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Mühlbachquellhöhle ab 2008   Petrusquellhöhle    Mühlbachquellhöhle ab 2001

 

Die wichtigsten Tauchgänge in der Petrusquellhöhle

 

05.07.2003 Samstag: Pumpaktion und erster Tauchgang

1Noch einmal wollen wir mit einer noch größeren Pumpe versuchen, den Wasserspiegel zu senken. Auch diesmal fällt der Siphon trotz einer Pumpleistung von 4000 l pro Minute wieder nur um 3 cm. Brechen erneut ab. Da sich nun im Boden des Siphons ein geräumiges Loch gebildet hat, will ich versuchen bei einem Tauchgang im völlig eingetrübten Wasser mehr zu erfahren. Ich hole meine Tauchausrüstung aus dem Auto und bereite mich mit einer schmalen 3 l Flasche, zum ersten Mal in dieser Höhle, auf eine Unterwassergrabung vor. Bei absoluter Dunkelheit arbeite ich mich einen Meter tief unter den Deckenabsatz, bis ich einen zweiten Versatz mit meinen Füßen ertasten kann. Komme nach 10 Minuten wieder hoch, um mich zu erholen. Beim zweiten Versuch flutsche ich in einen schmalen Spalt, der an Verbruch endet. Dort breche ich ab und habe vorerst die Nase gestrichen voll! Da unten wird man fast verrückt. Man ist völlig von zähem Schlamm und Dunkelheit umhüllt. Der Rücken schrammt an der Siphondecke, die Hände können nur unter dem Bauch nach oben oder unten geschoben werden und man bleibt ständig hängen.  Ich bin zwar nur 2 m von Ralph entfernt, der mich mit einem Höhlenseil sichert und mir durch festes Ziehen beim Herauskommen hilft, dennoch habe ich das Gefühl, die Wasseroberfläche sei unendlich weit entfernt. Immer wieder versuche ich durch rauf- und runterschlufen zu testen, ob ich noch gut rauskomme. Mit Händen und Füßen versuche ich, den Lehm zur Seite und nach unten zu drücken, um weiter zu kommen. Es ist einfach schrecklich. Mein Puls rast durch die enorme Anstrengung und den Stress. Der Luftverbrauch steigt schnell an. Das Donnern der Luftblasen in dieser engen Schlammröhre tut sein übriges, um ein überaus unangenehmes Gefühl zu produzieren. Am Ende bin ich fast 2 m in dem völlig zugeschlammten Siphon nach unten gekommen.

12.07.2003 Samstag

1Die Flaschen sind wieder voll. Ralph und Micha machen Tauchaufsicht. Mit der Führungsleine geht es 4 m tief an die Decke der Unterwasserhalle. Die Sicht ist hinter der Engstelle klar und ich fühle mich das erste Mal seit dem Beginn der Unterwassergrabung wieder wohl. Die Angst ist auf ein erträgliches Maß zurückgegangen. Unter der ebenen Höhlendecke tauche ich an der linken Steilwand entlang, und erreiche nach 12 m Gesamttauchstrecke eine von unten ansteigende Lehmhalde. Am oberen Ende fließt mir unter der Felsdecke aus einem 20 cm hohen Wasserspalt der klare Höhlenbach entgegen. Man kann ca. 3 m weit einsehen. Da es hier momentan kein Weiterkommen gibt, versuche ich den Wasserablauf zu finden. Langsam gleite ich mich an der südlichen Hallenwand in die Tiefe. Die Sicht ist mittlerweile sehr schlecht. Nur schemenhaft kann ich die Wandumrisse erkennen. Die einfallende Lehmwand läuft trichterförmig auf eine 2 m breite Verbruchzone am Grund des Siphons zu. Hier kann ich gerade noch frei gespülte Felsblöcke erkennen, bevor es dunkel wird. Wasserströmung war hier nicht mehr festzustellen, da der Durchlass vermutlich zu klein und das Wasser zu eingetrübt ist. Ich breche hier ab und will nach oben. Doch die Führungsleine, die meine Rolle verlässt, ist völlig locker. Ich versuche sie aufzurollen und auf Spannung zu bringen. Dabei stelle ich fest, dass sie sich einige male an mir vergriffen hat. Wie toll, gleich beim ersten Mal verhängt. Nach einigen Minuten komme ich wieder frei und folge dem Zug der Führungsleine durch den stockfinsteren Siphon nach draußen. Bin froh, wieder Freunde zu sehen.  

18.07.2003 Freitag: Die nächste Unterwassergrabung

Ralph macht Tauchaufsicht. Ich habe 23 m Führungsleine bei mir und verlege diese unter Zuhilfenahme von 4 PVC-Rohren als Verankerung bis zur neuen Unterwasser-Grabungsstelle im Siphon. Da der Luftvorrat noch ausreicht, entschließe ich mich, einen kurzen Grabungsversuch zu wagen. Der Geräuschpegel der entsteht, ausgelöst durch die Luftblasen meines Reglers an der Siphondecke, zeigt seine Wirkung. In vollkommener Dunkelheit donnert es um mich herum als läge ich unter Trommelfeuer-Beschuss im Schützengraben eines fernen Kriegsschauplatzes. Eigentlich will ich nur weg von hier. Aber jeder unter Stress vollzogene Abbruch bedeutet später eine noch größere psychische Belastung. Ich habe jetzt schon meine Grenzen überschritten. Die einstündigen Tauchgänge der letzten Grabungen verlangten mir jedesmal eine fast einwöchige Regenerationsphase ab. Aber es muss weitergehen, zumal ich nun den Kontakt zu meiner Höhle wieder gefunden habe. Das Sediment des Unterwasserschlufs besteht vollkommen aus weichem Schlick, der sich überraschend gut abstechen lässt. Zwei Meter komme ich weiter und breche dann nach etwa einer Stunde unter Wasser ganz zufrieden ab. Ralph hat sich schon gedacht, dass ich es nicht lassen konnte einen Grabungsversuch zu wagen. Für morgen wird eine Fortsetzung des Tauchgangs geplant. Noch am Abend besuche ich meine Wölfin im Altmühltal, die mich bei meinen Einsätzen an diesen unwirklichen Ort begleitet, und mir die Kraft gibt, hier weiter zu machen.  

