R. zieht mich am Seil, das an meinem rechten Fuß angebunden ist, langsam wieder heraus. Alle schauen mich sehr betroffen an, aber als ich sage, dass der Wandabsatz nicht mehr weit sei, können sie es kaum glauben.

15.00 Uhr. Diesmal will ich durchkommen. Das wird der letzte Tauchgang. Ich gebe noch einige wichtige Anweisungen, wie der Transport des Werkzeugs durch den Siphon vor sich gehen soll, dann verschwinde ich wieder unter der langen Felswand. Jetzt wird es noch einmal gefährlich. Man neigt am Schlufende meist dazu, nur soviel auszugraben, um gerade mal durchzukommen. Das wäre unter Wasser fatal, deshalb zwinge ich mich, den Ausgang sorgfältig zu erweitern um beim Rückweg kein unnötiges Risiko eingehen zu müssen. Ich spüre beim Buddeln wie der Boden nach vorne nachgibt und schiebe den Lehm nun auch ins Freie. Noch immer kann ich nichts sehen. Die Lampe liegt schon im Neuland und beleuchtet hoffentlich eine geräumige Gangfortsetzung. Mit den Fußspitzen schiebe ich mich nach vorne, bis der Rand meiner Maske den Wasserspiegel durchbricht. Ich blicke tatsächlich, nach 170 Minuten unter Wasser, wieder mal als erster Mensch in ein bis heute verborgen gebliebenes Geheimnis unseres Planeten. Über den Atemschlauch rufe ich den anderen zu „Juhu, ich bin durch!“ und schiebe mich ins Freie. Der Gang wirkt gespenstisch. Ein schwarzer Tunnel verschwindet im Nichts. Ich rufe „Hallo Höhle“, und sie antwortet tatsächlich mehrere Male mit „Hallo Höhle“. Der Gang geht also weiter und hört sicher nicht gleich wieder auf!

Jetzt wird es noch mal sehr brenzlig. Durch den Siphon müssen zusätzlich der Kommunikationsschlauch, das Führungsseil, das Transportseil und der Atemschlauch so verlegt werden, dass sich nichts verheddert, und wir auch sicher zurückkommen. Wasserdicht im „Ortliebsack“ verpackt kommt die Bohrmaschine mit der ich das Führungsseil mit einem Maueranker befestige. Ganz rechts liegt die Sprechverbindung.

a15.15 Uhr. Nun versuchen einige Mitglieder der Sicherungs-mannschaft den Siphon zu durchtauchen. Als erster will es Robert probieren. Aber nach 20 cm gibt er wegen des zu hohen Atemwiderstandes im Schlauch auf. Auch Martin R. kommt mit seiner Maske und dem Atemschlauch nicht zurecht und muss aufgeben. Der letzte ist Martin Q. Bei ihm bin ich mir sicher, dass er durchkommt. Und so dauert es auch nicht lange bis er mit seinem Tauchgerät, der 1 l Flache, bei mir auftaucht. Zu zweit sitzen wir nun im Gang und er fragt mich neugierig, wie weit ich schon gegangen bin. Aber ich habe mich nicht einen Meter vom Siphon entfernt, denn Neuland wollen wir doch zusammen machen.

15.30 Uhr. Wir verlassen den Siphon und begeben uns mit Martins neu entwickeltem Vermessungsgerät in die „Nordpassage“, um dort eine Stunde lang Neuland zu vermessen. Mich überkommt das überwältigende Gefühl, in diesem Gang einfach kilometerweit ins Hochplateau vordringen zu können. Messzug um Messzug, stoßen wir in den geräumigen Gang vor. Das Flussbett ist etwa 5 m breit. Man hat den Eindruck als käme jeden Moment ein riesiger Tsunami auf einem zu, denn der gesamte Lehmboden ist von Fließformen geprägt, die auf extrem schnell fließendes Wasser hindeuten. Aber wir wissen bereits, dass nur bei Schneeschmelze und bei sehr ergiebigen Regenfällen im vorderen Nordgang Hochwasserspitzen von 30 cm Höhe vorkommen. Es besteht heute keine Gefahr. Nach 70 m erreichen wir einen Deckenabsatz. Dahinter zieht ein beeindruckender 10 m hoher Kamin nach oben. Gleich danach der nächste, mit einem Gangansatz in 4 m Höhe, nach Süden. Je weiter wir vordringen, umso größer wird der Gang. Jetzt ist er teilweise 7 m breit, doch wieder bricht die Decke bis auf 1,5 m Höhe über dem Dach ab. Gebückt gehen wir unter der völlig glatten Decke weiter. Diese Passage erinnert irgendwie an den Siphon, den ich vorhin ausgegraben habe. Zum Glück ist hier die Decke höher. Nach 20 m steigt sie wieder an und bleibt 4 – 5 m hoch. Wieder mündet von Süden ein Seitengang ein, aus dem zwei kleine Gerinne fließen, insgesamt etwa 3 l/s. Wir sind schon 300 m vorgedrungen und die eingeplante Stunde ist vorbei. Die letzten  5 Messplaketten wollen wir noch verlegen. Am vierten, diesmal westlichen Gangabzweig bohre ich die letzte Plakette Nr. 524 an die linke Felswand. Im 40° Winkel setzt sich der Gang in unglaublichen Dimensionen von 7 m Breite und 8 m Höhe etwa 20 m weit fort, bis er ein schwarzes Loch bildet. Wir sind überwältigt von den Ausmaßen der Höhle, die ab heute in die Kategorie der Riesenhöhlen aufsteigen wird. Ich rufe ein letztes Mal in die Gangfortsetzung hinein und wieder habe ich den Eindruck einfach weiter laufen zu können. Aber wir kehren hier auf offener Strecke um, in einem Höhlengang, der ehr nach Frankreich oder Slowenien gehört. Mit 15 Minuten Verspätung kommen wir am Siphon an. Die anderen sind schon da und erwarten uns neugierig. Alle Ausrüstungsgegenstände werden in den wasserdichten Ortliebsack verpackt und durch den Siphon geschickt. Dann lege ich mich mit den Füßen voran in den Siphon und Martin Q. gibt den anderen Bescheid, damit sie den Atemschlauch langsam immer auf Spannung haltend mit mir zurückziehen. Ich komme ohne Probleme durch den 6 m langen Siphon. Alle begrüßen mich mit leuchtenden Augen. Sie lauschen gespannt meinem Bericht vom Neuland, während Martin nun auch mit seiner Tauchausrüstung bei uns erscheint. Ich habe den Eindruck sie glauben, wie es dahinten weitergeht, und dass wir in einem riesigen Gang auf offener Strecke umgekehrt sind.

17.30 Uhr. Wir machen uns nach 10 Stunden harter Arbeit auf den Rückweg und erreichen um 18.30 Uhr den Ausgang.

Diese Aktion wird vermutlich in die Geschichte der Höhlenforschung der Fränkischen Alb eingehen. Nach einer kurzen Kamerasondierung letzte Woche habe ich innerhalb von 8 Tagen eine Expedition vorbereitet, die wie immer Erfolgsgarantie hatte. Mit dem Wissen über die Höhle, meiner langjährigen Erfahrung und meiner jeder Schwierigkeit angepassten Höhlentechnik gelang mir unter Mitwirkung meines Sicherheitsteams (Martin Q. und Robert Q., Steffen Hoffmann und Martin R.) einen der größten Forschungserfolge die es bei uns in der Franken Alb je gegeben hat. Ich bin wieder einmal überaus Stolz, eine so gute und zuverlässige Truppe zu haben. Schade nur, dass sich unsere Wege heute Abend trennen und wir den Erfolg nicht gebührend miteinander feiern können. Gesamtganglänge. 3820 m.

Die Forschungserfolge in der Mühlbachquellhöhle werden unauslöschlich in mir verankert bleiben, egal wie groß die Wasserhöhlen auch sein mögen, die ich im Altmühltal noch zu finden gedenke.

19.01.02 Mühlbachquellhöhle, Nordost- und Nordwest Siphon

Martin Queitsch will beide Endsiphons der Nordpassage antauchen. Wir begeben uns zuerst an den NO-Siphon. Dort angekommen legt Martin seine Doppel 1,5 l-Flaschen um und taucht unter die Siphondecke. Er hat sein Unterwassertelefon dabei so können wir den Tauchgang wenigstens akustisch verfolgen. Die Unterwassergeräusche klingen sehr gleichmäßig und das Kabel zieht langsam durch meine Hand. Es dauert nicht lange und ich höre ihn rufen: „Juhu, ich bin durch. Ich suche mir weiter vorne einen besseren Standplatz“. Auch bei uns bricht Jubel aus. Die Tauchstrecke betrug ca. 20 m. Aber kurz darauf höre ich Martin etwas bedrückt sagen: „Ich kehre um“. Wieder bei uns angekommen kauert er vor uns im Wasser und sagt sehr niedergeschlagen: „Hier ist Schluss für uns, da kommt ja nur noch lauter Siphon-Gschmarri“ (Gschmarri: Fränkischer Dialekt für Quatsch, Blödsinn). Mir war klar, dass er momentan nur etwas niedergeschlagen war, weil wir eigentlich damit gerechnet haben, gleich nach der Auftauchstelle weitere lufterfüllte Höhlenteilen zu finden. Der Siphon zieht gerade aus weiter, in etwa einem Meter Wassertiefe, bis zur Auftauchstelle, nach ca. 20 m. Dort schließt sich ein ca. 10 m langer Wassertunnel an, dessen Decke etwa einen Meter über dem Wasserspiegel liegt und geradeaus weiter geht, um dann wieder zu siphonieren. Martin hat nicht in die Fortsetzung gesehen. Nach einer kurzen Bedenkzeit machen wir uns auf den 500 m langen Weg zum NW-Siphon.

Auch hier ist alles schnell vorbereitet und Martin verschwindet im Siphon. Nach fünf Minuten kommt er wieder zurück und erläutert seinen Tauchgang. Der Siphon zieht gleich auf –4 m ab, steigt dann wieder an, um in ca. 12 m Entfernung wieder ab zu tauchen. Hier kehrte er um. Die Aktion war zufrieden stellend und zumindest der NO-Siphon sieht gut aus. Das nächste Mal könnte das U-Boot eingesetzt, oder gleich mit den Flaschen weiter getaucht werden.

05.01.02 U-Bootbergung am OS-3

1 Jahr nach dem ersten Vermessungstag in der Höhle sind wir auf dem Weg zum „OS-3“ und paddeln an der Erstbefahrungsmarke „6.1.2001“ vorbei, die letztes Jahr, am zweiten Vermessungstag, ca. 800 m Neuland brachte. Mit in den Schleifsäcken ist Roberts U-Boot, das am „OS-3“ eingesetzt werden soll. Christof Gropp betaucht heute das erste Mal den „OS-2“. Genau wie wir damals, taucht auch er durch den Siphon, um gleich darauf, bei noch klarer Sicht den Rückweg zu üben. Nachdem er damit keine Probleme hat, verschwindet er wieder. Martin Q., Robert Q. und ich folgen kurz darauf. Drüben angekommen gehe ich mit der gesamten Tauchausrüstung weiter, um sie für einen kurzen Tauchrundgang am See des „OS-3“ einzusetzen. Es dauert nicht lange bis wir am Ziel sind. Robert macht sein U-Boot klar, während ich kurz im See tauche. Die Halle ist tatsächlich sehr groß. Deutlich kann man den Briefkasten, die mögliche Fortsetzung des Siphons, in 6 m Wassertiefe sehen. Robert ist so weit fertig. Christof postiert sich am Seerand, um die U-Bootleine zu führen. Bei der Bildübertragung gibt es wieder Probleme, auch die Steuerung funktioniert nicht, trotzdem kann man Richtung und Wassertiefe ablesen. Der Unterwasserraum ist so groß, dass man sich am Bildschirm nicht orientieren kann. Es muss nach Kompassrichtung gesteuert werden. In 5,5 m Wassertiefe öffnet sich die Briefkastendecke und ein großer nicht auszuleuchtender Gang zieht weiter. Robert bleibt an der rechten Wandseite, aber schon nach 2 m hängt das Versorgungskabel irgendwo fest. Er bekommt das U-Boot nur mit Mühe frei. Daraufhin fährt er zurück und startet einen neuen Versuch. Der Gangboden befindet sich auf ca. 8 m Wassertiefe, die Decke bei 5 m. Wieder verhängt sich die Versorgungsleine, diesmal aber irreparabel. Robert ist verzweifelt und versucht mit Martin und Christof das Kabel frei zu bekommen.

Indessen mache ich im Hintergrund meine Tauchausrüstung fertig, um das U-Boot zu bergen. Alle drei sind etwas aufgeregt, als ich ihnen mein Vorhaben erkläre. Doch ich fühle mich sehr gut und sicher, da ich mich am Versorgungskabel bis zur Sonde vorarbeiten kann und bei der geringsten Unsicherheit abbrechen werden. Bei Christof angekommen nehme ich das Kabel in Empfang, das er immer etwas auf Spannung halten will. Gut austariert tauche ich bis an den „Briefkastendeckel“ ab. Dort hat sich das Kabel in der horizontal, spitz zulaufenden Gangdecke so sehr verklemmt, dass ich es nur mit Mühe freibekomme. Aber immer noch schwebt das U-Boot mitten in der Gangfortsetzung. Durch den engen Spalt bekomme ich es sicher nicht durch, denn der dabei aufgewirbelte Schlamm würde mir die Sicht nehmen. Deshalb brauche ich mehr Führungskabel, um im weiter unten größer werden Siphon zum U-Boot zu tauchen. Immer wieder ziehe ich am Kabel, bis Christof endlich begreift was ich will.

Weiträumig muss ich die niedrige Spalte umtauchen, um in die großräumige Gangfortsetzung zu gelangen. Dann sehe ich die Sonde vor mir, die an der Höhlendecke in 3 m Entfernung schwimmt. Der Gang ist dort etwa 5 m breit und 3 m hoch, mit einer absolut glatten Decke, die vorne in der Dunkelheit verschwindet. Da bei mir alles im grünen Bereich ist und ich 3 m lose Leine habe, tauche ich noch etwas an der Höhlendecke entlang ins Neuland. Plötzlich erkenne ich im Lampenschein, dass die Decke weiter vorne nach oben verschwindet. Bis dahin will ich noch tauchen. Mittlerweile bin ich schon 15 m von Christof entfernt. Am Deckenversatz angekommen blicke ich in eine große Unterwasserhalle, die sicher 10 m hoch und auch so lang ist und 90° zu meinem Gang liegt. In 6 m Entfernung ist die Höhlenwand, die sicher immer noch 4 m über mir in einer Spitzbogen-Decke endet. Ich bin überwältigt, von dem Ort, an dem ich mich befinde. Glasklares Wasser und riesige Gangdimensionen, aber trotzdem finde ich keine Fortsetzung. Gerade als ich umkehren will, streift mein Blick am Hallenboden ein großräumiges Gangprofil, mit sicher 5 m Breite und 2 m Höhe, dessen Boden schon langsam an die 10 m Grenze reichen dürfte. Langsam wird es Zeit umzukehren. Hab’ gerade mal 15 Bar Luft verbraucht und kehre mit 80 Bar um. Um Robert und Martin Bescheid zu geben was ich vorhabe, drehe ich die U-Bootkamera zu mir und gebe das Abbruchzeichen, Daumen nach oben. Doch irgendwie hat Robert es nicht gesehen oder weitergegeben, denn ich muss beim Zurücktauchen das Führungskabel in kleinen Schlaufen aufrollen, anstatt dass Christof es langsam nach draußen zieht.  Alles klappt aber hervorragend und bald tauche ich im See vor Christof auf.

Der steht mit aufgerissenen Augen vor mir. Bin mir nicht sicher, ob vor Kälte oder Entsetzen, und schüttelt nur den Kopf. Robert ruft aus dem Hintergrund „Darauf ist normalerweise ein Kasten Bier ausgesetzt“. Im ersten Moment verstehe ich nicht wie er das meint. Er bezieht seine Aussage aber auf die U-Boot Bergung. Wieder im Trockenen berichte ich ihnen meine Entdeckung und den Grund warum ich doch noch ein Stück weiter getaucht bin. Langsam löst sich ihre Anspannung und schlägt in Begeisterung um.

Somit war diese Aktion trotz einiger Pannen doch noch erfolgreich. Wir machen uns für den Rückweg fertig und verlassen die Höhle nach 5 ½ Std.

29.03.02 Tauchtransport zum OS 3.

Seit dem 5.Jan.02, dem Tag der U-Bootrettungsaktion im OS 3, lässt mich dieser Siphon nicht mehr los. Immer wieder muss ich an den großräumigen Tunnel, erfüllt von glasklarem Wasser, denken. Monatelang habe ich an meiner Tauchausrüstung gebaut und diese verbessert. Für die Osterfeiertage plante ich einen zweiten Tauchvorstoß.

Am Karfreitag transportiere ich die erste 5 l –Tanks und beide Automaten zum OS 1. Das Hochwasser von vor einer Woche verursacht immer noch eine leichte Trübung. Nichts Beunruhigendes, aber trotzdem nicht erfreulich. Tom und seine Blitzknechte sind auch irgendwo im EG-Bereich, ich treffe sie unterwegs aber nicht. Am Siphon nach 80 Minuten Schlepperei angekommen, ordne ich alles nach einander auf die Insel und trete gleich wieder den Rückweg an. Nach 45 Minuten erreiche ich den Ausgang. Ziemlich fertig genehmige ich mir noch ein schönes Bier und genieße die letzten Sonnenstrahlen auf der Wiese vor meinem Sommerdomizil, dem Bauwagen auf dem Grundstück unseres Höhlenbesitzers, der mir den ganzen Sommer 2002 und 2003 als Wohnung dient.

30.03.02 Bohrausrüstung und Tauchtransport zum OS 3.

Heute bringe ich den zweiten Presslufttank in die Höhle und die Schacht- und Bohrausrüstung zum „Ikaruskamin“, um dort in 35 m Höhe weiter zu arbeiten. Als ich mich angurten will, fehlt mein Brustgurt. Super, dann eben nicht. Ich verschiebe die Schachtaktion auf die nächsten Tage. Mit leerem Ortliebsack fahre ich zurück zum Bermudadreieck und hole dort meine deponierten Flossen. Nach 1 km gemütlicher Bootsfahrt bin ich wieder zurück am „Ikarus“, nehme die zweite Pressluftflasche auf und weiter geht’s zum OS 1. Die gesamte Tauchausrüstung liegt jetzt vor Ort. Noch ein letztes Mal die Wildwasserfahrt zum Bootshafen und schnell weiter zum Ausgang, dann bekomme ich vielleicht noch ein paar Sonnenstrahlen an der Erdoberfläche ab.

01.04.02 Tauchvorstoß OS 3

Wollte heute eigentlich den „Ikarus“ fertig einrichten. Entschließe mich aber dazu, den OS 3 anzutauchen, da mich Martin Rüsseler bis zum OS 1 begleiten kann und dort auf mich warten will. In der Zwischenzeit erkundet er die Abschlusskammer im „Ikarus“, die mit einer Wand schöner Excentriques geschmückt ist.

Ich lege meine Tauchausrüstung am OS 1 an, verpacke Führungsleine und Flossen im Rucksack und verschwinde im Siphon. Martin blickt mit ernster Miene hinter mir her. Die Sicht ist gut und schnell ziehe ich mich auf die andere Seite des 30 m langen Ost Siphons 1. Es ist nicht gerade einfach die schwere Ausrüstung über den Verbruchberg der Käpten Nemo-Halle zu schleppen. Hier fühle ich mich noch sehr heimisch, doch gleich geht es in den 25 m langen Ost-Siphon 2. Beim Durchtauchen schaue ich mir den Unterwasserverbruch noch einmal genauer an. Um die Engstelle zu vergrößern, könnte man zwei Blöcke mit der Seilwinde in tieferes Wasser ziehen. Hallo ich muss weiter, denke ich mir, nicht so viel Luft verbrauchen. Drüben angekommen, gehe ich komplett aufgerüstet 50 m weiter zum Halbsiphon und tauche auf die andere Seite. Da bis jetzt alles gut lief, will ich die gesamte Ausrüstung gleich auf einmal zum OS 3 bringen. Aber schon nach 100 m wird mir alles zu schwer und ich lege eine längere Pause ein. Nach der Verabreichung zweier Magnesium-Tabletten packte ich die Hälfte der Ausrüstung in den Ortlieb-Sack um und ziehe diesen im Wasser bis zum Siphon. Es ist ganz schön unheimlich, so allein zwischen OS 2 und OS 3 herumzulaufen. Der niedrige dunkle 250 m lange Wassertunnel vermittelt ein bedrückendes Gefühl, das mich zur Konzentration ermahnt. Als alles Material am Siphon liegt, mache ich nochmals 15 Minuten Pause, schluckte wieder zwei Magnesium, mache das Licht aus und konzentriere mich im Dunkeln auf den bevorstehenden Tauchgang. Ich bin völlig ruhig, fühle mich gut und hoch konzentriert. Nachdem ich mich gesammelt habe, geht es wieder ans Ausrüstung aufnehmen, was alleine doch sehr anstrengend ist. Aber auch damit bin ich irgendwann fertig.

Also ab ins Wasser, ab ins Ungewisse, hinein in die Arterien des Planeten. Aber wo die Führungsleine befestigen? Der letzte Messpunkt wäre nicht schlecht, aber mit der schweren Ausrüstung komme ich nicht aus dem tiefen Wasser. Also zurück ans Ufer, um dort einen Bodenblock zu benutzen. Der vordere See hat sich jetzt total eingetrübt und als ich zur Abbruchkante komme verfängt sich die Leine zu allem Überfluss auch noch in meiner rechten Flosse. Kurzer Stopp, entwirren und weiter. Ich liege am Grund vor der Abbruchkante des Siphons und sehe wie das klare Wasser von unten zu mir hoch drückt. Die Sicht ist wieder gut. Tief unten erkenne ich den Briefkasten, den ich schon im Januar durchtaucht habe.