19.07.2003 Samstag: Die Hölle

Die Flaschen sind voll, Ralph und Micha sind mit von der Partie. Ich bin super drauf und tauche für die nächsten 60 Minuten in die schwarze tiefe Finsternis, in die absolute Einsamkeit. Im Gedanken nehme ich meine Wölfin mit. Sie sagt mir wann Gefahr droht. Beim Eintauchen in den ersten zwei Metern des Schlufs fällt mir auf, wie groß dieser schon ist. Das ankommende klare Wasser gibt die Sicht in weitere 4 m der Fortsetzung frei. Das beruhigt ungemein. 30 cm weise steche ich mit beiden Händen den weichen Lehmboden vor mir ab. Ich grabe mich an der linken Wand des Siphons entlang. Wenn genügend Sediment unter mir deponiert ist, muss ich damit immer wieder zurück in die Halle tauchen, um es dort abzuladen. Die Führungsleine habe ich rechts im Schluf entlang verlegt, damit sie beim Rein- und Raustauchen nicht stört. Ich komme gut voran. Nur der Automatenwechsel ist nicht sehr angenehm. Am Lehmboden zeichnen sich Strömungslinien ab. An der Decke haben sich große Fließfacetten gebildet. Deutlich ist das Ansteigen der Höhlendecke zu erkennen, denn auch die Luftblasen ziehen der Wasserströmung entgegen ins Unbekannte. Die Unterwasserspalte wird langsam größer, so dass ich immer weniger zu graben habe. Nach ca. 8 m ist hinter einer letzten Strömungswelle eine großräumige Fortsetzung zu erkennen. Ich denke schon die ganze Zeit ans Abbrechen, aber es zieht mich förmlich in diesen Raum. Luft ist noch O.K. Führungsleine reicht auch noch einige Meter in die Halle. Also alle inneren Schweinehunde überwinden und weitermachen. Der letzte halbe Meter Sediment wird nach vorne in die Halle geschoben. Dann zwänge ich mich durch. Links vor mir zieht die Höhlenwand senkrecht nach unten. Rechts öffnet sich der große Unterwasserraum entlang einer nach links abfallenden Lehmwand. Es gelingt mir zwei Meter weit vorzudringen. Alles erinnert an die erste Unterwasserhalle, nur ist diese hier viel größer. Die Strömung kommt mir auch hier wieder unter der rechten Hallendecke entgegen. Ich habe heute mehr erreicht als ich mir erträumte, und breche hier am Ende der 23 m langen Führungsleine ab. Mit etwas Glück steigt die nur noch 1,5 m unter Wasser liegende Höhlendecke bald in den lufterfüllten Höhlengang auf. Abends besuchen die Wölfe den Rosskopf.

23.07.2003 Mittwoch: Tag des Durchbruchs im Psycho-S1

Mit dem restlichen 19 m meiner Führungsleine will ich die 2. Unterwasserhalle erkunden. Um 19.30 Uhr tauche ich ab. Der Unterwasserschluf bereitet mir keine Schwierigkeiten mehr, und ich fühle mich richtig gut. Schnell bin ich am 2. Schluf, der mir jetzt geräumiger vorkommt als damals beim Ausgraben. Auch hier bin ich schnell durch und erreiche das Ende der abgelegten Führungsleine. Meine Devise, alles gleich von Anfang an großräumig auszugraben, macht sich wieder mal bezahlt. Aus einem kleinen Beutel ziehe ich die neue Leine, binde sie mit der alten zusammen, und tauche in die Weiten des unbekannten Siphons ab. Links unter mir in sechs Meter Wassertiefe sehe ich eine etwa ein Meter hohe Spalte, in die vermutlich ein Großteil des Höhlenbaches verschwindet. Beim Vorbeitauchen denke ich mir, dass man hier unbedingt eine Seilklemme benötigt, um am Rückweg aus dem Siphon, gegen die starke Strömung in dieser Düse anzukommen. Ein Blick auf den Tiefenmesser beruhigt mich. Nur noch ein Meter Wassertiefe! Die Luftblasen laufen schnell vor mir an der Höhlendecke entlang Richtung Neuland.

Nach einigen Metern durchbreche ich den Wasserspiegel des ersten 35 m Siphons der Petrusquellhöhle. In diesem Augenblick schließt sich der Kreis. Seit 10 Jahren arbeite ich auf diesen Augenblick hin. Alle Ziele, die ich mir bis dahin gesetzt hatte, habe ich erreicht. Dieser Augenblick ist der größte Triumph meiner Höhlenforschungen. Trotz dieses Gefühls bin ich hier der einsamste Mensch dieses Planeten. Ich betrete einen Lebensraum, von dessen Existenz niemand wusste, und den nie zuvor ein Mensch gesehen hatte. Wie oft hatte ich in den vergangenen 5 Jahren schon dieses Privileg. Mir ging meine Entdeckung der MBQH, die Wahnsinnszeit während deren Erforschung, und alle anderen Megaentdeckungen durch den Kopf, die mir vergönnt waren. Und doch fühlte ich keine so überwältigenden Emotionen, wie bei früheren Entdeckungen, denn hier war ich mir mehr als sicher, ans Ziel zu kommen. Ich habe diesen Augenblick lange vorher schon gesehen.

Die Führungsleine reicht genau bis zu einem Felsen am Ende des Siphons, an dem sie befestigt werden kann. Erst jetzt beginne ich mich umzusehen. Direkt über dem Siphon bildet sich eine 3 m hohe Halle aus, von der ein trockener etwa 1 m hoher Gang unter der Decke nach Norden zieht. Etwa 10 m kann ich dort einsehen. Nach Westen öffnet sich ein etwa 5 m breiter und 1,5 m hoher Tunnel, der im Nichts verschwindet. Kurz schicke ich einen tiefen Brummton in den Tunnel, der mich erahnen lässt, dass es weiter geht. Etwas nervös bin ich doch, denn ich weiß in diesem Augenblick nicht, ob ich mein Tauchgerät nun ablegen soll, um unbekanntes Land zu erkunden oder nicht. Ich entscheide mich zur Umkehr, denn mir ist klar, es wird weitergehen und die Höhle sollte sich, nach hunderttausenden Jahren der Ruhe, langsam an mich gewöhnen. So verabschiede ich mich von meiner Höhle mit dem Versprechen, wieder zu kommen. Als ich nach 30 m auftauche, erwarten mich Ralph und Fabian. Mit geballter Faust rufe ich ihnen ein lautes „Jäh“ zu und alle drei strahlen wir wie kleine Kinder. Wie gewohnt beenden wir die heutige Entdeckung mit einer kleinen Feier.

11.08.2003 Zum 3. Siphon

Mit 100 m neuer 7 mm Rebschnur auf meiner umgebauten Kabeltrommel und 7 Pfosten geht es zum 3. Siphon. Die Führungsleine wird am Blockwerk vor dem Siphon befestigt, und der Tauchgang in das 1,5 m hohe Kastenprofil des Siphons beginnt. Ohne Flossen und Haltepunkte erschwert die Strömung das Vorwärtskommen doch erheblich, und der Pressluftverbrauch steigt. Keine 10 m im Siphon, schon bleibe ich mit der linken Schulter an einer spitzen Felskante hängen. Kann mich aber gleich wieder befreien. Drei Atemzüge später fällt mir zu allem Überfluss auch noch eine Felsplatte aus der Decke auf den Rücken und drückt mich auf den Grund des Siphons. „Na ja, dann schüttle das blöde Ding doch einfach ab“! Dieser Siphon beeindruckt durch seine Breite und das glasklare Wasser. Es geht auf nur 3,5 m runter. Das ist einfach genial. Jetzt wird es richtig groß, 4 auf 4 m und der Boden steigt steil an. Nach 45 m Tauchstrecke erreiche ich eine Auftauchstelle. Diese erweist sich aber nur als ein 10 m langer Wassertunnel, der sich an einer Querkluft an einem 5 m hohen Kamin angelegt hat. Am Ufer einer Lehmhalde wird in der Mitte ein Pfosten gesetzt. Nun geht es weiter in den 4. Siphon. Er beginnt mit einer extrem flachen Röhre von etwa 40 cm Höhe und nur 1,5 m Breite. Es fällt mir trotz meiner kleinen Doppel 5 l Sidemount- Ausrüstung ziemlich schwer, vorwärts zu kommen. Der starke Wasserdruck tut den Rest. Immer wieder muss ich lange Sedimentwellen zur Seite räumen um weiterzukommen. Nach 10 m wird es tiefer und der Siphon fällt mit einem leichten Rechtsknick auf -2,5 m ab. Alles geht gleich besser. Nach 25 m Tauchstrecke begrüßt mich eine spiegelnde Wasserfläche. Ich bin durch. Super, dass es immer nur so kurze Siphons sind.

1In gebückter Haltung mache ich mich auf den Weg in dem immer höher werdenden Gang, um eine geeignete Stelle zum Ablegen der Ausrüstung zu finden. Ich lustwandle in dem zu einem Kastenprofil gewachsenen 3 m hohen Tunnel, entlang hoher Lehmböschungen und über weichem Lehmboden im knietiefen Wasser. Aus der Decke kommen kleine Nebengerinne und plätschern vor mir ins Wasser. Eine geheimnisvolle Stimmung umgibt mich, ganz alleine an diesem unerforschten Ort. Nach etwa 70 m erreiche ich rechts einen günstigen Felsabsatz und lege die mittlerweile schwer gewordene Ausrüstung ab. Dann geht’s zurück zur Auftauchstelle, um den neuen Gangteil zu vermessen. Dieser ist ca. 110 m lang und weist fünf teilweise bis zu 10 m hohe Kamine auf. Auch die Versinterungen nehmen gangeinwärts zu. Am Ende, wieder in einer Gangerweiterung, trifft man auf die ersten massiven Versinterungen an den Wänden. Ein etwa 3 m langer und 1 m breiter Wandstalaktit bildet das momentane Sinterhighlight der Höhle. Nach der Vermessung dieses Gangteils lege ich die Ausrüstung wieder an und tauche in den 5. Siphon weiter. Dafür brauche ich mehrere Versuche, weil mich die Strömung immer wieder aus dem Siphon spült. Aber es gelingt mir dann doch den nur 5 m langen Siphon 5, mit dem Rest der 15 m Leine und dem letzten Pfosten zu durchtauchen. Die Auftauchstelle ist leider nur ein meterhoher Deckenkolk, der nach 7 m in den 6. Siphon übergeht. Überall am Boden liegen kleine schwarze Höhlengerölle, die mir die Hoffnung geben, der Gang könnte nach einigen 100 m endlich in den offenen Bachlauf übergehen. OK, Luft wäre ja noch da, aber leider ist mir die Führungsleine ausgegangen. Na ja, drei neue Siphons sind ja auch ein toller Erfolg.