Noch mal konzentrieren, den Flaschendruck überprüfen, Doppel 5 l Tanks, 2 x 170 bar, okay. Mir stehen also 850 Liter Luft zur Verfügung. An einer Hachel an der Decke zum Briefkasten binde ich die Führungsleine an. Dabei löst sich doch glatt eine Felsplatte und fällt mir auf den Helm. Aber unter Wasser sind die Dinger ja nicht so schwer. Das Licht hüllt den 2 m hohen und 5 m breiten Unterwassertunnel in einen bläulichen Nebel, was vermutlich an der leichten Wassertrübung liegt. Bald habe ich den Umkehrpunkt vom letzten Mal erreicht. Jetzt spüre ich erstmals leichte Nervosität aufkommen, was aber nicht ungewöhnlich ist. Die vor mir liegende Halle erscheint etwas kleiner als beim letzten Tauchgang. Auch die Fortsetzung liegt nicht wesentlich tiefer als der Boden des ersten Tunnels. Ich tauche 45° nach links weiter. Der Tiefenmesser zeigt im zweiten Tunnel –7 m an. Ich berühre den Boden und eine Schlammwolke hüllt mich ein. Gegen die Strömung wird es aber gleich wieder klar. Der Blick auf die Instrumente sagt den Automatenwechsel an, in einem Tunnel 7 m unter Wasser nicht gerade besonders angenehm und leider noch keine Gewohnheitssache für mich. Aber es klappt und ich tauche weiter. Die 40 m Marke spult sich ab. Weiter vorne erkenne ich das Ende der Tunneldecke. Ich tauche in eine kleinere ausgekolkte Halle, deren Decke sich etwa 2 m über mir abzeichnet. Die Atmung wird allmählich schneller. Nachdem ich links im Winkel von etwa 30°, erneut eine wie ein riesiges Scheunentor anmutende schwarze Tunnelfortsetzung erkenne, beschließe ich hier bei ca. 48 m Tauchstrecke abzubrechen.

Ich verfehle um wenige Meter das Ende des OS 3 und erreiche hier nach realer Tauchstrecke von 38 m den Beginn der Tiefseehalle, die Martin Queitsch bald entdecken wird. Das wird auch der letzte Neulandtauchgang in diesem großräumigen Siphon sein. Ich verlege meine Tauchforschungen in den Norden der Höhle. Martin macht hier weiter.

Verursacht durch die starke Trübung überkommt mich erstmals das Gefühl einfach nur noch raus zu wollen. Aber ich konzentriere mich auf die 50 cm Führungsleine, die ich noch gut vor mir erkenne, und die mir den Rückweg zeigen. Ich merke erst jetzt, dass mein Trockenanzug ziemlich voll Wasser  gelaufen ist und ich ganz schön friere. Am Briefkasten angekommen löse ich die Leine und bleibe noch etwa 4 Minuten auf – 5 m liegen und genieße den herrlichen Blick in die Unterwasserhalle. Am Seeufer angekommen hat der eine Tank noch 100 bar, der andere 80 bar. Nachdem ich Haube, Maske, Lampe und Blei im Ortlieb-Sack verpackt habe, trage ich diesmal alles auf einmal bis zum Halbsiphon. Dort tauche ich ohne Maske und Haube ab. Das Wasser ist so kalt, dass ich fast keine Luft durch den Regler bekomme. Ich muss an Christof Gropp denken, wie er einmal den Maulwurfsiphon ohne Haube getaucht ist. Mir wird’s langsam echt schweinekalt. Schnell am OS 2 den Bleigurt umgehängt und durch. Die letzte Hürde, der Verbruchberg, dann nur noch der 30 m lange OS 1. Vor der letzten Kurve sehe ich über der Wasseroberfläche schon das warme Karbitlicht von Martin Rüsselers Lampe. Ich bin froh endlich wieder zurück und nicht mehr alleine zu sein. Ich war heute sicher der einsamste Mensch auf diesem Planeten, na ja, zumindest im fränkischen Jura. Martin hilft mir beim Ablegen und Verpacken der Ausrüstung, dann will ich nur noch ins Warme. Um 11 Uhr standen wir am Eingang. Um 14 Uhr begann ich das Tauchgerät am OS 3 anzulegen und um 17 Uhr erreichten wir wieder der Ausgang. Zwei Tage Materialtransport und eine 6-stündige Tauchaktion brachten im Alleingang ca. 40 m Neulandsiphon. Da die Tunnelfortsetzung weiter nach Osten führt, sehe ich gute Chancen für weitere lufterfüllte Gänge. Meine Vorstöße könnten es Martin Queitsch erleichtern, beim nächsten Mal noch weiter zu kommen.

25.05.02 MBQH Tauchaktion OS 3.

Martin und Robert Queitsch kommen um 10 Uhr. Ich habe meine Ausrüstung bereits verpackt und wir besprechen noch einmal kurz den Ablauf der Tauchaktion in den OS 3. Um 12 Uhr geht’s in die Höhle. Alles läuft sehr ruhig ab. Wir nehmen unsere Tauchausrüstung am OS 1 auf und nacheinander tauchen wir in das sehr klare Wasser. Ich lege hinterm Siphon mein Gerät ab und trage Martin´s Blei und Ausrüstung zum OS 3. Er unternimmt den Tauchvorstoß und soll sich nicht verausgaben. Auch in der Siphonhalle geht alles sehr gelassen über die Bühne. Martin macht sich fertig, seine Ausrüstung ist perfekt und Robert versucht ihn beim abtauchen und im Briefkasten zu filmen. Aber Martin ist so schnell verschwunden, dass er ihn nicht mehr erreicht. Als Robert durch einen Knoten in seiner Führungsleine am Weitertauchen gehindert wird bricht er den Tauchgang ab. Er ist kaum bei mir angelangt, da höre ich auch schon das Donnern der Luftblasen im Siphon und Martin kommt zurück. Er war keine 8 Minuten unter Wasser.

Nachdem er seine Tauchausrüstung abgelegt hat erläutert er seinen Tauchgang. Ich dachte zuerst er hätte Probleme gehabt, da er nur so kurze Zeit weg war, aber alles lief gut. Nach 47 m Tauchstrecke erreichte er die ca. 7 m tiefe 30 m lange Tiefseehalle, die etwa 7m hoch über Wasser führte. Er schwamm bis ans Ende. Dort erreichte er einen verlehmten Sims, von dem sich eine Lehmwolke Richtung Hallenboden in 7 m Tiefe löste. Als er wieder abtauchte und etwas mit seiner Tauchzeitberechnung durcheinander kam, beschloss er umzukehren. Eine Fortsetzung des Ganges konnte er nicht mehr finden. Möglicherweise liegt sie unter dem Lehmsims und wurde durch die Lehmwolke verdeckt. Damit hat er den fünfzehnten Siphon durchtaucht, den OS 4. Bei meinem letzten Tauchgang vor drei Wochen im OS-3 befand ich mich also nur wenige Meter vor der Auftauchstelle der Tiefseehalle.

Beim Zusammenpacken vermisst Robert seine 1,5 l Reserveflasche. 200 m flussabwärts schwimmt sie in einem See. Ich stecke sie in den Lehmboden. Das rechte Bein meines Trockenanzugs ist vollkommen geflutet. Ich friere ziemlich und will nur schnell raus. Im OS 2 verliert Robert noch seinen Helm und die Maske und auch ich bleibe einige Male mit dem Schleifsack an den Hacheln der Siphondecke hängen. Jeder von uns ist mit seinen Gedanken beim Paddeln Richtung Tageslicht an der viel versprechenden Siphonfortsetzung. Um 18 Uhr erreichen wir das Camp, wo kurze Zeit später Sabine eintrifft.

In unserer Stammkneipe diskutieren wir bei Schweinebraten und Bier über die zukünftigen Forschungen in unserer Höhle. Dabei verteilen wir die Aufgabenbereiche, Martin will die großräumigen Siphons im Ostgang, ich werde dann das „Siphongeschmarri“ des „Nordostsiphons“ und den „Nordwestsiphon“ bearbeiten. Das macht besonders Sinn, zum einen, da diese beiden Hauptbereiche der Höhle sehr weit auseinander liegen und man seine Ausrüstung immer umlagern müsste, zum anderen ist es für jeden Taucher besser, sich auf ein Siphonsystem zu konzentrieren. Wir sind ja beide noch keine Spitzentaucher und müssen erst noch viel Erfahrung sammeln. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir die Siphons des anderen nicht betauchen können. Nur die Neulandforschung soll davon ausgenommen sein.

05.06.02 Flaschentransport

Für Freitagabend ist mein Tauchgang im NO Siphon geplant. Da ich noch nicht weiß, wer alles kommt, mache ich mich alleine auf den Weg zum NO-Siphon, um einen 5 l-Tank zu deponieren. Zuvor hole ich am OS-1 meine Flossen und die Führungsleine und grabe vor dem Maulwurfsiphon ein tiefes Loch damit die Sedimente besser aus dem flachen Unterwasserschluf abziehen können. Der Hauptgang trübt nur leicht ein. Gestern Abend gab es ein starkes Gewitter, also fällt die Eintrübung der Quelle nicht weiter auf. Abends ruft Steffen an und meldet sich für meine Nordpassagen-Expedition an.

07.06.02 Tauchvorstoß NO-S 2.

18 Uhr. Steffen, Ralph und Jaqueline treffen ein. Wir besprechen die Tour und verteilen das Material für den Tauchvorstoß. Alles läuft sehr geordnet ab. Um 19 Uhr stehen wir vor dem Eingang und langsam lasse ich die Außenwelt hinter mir und konzentriere mich nur noch auf die Höhle. Jaqueline hat sich Automat und Tank geliehen, damit sie uns hinter den „Maulwurfsiphon“ begleiten kann. Das wird ihr erster Siphon den sie betaucht. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich hier um einen 40 cm hohen, 70 cm breiten und 6 m langen Schlufsiphon handelt.

Es dauert diesmal länger, bis wir den Siphon erreichen. Ich gehe sehr langsam und will mich keinerlei Verletzungsrisiken aussetzen. Peter Daum ist während unserer ganzen Aktion im Ort und nimmt Wasserproben, um Trübung und Schadstoffbelastung an der Quelle zu messen.

Ich gehe wieder als Erster durch den Siphon, um die Strecke zu testen. Dann kommt Jaqueline, die beim Auftauchen etwas gestresst aussieht, aber vor Freude dennoch übers ganze Gesicht strahlt. Als nächstes werden die vier Schleifsäcke durchgezogen, dann folgen Ralph und Steffen. Er und Jaqueline sind die nächsten Mitglieder der „Maulwürfe“ im Verein. Insgesamt haben diesen Höhlenteil seit seiner Entdeckung im November 2001 erst 6 Personen gesehen. Steffen ist überwältigt und von Jaqueline hört man ausnahmsweise mal gar nichts mehr. Nach drei Stunden erreichen wir den NO-Siphon, 1,7 km vom Eingang entfernt.

aEs wird gerade 22 Uhr. Endlich vor Ort. Ich fühle mich sehr gut und bin absolut ruhig. Steffen hilft mir, meine Tauchausrüstung anzulegen. Das Zeug ist echt schwer und die letzten 20 m zum Siphon kann ich wegen der niedrigen Gangdecke nur gebückt zurücklegen. Endlich sitze ich auf dem lehmigen Untergrund im Wasser und bemerke, wie sich eine Lehmwolke langsam Richtung Siphongrund auf den Weg macht. Aber das beunruhigt mich nicht, denn ich habe mich schon während des gesamten Anmarsches auf einen Tauchgang mit nur wenigen Zentimetern Sicht eingestellt. Im Bereich vor dem Siphon gibt es keine Möglichkeit, die Führungsleine zu befestigen, deshalb wird sie an Steffens Bein gebunden.

Mit meinen Gedanken bin ich schon lange im Siphon, während ich noch einmal vor dem Abtauchen die Felswand berühre und bei meiner Höhle um Einlass bitte. Ich verschwinde unter Wasser. Sofort ändert sich meine Umwelt. Das knackende Unterwassergeräusch setzt ein, das sich wie das sprudeln einer Mineralwasserflasche anhört und der bläuliche Schimmer meiner drei Helmlampen erhellt mein Sichtfeld auf wenige Meter. Jetzt bin ich drinnen und tauche erwartungsvoll den Beschreibungen von Martin entgegen. Der NO-Siphon ist im Vergleich zum OS-3 wirklich eng. Ich schätze ihn auf ca. 2 m Breite und 1,5 m Höhe. Der Boden ist flach, zu den Wänden hin, teilweise lehmig angeböscht. Ich brauche einige Zeit, bis ich die Lehmwolke, die in den Siphon gerollt ist, überhole. Da man sich im niedrigen Gang in 2 m Wassertiefe nur schwer austarieren kann, bleibe ich lieber am Boden, riskiere die Eintrübung und stoße mich mit den Füßen am Boden und Decke ab. Ich erfühle die drei Kolke die Martin beschrieb. Die Führungsleine lässt sich gut abrollen und langsam sollte die Auftauchstelle kommen. Knapp 5 m sitzt Steffen vor der Siphonwand und ich Passiere die 25 m Marke, als ich auch schon die Wasseroberfläche durchbreche. Ich bin in einem lufterfüllten Wassertunnel. Ein wirklich beruhigendes Gefühl. Aber lange will ich mich hier nicht aufhalten. Ich erreiche den beschriebenen Unterwasserstandplatz mitten im Gang, kann mich aber nicht lange über Wasser halten, da der Lehmberg vorn und hinten steil in beide Siphons abfällt. Ich sortiere die Tauchausrüstung, kontrolliere den Flaschendruck meines ersten 5 l Tanks. Er hatte Anfangs 170 bar, jetzt zeigt der Finimeter (Druckmesser) noch 150 bar an. 20 bar werde ich noch verbrauchen, dann will ich umkehren.

Ich lasse mich vom Standplatz aus in den Wassergang rutschen und tauche bis ans Ende. Aber dort tut sich überraschender Weise keine Fortsetzung auf. Die Lehmwolken holen mich ein und die Sicht ist gleich Null. Was tun? Ich denke mir, die Fortsetzung müsste eigentlich im klaren Wasser liegen, also nur das klare Wasser suchen. Nach langen Sekunden habe ich sie gefunden. Sie liegt leicht zurückversetzt und etwas tiefer auf der linken Seite. Ich tauche weiter. Bis jetzt nie tiefer als 2 m. Das Wasser hat eine leichte natürliche Trübung, die vermutlich vom Gewitter von vor 2 Tagen herrührt. Der Gang wird nicht breiter, im Gegenteil. Ich muss an der rechten Felswand entlang tauchen, da sich eine Lehmböschung von rechts unten nach links oben zieht, die den Gang verengt. Es kommen immer wieder Auskolkungen in der Decke, in denen sich Luft befindet, die sicher von mir stammt. Es scheint fasst so, als ob sich die Decke einwärts gesehen leicht nach oben zieht. Einmal tauche ich in einen dieser flachen Kolke hoch.

Ich erreiche die Luftblase und versuche den Kopf über Wasser zu bekommen, aber es gelingt mir nicht. Es handelt sich nur um einen 2 cm hohen Luftspalt. Er vermittelt nur scheinbare Sicherheit. Mich überkommt ein komisches Gefühl und ich tauche doch lieber ins trübe Wasser ab. 130 bar, okay, ein kleines Stück will ich noch weiter tauchen, dann kommt auch schon der nächste Linksknick. Ich glaube es war der zweite. Der Tauchgang ist für mich noch so kompliziert, dass ich mich nicht um die Kompassrichtungen kümmere. Wieder knickt der Gang ab. Welch ein unruhiger Siphon. Vor mir wirkt der Gang etwas größer und klarer als die hinter mir liegende Wegstrecke. Der Blick auf die Führungsleinenmarkierung erschreckt mich etwas. Ich habe die 60 m Marke überschritten. Das bedeutet mindestens 25 m bis zur ersten Auftauchstelle. Sogleich mache ich kehrt. Jetzt kommen 60 m Tauchstrecke mit Null Sicht auf mich zu. Aber so sehr nervt mich das gar nicht. Ich beschließe, den Reglerwechsel erst an der Auftauchstelle vorzunehmen, da ich dann für die letzten 25 m noch gut 150 bar und die restlichen 110 bar aus der ersten Flasche zur Verfügung habe. Beim Zurücktauchen fällt mir auf, wie schwer es doch ist, die Führungsleine aufzurollen. Das ist beunruhigender als die schlechte Sicht. Bald erreiche ich den Wassertunnel. Ich hätte doch eine dickere Führungsleine mitnehmen sollen, die ich dann gleich fest im Siphon eingebaut hätte.

Meine rechte Hand ermüdet langsam. Aber es hilft nichts ich muss weiter. Je mehr ich auf die eh’ nur zu einem Drittel gefüllte Rolle spule, umso schwerer lässt sie sich drehen. Dabei verliere ich echt Zeit, so ein Scheiß. Ich kontrolliere den Flaschendruck, er liegt bei 130 bar und ich habe noch 10 m. Na ja, das wird wohl reichen denke ich und wickle die blöde Leine mit aller Kraft auf. Dann wird es langsam heller. Ich tauche auf und sehe die anderen und denke - geschafft, so ein Scheiß, ich konnte keine Auftauchstelle finden, und das nach 60 m. Wie lang wird der Siphon wohl noch sein? Ich lege zuerst alles ab, bevor ich meinen Helfern den Tauchgang beschreibe. Na ja, so viele Personen werden da hinten wohl nicht mitarbeiten. Ich habe noch viel zu lernen um ein guter Höhlentaucher zu werden. Das Höhlentauchen ist echt extrem. Ich muss daran denken, wie mir Martin Queitsch erzählt hat, dass ein Höhlentauchgang von 20 m Länge schon extrem ist. Na ja, die habe ich nun wohl hinter mir.

Um 24 Uhr machen wir uns auf den Rückweg. Als Jaqueline durch den Maulwurfsiphon zu mir kommt, entspannt sie sich merklich und ist froh, diesen Höhlenteil hinter sich zu haben. Ralph kommt schon richtig routiniert durch den Siphon und Steffen hatte auch keine Probleme. Um 2 Uhr erreichen wir das Camp wo die Rückkehr des Tauchers bis 4 Uhr früh gefeiert wird.

02.06.02 Tauchvorstoß in den OS 3

Immer wieder sprach M. Q. in den letzten Tagen von OS 3. Heute ist es so weit, er will ihn endlich betauchen. Wie immer hat er sich bis aufs letzte Detail vorbereitet. Ich begleite ihn als Tauchassistent. Wir fahren um 12 Uhr in die Höhle ein. Alles läuft sehr konzentriert und geordnet ab. Bis wir die Boote besteigen, erschweren alle Tauch- und Engstellen der letzten 600 m den Transport der vollen Schleifsäcke enorm. Am ersten Ostsiphon legen wir die gesamte Tauchausrüstung an, die Martin weiter bis zum OS 3 trägt. Ich lasse meine hinter dem OS 2 zurück, packe Martins restlichen Tauchsachen in einen Ortlieb Explorer Rucksack, der sich hier hinter bestens bewährt hat. Dieser kann wie ein Schlauchboot aufgeblasen und so, mit dem ganzen Material übers Wasser gezogen werden. Nach 2 Stunden Anmarsch erreichen wir 1,5 km vom Eingang entfernt, den dritten Ostsiphon. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine beiden Tauchgänge hier. 2 Wochen später entdeckte Martin 5 m nach meinem Umkehrpunkt die große „Tiefseehalle“. Heute will er darüber hinaus, im NO-Siphon 4, ins Neuland tauchen. In vielen Passagen der Höhle waren bis jetzt weniger Menschen, als auf dem Mond. Martin möchte heute den ersten Schritt auf den Mars setzen, wie er sagt. Natürlich nur sprichwörtlich. Auf mich, als Expeditionsunterstützung, wirkt alles absolut utopisch. Diese Art von Höhlenforschung ist für uns immer noch Neuland und sehr ungewohnt. Martin sieht in seiner redundanten  Luftversorgung und dem 4-fach getrennten Beleuchtungssystem, aus wie ein Astronaut. Ich betrachte immer wieder den Wasserspiegel des Siphons, der mir wie eine Schleuse ins Vakuum des Weltalls vorkommt. Schon fast so wie in der  Siencefiction Serie „Stargate“. Hoffentlich geht alles gut. Ich reiche ihm die Ausrüstungsgegenstände, die er nacheinander an sich befestigt. Er wirkt ruhig und hoch konzentriert. Schon gestern Abend haben wir besprochen, wie sein Tauchgang verlaufen soll.

Er will maximal 10 Minuten einwärts tauchen. Das bedeutet Gesamttauchzeit 20 Minuten. Sollte er lufterfüllte Gänge finden, addieren sich 10 Minuten ablegen und weitere 10 zum aufnehmen der Tauchausrüstung hinzu. Dann sind wir schon bei 40 Minuten Abwesenheit. Zusätzlich kommen noch 20 Minuten im Neuland dazu. Das bedeutet, ich muss maximal eine Stunde auf ihn warten. Ist er bis dahin immer noch nicht zurück, soll ich noch weitere 60 Minuten abwarten, um Rettungsmaßnahmen einzuleiten. Ohne ihn abzulenken warte ich auf seine Anweisungen, die er mir gibt. Dann ist es so weit, er schwimmt zum Anfang der Tauchleine, die er letzte Woche auf – 5 m bis zum Briefkasten verlegt hat. Wir verabschieden uns und ich wünsche ihm viel Glück. Dann taucht er ab und ich stelle die Uhr. Der riesige Siphon taucht in ein gespenstisch bläuliches Licht. Die Luftblasen, die an die Wasseroberfläche kommen mutieren zu einem lauten Donnern, das von dem großen hinter mir liegenden Tunnel noch verstärkt und vervielfältigt wird. Ich schaue auf die Uhr. 2 Minuten, jetzt sollte er die Tauchleine angebunden haben und durch den Briefkasten tauchen. Das Licht im Siphon erlischt und die letzten Luftblasen erreichen die Wasseroberfläche. Jetzt bin ich absolut alleine in der Umlaufbahn vom Mars. Aber Martin muss sich noch viel einsamer fühlen. Er verlässt das relativ sichere Raumschiff und begibt sich auf einen Sinkflug ins Ungewisse. Wird er jemals wieder Boden unter den Füßen haben? 3 Minuten, jetzt müsste er an meinem Umkehrpunkt angekommen sein. 4 Minuten, an der Seehalle? Ich fange an zu rechnen. War ich vorher noch ruhig, beginne ich jetzt, mich mit irgendwelchen Dingen abzulenken. 6 Minuten, das einfachste Ablenkungsmanöver ist, die Kälte zu verdrängen. Ich trete auf der Stelle und lasse die Arme kreisen, um mich aufzuwärmen.