Der Rückzug zum Ausgang gestaltet sich aufgrund der starken Strömung in den Siphons als sehr angenehm. Die Gesamtganglänge der Höhle beträgt nun 550 m, die Gesamttauchlänge ca. 213 m.  Somit steigt die Höhle in die Kategorie der Großhöhlen auf. Immer wieder muss ich daran denken, dass ich mich mutterseelen allein in der Höhle befinde, und sich bis jetzt noch keiner meiner Höhlentauchkollegen für einen Tauchgang interessiert. Das lässt mich zu äußerster Vorsicht erwachen, denn sie wären im Falle eines Unglücks sicher nicht in der Lage mir zu helfen. Ohne Zwischenfall komme ich am Eingangssiphon an.

04.10.2003 Am 6. Siphon

1Hab heute leichten Stress mit meinem Höhlenengel. Dennoch entscheide ich mich, den 6. Siphon anzutauchen. Die Vorbereitungen dauern entsprechend lange. Da es mir nicht so gut geht, lege ich mich noch zwei Stunden ins Auto und entspanne. Um 14.30 Uhr bin ich zum Abtauchen bereit. Die Odyssee in den 6. Siphon beginnt. Ich nehme die neue 100 m Kabeltrommel und 9 Rohrpfosten mit nach unten durch „Psycho-S1“. Nach dem Auftauchen merke ich, dass der Ausrüstungsbeutel fehlt. Also zurück, um das Teil zu holen. Dieser Fehler kostet mir später vielleicht das Auftauchen im neuen Siphon. Mit meiner neuen Doppelfünfer Ausrüstung komme ich mit nur zwei Anläufen durch den Gangversturz zwischen dem 1. und 2. Siphon. Vor jedem weiteren Siphon nehme ich mir vor, fünf Minuten Pause zu machen, um meinen Pulsschlag wieder zu verringern. So wird der Luftverbrauch minimiert.

Der 2. Siphon taucht sich gut. Nach einer Pause am 3. fällt mir auf, dass der verdammte Beutel schon wieder weg ist. Während der Suche flussabwärts bezweifle ich, das Teil wieder zu finden. Zu meiner Überraschung schwimmt die super Ortlieb-Tasche vor der Felswand des 2. Siphons. Also wieder vor und Pausieren.

Als ich wieder in die Halle komme, fällt mir auf der rechten Seite eine seltsam geformte Lehmbank auf. Als ich die Stelle näher betrachte, finde ich zu meiner größten Überraschung einen weiteren Siphon, der nur knapp 20 cm unter dem Wasserspiegel abgeht. Schnell hole ich meine Maske und werfe einen Blick hinein. Er wirkt mit einer Breite von 3,5 m und nur 40 cm Höhe sehr unheimlich. Ich beschließe heute hier nichts weiter zu untersuchen, sonst würde ich die Planung des Tauchgangs völlig durcheinander bringen.

Beim Durchtauchen des 3. Siphons setzte ich zwei weitere Pfosten, um eine bessere Führung in der lang gezogenen Gangbiegung zu erreichen. Die „Kurze Unterbrechung“ durchquert und weiter geht’s durch den 4. Siphon. Die Anspannung, die mich heute begleitet, macht sich langsam bemerkbar. Kann mich trotz allem gut konzentrieren. Das Tauchen mit der vielen Ausrüstung ist aber nicht gerade kraft- und luftsparend.

Am 5. Siphon stelle ich zu meiner Überraschung fest, dass ich diesmal trotz des Fehlers am 1. Siphon außergewöhnlich wenig Luft gebraucht habe. Das beruhigt mich für die Arbeit im 6. Siphon sehr. Dieser Unterwassergang ist anfangs sehr groß, ca. 2,5 m hoch und 4 m breit, wird dann aber wieder etwas niedriger, was das Vorwärtskommen sehr erleichtert. Der Boden besteht teils aus Fels, teils aus Lehm und Geröll. Wände und Decke sind mit vielen scharfen Felshacheln geschmückt, an denen ich mich öfters aufhänge und die an meiner Ausrüstung zerren. Da ich mit einem nur sehr dünnen Trockentauchanzug unterwegs bin, ist hier äußerste Vorsicht geboten, um kein Loch hineinzureissen. Der Siphon ist wieder verdammt lang. Nach 65 m tauche ich aus dem wieder nur maximal 4 m tiefen Siphon in einem niedrigen ca. 1,5 m hohen Tunnel auf. Sofort erkenne ich, dass die Führungsleine weiter bis ans Ende des 20 m langen nur 1,5 m hohen Tunnels geführt werden muss.