8, 10, 12 Minuten oder sind es Stunden? Ich überlege, wo er sein könnte und versuche Kontakt zu Ihm zu bekommen. Ich mache mein Helmlicht aus und konzentriere mich auf ihn. Immer wieder sehe ich Felsboden, auf dem sich Martin vorwärts bewegt. Ist es Einbildung oder Realität, 20 Minuten sind bereits vergangen. Immer noch kein Zeichen von ihm. Er ist überaus penibel. Wenn er nicht aufgetaucht ist, müsste er jetzt langsam kommen. Nach 23 Minuten immer noch nichts. Plötzlich höre ich das laute Donnern zweier Luftblasen am Siphon. Endlich, er kommt. Aber das war’s dann auch schon wieder. Was macht der bloß da unten. Hat er noch so viel Luft, dass er im Siphon vermessen will? Totenstille um mich herum, nur ab und zu trifft ein Wassertropfen, der sich von einem Stalaktiten aus 7 m Höhe von der Decke löst, die Wasserfläche des Sees. Ich fühle mich total alleine gelassen. Wie muss es erst Martin gehen. Langsam fange ich an mir zu überlegen, was eigentlich wäre, wenn!? Wie lange brauche ich hinaus. Wen rufe ich wirklich als Rettungshelfer und wen als Rettungstaucher an. Ich gehe den ganzen Rettungsplan von vorne bis hinten durch, wohl um mich abzulenken? Was waren das für Luftblasen, haben sie sich nur von der Decke gelöst und den Weg an die Oberfläche gefunden? Verdammt, vergeht die Zeit langsam.

Jetzt verstehe ich die Gesichter, die mich stillschweigend ansahen, als ich vor 2 Wochen, nach nur 20 Minuten Tauchzeit, aus dem Nordostsiphon auftauchte. Ich blickte auf meine Uhr, 30 Minuten sind vergangen. Wahnsinn. Dieser Hund, lässt mich hier alleine sitzen und läuft im Neuland umher. Ich verdränge einen Tauchunfall. Er kann nur im Neuland umher wandeln, hab ich ihn doch in meinen Gedanken dort schon gesehen. Also, ruhig bleiben, der Horror beginnt erst in 30 Minuten. Dann noch maximal 1 Stunde warten und völlig ausgekühlt die vielen Siphons und noch knapp 2 km bis zum Ausgang zurücklegen. 4 Stunden Rettungsorganisation. Dann wieder 3 Stunden zurück bis hier her. Das bedeutet frühestens um 23 Uhr erreichen wir den Taucher, erreichen wir Martin. Ein bisschen nervös werde ich angesichts dessen jetzt schon. Ab und zu ertappe ich mich, wie ich in den endlos wirkenden Gang pfeife, der mir lustig antwortet. 35 Minuten lese ich ab. Die Sekunden vergehen wie in Zeitlupe auf dem Display meiner Uhr. Dann plötzlich, wie ein getarntes Raumschiff, taucht der riesige Siphon in ein grünlich blaues Licht, in dem Martin zu mir in die Umlaufbahn um den Mars auftaucht. Jetzt wird mir klar. Ich hab ihn also doch vorhin schon gesehen, wie er ihn betrat, den Mars. Ich bin stolz auf ihn und glücklich, dass er wieder da ist. Ab jetzt ist alles wieder Routine. Er kommt zu mir und Wortlos helfe ich ihm beim Ablegen seiner Ausrüstung. Er macht einen guten physischen und psychischen Eindruck. Gelassen setzt er sich auf einen Felssims und fängt an zu erzählen mir die Eindrücke seines Tauchgangs:

„Komischer Weise bin ich wieder in der Tiefseehalle aufgetaucht. Wie Du schon vermutet hast, geht die Fortsetzung nicht gerade aus, sondern rechts ab. Ca. 2 m unter der Wasseroberfläche spannte sich eine weite Decke über einem ca. 5 m tiefen Siphon. Nach einigen Metern sah ich über mir wieder eine Luftglocke, in die ich auftauchen konnte. Leider war es nur eine Luftblase, deren Decke sich 1 m über mir befand. Sie ist etwa 3 m lang und führt in den fünften Ostsiphon. Wieder tauche ich ab, diesmal in einen beängstigend größer werdenden Unterwassertunnel, an dessen Ende sich eine rissige 7 – 8 m breite, nach oben führende, Sanddüne befindet. Aber wo war die Auftauchstelle? Über mir ist nur Felsdecke. Als sich mein Blick nach links wendet, erkenne ich einen schmalen Schlitz, nicht höher als 1 m. Ich zwänge mich mit leichtem Flaschenkontakt zwischen Boden und Decke durch den Spalt hindurch und blicke auf einen weiten Wasserspiegel, an den der Sandboden aufzusteigen scheint. Kurz darauf durchbreche ich die Wasserfläche und sofort werden meine Gedanken auf eine fremde Welt katapultiert. Die Stille unter Wasser, wird von ohrenbetäubendem Rauschen unterbrochen und ich erkenne im Schein meiner Lampen 10 m weiter eine ca. 2 m hohe Kaskade, über die mir der Mühlbach entgegen stürzt. Mir kommt in den Sinn, jetzt hab ich es geschafft und sehe mich schon hunderte von Metern weiter in den Berg laufen. Nichts hält ich mehr im Wasser“.

„Hej, da hab ich dich gesehen, nach etwa 12 Minuten, als ich versuchte Kontakt zu dir zu bekommen, aber erzähl weiter“ fordere ich gespannt.

„Die Auftauchstelle ist sehr sandig und gleich darauf kommt Verbruchboden, der an die ca. einen Meter hohe Kaskade führt. Ich beschließe das Wasser zu verlassen und den Gang wie ausgemacht 10 Minuten zu erkunden. Oberhalb der Kaskade liegt eine riesige 4 x 4 m große Deckenplatte am Boden, danach fließt der Bach über Felsboden, der nach wenigen Metern in aufgehäuften Verbruch übergeht, der einen großen See anstaut. Rechts tut sich ein Seitengang auf, der weitere zwei Abzweigungen nach rechts hat. Aber aus Sicherheitsgründen betrete ich diesen Gangteil nicht. Ich gehe weiter bis zum Beginn des Sees und finde dort heraus, dass der Seitengang weiter oben wieder auf den See trifft. Dieser See ist ein Siphon, der 6te Ostsiphon. In welche Richtung er weiter geht kann ich nicht mehr feststellen, ich habe ihn nicht betreten. Beim Zurücktauchen habe ich kaum Sicht was aber keine Probleme bereitet. Insgesamt ist die Tauchstrecke bis zur Auftauchstelle im Neuland ca. 70 m lang, der lufterfüllte Teil danach ca. 76 m.“

Nochmals gratuliere ich Martin zu diesem grandiosen Erfolg. Doch jetzt wird es aber Zeit raus zu gehen, wir kühlen sonst immer mehr aus. Nach 5 ½ Stunden verlassen wir die Höhle mit der Entdeckung des vierten bis sechsten Ostsiphons und ca. 76 m begehbaren Gängen, insgesamt ca. 100 m Neuland.

Abends lädt mich Martin zum Essen in den Gasthof zur Post in Dietfurt ein und wir feiern den gut ausgegangenen Tauchvorstoß in einer der bedeutendsten Wasserhöhlen Deutschlands.

20. 07.02 Tauchgang NO-Siphon

Ich fahre um 11 Uhr nach Mühlbach und treffe im Ort Hans Rackl und hole mit Ihm die neue Eisenleiter für den Abstieg in die „Mühlbachpromenade“ ab. Sie ist so groß und so wahnsinnig schwer, dass ich sie vermutlich gar nicht einbauen kann.

aSteffen, Ralph und Jaqueline sind schon an der Hütte und wir bereiten alles für den Tauchversuch im NO-Siphon vor. Nach 2 ½ Stunden erreichen wir ihn. Ich mache mich fertig und tauche ab. Maximal eine Stunde lang will ich meinen Vorstoß machen. Mit gutem Licht sehe ich das erste Mal die Einzelheiten in den Unterwassergängen. Ich tauche mit zwei 5 l Tanks 230 bar. Am Boden sind deutlich meine Abdrücke im Lehm erkennbar. Bald hab ich „Das Siphongschmarrie“ erreicht und tauche über den „Kegelberg“ hinweg in Richtung Neuland. Ich fühle mich sehr gut und ärgere mich etwas darüber, keine vernünftige Vermessung machen zu können. Das muss beim nächsten Mal klappen. Immer noch sehe ich meine Spuren vom letzten Tauchgang. Der Gang wird an den Biegungen, die immer etwas leicht nach links abknicken, etwas geräumiger. Dann erreiche ich meinen Umkehrpunkt. Hier wechsle ich den Automaten, bei 170 bar und 52 m Tauchstrecke. Der Gang ist wieder sehr geräumig, ca. 3,5 m breit und 2 m hoch. Zum ersten Mal fallen mir hier sehr große Fließfacetten an der rechten Wand auf. Der Blick nach vorne verheißt allerdings nichts Gutes für mich. Der Gang wird düsterer und enger. Ich schaue auf die Führungsleine und rolle gerade die 82 m Marke ab. Ein kurzer Blick zurück. Alles eingetrübt. Ein Blick nach vorne, es wird irgendwie enger, 1,5 m hoch und nur noch 2 m breit. Der Gang zieht wieder, wie schon die ganze Zeit, leicht nach links, so dass ich nur etwa 10 m weiter schauen kann. Ich habe den Eindruck, in einer großen Druckröhre zu tauchen. Der Tiefenmesser zeigt am Boden 2,5 m an. Es fehlt also nicht mehr viel, bis zum lufterfüllten Gang. Trotzdem kehre ich hier um, bei einer Siphonlänge von mindestens 90 Metern. Der Rückweg klappt bei absoluter Null-Sicht besser als beim letzten Mal. Ich komme mit 170 + 150 bar bei Steffen an und bin mit meinem Tauchgang sehr zufrieden. Ich hätte noch 100 bar zur Verfügung gehabt.

Minuten später stoßen Ralph und Jaqueline zu uns. Sie ist ganz aufgeregt und erzählt von einer riesigen Halle. Tatsächlich geht der bei der Erstbefahrung vermessene „Labyrinth-Gang“ weiter. Ich lege meine Tauchausrüstung ab und wir verpacken alles in die Schleifsäcke. Dann beschließen wir, die Neuentdeckung näher zu untersuchen. Es freut mich immer wieder wenn meine Höhlenforscherkollegen auch bedeutende Entdeckungen in der Höhle machen, denn ich will mich auf die Siphons konzentrieren.

31.08.02 Tauchgang zum Ostsiphon 6

Martin will heute den sechsten Ostsiphon betauchen. Der Transport der Tauchflaschen wird langsam zur Routine. Nach 3 Stunden sind wir am Ostsiphon 3 angelangt  und er macht sich fertig. Er hat wieder ein neues Vermessungsgerät dabei, das er zum ersten Mal in der Höhle testen will. Robert und ich haben 2 Stunden Zeit und untersuchen derweil die Gangfortsetzung bei Messpunkt 810. Nach 1 ½ Stunden Schlammschaufeln kann ich mit meinem Oberkörper durch die Öffnung in den nächsten kleinen 5 x 2 m großen Raum blicken. Der Schlamm presst sich von oben durch einen Deckenversatz. Im Lehm stecken abgerundete Dolomitbrocken, die aus einer Höhe mindestens 40 m über uns stammen müssen. Hier geht’s in absehbarer Zeit jedenfalls nicht weiter. Wir reinigen uns gründlich unten im Bach, denn mir hat es beim Zurückrutschen eine Lehmpackung am Hinterkopf entlang durch den Helm bis nach vorne ins Gesicht gedrückt. Sie hing mir wie Scheuklappen vor den Augen.

Kurz darauf kommt auch schon Martin, der sehr zufrieden aussieht. Neugierig lauschen wir seinem Bericht. Er tauchte den sechsten Siphon 20 m weit und erreichte einen riesigen lufterfüllten Gang, der von einem ohrenbetäubenden dumpfen Grollen erfüllt war. Voller Erwartung legte er sein Tauchgerät ab und machte sich mit dem Vermessungsgerät auf den Weg. Der Bachboden war meist felsig, die Gangdimensionen 5 auf 8 m. Nach etwa 30 m erreichte er die Ursache des Grollens. Einen Wasserfall, der über eine etwa 1 m hohe Stufe in ein großes Becken stürzt. Danach ging es 50 m im breiten Bachlauf dahin, bis sich die Felsdecke bis auf wenige Zentimeter auf den Wasserspiegel senkte. Aber mit Neoprenhaube und Taucherbrille konnte er durch einen ca. 1 m langen Nasenkanal an der Decke entlang in eine große Querkluft schwimmen, die in den siebten Ostsiphon übergeht. Dieser bildet eine große Unterwasserhalle. Martin meinte sie ähnelt dem  dritten Ostsiphon. Wir gratulieren Ihm zum erfolgreichen Tauchgang, der die Mühlbachquellhöhle auf über 6 km bringt hat. Nach 6 ½ Stunden verlassen wir die Höhle.

Die Tauchstrecke zwischen dritten bis 6te Siphon stellt eigentlich nur einen Siphon dar, denn die beiden Auftauchstellen in der Tiefseehalle und der darauf folgenden nur 3 m langen Luftglocke haben eine Wassertiefe von ca. 6 m. Stehen kann man prinzipiell nirgends.

12.10.02 Weiter im Nordostsiphon 2

Es wird wieder mal ernst. Ich will weiter im NO-Siphon vorstoßen. Die Tauchausrüstung wurde so umgebaut, dass die 2 x 5 l Tanks diesmal auf dem Rücken getragen werden können.

Heute sind drei Gruppen gleichzeitig hinter dem Maulwurfsiphon am Arbeiten. Ralph und Steffen nehmen den Längsschnitt im Nordwestgang auf und untersuchen einen weiteren Schluf im „Überraschungsei“. Martin und Robert Queitsch bleiben in der Nähe des Nordost-Siphons und probieren verschiedene Fototechniken aus. Alle haben geholfen die Tauchausrüstung bis zum Siphon zu schaffen, was für mich eine enorme Erleichterung war. So bin ich nicht nur mental sehr ausgeglichen, sondern auch physisch voll belastbar.

In mir kommt wieder die Sehnsucht aufs Unbekannte auf. In den vergangenen Wochen habe ich nachts vor dem Einschlafen den Siphon gedanklich immer wieder betaucht und kenne Meter für Meter. Jedes Mal hielt ich mir den Umkehrpunkt vor Augen und hatte dabei das Gefühl, dass der Siphon weiter vorne nach oben zieht. Aber das werde ich ja bald wissen. Robert bindet die Führungsleine an einer Sanduhr (durchgehendes Loch im Felsen) vor dem Siphon an der Decke fest. Diesmal will ich ohne Flossen tauchen, da sie mich beim letzten Mal mehr behinderten, als nutzten. Ich sinke in den Siphon, merke aber sofort, dass ich noch zuviel Auftrieb habe. Darum kehre ich um und lasse mir von Robert noch weitere 2 kg Blei bringen. Nun ist alles perfekt. Ich tauche wieder ab, stoße mich mit den Füßen vom Boden ab, die Führungsleine dabei immer durch geschlossenen Zeigefinger und Daumen laufend und komme mit dieser Methode schnell und energiesparend vorwärts.  

Das Vermessen unter Wasser lenkt mich zusätzlich von dem Gedanken ab, wie der Siphon wohl weitergeht. Durch den Bodenkontakt überholt mich jedes Mal am Messpunkt eine Schlammwolke und erschwert das Ablesen der Instrumente.

Die mit 230 bar gefüllten Tanks beruhigen mich sehr. Der Luftvorrat ist enorm. So kann ich mich vollkommen auf den Siphon konzentrieren, ohne ständig an die Luft zu denken. Ich erreiche nach 20 m den „Luftschnapper“, den 9 m langen Wassertunnel. Die Sicht ist wieder ein Mal grandios. Vor mir öffnet sich die Fortsetzung im dunklen Gangprofil.

Ich tauche den geräumigen Wassergang weiter. Bald bin ich am Klappmesser, hier teilt sich der Gang. Eine schmale Röhre führt vor der „Lehmpyramide“ geradeaus weiter. Zum Glück nicht die Hauptfortsetzung. Ich tauche links im großen Gangprofil weiter und erkenne nach einigen Metern, dass rechts der kleine Gang wieder einmündet. Hier bin ich 32 m von der Basis entfernt. Dieser Bereich befindet sich immer noch im „Luftschnapper“. Jetzt erreiche ich langsam das Neuland im Siphon, das  nun etwa 1,7 m hoch und 2,5 m breit ist. Wie beim letzten Mal schon bemerkt wird der Siphon immer flacher und ich stoße öfters mit den Flaschen an der Decke an. 70 m, er bleibt niedrig, aber noch gut betauchbar. Dann plötzlich flacht der 2,5 m breite Siphon zu einer nur noch 40 cm hohen Fuge ab.  4 m weiter vorne, in drei Metern Wassertiefe ist eine steile Lehmhalde zu erkennen. Immer wieder kratzen meine Tanks, in der nur 40 cm hohen Fuge, an der Decke. Na super, das hat ja wohl nichts mit einer Düse zu tun, wie man sie aus manchen Siphons kennt und die soll auch noch an die Wasseroberfläche führen? Ich presse mich drei Meter weiter in diese lehmige Fuge. Die Anstrengung wächst, mein Puls steigt langsam auf über 110. Immer wenn ich mich ein Stück weiter nach vorne schiebe denke ich an den über 80 m langen Rückweg. Ich bin nun schon das dritte Mal in diesem Siphon und will nun sehen, wohin er führt. Es ist so eng, dass an umdrehen nicht zu denken ist. Hier komme ich nur wieder rückwärts raus. 

Nach drei Metern erreiche ich einen Deckenversatz und blicke an einer senkrecht aufsteigenden Felswand entlang steil nach oben. Mist, super eng und irgendwie verdammt hoch geht es hier rauf. Meine Lampen können keine Decke erleuchten, was eigentlich nur auf einen lufterfüllten Gangteil da oben schließen lässt. Was soll ich bloß machen. Rauf geht´s ja bestimmt, aber wieder runter? Ich probier’s mal ein kleines Stück, kann ja gleich wieder umdrehen. Also los. Ist das eng, ich muss mich ja echt hinauf zwängen. Einen Vorteil hat das Ganze, es ist wenigstens schön glitschig. Die Flaschen reiben und kratzen an der steilen Wand, dann plötzlich durchbreche ich die Wasseroberfläche. Es herrscht Totenstille. Ich blicke in einen etwa 1,7 m hohen und 15 m langen Gang, der sich nach 85 m Tauchstrecke vor mir auftut und an dessen Ende ich einen kleinen dreieckigen Durchschlupf, über dem Wasserspiegel, erkenne.

Ich entschließe mich raus zu gehen. Der Boden ist einigermaßen fest, sodass ich mich 4 m vom Siphon entfernt nieder setzen kann. Toll, nun sitze ich hier, am Ende der Welt. Hm, mal in mich hinein hören, wie geht’s mir eigentlich? Poch, Poch, Poch, ganz gut.

aKomm ich da je wieder zurück, durch dieses in über 3 m Tiefe liegende Unterwasserschluf und was geht eigentlich da vorne ab? Irgendwie hab ich das Gefühl, dass es weiter geht. Aber ich will meine lebensnotwendige Ausrüstung nicht ablegen. Mit ihr nach vorne zu kriechen geht auch nicht, da sie zu schwer und der Gang zu niedrig wird. Ich überlege einige Minuten und fange unbewusst an, ein Teil nach dem anderen abzulegen. Dabei fällt mir auf, dass sich in dem Gang nirgends eine Möglichkeit befindet, etwas abzulegen. Nur direkt neben mir ist eine 50 auf 30 cm kleine Lehmbank. Dort klebe ich meinen Helm, die Messtafel und alles andere Kleingerödel an. Als ich das Checket ablege, sehe ich, dass mein Reserveautomat an allen Ausgängen mit Lehm verstopft ist. Das hätte bei einem Automatenwechsel leicht zu Problemen führen können. Zwei Mal auf die Munddusche gedrückt und zwei Lehmgeschosse schlagen in der gegenüberliegenden Wandseite ein.

So jetzt sitze ich da. Dann kann ich ja auch weiter schauen. Nun kommt Roberts neues Vermessungsgerät zum Einsatz. Ich binde die Schnur an mein Tauchgerät, was anderes gibt es nicht, und krieche los. Der enge Durchgang kommt immer näher, dahinter beleuchten meine Lampen ein größeres Gangprofil. Jetzt kommt auch leichte Euphorie bei mir auf. Kann ich etwa weiter laufen? Ich krieche durch den niedrigen Schluf. Mist rechts ist es aus, aber links geht’s weiter. Ich betrete einen Raum von 7 auf 4 m Durchmesser, etwa 2,5 m hoch. Rechts eine große Lehmbank über der in der Decke zwei kleine Kamine verschwinden. Aber wo ist die Fortsetzung. Vor mir unter der Felswand höre ich ein leises glucksen. Tatsächlich, am Boden kniend kann ich 5 cm über dem Wasserspiegel ungefähr 2 m weit in einen neuen Siphon schauen. Möglicherweise ist es aber auch nur ein Halbsiphon der nach wenigen Metern wieder in einen größeren Gang führt. Dieser Siphon ist ein ca. 1 m breiter und nur 50 cm hoher Unterwasserschluf mit flachem Sedimentboden. Ich habe das Gefühl da hinten geht’s groß weiter. Dieses Geheimnis werde ich beim nächsten Mal lüften.

Der Blick auf die Uhr mahnt zur Umkehr. Vorher schaue ich noch die beiden Kamine an, die etwa 6 m hoch führen und dort oben eine horizontale Decke erkennen lassen. Na ja, interessant ist es hier schon. Doch der Rückweg wird noch interessanter. In aller Ruhe lege ich meine Ausrüstung an und verabschiede mich aus dem Neuland. Vorsichtshalber nehme ich noch die abgerissene Messschnur mit, um den Geist der Höhle nicht zu verärgern, der mir dann vielleicht Schwierigkeiten beim Raustauchen macht.

Die Ausrüstung anzulegen, ohne das dabei etwas davonschwimmt ist gar nicht so leicht. Ich knie 100 kg schwer im beinahe bodenlosen Lehm am Siphon und lasse mich langsam nach unter gleiten. Es herrscht völlige Dunkelheit vor meiner Tauchmaske. Wie findet man hier den Weg wieder heraus, in dermaßen engen Siphons, blind, bei völliger Gefühllosigkeit? Werde ich mich in der Führungsleine verfangen? Alles interessante Fragen, die sich bald von selbst beantworten werden. Den „Düsenjäger“ habe ich ohne Schwierigkeiten hinter mir gelassen. Nach 10 Metern wird es wenigstens wieder ein bisschen heller vor mir, echt beruhigend. Immer wieder taste ich die Führungsrolle ab, damit sich die dünne Leine nicht verwickelt. Ich komme gut voran, erst im „Luftschnapper“ nach 40 m Tauchstrecke sehe ich zum ersten Mal 10 cm der Führungsleine. Nur noch 20 m dann kann ich den Tauchvorstoß erfolgreich beenden.

Ich durchstoße die Wasseroberfläche. Wahnsinn, geschafft. Martin und Robert kommen mir entgegen. Ich erzähle Ihnen kurz das Wichtigste, dann machen wir uns nach sorgfältigem Verpacken der Ausrüstung auf den Rückweg. Meine beiden Tanks zeigen noch jeweils 180 bar an. Für den nächsten Tauchgang lasse ich sie am Siphon zurück. Dann will ich eine permanente Führungsleine verlegen und den NO-Siphon 3 erkunden. Wir hinterlassen in der Verzweigungshalle eine Nachricht für Ralph und Steffen, dass wir die Höhle gesund verlassen und schlendern nach draußen. Wieder wurde ein kleines Teil in das Mühlbachquellhöhlen-Pussel eingesetzt.

01.11.02 Durch den dritten Nordostsiphon

Martin und Robert begleiten mich bis zum Maulwurfsiphon, 1,2 km vom Eingang entfernt. Sie helfen mir den Materialschleifsack durch den nur 40 cm hohen und 6 m langen Siphon zu ziehen. Dann gehe ich allein weiter, tief ins Innere des Karstplateaus, 100 m unter der Erdoberfläche. Vor mir liegen weitere 1000 m bis zu meinem Arbeitsziel, dem Nordostsiphon. Im Schleifsack 100 m Führungsleine für den neuen Siphon. Konzentriert bewege ich mich durch die bis zu 12 m hohen Gänge. Das leise rauschen des Baches lässt diese unterirdische Zauberwelt zum Leben erwachen. Glitzernd sprudelt mir das klare Wasser über weiße Kalkterrassen entgegen. Es ist eine unbekannte Welt, zu vergleichen mit einem neu entdeckten Planeten, den man Schritt für Schritt erforschen darf. Vielleicht komme ich heute wieder an einen Ort, den noch nie ein Mensch vorher gesehen, geschweige denn betreten hat.

Der über 20 kg schwere Rucksack macht das Laufen im tiefen Wasser nicht einfacher. Ich passiere das Seil, das aus dem 40 m hohen „Abrakadabra“ Kamin herunter hängt, in den ich mich vor 2 Wochen hoch gebohrt hatte. Nicht mehr weit, dann bin ich am Ziel. Über 2 km vom Ausgang entfernt stehe ich vor dem Siphon. Jetzt wird’s ernst. Eine Stunde später sitze ich mit der angelegten Tauchausrüstung im Siphonsee und binde die Kabeltrommel mit der 100 m langen Führungsleine an einen Haken in der Decke.

Langsam gleite ich über den lehmigen Boden in die Tiefe. Ich durchbreche eine undurchsichtige Wand aus Lehmwolken, die ich beim Eintauchen losgetreten habe, und blicke nach vorne. Seltsam, nicht mal 1 m Sicht, was ist denn da los. Die leichte Bachtrübung die mir schon auf dem Herweg auffiel, wirkt sich im Siphon doch gravierender aus als ich dachte. So finde ich den über 85 m langen Weg durch den Siphon auf keinen Fall. Ich liege unten auf dem Lehmboden. Soll ich lieber umkehren? Es wäre vielleicht doch besser gewesen, gleich beim ersten Tauchgang eine feste Führungsleine in Siphon zu legen. Aber man lernt ja aus seinen Fehlern.

Da fallen mir die Fußspuren vom letzen Tauchgang auf, die können mir den Weg weisen, dass könnte klappen. O.K., ich versuch´s. Mit der rechten Hand bremse ich die Kabeltrommel um das Seil etwas zu spannen. Es läuft prima ab und behindert überhaupt nicht. Bei dieser Sicht ist der Tauchgang wieder mal ein Blindflug. Aber das stärkt die Nerven und bereitet mich gleichzeitig schon auf den Rückweg vor, auf dem ich überhaupt nichts mehr sehen werde. An jeder Gangbiegung wir ein PVC-Abwasserrohr in den Lehmboden gerammt, in das die Führungsleine eingeklickt wird. Nach 20 m erreiche ich den Lehmkegel im „Luftschnapper“. Das Wasser ist so trüb, dass ich die Fortsetzung einige Zeit suchen muss. Wie war das noch mal, 2 m vor dem Ende geht’s links weg. Ah ja, hier geht’s lang. Jetzt geht die „Polterstrecke“ los. Der Gang wird immer niedriger. Ich stoße mit den Tanks ständig oben an die Decke. Es wird enger und enger. Ich muss mich auf die Seite legen und kräftig mit den Füßen abstoßen, um weiter zu kommen. War das damals auch schon so eng? Jetzt stört natürlich die blöde Kabeltrommel.

Ich wühle mich im niedrigen „Düsenjäger“ regelrecht nach vorn. Die Decke springt hoch und der Aufstieg kommt in Sicht. Ohne Probleme schiebe ich mich nach oben und durchbreche den Wasserspiegel, der den Blick in den finsteren, schwarzen und sehr niedrig wirkenden Gang freigibt. Im ersten Augenblick erschrecke ich ein wenig, bin ich hier richtig. Alles kommt mir so fremd vor. Die Anstrengung und der Stress zeigen Wirkung. Hab ich mich bei der schlechten Sicht vertaucht? Ich bin doch durch den engen Düsenjäger aufgetaucht? Nach einigen Sekunden ist alles klar, ich bin richtig. So, nun geht’s an die Arbeit. Ich schlage einen Anker in die Wand und binde die Führungsleine fest. Die restlichen 9 m schneide ich ab, und nehme Leine und Werkzeug mit zum dritten Siphon, um diese dort, 3 m vor der Abtauchstelle zu installieren. Immer wieder kommt mir in den Sinn, bloß keinen Fehler machen. Wenn er auch nicht tödlich endet, so dauert doch jede Rettungsaktion mindestens 20 Stunden bis der erste Taucher bei mir ist und weitere 30 Stunden bis ich bei einer nur geringen Verletzungen aus der Höhle komme. Diese Gedanken mahnen mich zur Vorsicht.

aDas Seil hängt fest und das Tauchgerät ist zerlegt um mit nur einem einzelnen 5 l Tank in die enge Fortsetzung zu tauchen. Die Sicht ist auch hier nur 1 m weit, der Siphon aber schön geräumig, ca. 50 cm hoch und knapp 1 m breit. Der Tank lässt sich leicht nach vorne schieben, alles läuft gut. Dann spannt sich die an meinem Handgelenk befestigte Führungsleine, aber kein Ende des Siphons ist zu sehen. Ich drücke mich wieder rückwärts aus dem Siphon. Schon beim Raustauchen habe ich das Gefühl, dass die Auftauchstelle nicht mehr weit ist. Draußen in der Halle lasse ich mir die Situation noch mal in Ruhe durch den Kopf gehen. Aber natürlich, ich schlage einen neuen Anker direkt über dem Siphon. Gesagt getan, die Leine befestigt, den Flaschendruck kontrolliert, ich habe noch über 150 bar drin und eine unbenutzte für den Heimweg. O.K., dann los. Das Wasser ist wieder aufgeklart, so dass ich meine Spuren im Lehm deutlich sehen kann. Ich hab das gute Gefühl, nun durch zu kommen. Die Leine fängt wieder an meinen Arm nach hinten zu ziehen, da erkenne ich plötzlich ein leichtes Flackern über mir. Der Wasserspiegel, super. Ich kann gerade noch den Kopf nach oben stecken und blicke in einen niedrigen Raum, dessen Decke zwei Meter weiter nur etwa 20 cm über Wassers im Dunklen verschwindet. Ich schiebe die Flasche zur Seite, krabble raus und binde die Führungsleine am Flaschenventil fest. Hej, denke ich mir, bin ja schon wieder da, wo noch niemand war. So, mal sehen was da noch kommt. Meine Helmlampe leuchtet etwa 7 m in die Fortsetzung. Ich nehme den Helm ab und krieche unter der niedrigen Decke nach vorne, erreiche eine kleine niedrige Kammer und setze meinen Weg in eine unbekannte Welt fort.

Über zwei Kilometer vom Ausgang und den Freunden weg, ganz alleine. Mann, ist das spannend. Der Gang knickt an einer wenige Meter einsehbaren, etwas versinterten Kluft nach rechts ab. 6 m weiter geht es scharf nach links in eine immer flacher werdenden Gang. Nach insgesamt 25 m erreiche ich den vierten Nordost-Siphon. Mit der Maske schaue ich in die Fortsetzung. Es geht genauso wie im NO-S3 weiter, zum Glück fast doppelt so breit und nicht tief. Wenn es so weiter geht, kann ich mit der Doppel 5 l Ausrüstung noch bestimmt 200 m weiter vordringen. Die engen Dinger sind mir fast lieber als so halb hohe Siphons mit 2 m Durchmesser. Na gut, das war wieder ein erfolgreicher Tauchgang ins Neuland der Mühlbachquellhöhle, mit einem neuen Siphon, dem dreiundzwanzigsten der Höhle. Jetzt wird’s aber Zeit an den Rückweg zu denken. Ich nehme die Führungsleine im NO-S3 auf und schiebe mich in den Siphon. Er hat genau die richtige Höhe um mich mit den Fußspitzen an Decke und Boden nach vorne zu katapultieren. Die 9 m sind mit zwei Atemzügen zurückgelegt.

Jetzt geht’s ans Aufräumen und Anlegen der Ausrüstung. Bloß keinen Fehler machen. Auf dem lehmigen Bachbett im Wasser sitzend, nehme ich nacheinander das Tauchgerät auf. Nur die leere Kabeltrommel macht mir etwas Sorgen. Wird sie mich beim Raustauchen im stockfinsteren Siphon behindern, sich gar in der Führungsleine verfangen? Nützt alles nichts, das werde ich noch früh genug erfahren. Ich lasse mich in den lehmtrüben Düsenjäger abgleiten und erreiche die 4 m lange, ätzend enge Horizontalpassage. Na ja, da haben wir es schon. Ich hänge mit den Rückentanks in der Führungsleine. Beim  Umdrehen in der flachen Passage hatte ich die Führungsleine eingefangen. Mit einem Karabiner hänge ich die Kabeltrommel in die Leine, greife daran nach hinten zu den Tanks und kann mich gleich befreien. Alles klar, es kann weiter gehen. Jetzt wird es auch schon höher und die fest eingebaute Leine zahlt sich aus. Der Luftverbrauch wird dadurch noch mal verringert. Zügig ziehe ich mich an ihr nach vorne. Bald ist der „Luftschnapper“ erreicht und kurz darauf tauche ich nach 2 ½ Stunden wieder an meinem Ausgangspunkt auf. Das rötliche Flackern meiner Karbidlampe begrüßt mich und verleiht der Höhle einen bezaubernden Schimmer. Ganz anders als die Welt in der ich mich noch vor wenigen Minuten befand. Total zufrieden, auch im Hinblick darauf, einen über 1,3 km langen Höhlenteil alleine hinter einem Siphon befahren, und dabei auch noch Neuland in unbekannten Siphons entdeckt zu haben. Gemütlich wird die Tauchausrüstung verpackt dann geht’s auf den Rückweg zum Maulwurfsiphon.

Da fallen mir plötzlich wieder die unheimlichen Stimmen der Höhlengeister auf, die man manchmal hört, wenn man alleine unterwegs ist. Komisch nur, dass diesmal noch so seltsame Lichterscheinungen dazu kommen. Das habe ich bis jetzt noch nicht erlebt. Ist mir von dem fremden Planeten, von dem ich gerade komme etwa ein Außerirdischer gefolgt? Irgendwie kommen mir die Stimmen aber doch bekannt vor und bald lösen sich, aus den geheimnisvollen Lichtspielen vor mir, zweier Höhlenforscher. Das können ja nur „Maulwürfe“ sei. Tatsächlich, Martin und Robert haben sich nach Erledigung Ihrer Arbeit entschlossen, zu mir zu kommen und mir beim Rücktransport der Tauchausrüstung zu helfen. 5 Stunden nachdem mir die Beiden durch den Maulwurfsiphon geholfen hatten tauchen wir an dieser Stelle zusammen Richtung Ausgang. Die Gesamtlänge der Höhle beträgt heute 6212m.

Um 19 Uhr, nach insgesamt nur 8 Stunden in der Höhle, beende ich diesen Tag mit einem guten Gefühl im Bauch, das aber auch an den von dort ausgehenden Hunger erinnert. 11 Höhlenforscher waren heute in der Höhle beschäftigt. Alle sitzen abends in unserer Stammkneipe beisammen und erzählen von unseren Ergebnissen. Den Rest, den ewig andauernden Streit mit Dieter und seinen nicht enden wollenden Denunzierungen mir gegenüber, vergesse ich schnell, denn so etwas wird sich nie mehr wiederholen, todsicher nicht.

12.04.03 U-Bootfahrt in den NW-Siphon.

M. Queitsch, R. Queitsch und K. Gropp unternehmen eine kurzfristig organisierte Siphonsondierung in die Neumondhalle, um den dortigen NW-S2 zu untersuchen. Nach einigen technischen Schwierigkeiten konnte ein ca. 30 m langer 5 m breiter und 3 m tiefer Siphon durchtaucht werden und ein See bis auf insgesamt 50 m bis zum Ufer eines Bachlaufs verfolgt werden. Die Räumlichkeiten sind wie erwartet mit den NW-Gangprofilen gleichzusetzen. Der Höhlengang befindet sich hier hinter dem „Labyrinth“ und ist deshalb wieder sehr groß.

19.04.03 Tauchvorstoß in den vierten Nordost-Siphon.

R. Schoberth, M. Rüsseler und S. Hoffmann transportieren die Tauchausrüstung zum NO-Siphon 1. Die Expedition wird auf ca. 9 Stunden veranschlagt.

Gut ausgeruht und vorbereitet baue ich am Siphon das Tauchgerät zusammen. Meine Doppel-Fünfer sind randvoll, ich habe 2500 l Luft dabei. Bis zum meinem Forschungsziel, dem NO-S4 brauche ich ca. 250 l Luft, hab also fast 1000 l Reserve.

Um 14.45 Uhr tauche ich in das kristallklare Wasser ein. Bedingt durch die Führungsleine komme ich überaus schnell, ohne Luft zu vergeuden, vorwärts. Die Leine liegt dreimal an Felskanten an, dort sollte ich noch eine Seilführung anbringen. Am Düsenjäger angekommen muss ich mich wie jedes Mal mit Gewalt durch den schlammigen, 40 cm hohen Schlitz bis an die Auftauchstelle zwängen. Dort entledige ich mich meiner Tauchausrüstung und mache mich gleich daran, einen neuen Spit am ende des NO-Siphon 2 zu setzen. So läuft die Tauchleine besser aus dem „Düsenjager“ nach oben. Den beim letzten Tauchgang verloren gegangenen Spitsetzer habe ich glücklicherweise wieder gefunden, das Reservegerät wäre doch nur eine Notlösung gewesen.

NO-Siphon 1+2 sind nun perfekt eingerichtet. Ich baue die Tauchausrüstung für den kommenden Schlufsiphon um, ziehe sie bis zum NO-Siphon 3 und schlage dort den Führungsleinenspit. Die Leine über den linken Arm gelegt, die Flaschen mit der rechten Hand nach vorne schiebend, schlufe ich unter Wasser in den ca. 40 cm hohen Siphon und erreiche nach 9 m zügig das Ende. Wieder ist Spitsetzen angesagt, denn die glatten Wände bieten keine Befestigungsmöglichkeit. Der NO-Siphon 3 ist schnell installiert und ich beginne sogleich mit der Vermessung der Gangteile bis zum vierten Siphon. Die niedrigen, nur 1 – 2 m hohen Gangprofile machen die Arbeit, teilweise im Wasser liegend, nicht gerade angenehm.

1 ½  Stunden nach Tauchbeginn setze ich den Leinenspit vor NO-S4. Um mir über die ersten Meter des sehr niedrigen Siphons noch einmal ein genaueres Bild zu machen, krieche ich zur 4 m entfernten Abtauchstelle. Unter die immer niedriger werdende Decke, fällt mir der kiesbedeckte Boden auf. Ein gutes Zeichen, denke ich, und als es mir gelingt, einen klaren Blick in den Siphon zu werfen, überrascht mich dessen Größe. Also zurück und die Ausrüstung wieder umgebaut, um sie am Rücken zu tragen. Dann geht es los.

aIch schiebe mich auf der Seite liegend bis an den Siphon. Der Gang geht etwa 3 m geradeaus und macht dann einen Rechtsknick. Er ist etwa 1 m hoch und 2,5 m breit. Der Boden ist völlig mit Flussgeröllen bedeckt. Ich tauche um die Ecke und sehe über mir den Wasserspiegel. Das hab ich mir fast gedacht. Bitte lass es jetzt endlich in saubere große Gänge übergehen, denke ich mir. Nach weiteren 2 m durchbreche ich den Wasserspiegel und erleuchte einen neuen Höhlengang. 2 m breit, 3 m hoch. Das ist er, schießt es mir durch den Kopf. Ich spucke den Automaten aus und rufe ehr­fürchtig in den Tunnel. Er hat ein gutes Echo.

Schon geht es weiter. Die Ausrüstung am Rücken, und die Führungsleine in der Hand, marschiere ich los. Nach wenigen Metern wechselt der Geröllboden auf weißen Kalksteinboden über den fast unsichtbar ein kleines Bächlein fließt. Herrliche Facetten und Korrosionskarren schmücken die Wände, alles ist blitzsauber und es herrscht Totenstille. Immer wieder bleibe ich stehen und staune. Mal links, mal rechts knickt der Gang ab, ohne dass ein Siphon in Sicht kommt. Soll ich das Tauchgerät ablegen? Nein, dann kommt bestimmt der Nächste. Ich schlendere durch den bald 4 m hohen Gang. Mein Pulsschlag erhöht sich, nicht durch das Gewicht der 40 kg schweren Ausrüstung, sondern der Anblick vor mir, nimmt mir den Atem. Ich stehe in einer Gangverzweigung, die sich in einen Wasser führenden und einen überlagernden Gang teilt. Überall weißer Kalkstein um mich herum, verziert mit den schönsten Karren und Hacheln.

aWo kommt denn der überlagernde Gang her? Ich folge dem Wasserlauf um die nächste Gangbiegung und stehe nichts ahnend an einer 4 m hohen Naturbrücke, die sich über einen 6 m weiten See spannt. Hier ist dann wohl der 5te NO-Siphon. Ich lege mich ins Wasser und sehe 3 m tiefer am Grund einen 30 cm hohen Spalt unter einer sicher 4 m breiten Höhlendecke. Sofort befestige ich die Führungsleine und lasse mich in den leider schon trüben Siphon abgleiten. Am tiefsten Punkt kann ich gerade noch einen kurzen Blick in die Fortsetzung werfen, bevor mich die Schlammwolke in eine geheimnisvolle Finsternis hüllt. Unter der Decke verengt der schräg abfallende Lehmboden den Durchgang in 2,5 m Tiefe zu einem 30 cm hohen Spalt. Dahinter geht es tiefer in einen größeren Unterwasserraum weiter. O.K., unter diesen Umständen wäre ein weiterer Tauchvorstoß zu gefährlich. Ich drücke den Lehmboden schnell noch soweit nach unten durch, damit ich die Engstelle beim nächsten Mal leichter passieren kann. Ich entschließe mich, den neu entdeckten Gang zwischen den Siphons zu vermessen und lege die Ausrüstung ab. Die 3 Stunden, die ich mindestens zu Erkundung angesetzt habe sind bald vorbei. Aber ich muss die Arbeit bis zum neuen Siphon noch abschließen.

Der Rückweg wird schon langsam zur nicht zu unterschätzenden Routine. Konzentriert lege ich die Ausrüstung an, die wie ein Raumanzug den Astronauten die Rückkehr zur Erde ermöglicht, und auch mir die Rückkehr durch die „Tore der Tränen unseres Planeten“ ermöglicht. Eine Stunde lang werde ich mir den Rückweg aus dem Neuland zu meinen Begleitern, nur mit dem Tastsinn suchen. Mit dem Wasser verschmelze ich zu einem Wesen. Ich spüre, wie meine Wegbegleiter bereits bei mir sind. 1 ½ Stunden wird meine Verspätung betragen. Das sind 90 schreckliche Minuten für die, die auf mich warten. Bei ihnen möchte ich mich für ihre Unterstützung bedanken, die es mir ermöglicht hat, „Das Unbekannte“ zu erblicken. 4 ½  Stunden haben sie auf mich gewartet. Mit 112 m Neuland und Siphon 31 wird die Expedition beendet.

24.05.03 Tauchvorstoß in den zweiten NW-Siphon in der Neumondhalle

Ralph hat zwei Tage Urlaub genommen, damit wir eine Tauchexpedition in den Neumondsiphon unternehmen können. Jaqueline wollte mit von der Partie sein, sagte aber aus gesundheitlichen Gründen ab. Für uns bedeutet das eine fast unlösbare Schlepperei der Ausrüstung, die ca. 50 kg schwer sein wird. Doch wir beschließen, das ganze Material die 2,5 km bis zum NW-Siphon 2 zu tragen und dann zu entscheiden, ob noch ein sicherer Tauchgang möglich sein wird. Ich korrigiere noch mal den Zeitplan der Expedition und setze die Rückkehr zum Eingang auf 10 Stunden an. Der lange Weg über Wasserfälle, durch Seen, Halbsiphons und den seit Wochen immer enger werdenden „Maulwurfsiphon“, zehrt an unseren Kräften. Die Strecke bis zum „Schatzkammersiphon“ war noch einigermaßen erträglich. Aber das, was dann auf uns zukommt, grenzt schon fast an Wahnsinn. Unsere beiden, durch Lehm und Dreck, immer schwerer werdenden Schleifsäcke müssen durch die Umgehung des NW-Siphon 1, über weite Strecken durch enge Druckröhren gezerrt werden. Ein 10 m hoher, nur 1 m weiter Kamin muss bezwungen werden. Um uns nicht zu verausgaben, legen wir in den großen Hallen, immer wieder eine Pause ein. Hinter weiteren engen Verbindungsschlufen kommt aber noch das Schlimmste auf uns zu, die „Mausefalle“. Es handelt sich hierbei um die „Trichterhalle“, die im Bodenversturz ein kleines Loch freigibt. Durch dieses erreicht man den 7 m tiefen, frei hängenden Leiterabstieg, der in die Hauptfortsetzung des Nordwestganges führt.