1Von weitem schon ist ein 10 cm hoher Luftspalt zu erkennen. Er führt in eine niedrige Kammer, an den Beginn des 7. Siphons. Die Abtauchstelle in diesem kleinen niedrigen Raum erweist sich erstaunlicherweise als überaus groß. Ich tauche gleich in einen 6 m breiten und 2,5 m hohen Unterwassergang ab. Wieder ist die Strömung so stark, dass es erst nach mehreren Versuchen gelingt, auf der angeböschten linken Seite des Ganges vorwärtszukommen. Ich habe nur noch zwei Pfosten und auf der Rolle ist auch nicht mehr so viel. Ein kurzer Ruck und die Leine ist nach ca. 15 m zu Ende. Gerade dort, wo der Gang eine Höhe von 3 m erreicht und die Strömung so stark ist, dass ich mich nur sehr schwer auf der Stelle halten kann. Als erstes ramme ich einen Posten in den Lehmboden, um mich daran zu orientieren. Das Lösen des Knotens an der Führungstrommel gestaltet sich überraschend schwierig. Mich friert schon gewaltig und meine Finger sind ziemlich unbeweglich geworden. Der Pressluftvorrat geht langsam auf die Viertelregel zu, und ich habe die Leine immer noch nicht befestigt. Viele Versuche sind nötig, um sie endlich am letzten Pfosten zu befestigen. Dann reicht es mir. Noch ein kurzer Blick in die sehr große, dunkle mindestens noch 15 m lange Gangfortsetzung, die am Boden in 5 m Wassertiefe deutliche Strömungsspuren aufweist und anzusteigen scheint. Dass dies der einzige Blick sein würde, den ein Mensch je da hinein geworfen hat, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Aber damals schon hatte ich ein komisches Gefühl beim Zurücktauchen. Vielleicht ahnte ich es unterbewusst doch. Ich spürte auf jeden Fall, dass es hier bald raus gehen würde. Im Gang nach dem 5. Siphon will ich meine Tauchausrüstung noch mal ordnen und verliere dabei 1 kg Blei vor meinen Füßen. Trotz 10 Minuten intensiver Suche finde ich das Teil nicht mehr. Ich setze den Rückweg fort und erreiche durchgefroren, und nur durch den hohen Adrenalinspiegel einigermaßen fit, „Psycho-S1“. Um die Tauchflaschen nach außen zu bringen, bin ich dann doch zu erschöpft. Die hole ich am nächsten Tag. Wieder konnte ich 100 m Tauchleine verlegen, und die Höhle um diese Strecke verlängern. Die Gesamtganglänge beträgt nun ca. 650m.

03.01.2004 Erkundung S3a „Stiller Siphon“

Es hat leichten Frost. Heute habe ich nach langer Pause vor, den schon Anfang Oktober letzten Jahres bekannten Siphon in der „Sirenenhalle“ zu erkunden. Es brennt mir regelrecht unter den Fingernägeln. Nebenbei will ich die provisorische Führungsleine im 2. Siphon austauschen. Die Ausrüstung liegt nach einigem hin und her bald vor dem Höhleneingang. Alleine ist der Transport furchtbar schwer. Das Türschloss ist eingefroren, also zurück ans Auto, um den Bunsenbrenner zu holen.

Um 13.30 Uhr bin ich am Siphon. Das neue Tragesystem ist sehr gut anzulegen und trägt sich gut. Mit 9 Rohren und 40 m und 25 m Führungsleine tauche ich ab. Ich bin wieder in meinem Element und fühle mich geborgen. Die Schlepperei durch den "Einzigen Verbruch" kostet etwas mehr Energie als gedacht. Bald ist der 2. Siphon erreicht. Die neue Führungsleine wird neben der alten verlegt, am Ende befestigt und gleich die alte wieder abgebaut. Das bedeutet rein und raus und wieder rein, 75 m tauchen. Mit der 40 m Leine will ich den erst kürzlich entdeckten Siphon vor S3 erkunden. Ständig habe ich die ganze Ausrüstung am Mann, nur die Maske nehme ich ab, um besser atmen zu können. Vor dem S3a "Stillen Siphon" setze ich ein Rohr und klicke die Leine ein. Der Siphon führt knapp unter dem Wasserspiegel mit einer Breite von ca. 3 m und weniger als 80 cm Höhe gerade in Richtung 320° vom Hauptgang weg. Schon immer hatte ich das Gefühl, hier steckt mehr dahinter. Aus Sicherheitsgründen konnte ich aber bis jetzt keinen Erkundungsvorstoß machen. Umso größer war die Neugier nach so langer Zeit der Ruhe.

Ich lege mich ins Wasser und blicke in den flachen Siphon. Langsam schiebe ich mich unter die niedrige Decke. Da keine Strömung herrscht, muss ich immer in Bewegung bleiben um etwas zu sehen. Der Boden ist mit dickem, weichem Schlick bedeckt und viele kleine schwarze Löcher sind darauf zu erkennen, die ein kleiner weißer Hof umgibt. Es sieht aus als wären es faulige Tropfstellen. Doch das schließe ich mal aus. Keine Strömungsformen sind im Schlick zu erkennen, hier fließt nicht oft Wasser raus. Der Siphon ist gerade so hoch, dass man noch problemlos durchschlufen kann. Aber immer wieder stößt man mit den Flaschen an der Decke an. Es ist etwas unheimlich. Nur die Breite beruhigt. Dass der Siphon nach Norden zieht könnte die Vermutung erhärten, dass es ein paralleles System nördlich der Talung gibt. Das ist nun schon der zweite Gang Richtung Norden. Ich komme gut voran, muss aber ständig an den Rückweg denke. Der wird mit Sicherheit in absoluter Dunkelheit stattfinden.  Nach ca. 20 m ist über mir eine Luftglocke zu erkennen. Diese Luftblase ist ca. 10 cm hoch, 1,5 m breit und nur im Notfall nutzbar, oder auch nicht. Dann 10 m weiter eine erneute Siphonerweiterung, diesmal aber ohne Luftblase. Am gegenüber liegenden Ende in 5 m Entfernung ist eine niedrige mit zwei Verbruchblöcken geschmückte dunkle Fortsetzung zu erkennen. Hier kehre ich um. Dieser Siphon geht sicher weiter. Hoffentlich nicht zu niedrig. Mit den 35 m Neuland ist die Höhle nun über 750 m lang.