Als wir die Umgehung des ersten Nordwestsiphons erreichen und jetzt nur noch 50 m „Bückengehen" vor uns liegen, fällt uns beiden regelrecht ein Schleifsack vom Herzen. Wir haben es geschafft. Die geplante Ankunft am Neumondsiphon hat sich nur um 30 Minuten verzögert. Jetzt wird erst mal Pause gemacht. Wir besprechen noch mal den zu diesem Zeitpunkt schon fast beschlossenen Tauchvorstoß. Dabei fange ich an, die beiden 3 l Tanks, die mir Ralph zur Verfügung stellt, auf mein Tragesystem zu bauen. Langsam nimmt alles Form an. Ich fühle mich gut, bin konditionell voll da und beschließe, gleich beim Antauchen die Führungsleine fest zu installieren, so wie es in der Regel immer gemacht wir. Leider konnte ich die Videoaufnahmen der von den Queitschens am 12.04.03 durchgeführten U-Bootsondierung noch nicht einsehen, so wurde der Tauchgang allein durch die Informationen von Robert etwas stressfreier.

Wie ich mir schon dachte, beginnt hier wieder das großräumige Gangprofil des Nordwestganges. Dass es aber so gewaltig ist, konnte ich mir nicht vorstellen. Beim Abtauchen versetzen meine drei Lampen den großen Unterwassertunnel in ein gespenstisch bläuliches Licht. Nach 5 m kommt gleich ein Deckenabsatz von 1,5 m, hinter dem der Gang noch gewaltiger wird. Es kommt mir fast so vor, als ob ich in eine Unterwasserhalle tauche. 10 m weiter knickt der Tunnel nach rechts ab und verstärkt diesen Eindruck nochmals. An der linken Wand erkenne ich ein schwarzes Loch von 1 m Durchmesser. Ich konzentriere mich auf die Fortsetzung. Dort taucht eine kurze Passage mit großen Verbruchplatten auf, die aber nicht weiter stören. Der Gang ist hier fast 6 m breit und 2 m hoch. Der Lehmboden weist eine tiefe Rinne auf, die wohl bei Hochwasser durch das anströmende Wasser verursacht wird. Dann zieht der Boden immer mehr nach oben. Aus einer Tiefe von 4 m erreiche ich nach 30 m den Wasserspiegel. Wie eine Schildkröte strecke ich den Kopf aus meinem Wasserpanzer. Ich befinde mich unter einer nur 50 cm hohen Decke und fühle mich in mitten einer Herde Elefanten, die mit ihren Füßen drohend über mir stehen. Die Decke ist voll von ca. 40 cm großen und bis zu 30 cm langen rundlichen Korrosionsformen. Ein ungutes Gefühl überkommt mich: Ist das der große Gang, der beim Sondieren gefunden wurde? An einem dieser Elefantenfüße befestige ich die Führungsleine nach 40 m Tauchstrecke, binde eine neue an, und schwimme 10 m weiter in eine niedrige Hallenerweiterung. Auch hier kein guter Eindruck. Vor mir geht die Gangdecke bis auf 20 cm ans Wasser. Kommt jetzt der nächste Siphon?

Der Schein meiner Lampen lässt mich aufatmen, denn sie erleuchten weiter vorne, eine fast 4 m hohe und 2,5 m breite Druckröhre. Ich rufe in die Fortsetzung, das Echo lässt Gutes erahnen. Mit der Tauchausrüstung am Rücken, betrete ich unbekannte Erde, laufe über blanken Felsboden und bemerke dabei, dass hier überhaupt kein Wasser mehr läuft. Vermutlich verschwindet vor mir irgendwo das Wasser und erscheint erst wieder in dem 1 m breiten Loch im zurückliegenden Siphon. Große Sintersäulen schmücken die rechte Wand und breite Sinterfahnen hängen von der Decke. Ich bin fasziniert und richtig aufgeregt. Links erreiche ich einen bequemen Felssims, an dem ich mein Tauchequipment ablege. Der Gang zieht weiter ins Plateau hinein. Ich entscheide mich, die Führungsleine zu holen und dabei vom Ende des NW-Siphons 2 aus, die neuen Gänge zu vermessen. Eile ist angesagt, denn Ralph sitzt alleine an der Basis und wartet auf mich. Ich weiß, wie unangenehm das ist, denn jede Minute des Wartens wird zur Stunde.

An der Führungsleine entlang ist der Messzug schnell bis ans Ausrüstungslager gelegt. Von hier aus biegt der Gang 30° nach links, wird etwa 5 m breit und von weiteren schönen Stalaktiten geschmückt. Ich komme auf ca. 80 m Ganglänge, als vor mir der nächste Siphon abtaucht. Der Boden des 30 m² großen Sees fällt flach nach unten ab. Außer einer niedrigen Deckenkluft, die links an der Wand zum Wasserspiegel zieht und die ich als Gangfortsetzung deute, kann ich keinen Siphonansatz entdecken. Das Zeitfenster ist noch groß genug, Luft ist für weitere 100 m Siphonstrecke genügend vorhanden, also was hält mich zurück? Auf dem Weg zu meinen Flaschen konzentriere ich mich schon auf das, was auf mich zukommt. Das heißt ruhig bleiben und jeden weiteren Schritt genau zu überdenken. Die kleinen 3er Tanks sind echt gut zu handhaben. Aber Doppel-Fünfer wären mir jetzt doch lieber. Auch die winzige Führungsrolle, die ich dabei habe, liegt mir nicht so recht.

15 Minuten dauert das Anlegen der Ausrüstung, dann geht es zum Siphon. An einem Stalagmiten wird die Leine befestigt und gleich darauf geht es ins Wasser. Dadurch, dass der Seeboden mit leichtem Gefälle in die Tiefe zieht, trübt der Siphon schnell ein. Bei null Sicht gilt es nach der Fortsetzung zu suchen. Konzentriert wird die Wand von rechts nach links abgetaucht, um in klares Wasser zu kommen. Es dauert nicht lange bis meine Helmlampen den neuen Siphon beleuchten, der sich gleich zu einem Canyon von 4 m Höhe und 1,5 m Breite entwickelt. Ein völlig anderer Charakter als der vorherige Siphon. In 3 m Tiefe geht es an den erodierten Bankungen der Siphonwände entlang, die rechts und links wie das aufgerissene Maul eines Sauriers aussehen. Je weiter ich komme, desto größer und tiefer geht es. Über mir 3 m, unter mir 3 m. Das Wasser ist so klar, dass man glaubt, durch den Gang zu fliegen, nur ab und zu berührt man die lehmige Felswand und wirble etwas Schlick auf. Es wird schon wieder beängstigend groß. Vor mir scheint diese Riesenkluft zu enden. Aber wo geht es weiter? Über mir nichts, unter mir nichts. Oder doch, 3 m weiter unten macht die Wand einen Versatz. Ich schwebe hinunter und entdecke die Fortsetzung, die nach rechts mit ca. 25° abbiegt. Diesmal ändert sich der Gang zum Kastenprofil, 3 auf 4 m hoch. Diese Strukturänderung verunsichert mich im bereits 30 m langen Siphon etwas und jetzt geht’s noch mal richtig in die Tiefe.

In –7m Tiefe öffnet sich öffnet sich ein Gang, der dann doch langsam wieder ansteigt. Verdammt, noch mal eine Biegung, diesmal etwa 40° nach links. Ein bisschen geht noch! Nach weiteren 20 m erscheint im Siphon eine breite glitzernde Luftglocke, in deren Mitte ein Stalaktit ca. 30 cm tief ins Wasser hängt. Ist das Ende des Siphons erreicht? Ich tauche in einer nur 40 cm hohen, 2 x 2 m großen Luftglocke auf, die an einer Querkluft angelegt ist. Jetzt wird es mir aber langsam unangenehm. Kurz tauche ich noch einmal ab und blicke ca. 10 m weiter in den großen Unterwassergang. Mein Gefühl sagt mir, es geht bestimmt bald raus. Doch der Siphon ist nun schon 50 m lang und für weitere 30 m Tauchstrecke, die ich noch auf der Führungsrolle habe ist mir der hachelige Siphon mit den Doppel 3 l Tanks etwas zu gefährlich. Also Rückzug. Meine Gedanken schalten auf Blindflug um und bereiten sich auf Schwierigkeiten an den Gangbiegungen vor. Zuerst wird die Führungsleine geordnet, die sich um meinen Fuß gewickelt hat, dann geht es zurück.

Die Luftblasen meines Atemgerätes haben den Schlick der Höhlendecke gelöst und machen das Wasser immer trüber. Die Sicht ist auf ca. 50 cm begrenzt, als mich auf dem Rückweg plötzlich die Führungsleine in eine flache Bankungsfuge zieht. O.K., das ist eine Situation, die Probleme verursachen könnte. Gerate ich nun in einer Wandvertiefung in eine Sackgasse, die ich beim Eintauchen nicht bemerkt habe, oder ist es nur eine ausgebrochene Felsbankung? Der Puls steigt auf 140. Wieder schalten meine Gedanken den Hebel um, der in meinen Kopf für Puls über 100 verantwortlich ist. Das sind Situationen, die Panik verursachen können. Schön dumm, wenn man sich darauf einlässt. Aber gleich bin ich wieder ruhiger und ziehe mich an der Leine Richtung Ausgang. Noch mal stoße ich am letzten Gangknick mit dem Helm an die Felswand. Knapp über den Boden geht es weiter, die Leine zeigt sehr steil nach oben. Ein gutes Zeichen, denn dann ist das Siphonende nahe.

Ein letztes Mal knackt mein Ohr bedingt durch den Druckausgleich, bis ich kurz darauf den Wasserspiegel durchbreche. Juhu ich hab’s geschafft. Leider nicht durchtaucht, aber immerhin doch 50 m weit erkundet. In voller Montur gehe ich weiter zum nächsten Siphon, nehme unterwegs die zurückgelassene Ausrüstung auf und tauche in den total eingetrübten Siphon ab. Die Führungsleine vereinfacht den Rausweg, dirigiert mich aber trotzdem in den engeren Seitenbereich des Siphons. Immer wieder stößt man mit dem Helm an Wand und Decke an. Es zieht mich nach oben und gleich darauf wird die Wasserfläche durchbrochen. Hinter dem 1 m breiten Verbruchspalt des Siphonausstieges sitzt Ralph in der Neumondhalle. Gut eine Stunde hat er gewartet. Nach Ablegen der Ausrüstung, gebe ich Ralph die Hand und gratuliere zum Überschreiten der 6500 m Marke.

Vergessen sind die Strapazen und die Mühen der vergangenen Stunden. Wir lassen Tauchblei und Tanks zurück, in der Hoffnung, unsere Kollegen bringen sie bald für uns nach draußen. 3 Stunden Rückweg liegen vor uns, er ist aber mittlerweile zur Routine geworden. Um 22 Uhr sind wir am Ausgang. Die vermessene Gesamtganglänge ist mit den heutigen 150 m Neuland auf 6518 m angewachsen, drei offene Siphonfortsetzungen warten weiterhin in der Mühlbachquellhöhle auf ihre Erforschung.

09.05.03 Flaschentransport NW-S2 nach NO-S1

Ralph macht sich mit mir auf den beschwerlichen Weg, die Tauchausrüstung aus der Neumondhalle zum NO-Siphon 1 zu bringen. Wie so oft sind wir wieder auf uns alleine gestellt. Leider fand niemand eine Gelegenheit die Tanks aus der Höhle zu bergen. Der Reinweg war ohne die schweren Schleifsäcke richtig angenehm. Umso unverständlicher ist uns beim Transport der Tauchausrüstung zum Nordostsiphon, wie wir das ganze Zeug, vor 14 Tagen zu zweit, 2,5 km in die Höhle gebracht haben. Nach 7 Stunden ist der Job erledigt und wir erblicken wieder Tageslicht.  

16.05.03 Tauchgang NO-S5

Vorige Woche hat Ralph mit mir den größten Teil meiner Tauchausrüstung an den NO-Siphon getragen. Das erleichtert die heutige Aktion enorm. Es geht wie immer um 11.30 Uhr los. Um 14.15 Uhr tauche ich in den NO-S1 ab. Das heutige Ziel ist der vor zwei Wochen entdeckte NO-S5. Vor dem Erkundungstauchgang will ich die neuen Gangteile fotografisch dokumentieren und habe dazu Foto und Servoblitz dabei. 36 Aufnahmen werden gemacht, wie sie werden ist so unbekannt wie der vor mir liegende Tauchgang.

aDie Abtauchstelle am Siphon 5 betrachte ich mir nochmals genau von der 3 m darüber liegenden Naturbrücke aus. Der Boden fällt, mit ca. 45° ziemlich steil ab. Eine große Gangfortsetzung ist trotz der klaren Sicht nicht zu erkennen. Nun wird die Tauchausrüstung angelegt und die Führungsleine befestigt. Gut austariert geht es über dem Boden schwebend zur flachen Düse. Sie ist trotz meines Erweiterungsversuchs beim letzten Tauchgang so eng, dass nur der Kopf durchpasst. Dennoch erkennt man, dass sich der ca. 4 m breite aber sehr flache Spalt in einen etwa 5 m langen Raum erweitert. An dessen Ende ist eine weitere Engstelle auszumachen. Hier zieht sich die Decke 10 m horizontal weiter. Der Boden fällt nach wie vor mit ca. 40° nach unten ab. Hinter mir hat sich vor wenigen Sekunden beim Abtauchen eine Schlammwolke gelöst, die immer schneller werdend, zu mir nach unten fließt. Jetzt muss schnell gehandelt werden. Breche ich hier ab oder wühle ich mich durch die Düse in die Gangerweiterung, um am unteren Deckenversatz in die Fortsetzung zu schauen? Für eine Entscheidung bleiben nur Sekunden, danach wäre es zu spät für weitere Handlungen.

Die Entscheidung ist gefallen. Schnell wird die enge Düse erweitert, um gleich darauf nach unten zu gleiten. Die Führungsleine läuft schnell ab. Nach 15 m Tauchstrecke ist in 4,5 m Tiefe der Boden erreicht an dem der flache Spalt den Blick in die weiterhin 4 m breite Gangfortsetzung freigibt. Links ist er unpassierbar eng, rechts wäre es für mich eventuell möglich, bei entsprechend intensiver Vorbereitung, mit abgenommenem Tauchgerät noch weiter vorzudringen. Die niedrige Fortsetzung ist beinahe 50° geneigt. Der rechte betauchbare Bereich ist ca. 50 cm hoch und nur knapp 1,5 m breit. Man kann noch gut 10 m weiter schauen, aber besser wird’s nicht. Das reicht jetzt. Der kurze Rückweg und die enge Düse werden sicher nicht angenehm. Schon geht das Licht aus, denn eine Schlammwolke umgibt mich. Beim Umdrehen versuche ich die Leine aufzurollen, und hab gleich einen Kolbenfresser. Nichts geht mehr, weder vor noch zurück. Na ja, das Gewurstel ist vermutlich perfekt. Doch mit mindestens 60 Minuten Luft im Tank ist das Problem sicher zu lösen und die 15 m entfernte Auftauchstelle wieder zu erreichen. Aber die von oben kommende Leine ist einfach nicht zu finden.

Immer wieder ist ein Stück davon in der Hand zu spüren, doch solange man auch daran zieht, sie spannt sich nicht. Es dauert Minuten, dann ist der Kontakt nach Draußen wieder hergestellt. Doch die Rolle ist immer noch blockiert. Mit kleinen Schlaufen wickle ich die Leine um die Rolle und ziehe mich dabei vorsichtig nach oben. Beim Gedanken an den günstigsten Durchgang durch die Engstelle kommt kein besonders gutes Gefühl auf. Der Boden ist aber überall so weich, dass ich mich auch an der engsten Stelle noch raus graben könnte. Man muss jetzt besonders darauf achten, dass der Reserveautomat nicht in den Schlamm gedrückt wird. Es dauert wieder seine Zeit, bis der richtige Durchschlupf im Dunklen gefunden ist, denn die Leine hat sich beim Anziehen den kürzesten Weg in Richtung der unpassierbaren Engstelle gesucht. Das Donnern, der an der Decke nach oben steigenden Luftblasen, tut sein übriges um meine Nervosität bei Laune zu halten. Endlich kann ich mich durch die Düse nach oben drücken und stoße prompt mit dem Helm voll an eine Felswand. Kurz verliere ich die Orientierung und bin mir nicht sicher, wo denn diese verdammte Wand herkommt. Aber schnell wird mir klar, dass es sich dabei um einen Pfeiler der Naturbrücke handelt, der im See steht. O.K., ich hab´s geschafft, das war´s.

aDieser „Menschenfresser“ Siphon wird so schnell keinen Taucher mehr sehen, denke ich und mach mich gleich auf den Weiterweg zum NO-S4, der eigentlich der Angenehmste dieser Siphonkette ist, kurz und schön geräumig. Danach wird das Tauchgerät wieder zum durchschieben vorbereitet und das ganze Gerödel am Gürtel sortiert, um den „9 m-Schlufer“ zu tauchen. 15 Minuten später betrete ich den See der 87 m Siphonkombination und lasse mich zum „Düsenjäger“ abgleiten. Diesmal macht mir die Wühlerei durch die Engstelle besonders viele Schwierigkeiten. Die Leine verhängt sich kurz, der Helm steckt im lehmigen Spalt fest und ich komme, aufgrund der Enge, nur mühsam weiter. Aber das kennt man ja schon. Endlich bin ich durch und ziehe mich an der Leine entlang durch die trübe Brühe in Richtung Ralph. Dort ist dann endlich alles vorbei. So toll war dieser Tauchvorstoß nicht, aber ich bin zurück und das ist das Wichtigste. Die Ausrüstung wird durch das letzte Nadelöhr, den „Maulwurfsiphon“ geschafft und um 19 Uhr sind wir beide wieder im Freien.

17.04.04 Tauchgang NWS 1 und NWS 2

Ralph und Jaqueline transportieren mit mir die Tauchausrüstung zum NW-Siphon 1, den Martin nach seiner U-Boot Sondierung betaucht und ausgeleint hat. Heute will ich mir diesen Siphon für die weiteren Unternehmungen in den hinteren Bereichen genauer anschauen. Ralph und Jaqueline gehen übers Ü-Ei zur Neumondhalle am NW-Siphon 2.

Das zusammenbauen der Tauchausrüstung dauert etwas. Mit 2 x 5 l, 200 bar tauche ich in den Siphon ab.  Es geht gleich ziemlich steil –3 m hinunter. Der Gang ist kluftgebunden und hält diesen Charakter auf die nächsten 15 m bei. Sofort werde ich an den NW-Siphon 3 erinnert. Auch dieser ist auf den ersten 25 m Kluftgebunden, 1,5 m breit und 6 m tief. Ich tauche weiter und bald ändert sich er Gang zu einem breiten Kastenprofil von 3 m und 2 m Höhe. Große Verbruchblöcke verengen die Passage, behindern mich aber nicht. Bei 25 m von der Basis zweigt rechts der NW-Siphon 1a ab. Bei 30 m konnte ich, in dem ich die Führungsleine auf die rechte Seite zog in einen Unterwasserkamin blicken, der vermutlich die Wasseroberfläche erreichen könnte. Darunter liegen dickbankige Verbruchplatten, teilweise 2 m lang. Am Gangboden ist an der rechten unteren Wand ein langer dunkler Spalt zwischen Verbruchmaterial erkennbar. Hier könnte damals Roberts U-Boot durchgefahren und in der Halle mit den beiden Stalakmiten aufgetaucht sein. Ich tauche nach links durch großes Verbruchmaterial weiter und erreiche das steile, aus 7 m Tiefe aufsteigende Ende des 45 m langen Siphons. Welch ein beeindruckender Siphon und was für Fortsetzungsmöglichkeiten.

Von Ralph und Jaqueline ist noch nichts zu hören. Ist ja logisch, sie müssen das gesamte Ü-Ei durchqueren und die 10 m tiefe „Mausefalle“ überwinden. Ich mache mich auf den Weg zum NW-Siphon 2, ruhe mich etwas aus und tauche dann ab, um die vorhandene Leine für die Unterwasservermessung besser zu verlegen. Wie schön es doch da unten ist. Nach 45 m tauche ich in der „Elefantenherde“ auf und schwimme die nächsten 20 m weiter, bis ans Ufer. Mit der gesamten Ausrüstung begehe ich andächtig den anschließenden Druckröhrengang, mit seinen zauberhaften Versinterungen an den Wänden. Links taucht meine Erstmarkierung vom 24.04.03 auf. Nächstes Wochenende jährt sich die Entdeckung dieses Höhlenteils, den seither niemand mehr betrat. Kurz schaue ich in die Abtauchstelle des NW-Siphons 3, die ich damals in totaler Trübung antauchte. Jetzt kann man den großräumigen Kluftgang unter Wasser deutlich erkennen. Ich bin sehr auf die Fortsetzung nach meiner 50 m Marke gespannt. Hoffentlich kann ich diesen Siphon bald erkunden.