Da ich noch keine genauen Richtungen des S3 habe, entschließe ich mich, S3 und S4 zu vermessen. Schnell bin ich in der "Kurzen Unterbrechung", nehme die fortlaufende Richtung und tauche in den S4. Wie schon in den vorderen Teilen der Höhle bemerkt, hat sich auch hier eine enorme Menge an sandigen Sedimenten abgelagert, die bis zu 20 cm hoch sind. Nach 5 m tauche ich in einem niedrigen Gang auf, an den ich mich so gar nicht mehr erinnern kann. Irgendwie ist er auch ganz schön lang und ca. 30 cm über dem Wasserspiegel. Ich will weiter, aber die Führungsleine zieht in die neuen Sedimentablagerungen. Ich versuche sie auszugraben, doch mir geht langsam die Luft aus und ich muss abbrechen. Hier muss mit einer kleinen Schaufel weitergemacht werden. Der Siphon ist auch so niedrig geworden, dass ich fast nicht mehr durch komme. OK. Rückzug. Heute hatte ich Widererwarten einen ganz tollen Höhlentauchgang mit Neuland. Ich bin wieder da!!!!!!!

Nach nun fast 8 Wochen bin ich erstmals wieder zum Forschen in die Höhle gegangen. Die schlimmste Zeit meines Lebens habe ich hinter mir gelassen. Ich hoffe es geht weiter so aufwärts. In der "Sirenenhalle" habe ich meinen Engel gehört. Er ist wieder bei mir und passt auf mich auf.

31.01.2004 „Stiller Siphon“ S3a

Marco wollte heute mit in die Höhle. Leider hat er kurzfristig Darmprobleme bekommen und musste absagen. Trotzdem bereite ich den Tauchgang vor und startete um 13.30 Uhr am 1. Siphon. Die Schlepperei ist wieder besonders ätzend. Ich lege viele Pausen ein, um mich nicht zu verausgaben. 100 m Führungsleine, 6 Pfosten und Doppel 5 l Tanks mit 200 Bar hängen an mir. Am 3. Siphon angekommen, lege ich alle Ausrüstung ab und binde, nach einer langen Pause, die Leine am Pfosten vor dem neuen S3a „Stiller Siphon“ an. Hier in der „Sirenenhalle“ sind die Wände bis an die Decke hinauf ca. 7 m lehmfrei. Die Bankungen sind sehr deutlich sichtbar, so dass man hier die geologische Lage der Höhle genau bestimmen kann. Irgendwie zieht es mich gar nicht in den neuen Siphon. Die Problematik besteht darin, dass es sich hier um stehendes Gewässer handelt. Diese Art von Siphon mag ich nicht so gerne. Dennoch muss ich los. Die ersten 35 m waren mir ja schon bekannt. Durchschnittlich 40 – 80 cm hoch und 4 m breit. Je weiter ich komme, desto größer und höher wird der Gang. Eigentlich ist er der größte aller Siphons in der Höhle. Bald komme ich am 7 m breiten „Unterwasserdiscus“ an. Dem Umkehrpunkt der Ersterkundung. Mit 320° zieht der Siphon ziemlich geradlinig, ohne bisher auf Verbruchblöcke zu stoßen. Zwei Pfosten sind bis hier her gesetzt. Nach dieser Gangerweiterung ändert sich sein Charakter. Er wird schlagartig größer, am Boden liegen vermehrt Blöcke. Für mich momentan immer noch nicht erklärbar sind die vielen schwarzen Ablagerungen, die sich mit meist kreisförmigen Bändern über den Lehmboden verteilen. Daneben befinden sich schwarze Punkte, die wie Tropfstellen aussehen. Die sollte es aber unter Wasser nicht geben. Die Vertiefungen könnten aber auch auf ein Wurmloch deuten. Derartige Ablagerungen kannte ich bis jetzt nur über Wasser. Die Wände sind meist sauber, trotzdem kann ich keine eindeutigen Fließfacetten finden. Das deutet darauf hin, dass in diesem Teil der Höhle seit vielen Jahrtausenden keine spürbare Wasserströmung mehr vorherrscht. Auch die Bodensedimente weisen auf keinerlei Wasserströmung hin. Aus welchem Grund fließt in diesem Gang kein Wasser mehr?

Nach dem „Unterwasserdiscus“ zieht der Siphon mit 45° nach Westen, kurz darauf noch einmal mit 50°. Es sieht so aus als ob er auf der nördlichen Talseite parallel unter der Straße nach Zell hinauf führt. Ungewöhnlich für diesen Siphon ist, dass, je weiter man hinein kommt, man mehr und mehr schwimmen muss. Der Gang wird immer größer.

Nach 60 m kommt eine Auftauchstelle, die sich als 6 m hohe, 1,5 m breite Querkluft ca. 6 m über den Siphon spannt. Am rechten Ufer kann man sich auf eine Lehmhalde stellen. Sonst bietet diese Stelle keinen Rastplatz. Nun geht es über einige Verbruchblöcke weiter hinein. Der Gang macht eine leichte 10° Biegung nach rechts und wird kurz zum rundum felsigen Druckröhrenprofil. Die 100 m lange Leine geht in diesem 2,5 m breiten Gang zu Ende. Die Fortsetzung ist einzusehen und steigt etwas an. Die Wassertiefe beträgt hier 1,5 m. Die Höhlendecke liegt meist auch nur 1,5 m unter Wasser. Ich tauche also wieder zurück und taste mich bei nur wenigen Zentimetern Sicht langsam an der Führungsleine nach draußen. In der rechten Hand die leere Leinentrommel auf der linken Seite am Gürtel die restlichen 4 Pfosten. Ich fühle wie die Leine links an der Wand entlang führt, als ich mit einem kräftigen Ruck aufgehalten werde. Momentan ist mir nicht klar an was das liegt. Bis ich die verhedderten Pfosten an der Führungsleine spüre.