Ich drehe mich am Siphonsee vor der Abtauchstelle um, und wieder dieser gigantische Blick in den 5 m breiten und 5 m hohen wunderschön versinterten Gang. Welch ein Naturwunder. Selten sieht man einen so herrlichen Höhlengang. Ich prüfe den Flaschendruck. Für 85 m Tauchstrecke verbrauchte ich 250 l Luft. Also genug Reserven, um hier hinten mit den 5 l Tanks noch über 100 m unter Wasser weiter zu kommen. Ich tauche zurück in die „Neumondhalle“ und treffe Ralph, der gerade von der Strickleiter durch die „Mausefalle“ in den See am Ende des ersten Siphons springt. Gleich darauf folgt Ihm auch schon Jaqueline, die von diesem Höhlenteil, den sie zum ersten Mal begeht, ganz begeistert ist. Und dann passiert es. Hinter mir bläst einer meiner Tanks ab. Ralph kann nicht erkennen welcher und dreht sofort beide zu. Ich lege mein Gerät ab und denke dabei schon an den Abbruch des Tauchgangs, und den schrecklichen Transport der Ausrüstung durchs „Ü-Ei“. Der Fehler ist aber schnell behoben. Die Verschluss-Schraube des Niederdruckabganges der rechten Flache hat sich gelockert und den Dichtring nach außen gedrückt. Ich begleite die beiden noch in die „Neumondhalle“. Dann geht’s zurück. Die beiden 30 Minuten lang übers unbequeme Ü-Ei, ich durch den klaren, bequemen Siphon in 5 Minuten. Beim Hinaustauchen durch den NW-Siphon 1 brauche ich nur 20 bar. Mit noch 2 x 130 bar beende ich den traumhaften Tauchgang. Nachdem ich die Tauchausrüstung verstaut habe erscheinen meine beiden Begleiter. Wir marschieren Richtung Ausgang. Erst nachts im Haus spüren wir die Strapazen. Alle Knochen tun uns weh. Ich träume vom Höhlentauchen und spüre nichts mehr.

19.06.04 Flaschentransport zum NW 1

Ralph und Sebastian bringen mir die Tauchausrüstung für die weitere Erforschung des NW-Siphons 3 vor Ort.

03.07.04 Tauchgang NW-S 3

Sebastian und Ralph sind wieder mit von der Partie. Am NW-Siphon 1 dauert der Zusammenbau des Tauchgerätes etwas. Ich nehme die Flossen für den dritten Siphon mit. Tauchleine, die Pfostenpatrone und auch die Flossen hängen an mir. Der erste Siphon trübte sich wegen mehrfacher Tarierschwierigkeiten auf den ersten 10 m total ein. Die Überwindung der beiden Engstellen erweist sich, mit der vielen Ausrüstung an mir, etwas schwierig. Dafür taucht sich der zweite Siphon umso besser. Am Dritten mache ich eine Pause und genieße den wundervollen Gangteil, für mich einer der schönsten aktiven Teile der Höhle. Herrliche Sinterbildungen werden diesmal durch lange Tropfwasserseen geschmückt. Ein mystischer Platz. Mit der 100 m Rolle tauche ich ab. Bin diesmal schon mit 4 kg überbleit und schwimme überwiegend mit Bodenkontakt, was eine starke Eintrübung verursacht. Nach 46 m erreiche ich den Unterwassertropfstein und schwimme gleich in die Fortsetzung. Zu meiner Überraschung steigt der Höhlenboden nach einigen Metern bis an die Decke an. Oben bildet sich eine kleine Luftblase, die um grob sandiges Sediment tanzt. Wie ärgerlich, das tut weh. Wäre ich damals nur 6 m weiter getaucht. Ich setze einen Pfosten unter die Decke. Seltsamer weise hält sich dabei die Trübung in Grenzen. Ich bilde mir fast ein, dass unter der Decke etwas Wasser nachließt. Zurück am Tropfstein tauche ich in der Luftblase auf. Auch hier große Überraschung. Sie ist ganz anders als letztes Mal. Rechts geht es 3 m in einer Kluft weiter, links kommt eine große Sinterformation bis fast an die Wasserfläche. Von oben fließt starkes Tropfwasser. Die gesamte Luftglocke ist stark versintert. Da ich die Führungsleine schon abgeschnitten habe und mein Trockenanzug ziemlich durchnässt ist breche ich ab, ohne in die Kluft hineingesehen zu haben. Vielleicht geht es dort unter Wasser weiter. Beim nächsten Mal werde ich versuchen, den Sandboden unter der Decke zu entfernen. Mit etwas Glück käme man da vielleicht schon aus dem Wasser, wie am „Maulwurfsiphon“. Denn dort schließt sich ein langer lufterfüllter Gang an, der mit Sandsedimenten gefüllt ist und auch den „Maulwurfsiphon“ immer etwas auffüllt. Für diese Aktion brauche ich aber größere Flaschen. Mindestens Doppel 7 oder Doppel 10 l. Mir wird furchtbar kalt. An der Basis angekommen sind Ralph und Sebastian noch nicht da. Ich baue die Ausrüstung auseinander. Als beide kommen, erzählen sie mir von einer Fortsetzung im „Ü-Ei“, die an einer Felswand blitzsauber nach unten geht und wenn man hinein ruft, einen kräftigen Hall produziert. Hier muss man einen Felsblock knacken, dann geht es nach unten weiter.

Nach 7 Stunden sind wir wieder draußen. Der Tauchgang dauerte 2 Stunden. Die „Viertelregel“ konnte gerade noch mit den Doppel 5 l Flaschen eingehalten werden.

19.09.04 bis 24.09.04

1. Mühlbach Höhlentauchwoche in die Bereiche des Nordost-Siphon

Bei unserer letzten Höhlentaucherbesprechung in Erlangen wurde beschlossen, dass für die Tauchgänge in der Höhle, kompetente fremde Höhlentaucher mit einbezogen werden können. Nach meiner intensiven Kontaktaufnahme mit den Höhlenforschern der HFG-Ostalb-Kirchheim zu Jahresbeginn, haben sich Rainer Straub und Michael Schopper bereiterklärt, uns bei auftretenden Schwierigkeiten im Tauchbereich der Höhle behilflich zu sein.

Im NO-Siphon 5 befindet sich nach etwa 15 m Tauchstrecke in 5 m Wassertiefe eine Schlüsselstelle, der „Menschenfresser“, an die ich mich noch nicht heran wage. Auch keiner meiner Vereinskollegen traut hier rein. Ein Jahr lang habe ich diese viel versprechende Fortsetzung, die ins Neuland führt, deshalb vernachlässigt. Ziel der Höhlentauchwoche soll sein, diese Problemstelle mit Rainer Straub und Michael Schopper zu erkunden.

Taucher:

Rainer Straub, Manfred Walter, Michael Schopper

Transporthelfer im Eingangsbereich:

Ralph Schoberth, Conny Straub, Martin und Robert Queitsch

19.09.04 Erster Tag

Flaschentransport zum NO-Siphon 1.

Rainer und Conny Straub mit den Kindern Sonja und Fabian, und  Michael Schopper mit seiner Frau Tanja kommen nachmittags um 16 Uhr in Mühlbach an. Nachdem die kleine Hilfstruppe der KGM ihre Hilfe für Samstag absagen musste, haben Rainer und ich kurzerhand den morgigen Flaschentransport auf heute 18 Uhr vorverlegt. Wir tragen zwei 4 l Tanks mit 230 bar und meine zwei 5 l Tanks mit 200 bar zum NO-Siphon 1. Um 21 Uhr erreichen wir wieder den Ausgang.

3,6 km zurückgelegt, 10 m getaucht, 4 Tanks rein.

20.09.04 Zweiter Tag

Tauchvorstoß von Rainer Straub in den NO-Siphon 5 „Menschenfresser“

Um 10.30 Uhr geht es mit dem Rest der schweren Ausrüstung zum NO-S 1. Michael leidet an einer Erkältung und kann die Expedition leider nicht begleiten. Wieder stellt sich heraus, dass wir unsere Kräfte mit dem Transport der schweren Bleigurte vergeuden. In Zukunft wird es nötig sein, mehrere Bleigurte an den Siphons zu deponieren. Wir benutzen beide Sidemount-System. Rainer taucht ab NO-Siphon 1+2 vor, um diesen bei klarer Sicht das erste Mal zu sehen. Der 1. und 2. Siphon müssen auf jeden Fall noch besser mit Führungspfosten eingerichtet, und neu mit markierter Leine ausgeleint werden, um eine günstigere Linieführung zu erzielen. Ohne Schwierigkeiten erreichen wir den fünften Siphon. Dabei habe ich 200 l Luft verbraucht. Endlich bin ich nicht mehr alleine dort hinten. Rainer berichtet, dass er auf der Führungsleine immer wieder Höhlenasseln sitzen sah, die dann durch die Leinenbewegung abfielen und zu Boden schwebten.

Wir vereinbaren, dass er die Führungsleine fest in die Schlüsselstelle des „Menschenfressers“ verlegt und ich nach einer Stunde nachkomme, sollte er noch nicht da sein. 

Er taucht ab und führt dabei die Leine an die erste Engstelle, die sich nach 5 m ganz links in der Deckenfuge befindet. Dort setzt er einen Pfosten und taucht weiter bis zu meinem damaligen Endpunkt, dem „Menschenfresser“ in 15 m Entfernung und 4,5 m Wassertiefe. Er befestigt die Leine mit Gummis an einer Felszacke vor dem Beginn des steilen Unterwasserschlufs und kommt dann zurück. Nicht wie von mir beschrieben, geht die Fortsetzung horizontal weiter, sondern fällt 45° schräg nach unten ab. Wir warten ca. 20 Minuten damit sich der Siphon etwas aufklaren kann. Beim zweiten Versuch kommt er noch ca. 2 m weiter, befestigt die Leine an einem weiteren Zacken und legt die Haspel ein Stück weiter am Boden des engen sehr hacheligen Schlufs ab. Nach einer kurzen Pause will er ein drittes Mal in die Unterwasserkammer tauchen und nach einer eventuellen zweiten Fortsetzung suchen, findet aber nichts und kehrt zurück.

aTrotz der ungünstigen Sichtverhältnisse im Siphon entschließe ich mich, den Siphon zu betauchen um mir die Leinenführung bis zur Engstellen einzuprägen. Die Sicht ist gleich Null. Der erste Pfosten sitzt super und schnell erreiche ich den Zacken vor dem Eingang zum „Menschenfresser“. Mit den Fingerspitzen erfühle ich wie die Leine in dem nur 40 cm hohen Schluf verschwindet. So richtig zieht es mich nicht hier hinein, da ich vom letzten Tauchvorstoß vor einem Jahr keine wirklich guten Erinnerungen habe. Aber mit einem sehr erfahrenen Höhlentaucher im Rücken, wie es Rainer ist, fühlt man sich einfach besser. Also schiebe ich mich kopfüber die ersten 2 m Meter hinein, lasse mich den steilen Abhang weiter nach unten gleiten und probiere rückwärts wieder herauszukommen. Alles klar, dann weiter. Doch bald verklemmen sich meinen dicken Doppel 5ern Tanks rechts und links an Felszacken. Da Rainers Leine noch nicht endgültig verlegt ist, bewege ich mich vorsichtig wieder nach oben. Dabei bemerke ich, dass ich mich sehr ruhig und wohl fühle, nicht wie in meinen Erinnerungen an den furchtbaren psychischen Horror, dem ich beim Ausgraben des ersten Siphons der Petrusquellhöhle ausgesetzt war. Während mich Rainers Arbeit noch unter Wasser beeindruckt tauche ich wieder bei Ihm auf. Für heute brechen wir den Vorstoß ins Unbekannte ab. Wir nehmen unsere vier leeren Flaschen wieder mit nach draußen und verlassen um 18 Uhr die Höhle.

4 km zurückgelegt 250 m getaucht, 4 Flaschen rein und 4 Flaschen raus.

21.09.04 Dritter Tag

Zweiter Vorstoß in den NO-5

10.00 Uhr. Wir transportieren 4 x 4 l Tanks à 230 bar zum NO-Siphon 1 und tauchen beide mit einem Tank bis zum NO-Siphon 5. Dort bekommt Rainer meinen vollen, um mit 2 x 920 l Luft die Fortsetzung zu erkunden. Leider blasen beim Ummontieren des Reglers 200 l aus einem seiner Tanks ab.

- Das war ein teuerer Spaß, meint er, beeinflusst meinen Tauchvorstoß aber nicht direkt.-

Wieder soll ich nach einer Stunde nachkommen.

- Du weißt ja, der Siphon wird nicht tiefer als 10 m, - meine ich voraussagend, denn dies ist momentan meine persönliche Tiefenmarke in Siphons.

- Wir werden sehen, sagt er ungläubig. -

Rainer schwebt im bläulichen Licht seiner Helmbeleuchtung mit der 50 m Haspel nach unten ins Unbekannte und wird Dinge erblicken, die noch niemand vorher zu Gesicht bekam. Ich sitze am Siphon im Licht meiner LED-Lampe und stelle mir vor, was er da unten nun alles erlebt. Immer wieder höre ich das Blubbern seiner Luftblasen aus einem über mir liegenden Seitengang, der an einem fußballgroßen Loch endet, das mit der Kluft in der ersten Unterwasserkammer in Verbindung steht. Für kurze Zeit verliert sich das leise Gluckern in einer absoluten Stille und Finsternis die mich einhüllt. Ist er etwa am tiefsten Punkt des Menschenfressers angelangt, wird es größer, kann er auftauchen, oder läuft er schon im lufterfüllten Gang. Fragen, die meine Gedanken zum Sprudeln bringen. Aber schon höre ich es wieder, das „bluob, bluob, bluob“ und kurz darauf erhellen kurze Lichtblitze das trübe Wasser des Siphons.

Er taucht auf und ich fühle, dass sein Vorstoß erfolgreich war. Er spuckt den Regler aus und ein lautes „Yeh“ hallt durch den Höhlengang. Er reicht mir seine Hand und sagt gelassen:

-Ich bin durch, super, aber noch nicht aufgetaucht. -

Gespannt auf seinen Bericht setzten wir uns, einander gegenüber, auf eine Felsbank. Er strahlt vor Freude übers ganze Gesicht.

a- Du warst 35 Minuten weg, - meine ich.

- Das war das Schlimmste was ich je gemacht habe, - erklärt er überzeugend.

- Du bist durch, oder? -

- Ja, und es wird super groß, - meint Rainer mit leuchtenden Neulandaugen.

- Erzähle, mach’s nicht noch spannender, - fordere ich ihn auf.

- Also, ich habe an der letzten Befestigung nach der Leine gegriffen, hatte aber, da die Haspel einige Meter weiter, nicht befestigt war, keine gute Führung. Vorsichtig zwängte ich mich in die enge Fortsetzung und musste mehrmals die Leinenseite wechseln und sie dabei überqueren. -

- In dem engen Zeug? - meine ich respektvoll.

- Ja, war etwas mühsam, aber OK, - sagt er so nebenbei. - Es geht immer tiefer und einige Absätze an der Decke drücken auf den Rücken. Dann erreichte ich eine Art Kessel und es wurde größer. Am Ende war der Menschenfresser auf – 9,8 m abgetaucht.

- Sagte ich doch, unter 10 m, - warf ich kurz ein.

- Und über mir öffnete sich ein 2 – 3 m breiter weit nach oben führender Schacht. Am untersten Wandzacken habe ich die Leine fest angebunden und bin die ca. 50° ansteigende Lehmhalde nach oben geklettert. Bei ca. – 5,5 m brachte ich eine Zwischenbefestigung an und stieg weiter im klaren Siphon nach hoch. Bei – 2,5 m erreichte ich eine horizontale Decke, die in einen 3 m breiten und 1,5 m hohen Horizontalgang übergeht. Der Hammer - meint Rainer euphorisch.

Ich lausche seinen Ausführungen und tauche in Gedanken die Strecke mit.

- Dann, einige Meter weiter, 35 m von der Basis habe ich die Leine links an einer Hachel angebunden und bin umgekehrt. Der Siphon geht 120° in großen Dimensionen weiter. Aber es war Zeit abzubrechen. Ich habe doch glatt übersehen auf die Leinenmarkierung zu achten, aber so etwa 10 bis max. 15 m dürften noch drauf sein. Und es geht weiter! -

Hut ab, kann ich nur sagen, vor dieser Leistung. Welch ein Höhlentaucher, der so etwas in einer fremden Höhle bewältigt! 

Da die Leine fest auf ganzer Länge verlegt ist, entscheide ich mich, nach kurzer Beratung, zu versuchen durch den „Menschenfresser“ zu tauchen und die tiefste Stelle des Siphons, den „Bunker“  zu erreichen. Ich lege beide 4 l Tanks mit je 170 bar an und verschwinde im Neulandsiphon. Heute taucht es sich, bedingt durch den gestrigen kurzen Vorstoß in den Unterwasserschluf, wesentlich entspannter in die Engstelle.

Diesmal taste ich mich rückwärts, mit den Füssen voran, nach unten. Das Gefälle erleichtert das Vorwärtskommen. Ich quere die Leine etwas unbeholfen, zuerst über den Rücken, dann doch unter mir und rutsche weiter. Es wird schwarz vor mir, absolute Dunkelheit. Ich schließe die Augen, habe aber mit offenen eine bessere Orientierung. Ein kurzer Ruck und ich bleib hängen, es wird wieder enger. Wichtig für die nächsten Tauchvorstöße ist die Erweiterung des Siphonschlufes. Mit den Händen wühle ich im kiesigen Boden, räume die abgetragenen Haufen zur Seite und nach unten, die Führungsleine immer fest im linken Ellenbogen eingeklemmt. Immer wieder denke ich mir: „Dieser Hund, taucht da einfach runter“. Die Leine liegt super. Unter mir staut sich der Abraum, den ich nun mit den Stiefeln weiter schiebe. Es wird etwas geräumiger, dann wieder enger, das gleiche Spiel. Ups, die Leine ist weg. Stockfinster. Weit kann sie in dem engen Zeug nicht sein. Die Sekunden werden zur Ewigkeit. Doch dann gelingt es mir, sie mit dem linken Arm wieder aufzufischen. Ich gebe mir etwa 8 Minuten um den „Bunker“, die tiefste Stelle, zu erreichen.

Am Druckausgleich spüre ich, dass es immer tiefer geht. Einmal noch bleibe ich stecken, dann flacht der Boden ab und ich bemerke plötzlich, dass ich ja doch Licht dabei habe. Es wird noch heller und ich erblicke, durch dicke Schlammwolkenfetzen, die Felswand mit der Leinenbefestigung. Ich steige 2 m auf um den Flaschendruck im aufklarenden Wasser zu kontrolliere. 130 bar, ich wechsle auf die 170er Flasche und steige weiter, wie an einer Seilbahn nach oben. Es klart mehr und mehr auf. Passiere bei – 6 m die Zwischenbefestigung und erreiche bei – 2,5 m die Schachtdecke. Vor mir liegt der glasklare Tunnel und lädt zum Weitertauchen ein. Nach weiteren 15 m sehe sich links die Haspel, sauber aufgehängt, an einem Felszacken. Etwa 5 m vor mir befindet sich eine Gangverengung, an der Felszacken aus dem Lehmboden ragen. Bis dahin will ich ins Neuland tauchen und schauen, ob es dahinter so weiter geht.

Als ich die Leine an einem Felsbrocken fest machen will, löst sich dieser aus dem Boden. Mist, dann tauche ich eben noch etwas weiter, 10 m sind ja noch auf der Rolle. Aber der Siphon wird nicht besser und so drücke ich die Haspel widerwillig nach nur 7 m Neuland in den Lehmboden. Einsehen kann ich weitere 10 m, die 3 m breit und 2 m hoch weiterführen. Ich drehe bei 42 m um und tauche in milchige Schlammwolken ein, die je weiter ich zurückkehre nur noch die Leine erkennen lassen, und mir dann bald völlig das Licht rauben. Den Regler brauch ich nicht zu wechseln. Wie in einem Aufzug, nur ohne Beleuchtung, fahre ich den Schacht hinunter bis zum Bunker, tauche in den Eingang zum „Menschenfresser“ und zwänge mich nach oben. Die Engstellen sind geräumiger geworden. Ich räume noch einige lockere Kiesbänke zur Seite und merke beim weiteren Aufstieg, dass ich durch die kräftigen Armbewegungen beim Graben, die Führungsleine von zwei Befestigungen losgerissen habe. Eine Stelle finde ich noch im Dunkeln und mache sie wieder fest. Entspannt tauche ich durch die letzte Kammer und kurz darauf vor meinem Tauchkameraden auf. 25 Minuten war ich weg und bin nun doch froh wieder zurück zu sein.

Heute haben zwei Taucher wieder einmal Mühlbachquellhöhlengeschichte geschrieben. Wir waren im tiefsten und längsten Siphon der Frankenalb und haben beide am gleichen Tag Neulandleine verlegt. Ich berichte von meinem Vorstoß, der Rainer noch mehr motiviert, so dass er vorschlägt, wir sollten am Freitag wieder kommen, um den Siphon weiter zu erforschen.

Selbstverständlich bin ich damit einverstanden, denn die Tauchgänge mit Rainer waren eine der schönsten meiner noch eher jungen Höhlentauchkarriere. Wir lassen einen 170 bar 4 l Tank am NO-Siphon 5 zurück und tragen drei nach draußen. Um 17.30 Uhr verlassen wir die Höhle.

4 km zurückgelegt, 294 m getaucht, 4 Flaschen rein, drei Flaschen raus.

24.09.04 Vierter Forschungstag

Dritter Vorstoß in den Nordost-Siphon mit Rainer Straub.

Martin und Robert nehmen Michael Schopper zum Forschen mit in die Ost-Siphons. Michael will Profile im „Schwarzgrünen-Siphon“ aufnehmen.

11.00 Uhr. Rainer und ich machen uns wieder mit 4 x 4 l Tanks auf den Weg ins Neuland des NO-S 5. Er kennt sich mittlerweile schon gut in den einzelnen Wasserpassagen aus. Rainer hat diesmal eine Saugflasche dabei, um nach Höhlentieren zu suchen. Im Bereich der Nordpassage fallen ihm auch die schwarzen Überzüge an den Wänden und den Steinen im Wasser auf. Er bietet uns an, diesen Überzug untersuchen zu lassen. Dafür benötigt er einige Gesteinsproben und Detailfotos. Ich werde den Vorschlag an die Vorstandschaft weitergeben.

aUm 13.00 Uhr kommen wir am NO-S 5 an. Wir haben vereinbart, dass Rainer weiter ins Neuland vorstoßen kann, denn er hat es mir schließlich ermöglicht in diesem Siphon weiter zu machen. Er hat eine 47 m Haspel dabei und verschwindet nach intensiver Vorbereitung in dem völlig aufgeklarten Siphon. Ich habe das Gefühl, dass der Siphon sehr lang wird. Während der Wartezeit erkunde ich nochmals den Höhlenteil vor dem Siphon. Auf Höhe der Naturbrücke sind ganze Nester von apfelgroßen Strudellöchern, gefüllt mit lauter kleinen bunten Steinen. Vorhandene Fortsetzungen enden nach einigen Metern passierbar. Tierchen finde ich im Bachlauf keine. Auch Rainer fand diesmal auf dem Herweg durch den NO 1 + 2 nichts. Nach 35 Minuten ist er wieder da und ruft mir strahlend zu:

-Ich bin aufgetaucht.