Nun gibt es in dieser Situation nur zwei Möglichkeiten. Die eine ist, zu versuchen dem Gewurstel wieder Herr zu werden und sich zu befreien, oder die Führungsleine vorher und nachher zu kappen und diese wieder zu verbinden. Da ich genügend Luftvorrat in meinen Tanks habe, will ich zuerst versuchen, mich zu entwirren. Ich stecke die leere Leinenrolle rechts neben mir in den Lehmboden. Es wird so dunkel um mich herum, dass ich nicht mehr sagen kann, ob meine Lampen noch an sind oder nicht. Ist mir eigentlich auch egal. Erkennen kann ich so und so nichts. Während der Fummelei denke ich an die 90 m Tauchstrecke, die noch vor mir liegen. Und es geht einfach nichts. Soll ich nun die Leine durchtrennen? Nein, ein paar Versuche will ich noch wagen.

Dann bin ich frei. Super denke ich nach dem Ordnen meiner Ausrüstung und tauche mit weit von mir gestrecktem Arm weiter, um mich nicht noch einmal zu verfangen. Alles geht gut. Trotz des Zwangsaufenthaltes verbrauchte ich für die 200 m lange Tauchstrecke hin und zurück nur 350 l Luft. Auf der ersten Flasche sind somit noch 80 bar, auf der zweiten 150 bar.

Ich entschließe mich, zum 4. Siphon zu tauchen, um zu überprüfen, ob sich die Sedimentablagerung verzogen hat. Beim Eintauchen ist es schon etwas geräumiger. Die vor zwei Wochen gesetzten Pfosten schwimmen frei an der Leine. Es sieht so aus, als ob sich der Siphon in den nächsten acht Wochen wieder öffnet. Nach drei Stunden bin ich wieder am Ausgang.

14.02.2004 Siphon „Stiller Siphon“ S3a

Für den heutigen Tauchgang habe ich Marco meinen Tauchsack zum Testen gegeben. Mit der neuen 100 m Leine will ich die Fortsetzung des S 3a weiter erkunden. Habe zur besseren Orientierung Entfernungsmarkierungen aus Kabelbindern angebracht. Als ich die 100 m Führungsleine auf dem Dorfplatz von Mühlbach auslegte, um sie zu befestigen, wurde mir erst richtig bewusst, wie lange doch 100 m sind. Heute will ich bestenfalls, oder soll ich sagen im ungünstigsten Fall, weitere 100 m tauchen. Hätte die Leine vielleicht doch nicht am Dorfplatz auslegen sollen. Aber alles ist vorbereitet. Ich habe mich zwischen 12 und 13 Uhr mental gut auf den Tauchgang vorbereitete. Marco trifft pünktlich in Deising ein, Ralph ist beim Umziehen und Transport zum Eingang dabei. Habe mir diesmal eine Schutzhülle für die Leinenpfosten angefertigt, um ein Verfangen in der Führungsleine zu vermeiden. Marco taucht alle Siphons vor. Ich merke, es macht ihm sichtlich Spaß. Er verhält sich vorbildlich.

Diesmal achte ich besonders auf meine Kondition, um den Tauchgang nicht zu gefährden. In der „Sirenenhalle“ lege ich die ganze Ausrüstung noch einmal ab und prüfe alles. Nach 10 Minuten Pause wird es ernst. Marco wird 60 Minuten auf mich warten, um dann entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Um 16.08 Uhr tauche in im S3a ab. Ich habe mich auf einen 400 m langen Höhlentauchgang eingestellt. Mit der Kabeltrommel auf der rechten und den Pfosten auf der linken Seite komme ich problemlos vorwärts. Wieder verblüffen mich die Dimensionen des Siphons. Ab 40 m Tauchstrecke ist deutlich die Sprungschicht zu erkennen. Unter der Decke taucht man in einer glasklaren 50 cm hohen Wasserschicht.

Noch weiß ich nicht, was mich erwartet. In meinen Gedanken höre ich die Worte: „Endlich bin ich wieder im Siphon, dort wo ich hingehöre“. Ich fühle mich wohl und alle meine Sinne zieht es ins Neuland. Bald erreiche ich das Leinenende und knüpfe die neue an. Dabei blicke ich in die Fortsetzung, und erkenne weit vor mir wieder die Lichtspiegelung einer Wasserfläche am Siphongrund. Langsam schwimme ich darauf zu. Jäh endet der Siphon ringsum an Lehmwänden, über mir der Wasserspiegel. Sofort schießt mir in den Sinn: „Komme ich hier aus dem Wasser, ist hier vielleicht eine Felsbarriere, gar ein Schacht, den ich überwinden muss, um in den nächsten Siphon zu kommen?“ Leine habe ich ja genug dabei, denn bis hierher waren es gerade mal 10 Meter. Dieser Siphon ist somit 110 m lang und mit 400 l Luft zu betauchen.