Wahnsinn, denke ich mir und erwidere,

-Komm erst mal raus und erzähle dann.

- Also ich habe deine Haspel aufgenommen und bin in dem großen Gangprofil  weiter getaucht. Nach wenigen Metern war die ja zu Ende und ich habe meine angebunden. Alle Posten habe ich verbaut, Gummis konnte ich eigentlich nicht verwenden, denn die Wände sind ziemlich glatt, der Boden lehmig. Der Gang zieht tatsächlich 120° schnurgerade weiter. Kurz vor dem Leinenende bei 47 m, also nach insgesamt 100 m Tauchstrecke, erkenne ich über mir den Wasserspiegel. Aber die Leine ist zu kurz. Ich tauche noch mal zurück und lege sie etwas günstiger, so dass ich in den jetzt kluftgebundenen Gang auftauchen kann. Etwa 1 m unter dem Wasserspiegel binde ich die Leine am Felsen an und steige den Rest auf. Die Decke läuft spitz zu, ist etwa 50 cm hoch und schön mit Knöpfchensinter versehen. Weiter geht es über Wasser nicht, aber ich habe den Eindruck, dass sich jetzt vielleicht nach weiteren 20 m der Kluftgang aus dem Wasser hebt. Naja, der Siphon ist jetzt auf jeden Fall schon mal 100 m lang. Das ist jetzt schon eine ganz schöne Reise da hinter.

- Das sind ja tolle Nachrichten aus dem Neuland, da müssen wir auf jeden Fall eine neue Expedition organisieren.

Die Forschungswoche war ein voller Erfolg und die Grundlage für eine weitere Erforschung der NO-Siphons ist geschaffen.

Es ist 14.30 Uhr und wir machen uns auf den heute besonders anstrengenden Rückweg. Rainer hängt mir einen dritten 4 l Tank an die Seite, so dass ich gleich mal beim Austauchen testen kann wie das funktioniert. Am Materialdepot angekommen verpacken wir alle Ausrüstungsgegenstände in die Schleifsäcke, die Tanks tragen wir am Sidemount-Gurt. Eine ganz schöne Schlepperei. Und doch schaffen wir es wieder alles nach draußen zu bringen. Rainer durchtaucht den „Maulwurfsiphon“ diesmal auch wieder frei. Am Leitersiphon lassen wir die Tanks zurück, in der Hoffnung, sie werden vielleicht von der zweiten Gruppe mit nach draußen genommen.

4,1 km zurückgelegt, 394 m getaucht, 5 Flaschen und gesamte Ausrüstung raus.

Planskizze Rainer Straub

a

25.09.04 Fünfter Forschungstag Materialbergung

Ralph und Conny Straub transportieren das restliche Material aus der Höhle.

Fazit:

Die Forschungen mit den schwäbischen Höhlenforschern Rainer Straub und Michael Schopper waren ein voller Erfolg. Absolut kompetente und professionelle Leute. Weiteren Forschungstauchgängen mit Ihnen wird sicher nichts im Wege stehen.

An 4 Forschungstagen haben Rainer und ich in der Mühlbachquellhöhle 15,7 km zurückgelegt. Dabei haben wir 944 m Siphons durchtaucht und 12 Pressluftflaschen hinein und wieder heraus transportiert.

Ergebnis der Vorstöße im NO-Siphon 5:

Rainer konnte im zweiten Anlauf den schwierigen „Menschenfresser-Siphon“ auf einer Länge von 10 m und einer max. Tiefe von – 9,8 m durchtauchen. Insgesamt ist dieser Siphon nun auf 100 m ausgeleint, weitere 10 m konnten eingesehen werden. Am derzeitigen Endpunkt befindet sich eine niedrige ca. 50 cm hohe Luftglocke.  Der Gangcharakter  wechselt am Endpunkt vom Kastenprofil zu einem Kluftprofil von 3 m Höhe und 2 m Breite, max. Wassertiefe – 9,8 m. Für den nächsten Vorstoß sind mindestens 3 x 4 l Tanks nötig.

Nach den jeweiligen Vorstößen von Rainer habe ich die Engstellen im Menschenfresser erweitert und bin bis auf den letzten Vorstoß von Ihm, immer bis ans Leinenende getaucht. Einmal konnte auch ich nach Rainers Vorstoß eine kurze Strecke von 7 m neu mit Leine verlegen. Die Engstellen im Siphon sind für uns jetzt gut zu meistern, nur ein größerer Luftvorrat muss einkalkuliert werden.

12.11.04 bis 14.11.04

2. Mühlbach Höhlentaucherwoche in die Bereiche des Nordost Siphons

Nach der erfolgreichen Forschungswoche vom 19.09 – 24.09.04 traf ich in den darauf folgenden Wochen die Vorbereitungen für eine weitere Expedition, um das damals erreichte offene Ende des NO-5 bei 92 m weiter zu erforschen. 5 Mitglieder der KGM und zwei weitere Personen unterstützten uns beim Transport der Forschungsausrüstung zum NO-1. Unser Vorhaben: Rainer Straub sollte das Ende des NO-Siphon 5 erreichen, dessen Schlüsselstelle er damals in einer 2tägigen Aktion entschärfte.

Tagebuch Rainer Straub

12.11.2004 Erster Tag

H100 Mühlbachquellhöhle (M. Walter, Steffen Hoffmann, Jacqueline Feyerer, R.Straub)

Bereits gestern Abend bin ich gegen 21:00 Uhr in Mühlbach angekommen und habe Quartier im alten Schulhaus gefunden. Nachdem ich mit Manfred die Logistik für den morgigen Vorstoß nochmals im Detail durchgesprochen habe, gehen wir zeitig schlafen.

Am Morgen stoßen Jacqueline und Steffen als Träger zu uns. Wir verteilen die Ausrüstung, die hauptsächlich aus Leinenrollen und wenigen 4 Liter Flaschen besteht. Um 11:40 Uhr rutsche ich bereits zum 6. Mal die Bretter im Stollen hinunter. Alles ist mir vertraut und trotzdem bin ich wie jedes Mal wieder über die Vielfalt der Gangprofile, Sinter- und Kleinformen überwältigt. Jeder Gang durch die Höhle erscheint wie eine Erstbegehung, was der konsequenten Wegstreckenmarkierung und den Bootsfahrten zum Schutz des Höhleninventars zu verdanken ist. So kommen wir gut voran und erreichen nach gut einer Stunde den „Maulwurfsiphon“.

Jaqueline und Steffen tauchen mit je einer 3 Literflasche durch den nur ca. 40 cm flachen „Maulwurfsiphon“. Manfred und ich tauchen die Strecke frei. Nachdem das Gepäck am Materialseil hindurch gezogen wurde, sperren wir die Stalaktiten direkt am Siphonausstieg mit Trassierband ab, um Schäden in den nächsten Tagen zu vermeiden. Der Materialtransport endet für unsere beiden Helfer am NO 1-Siphon, nachdem ich zuvor wieder meine Begeisterung im Linearbeschleuniger ausgiebig bezeugt habe.

Hier liegen bereits 2 x 4 Liter Flaschen von mir und 3 x 5 Liter Flaschen von Manfred, die im Vorfeld hier deponiert wurden. Hut ab vor der Organisation, so werden Kräfte gespart, die in den hinteren Gangteilen gebraucht werden.

Mit 4 x 4 Liter Gerät und einer gigantischen 100 m Leinenrolle als Handgepäck tauche ich als erster in den NO 1-Siphon ein. Heute vermisse ich die Asseln (Proasselus cavaticus) die bei der letzten Tour vor einigen Monaten von der Führungsleine gepurzelt sind. Die Sicht ist erstaunlich gut, die Schüttung jedoch wieder sehr gering. Mit den vier Flaschen ist die Quetsche im Düsenjäger ziemlich eng und die Lungenautomaten presst es besonders tief in den lehmigen Grund. Ich erreiche den Beginn des NO 5 und warte auf Manfred der kurz nach mir angeblubbert kommt. Auch er ist mit  2 x 5 und 1 x 4 Liter Flaschen gut behängt.

aNun bereite ich mich auf den Vorstoßtauchgang vor, den ich gedanklich seit Wochen immer wieder durchdacht hatte. Ich tauche mit 3 x 4 Liter Gerät Side-Mount in den glasklaren Siphon NO 5 ab. Mit 6 Rohren, die ich mit Gummis an den seitlichen Flaschen befestigt habe sehe ich aus wie ein Düsenjäger. In der Hand halte ich dieses gigantische Drum von Leinenrolle mit 40 cm Durchmesser die Manfred gut vorbereitet hat. Die Leine ist regelmäßig markiert, wobei kleine Schilder aus LKW-Plane alle 5 m auf die 6 mm Reepschnur aufgenäht sind (Perfekt!). Dazwischen sind Filzstiftmarkierungen in Einmeter Abständen angebracht. Das Ding sieht aus wie ein Gartenschlauch - Roller und an manchen Stellen muss ich es flach legen um Engstellen zu durchqueren. Die „Menschenfresser-Engstelle“ ist mit 3 Flaschen recht eng und ich tauche irgendwie quer und kopfüber die 45 Grad steile Lehmhalde hinunter. Im „Bunker“ bei -9,8 m sammle und sortiere ich erstmal wieder alle Ausrüstung und spüle meine 3 Automaten sauber. Von hinten holt mich nun die Lehmwolke ein. Steil geht es nach oben, wieder ins klare Wasser. Ich passiere die 50 m Marke an der ich beim letzten Tauchgang die Leine angeknotet hatte. Nun finde ich auch wieder die leere Leinenrolle, die ich zum Raustransport auf dem Rückweg an die Führungsleine hänge. Zügig tauche ich im kastenförmigen Gang weiter und sehe nur meine vier Trittspuren vom letzten Vorstoß. Nach ca. 8 Minuten erreiche ich den Endpunkt vom 24. September 2004.

Ich habe Probleme die neue Leine am Ende zu fixieren. Also entferne ich die letzte Befestigung und verbinde beide Leinen mit einem Knoten. Ich stecke ein Rohr in den Lehm und befestige die Leine daran. Das ganze dauert einige Minuten. Ich wechsle auf eine andere Flasche und tauche weiter ins unbekannte Neuland. Die Rolle erweist sich als recht praktisch und macht keine Probleme beim Abwickeln der Leine. Der Gang ist ca. 2-3 m breit und 1,5 – 2 m hoch. Der noch unberührte Lehmboden scheint unwirklich und fremd. Immer wieder denke ich, dass der Gang auftaucht, doch dann führt er wieder hinunter in 2-4 m Wassertiefe. Der Gang macht einige Richtungswechsel an denen ich ein PVC-Rohr fixiere. Leider ist mein Vorrat schnell aufgebraucht und ich spare die Rohre für kritische Stellen, an denen ich unbedingt eine Fixierung brauche um den Rückweg an der richtigen Stelle zu finden. Doch nachdem ich weitere 35 m verlegt habe durchstoße ich die jungfräuliche Wasserfläche und tauche in einer Luftglocke auf. Der NO 5 –Siphon ist also 122 m lang.

Die Luftglocke ist zirka 10 m lang, dann senkt sich die Höhlendecke wieder in den nachfolgenden Siphon. Sie ist zirka 2,5 m breit und 2,5 m hoch. Ich stehe bis zu den Oberschenkeln im Wasser. Der Grund ist schlammig. Ich befestige die 40 m Marke an der Decke der Luftglocke und tauche kurz darauf wieder ab. Da es eine echte Teilung des Siphons ist, befinde ich mich also nun im NO 6. Ich habe noch rund 60 m Führungsleine und ausreichend Luftkapazität.

Der Gang führt in gewohnter Dimension weiter. Auch hier gibt es einige Richtungswechsel. Dann habe ich alle Rohre verbraucht. Ich blicke immer wieder auf den kleiner werdenden Rollendurchmesser. – Sollte selbst dieses Monstrum von Leine heute nicht ausreichen…?

Dann steigt der Gang etwas an und wird flacher. Die 90 m Markierung verlässt die Leinenrolle. Noch 10 m dann muss ich umkehren. Doch dann erkenne ich die Veränderung am Grund. Der lehmige Boden ist durchsetzt von sandigen Partikeln. Jetzt erkenne ich die Wasseroberfläche und tauche aus 3 m Wassertiefe nach oben auf. In einem kleinen See (D = 4-5 m) blicke ich verwundert nach oben, kann aber keine Fortsetzung erkennen. Das Ufer ist lehmig und steil. Die Wände sind korrosiv und hell. Ich blicke schnell nochmals unter die Wasseroberfläche ob ich einen UW- Gang übersehen habe, doch die Sicht ist gleich Null. Ich beschließe die Leine außerhalb des Wassers an der Wand zu befestigen und steige ans Ufer. Jetzt sehe ich einen schmalen Klammgang der versteckt weiterführt. Der Bachlauf ist erreicht. Ein kurzer Freudenschrei dröhnt zum ersten Mal durch diesen Raum.

Ich befestige die Leine an einem Wandzapfen. Es ist die 95 m Marke und ich hätte nur noch 5 m verlegen können. Mit meinen 3 Flaschen schlüpfe ich in den schmalen Gang. Er ist scharfkantig und ich spüre wie mein Anzug am Bein eingeschnitten wird. Die Passage ist zirka 50 cm breit und zirka 3-4 m hoch. Der Boden ist mit schwarzen Krusten und Sedimenten belegt, die ich vorsichtig seitlich passiere. Dann trete ich in einen zirka 8 x 5 m messenden runden Raum. Links führt ein schräger Schacht der „Dolinenaufzug“ (D = 8 m, H ca. 15-20 m) nach oben. Der Schacht ist blank gewaschen, aber trocken. Ansonsten kann ich keine Fortsetzung erkennen. Ich steige in den zirka 2,5 m tiefen Quellpool am Grund des Raumes. Schnell tauche ich im sich eintrübenden Wasser ab und sehe einen quadratische Gangfortsetzung (B = 0,8 m, H 1,5 m) ein. Es scheint als werde der Gang nach weniger als 5 Metern wieder größer. Da ich keine Leine mehr habe und zur verabredeten Zeit wieder bei Manfred sein möchte, mache ich mich auf den Rückweg. Der verläuft ohne größere Probleme. Bei ca. 50 m wird die Sicht sogar wieder besser (zirka 0,3-0,7 m). Einige Leinenbefestigungen müssen noch angebracht werden. Nach 44 Minuten tauche ich wieder im Siphonsee am NO 5 auf und Manfred ahnt schon das der Siphon durchtaucht werden konnte. Der NO 5 ist mit seinen 122 m nun der längste Siphon der Franken Alb. Ich lege meine Flaschen ab und berichte dann Manfred über den Verlauf. Da die Sicht sehr schlecht ist und es wenig Sinn für Manfred macht jetzt zu tauchen kehren wir um und sparen die Luft für den kommenden Tauchgang. Wir lassen also 2 x 5 Liter und 1 x 4 Liter am NO 5 zurück. Nachdem wir die Flaschen verteilt und ummontiert haben tauchen wir wieder zurück zum NO 1. Wie immer stoße ich trotz vorgehaltenem Arm an 2 Stellen wieder voll mit dem Helm gegen die flach abgesetzte Höhlendecke!

Am NO 1 treffen wie abgesprochen gerade Jacqueline und Steffen ein, die sich in einem Seitengang „Stilles Land“ getummelt haben. Wir verteilen die leeren Flaschen und gemütlich erreichen wir um 17:00 Uhr den Stollenmund.

Planskizze Rainer Straub

Auftauchstelle am NO 6 und Schachtbereich Bereich vor NO 7

a
 


13.11.2004 Zweiter Tag

H100 Mühlbachquellhöhle (M. Walter, R. Schoberth, Steffen Hoffmann, Jacqueline Feyerer, R. Straub)

Einstieg um 11:00 Uhr. Heute transportieren wir noch 4 x 7 Liter Flaschen in die Höhle. Der Transport klappt super und wir kommen zügig voran. Ich habe meine Digitalkamera dabei und möchte hinter den Siphons Fotografieren.

Ziemlich bepackt mit 2 x 7 und 2 x 4 l und Fototonne tauche ich voraus. Manfred folgt mir mit 2 x 7 und 1 x 4 l. Er transportiert noch 2 Leinenrolle und jede Menge PVC-Rohre. Beim Auftauchen aus NO 4 und zwischen NO 4 und NO 5 mache ich einige Bilder. Dann bereite ich mich auf meinen Tauchgang vor. Mit 2 x 7 l und vielen PVC-Rohren bestückt tauche ich ab und beginne ab dem „Menschenfresser“ nochmals die Leine optimal zu verlegen. Ich setze an allen wichtigen Punkten wie Gangknicke etc. ein Rohr um so die Leine als guten Polygonzug zu benutzen. Ich tauche die 122 m bis zum NO 6, dann kehre ich nach rund 33 Minuten wieder um. Die Leine ist nun klasse verlegt. Beim nächsten Mal kann nun mit der Vermessung begonnen werden.

Da ich nur sehr wenig Luft gebraucht habe (2 x 30 bar/7Liter) taucht Manfred mit meinen Flaschen ab. Er will jede 10 m eine PVC-Entfernungsmarkierung an der Leine anbringen, was die Orientierung auf der Leine deutlich verbessert. Da Leinen nie durchgängig beschildert sind ist diese „echten“ Längenangaben eine große Hilfe bei der Vermessung.

Manfred kommt trotz beeinträchtigter Sicht gut voran und befestigt die Schilder bis zum Schachtraum „Dolinenaufzug“. Nach 45 Minuten ist er wieder zurück und natürlich völlig begeistert, den längsten Siphon der Franken Alb durchtaucht zu haben.

Beschreibung Tauchgang Manfred Walter.

aWir beschließen, dass ich aus Rainers 7 l Tanks 2 x 70 bar abatmen kann. Genug Luft also um die insgesamt fast 400 m lange Tauchstrecke sicher zu bewältigen. Da an der Basis am NO-5 noch 4 volle Tanks liegen, hätte ich sogar noch mehr Reserven. Ich mache mich also bereit, leider wieder bei nur geringer Sicht, den Siphon mit den 10 m Schildern zu markieren. Die ersten beiden Schilder stecke ich mir in die Handschuhe, um sie bei Null Sicht im engen „Menschenfresser“ sicherer anzubringen. Die anderen 18 Täfelchen habe ich an einer Leine aufgereiht. Rückwärts lasse ich mich bis zum Bunker gleiten, an dem die 20 m Marke sitzt. Die Sicht ist miserabel. Wann werde ich den Siphon mal im klaren Wasser betauchen können? Die ersten 50 m funktionieren ganz gut. Nur das Gefummel mit den kleinen Gummibändern ist etwas nervig. Meinen damaligen Endpunkt habe ich längst hinter mir. Während der Arbeit denke ich ständig an den Felsriegel, der den Gang nach Rainers Beschreibung etwas verengt. Ich ertaste seine Leinenbefestigungen an der Engstelle und stoße irgendwie ständig überall im Siphon an. Wie eng ist das Ding eigentlich? Aber wenn ich’s sähe, ich ginge vielleicht nicht weiter. Im finsteren Siphon fühle ich mich nicht als Mensch. Ich aktiviere andere Sinne, die mich meine Umgebung erkennen lassen. Ich fühle mich wie ein Wesen aus einer anderen Welt, in einer anderen Welt. Ein überwältigendes Gefühl. Meine Nasenspitze berührt die Leinenmarkierung um sie besser ablesen zu können. Das und die Rechnerei an den drei verschiedenen Führungsleinen ist bei dieser Arbeit das größte Problem. Ausgerechnet sind die Leinenverbindungen immer an den engsten Stellen, so dass ich durch die Trübung keine Ziffern ablesen kann.

Die Leine zieht weiter in die Dunkelheit in einen nur 40 cm hohen Spalt. Was ist hier nun wieder los? Hat sie sich in dem doch eigentlich geräumigen Siphon hier hineingezogen? Ich zögere etwas hinein zu tauchen. Wo geht Rainer nur überall durch? Ich schiebe mich bis über die Hüften hinein und versuche gleich wieder heraus zu kommen. Es funktioniert, also hinein und weiter. Wieder kracht´s und scheppert´s um mich herum und ab und zu sehe ich auch einmal wenige Dezimeter weit. Der Siphon ist unendlich weit. Ein Blick auf den Luftdruck, alles klar.

aIch erreiche die zweite Leinenverbindung. Jetzt sind es nur noch maximal 30 m zum Lufttunnel. Dann durchbreche ich den Wasserspiegel und blicke in den „Wassertunnel“, zu dessen Decke die Führungsleine läuft. Hier kann man bequem im Wasser stehen und so sortiere ich meine Ausrüstung und überprüfe die Automaten und den Luftdruck nochmals. Ich liege noch gut in der Zeit. Ich wollte insgesamt 30 Minuten wegbleiben. Vor mir tut sich der NO-6 im glasklaren Wasser auf. Hier, nicht mehr weiter zu markieren, wäre dumm. Dieser für mich jungfräuliche Siphon ist ein wahres Highlight. Vor mir am Boden sind die Spuren von Rainer zu erkennen. Einmal rein und einmal raus. Der Wahnsinn! Ich, ein anderes Wesen in einer anderen Welt. Mir kommt der Siphon wunderschön vor. Endlich klare Sicht. Schnell komme ich im Krichschritt vorwärts. Der glasklare erscheint gegenüber den vorderen Siphon unheimlich breit. Er dürfte bei ca. 4 m liegen. Er ist auch mit ca. 1,5 m erstaunlich hoch. Am Boden liegen nur wenige Felsbrocken.

50 m sollten es werden, dann steigt vor mir aus dem lehmigen Boden eine saubere Kalkwand steil an. Die Leine führt, wie das Seil einer Gondel, hoch zum Wasserspiegel. Ich durchbreche ihn und hab´s geschafft. Ein wundervoller Raum öffnet sich über mir. Wenn ich jetzt das Wasser verlasse um die 25 m bis zum NO-7 zu befahren, werde ich mich 10 Minuten verspäten. Ich riskiere es und nehme mir für die nächsten Tauchgänge vor, das Zeitfenster großzügiger zu halten. Immer wieder wird der Fehler gemacht, bei Siphons mit Auftauchstellen, oder Gangpassagen ein zu kurzes Zeitfenster zu setzten. Im engen Canyon  fällt mir auch sofort auf, dass hier nur 30 % der Wassermenge fließen, die am NO-5 ankommen. Irgendwo muss ein Zulauf sein. Schnell habe ich den „Dolinenaufzug“ erreicht. Auch hier bin ich überwältigt. Ein etwa 15 m hoher Schlot, mit Ausmaßen von etwa 5 m Durchmesser. Ganz oben kann ich einen kreisrunden Durchgang erkennen, der ins Schwarze führt.

Hier muss ich mich unbedingt hoch bohren, um zu sehen ob es weiter geht. Aber jetzt ist der geordnete Rückzug angesagt. Fast 200 m tauchen, bei nunmehr völliger Dunkelheit. Wie erwartet geht alles gut. Die Markierungsschilder beruhigen mich zusätzlich und beim vorbeitauchen ziehe ich einige Gummis noch mal fest an, dabei reist mir die 10 m Marke im „Menschenfresser“ ab. Ich nehme sie mit zur Basis. Nach 40 Minuten tauche ich bei Rainer auf, der verständlicherweise etwas ungehalten über meine 10 minütige Verspätung ist. Eine tolle Arbeit, die Rainer da geleistet hat. Der NO-5 ist sicherlich ein ganz besonderer Siphon. Er ist mein bis jetzt längster betauchter Einzelsiphon nach dem 102 m langen Siphon 3a in der nur 5 km entfernten Petrusquellhöhle. Ohne Schwierigkeiten bin ich heute 550 m in den Nordostsiphons getaucht. Mit mir und unserer Arbeit sehr zufrieden, treten wir den Rückzug an.

Wir lassen 2 x 7 und 2 x 5 Liter Flaschen am NO5 zurück. Diese werden wir beim nächsten Mal bei der anstehenden Vermessung einsetzen. Wir fotografieren noch einige Kleinformen und kehren dann um.

Am NO1 treffen wir auf unsere Transportmannschaft. Jacqueline hat einige Höhlenasseln gefangen. Da wir noch nicht sicher sind, ob wir morgen einen Vermessungstauchgang machen, lassen wir die meiste Ausrüstung zurück. Um 16:00 Uhr sind wir wieder draußen.

Abends findet ein Vortrag der KGM in Mühlbach statt. Max Wisshak kommt an. Der war lustigerweise zuerst im falschen Dietfurt a. d. Altmühl J ! Der erstklassige Vortrag vermittelt einen grandiosen Einblick der Arbeit an der Mühlbachquellhöhle.

14.11.2004 Dritter Tag Materialbergung

H 100 Mühlbachquellhöhle (M. Walter, R. Schoberth, S. Hoffmann, Max Wisshak, Andreas Hartwig)

Die Nacht war lang und ich habe bei Minustemperaturen an der Altmühl in meinem VW Bus geschlafen. Aufgrund der 2 anstrengenden Touren beschließen wir heute eine reine Materialbergungstour zu machen. Mit von der Partie ist Max Wisshak, der als höhlenforschender Geologe freundlicherweise die Erlaubnis erhalten hat, die Höhle mit „geologischen“ Augen zu betrachten. Wir gehen direkt zum NO 1 wo wir unser ganzes Material auf die Helfer verteilen. Um 14:00 Uhr sind wir wieder draußen. Rückfahrt

3. Höhlentaucherwoche in die Bereiche des Nordost Siphons 28.10. - 2.11.2005

Ziel: Vermessung der Siphons NO 5 - 6

Taucher: Rainer Straub, Manfred Walter,

Expeditionshelfer: Ralph Schoberth, Herbert Jantschke, Max Wisshak, Ernst Zierer, Gerhard Winterstein, Rainer Bornschelgel, Dieter Gebelein, Andreas Hartwig.

28.10.05 Freitag

Rainer trifft um 13 Uhr in Mühlbach ein, nach einem kurzen Organisationsgespräch machen wir uns zum Auftakt der dritten Taucherforschungswoche um 14 Uhr mit zwei Schleifsäcken an Ausrüstung auf den Weg zum NO 1.  Rainer ist nun schon das 10te mal zum Forschen in der Höhle und kennt sich bestens aus. Um 18 Uhr sind wir wieder draußen.

29.10.05 Samstag

Mir ist es heute nicht möglich mit in die Höhle Mühlbachquellhöhle zu gehen, da ich vom Grundstückseigentümer des Zuganges zur Petrusquellhöhle die Erlaubnis bekam, mein Forschungsmaterial zu bergen, bevor ich auf sein ausdrückliches Verlangen den Eingang zur Höhle wieder entfernen muss. Nach einer ausgedehnten Leibesvisitation durch Familienangehörige des Grundstücksbesitzers am Höhleneingang und gründlicher Schleifsackkontrolle konnten Andreas und ich einiges an Material bergen. Der Rest muss drin bleiben.

Zur gleichen Zeit macht sich die Helfergruppe unter der Führung von Ralph in der Mühlbachquellhöhle auf den Weg, die im Camp bereitgestellten Pressluftflaschen zum NO-Siphon zu transportieren. Anschließend geht es weiter in die Riesenklufthalle zu unserer Grabungsstelle, um dort das Lehmschluf weiter zu öffnen. In der Grabungsstelle hat sich mittlerweile ein 20 cm tiefer See gebildet. Die Arbeiten sind die reinste Schweinerei. Am Ende des Tages erreichen sie die schon länger bekannte Deckenkluft und können nun schon 5 m weiter schauen. Ca. 2 m vor dem Ende dieser Kluft, ist eine 40 cm breite Vertiefung im Lehmboden zu erkennen. Diese könnte die Fortsetzung des Gerinnekanals im Lehmsiphon sein. Am NO 1 liegen 5 x 7 l und 4 x 4 l Tanks.

30.10.05 Sonntag

Die Nacht war kurz, wir kamen erst um 4 Uhr ins Bett. Heute geht’s ans Eingemachte. Die Höhle ist voller Aktivität. Ein Heer an Höhlenforschern ist unterwegs. Siphon vermessen, Flaschentransport, und eine Führung sind angesagt. Rainer und ich machen uns um 10.15 Uhr in Richtung NO 1 auf den Weg, die Helfer folgen später nach. Ralph, Max, Herbert und Ernst sehen sich besondere Fossilien an und machen einige Makroaufnahmen. Wir wollen uns dann zum Rücktransport um 15 Uhr am NO 1 wieder treffen. Rainer Bornschlegel und Andreas Hartwig gehen zum Ostsiphon 1 um dort zu tauchen und die Führungsleinen in den ersten beiden Siphons zu kontrollieren. Wir erfahren im Nachhinein, dass sich Andreas so schlecht fühlte, dass die Aktion abgebrochen werden musste.

aAm NO 1-Siphon angekommen, legen wir in aller Ruhe die Ausrüstung an. Rainer taucht um 12 Uhr als erster ab. Endlich komme auch ich wieder unter Wasser. Freue mich richtig und hoffe, dass Rainer den sehr engen und schwierigen NO 5 komplett vermessen kann, denn ich traue mir eine erfolgreiche Arbeit da unten in dem verschlammten Teil noch nicht zu. Als ich 10 Minuten später bei Rainer ankomme sortiert er bereits sein Vermessungszeug. Ich lege das ganze Gerödel ab und begleite ihn bis zum 5 ten. Er taucht mit 2 x 7 l, 200 bar und wir vereinbaren, dass er etwa 60 – 90 Min. unter Wasser bleiben wird, je nachdem wie es die Bedingungen zulassen. Ein kurzer Wink und er ist weg.

Ich will mir diesmal die Zeit mit fotografieren vertreiben, um mir hier am Siphon nicht so viel Gedanken zu machen. Ralph hat mir seine winzige Digitalkamera mitgegeben und so suche ich ein Motiv nach dem andern und knipse wild umher. Bin gespannt wie die Bilder werden. Nach 30 Min. sind die schönsten Motive im Kasten, mir ist dabei auch schön warm geworden. So lege ich mich auf eine flache Felsbank, döse, träume und grüble - nun doch etwas - vor mich hin. Fühle mich richtig wohl, in meiner Höhle. Nach 60 Minuten höre ich die Luftblasen von Rainer. Sichtlich durchgefroren taucht er vor mir auf. Er konnte den 5 ten Siphon komplett bis zur Luftglocke vermessen, war 60 Minuten unterwegs, hat 135 m Siphon vermessen und nur 2 x 50 bar aus den 7 l Tanks verbraucht. Unglaublicher Typ!

Nach kurzer Beratung beschließen wir in Anbetracht des morgigen Neulandvorstoßes, dass ich seine gebrauchten Tanks verwende. Mit 2 x 150 bar komme ich sicher durch den 5-ten Siphon. Kann dann den sehr großen aber einfachen 6-ten vermessen, im Dolinenaufzug auftauchen und die im Mai dieses Jahres zurückgelassene Haspel bergen.

Auch mein siebter Tauchgang in den Menschenfresser und den dahinter liegenden Siphonteil ist geprägt von schlammgetrübten Wassers. Dennoch komme ich sehr schnell und ohne oft eingeklemmt zu sein an meinen letzten Messpunktbeginn.

Fast glasklare Sicht und die von Rainer super verlegte Leine nehmen mir die Zweifel an meinen Vermessungskünsten. Langsam schwebe ich über der Leine von einem Messpunkt zum anderen. Kurz vorher lese ich die Entfernung an der Leinenmarkierung ab, um mich dann langsam hinter dem Messpunkt auf dem schlammigen Boden niederzulassen. Mit dem Kompass nehme ich die nächste Richtung auf und lese die Tiefe ab. Die Wassertrübung hält sich in Grenzen und ich bin überrascht, dass es so gut vorwärts geht. Insgesamt sind es nur 9 Messpunkte die ich aufzunehmen habe.

Ich komme gut voran. Die Auftauchstelle im Dolinenaufzug ist bis auf die nur 30 cm hohe Düse wundervoll. Einfach ein Traum und die schönste Stelle in diesem NO Siphonteil. 10 Minuten sitze ich dort, an einer knapp über dem Wasser liegenden Felsbank. Der Höhlenbach strömt von der linken Seite an mich heran. Vor mir liegt der kreisrunde See des Siphons mit seinem dunkelblauen Wasser. Ein herrlicher Ort, ich will gar nicht mehr zurück in die andere Welt! Doch Rainer wartet auf mich.

Es heißt wieder Abschiednehmen, wenn auch nur für 24 Stunden. Ich nehme die seit Mai dieses Jahres hier zurückgelassene leere 100 m Haspel auf und lasse mich in den See fallen. An der Düse angekommen geht nix mehr weiter. Ich komme nicht durch, es ist einfach irgendwie zu eng. Ein Versuch um den anderen und ich komme einfach nicht durch. Der Lehm verklebt beide Tankventile, auch der Reserveregler ist sicher zugeschmiert. Es ist wieder stockdunkel um mich herum, nur die Erinnerung an den Reinweg gibt mir die Möglichkeit eine andere Stelle zu suchen. Also wieder einige Meter zurück, die beiden Regler säubern und testen und eine andere Stelle suchen. Im trüben Wasser ziehe ich die Leine 1 m nach rechts und quetsche mich in den Beginn des bis auf die kurze Auftauchstelle fast 200 m langen Siphons. Ab jetzt geht alles super. Die 10 m Markierungen fliegen nur so an mir vorbei. Die Tanks läuten wie Kirchenglocken wenn sie an die Felsen stoßen. Meine Engel sind wieder bei mir. Nach 50 Minuten tauche ich bei Rainer auf. Erst jetzt wird mir klar, wie das Nitrox, das Rainer in seinen Tanks hatte, auf mich wirkte. Durch den erhöhten Sauerstoffanteil ist man fast nicht mehr zu bremsen. Ein Super Tauchgang mit 200 m vermessenen Siphons geht zu Ende.

Ich behalte Rainers Tanks an mir und lasse meine vollen Doppel 7ner am NO 5 für den morgigen Vorstoß liegen. Pünktlich um 15 Uhr treffen wir auf unsere Helfertruppe am NO 1. Um 17 Uhr verlassen wir die Höhle.

31.10.05 Montag

Wieder geht’s zeitig um 10 Uhr los. Nur Rainer und ich sind unterwegs. Es soll ins Neuland gehen.

Ich tauche 1 x 7 l und 1 x 4 l. Rainer 1 x 7 l und 2 x 4 l bis zum NO 5. Dort baue ich auf meine 2 x 7 l um, Rainer taucht mit 2 x 7 und 1 x 4 l. Er hat eine 50 m Haspel und 6 Rohrpfosten dabei, ich 2 x 50 m Haspel und 10 Rohrpfosten. Ganz schön bepackt für den engen Menschenfresser. Heute werde ich den ganzen Siphon, außer dem Menschenfresser, der beim eintauchen immer eintrübt, bei klarer Sicht tauchen können. Das erste Mal. Rainer wartet 25 m nach Beginn des fünften Siphons oberhalb des 10 m tiefen Bunkers auf mich und lässt mich vor. Ein geheimnisvoller Siphon liegt vor mir. Nicht besonders hoch, nur Durchschnittlich 1 m aber dafür manchmal fast 3 m breit. Zügig geht es durch die vielen Engstellen zur Auftauchstelle und dann weiter im größer dimensionierten NO 6 bis zur Düse am Ende der 200 m langen Siphonstrecke.

Diesmal schaue ich mir diese Stelle besonders gut an. Da die Leine sehr spannt, kann ich sie nicht nach links in eine Erweiterung verlegen und dort mit einem Pfosten sichern. Also muss ich mich wieder durch den engen Lehmspalt zwängen. Dabei trübt der ganze Bereich völlig ein. Für Rainer, der hier mit drei Tanks ankommt ist diese Situation sicher nicht angenehm. Ich tauche in dem wunderschönen Strudelsee auf und klettere auf die Felsbank. Dann sehe ich erst wie verschlammt die ganze Ausrüstung ist. Eine heikle Situation im Problemfall. Gleich darauf kommt Rainer und auch er hatte sichtliche Probleme an der trüben Engstelle. Er sah nicht gerade begeistert aus. Ich entschließe mich gleich noch mal abzutauchen um die Leine an eine für den Rückweg sichere Position, etwa 2 m weiter rechts, zu verlegen. Nach 10 Minuten ist alles erledigt und ein sicherer Rückzug ist gewährleistet. Wir legen alles ab und reinigen unsere Ausrüstung. Danach geht es zum NO 7. Rainer befestigt die Leine an einem Felsblock. Wir haben beschlossen, dass er als zweiter taucht da er mehr Erfahrung hat und weniger Luft braucht als ich. So kämen wir vielleicht weiter in den Siphon hinein.

Ich nehme die 50 m Haspel auf und tauche zum 1 m tiefen Eingang des Siphons. Langsam schwebe ich an die linke Felswand, um an einem abstehenden Felszacken die erste Leinenbefestigung zu legen. Es trübt leicht ein, die geringe Schüttung von ca. 60 l/s bringt aber immer wieder gute Sicht. Vor mir öffnet sich eine saubere Druckröhre. Die weißen Wände sind mit Fließfacetten gezeichnet. Der Tunnel ist nur 1 m breit. Ich habe kein besonders gutes Gefühl, was die Fortsetzung anbelangt. Nach 6 m knickt die Röhre ca. 25° nach links ab. Meine Lampen leuchten das horizontale Ende in 7 m Entfernung aus. Nach insgesamt nur 12 m Tauchstrecke öffnet sich unter mir ein ca. 50 cm breiter Spalt am Boden des Gangs. Als ich darüber tauche erkenne ich 6 m tiefer das Ende des Schachts, der dann in einen schmalen Canyon übergeht. Von hier aus ist nicht zu erkennen ob ich da unten weiter komme. So beschließe ich, mich mit den Füßen voran in den Schacht sinken zu lassen. Schon das Umdrehen ist ein Problem, mit den zwei sperrigen 7 l Tanks. Doch ich komme hinein. Nur ja nicht verklemmen, denke ich mir bei jedem Dezimeter, den ich weiter nach unten vordringe. Wenige Zentimeter von meiner Maske entfernt, zieht die saubere Höhlenwand mit schönen Fließfacetten gezeichnet, wie in einem Paternoster nach oben. Die Tanks krachen und scheppern. Mit der rechten Hand den einen Tank über eine Felskante, mit der Linken den anderen in eine Aussparung drückend, geht es abwärts. Nur genau die Reihenfolge merken. Sonst gibt’s vielleicht Probleme. Es ist einfach zu eng mit den fetten Tanks. Drei mal bleibe ich massiv hängen, dann stecke ich fest. Zeit zum Umkehren!

Ich rolle die Führungsleine auf und ziehe mich daran nach oben. Aber weit komme ich nicht, denn „Das Labyrinth der verkeilten Tanks“ beginnt. Den Ersten Tank kann ich schnell lösen. Dann wird’s etwas unangenehmer. Nix geht mehr. Vor mir fliegt ein imaginäres Flugzeug mit einem Banner im Schlepptau. Es trägt die Aufschrift „Achtung Panik!“ Ich denke mir, lass den ruhig vorbeifliegen - was er auch sogleich tut. Interessant ist, dass sich das Gefühl der Panik sehr schnell einschleichen kann und es sicher enorme Probleme gibt wenn dieser imaginäre Flieger seine Kreise über einem dreht. Doch meiner hat sich wieder einmal gleich am Horizont des Siphons verzogen. In aller Ruhe und mit 100 Minuten Luft im Tank versuche ich die verkeilten Tankventile aus den Felsspalten zu drücken. Es dauert, aber es geht. Ich erreiche den horizontalen Gang. 2 Meter können eine Ewigkeit dauern. An der zweiten Leinenbefestigung hänge ich die Haspel auf und verlasse den Siphon.

Rainer steht inzwischen am Ufer und erwartet mich. Er ahnt, dass ich nicht besonders weit kam. Ich lege ab und erzähle von meinem Vorstoß. Rainer war inzwischen erfolgreicher. Er hat am Ende des Sees einen Canyon befahren der sicher noch einige Meter bringen könnte. Nach ca. 20 m kehrte er um. 

Nun will er mit einer etwas kleineren Ausrüstung versuchen die Engstelle zu meistern. Mit 4 und 7 l taucht er ins schon wieder klarere Wasser des Siphons ab. Ich mache mich derweilen in den Canyon auf, um zu sehen ob es weiter geht. Die Wände sind schön mit Fließfacetten bedeckt. Alles ist blitzsauber. Ein sehr junger Gangteil der nach ca. 30 m in einen unbefahrbaren, 3 m hohen und nur 20 cm breiten Canyon übergeht. Hier ist Ende. Ein weiterer Canyon, der am See nach Osten abgeht ist an dessen Ende nach 10 m auch verschwemmt. Das große Fragezeichen wird wohl für lange Zeit der Kamin über dem See bleiben. Er hat sich an einer ausgeprägten Verwerfung angelegt und seine sauberen Wände ziehen leicht schräg nach Oben. In 15 m Höhe scheint ein horizontaler Standplatz zu sein oder sogar ein Gang abzugehen. Eine weitere deutlich sichtbare Verwerfung im Gestein zeigt das an.

aRainer taucht auf und berichtet nichts Gutes. Er konnte mit der schmäleren Ausrüstung bis zum Grund des Schachtes abtauchen, war aber nicht in der Lage mit dem 7 l Tank in die horizontale Kluft weiter zu tauchen. Mit Doppel 4 l bestünde die Möglichkeit noch einige Meter weiter zu kommen, meint er, doch scheint diese wasserführende Kluft bald unbetauchbar zu werden. Das ist das definitive Ende der Nordostsiphon Kette. Dieser Höhlenteil ist damit erforscht und kann abgeschlossen werden. 

Nun fragt sich wohl der eine oder andere, was den mit dem Schacht ist. Natürlich geht es da oben weiter, nur ist der Transport der schweren Ausrüstung, wie etwa 20 m Seil, Bohrmaschine, Akku und Schachtausrüstung durch die 6 Siphons für mich alleine zu aufwendig und zu gefährlich, zumal das außerdem meine letzte Expedition dieser Art im Verein der Karstgruppe Mühlbach sein wird. Deshalb bleibt diese offene Fortsetzung einer anderen Generation von Höhlentauchern in Mühlbach vorbehalten.

Wir packen zusammen und Rainer taucht in den 200 m Siphon ein. Ich mache mich auch fertig, konzentriere mich noch mal auf diesen Höhlenteil und blicke dankbar auf die vielen schönen Erlebnisse die wir hier hatten zurück.

Am NO 1 wird alles für den morgigen Abtransport vorbereitet. Rainer nimmt seine Tauchausrüstung mit raus, ich zwei 4 l Tanks. Um 17 Uhr geht der Neulandvorstoß mit dem Abschluss des NO-Siphons zu  Ende. Ich bin erleichtert und froh, mein Ziel im Nordostsiphon erreicht und abgeschlossen zu haben, ohne das es einen Unfall gab oder jemand zu Schaden kam.

1.11.05 Dienstag

Das verlängerte Wochenende mit dem heutigen Feiertag geht zu Ende. Es war geplant, dass Dieter und Herbert die Tanks am NO 1 abholen, Rainer und ich die zwei 7 l Tanks die am Bermudadreieck liegen, raus bringen. Leider erkrankt Herbert so sehr, dass er die Höhle nicht befahren kann. So mache ich mich mit Dieter zum NO 1 auf, und Rainer muss die zwei 7 l Tanks alleine bergen.

Die Transportorganisation muss bis zur nächsten Forschungsexpedition endgültig besser geregelt werden. Während der vergangenen drei Forschungswochen gab es immer wieder Transportengpässe.

Rainer Straub wird die vermessene Tauchstrecke zeichnen, ich den 6 ten Siphon und dann wird der gesamte NO-Siphonbereich Ralph übergeben. Nach drei Jahren intensiver Tauchforschung im NO-Siphon ist dieser Höhlenteil nach ca. 30 Tauchgängen seit Anfang 2002 abgeschlossen. Die Gesamtganglänge beträgt ca. 450 m bei insgesamt 7 Siphons mit einer Gesamtlänge von ca. 300 m.

 

In der Zeit zwischen 2002 und 2005 habe ich mich langsam an das Höhlentauchen herangetastet. Mit dem Abschluss der dritten Forschungswoche, in der mir Rainer Straub wieder einmal hilfreich zur Seite stand und viele gute Tipps gab, enden auch meine Forschungstauchgänge für die Karstgruppe Mühlbach in der Mühlbachquellhöhle. Gut ein Jahr später trete ich aufgrund jahrelanger Unstimmigkeiten mit der Vorstandschaft aus dem Verein aus.

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