Vorsichtig durchbreche ich mit der Maske den Wasserspiegel, nichts ahnend, was mich erwartet. Sofort sucht mein Blick die Höhlendecke. 8 m über mir spannt sich eine horizontale Decke, 3 m breit im 80° Winkel nach rechts. 15 m weit zieht sich das grandiose Höhlenprofil dahin. Langsam findet dabei der schräge ansteigende Lehmboden die Decke. Ich bin etwas verwirrt, ein kluftgebundener Kolk ist das nicht. Vor mir erhebt sich ein 2,5 m hoher Lehmkegel. An seiner rechten Seite führt ein 50 cm breiter Wasserkanal vorbei. OK, systematisch vorgehen. Erst einmal die Leine fixieren und sichern. Dabei denke ich ständig daran, was ich nun tun soll. Ausgemacht war, nicht aus dem Wasser ins Neuland zu gehen. Der Hintergrund dieser Abmachung lag aber darin, eine zuvor lange unbekannte Strecke getaucht zu haben. Ich war aber nur 10 m unterwegs und die waren groß dimensioniert. Also beschloss ich, mit angelegter Ausrüstung um den Lehmberg herumzuschauen. Mir war klar, wenn ich das Wasser verlasse, wird die Zeit knapp. Ich wollte mir das Limit setzen, nur 50 m weit zu laufen. Mühsam komme ich mit der schweren Ausrüstung aus dem Wasser die Böschung hoch. Der Kanal zieht sich 6 m um den Lehmberg herum, dann tut sich vor mir der lang ersehnte Höhlentunnel auf. 8 m hoch und 6 m breit. Ich hab ihn, den Beweis, dass es auch hier in der Petrusquellhöhle riesige lufterfüllte Tunnels gibt.

Trotz der unzähligen Neulandentdeckungen, die mich viele Kilometer weit in die geheimnisvolle Unterwelt der Höhlen führten, an Plätze, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen oder betreten hat, verschlug es mir den Atem. Ich wusste ja, was kommen wird. Aber wenn es dann eintritt, überrascht es mich doch immer wieder. Seitdem sich mir die Natur preisgibt, kann ich meine verborgenen oder in Vergessenheit geratenen Sinne für einen wunderbaren und nicht erahnten Dialog mit den Kräften des Universums öffnen. Wir denken zu klein dimensioniert und halten uns für zu wichtig. Alle unsere Gedanken existierten schon immer, sonst wäre sie nicht denkbar. Mit unseren verkümmerten Sinnen erfassen wir das nicht mehr. Wir haben die Fähigkeit verloren, alle unsere Sinne zu nutzen. Wir sind leider bis jetzt noch immer der unbedeutendste Gast unseres Planeten. Nicht wir verändern ihn, sondern wir werden mit ihm im Universum verändert. 100000 Jahre spielen dabei keine Rolle.

Langsam komme ich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. In dem schmalen Kanal kämpfe ich mich um den steinharten Lehmberg herum. Er erinnert mich an die harten Lehmberge der Predjamskj Jama in Slovenien. Das breite Tunnelprofil macht einen 90° Doppelknick nach links und gleich wieder nach rechts. Zu meiner Überraschung fließt hier ein schwaches Gerinne mit ca. 5 l / Sek. Jetzt erklärt sich auch die Sprungschicht im Siphon. Das einfließende Wasser ist etwas wärmer als das im Siphon. Deshalb vermischt es sich im Siphon nicht gleich, sondern bleibt an der Decke.

1An der 8 m hohen Decke entlang kann ich weiter ins Berginnere blicken. Das, was ich in diesen 50 m sehe, reicht um weiter guter Dinge zu sein und den Gang beim nächsten Mal in Ruhe zu erforschen. Ich denke an Marco und den langen Rückweg, und will nicht ans Zeitlimit kommen. Alle Pfosten und den Rest der 90 m Leine lasse ich hier zurück, denn der nächste Siphon ist gewiss. Ohne Ausrüstung betaucht sich der Siphon wirklich schön. Nach 34 Minuten und 550 l verbrauchter Luft komme ich bei Marco an. Ich erzähle ihm die Neuigkeiten, wohlwissend, dass ihm die Auftauchstellen keine Freude bereiten wird, denn er ist ein Freiwasser-Taucher und die wollen unter Wasser bleiben. Vielleicht wird er noch ein echter Höhlentaucher. Auf jeden Fall macht es total Spaß, mit ihm in der Höhle zu tauchen. Er freut sich mit mir über den bedeutenden Erfolg. Wir beschließen, die Befahrung hier und jetzt zu beenden. Nach vier Stunden erreichen wir den Ausgang. Wo wir uns nächstes Wochenende treffen, ist sicher. Auf den Pfaden ins Unbekannte unseres Planeten.

 

22.02.2004 Im fossilen Teil der Höhle

Marco wollte mit, hat aber kurzfristig abgesagt. Ich tauche wieder alleine. Ich will den neuen Gang, aus dem ich meine Ausrüstung bergen berge, weiter erforschen. Es läuft alles sehr routiniert ab. Den S3a vermesse ich gleich in Verbindung mit der Erforschung des neuen Ganges.

Nur wenige Meter nach meinem damaligen Umkehrpunkt entspringt das kleine Bächlein unter einer Felswand. Rechts endet der Gang nach 15 m in einer schmalen Kluft. Links erhebt sich eine ca. 4 m hohe Lehmböschung Richtung Höhlendecke. Oben angelangt stehe ich in einem ca. 7 m breiten und 2 m hohen Gang, der in 20 m Entfernung an einem Verbruch endet. Nach langem Suchen in diesem „Megaverbruch“ entdecke ich eine enge Fortsetzung nach oben. Rechts im Verbruch entlang kriechend, erreicht man nach etwa 10 m an einer senkrechten Felswand einen größeren Raum. Hier geht es wieder steil nach unten. Ich nehme an, bis fast zum vorderen Höhlenniveau. An der Wand kann man noch einige Meter im Verbruch entlang schlufen, bis die Kluft zu eng wird. Am Boden der Kammer geht es auf der anderen Seite wieder hoch bis an die Höhlendecke und über die sehr großen Verbruchblöcke weiter bis an einen Deckenversatz. Kurz vorher tut sich links im Verbruch ein kleines Loch auf, durch das man etwa 6 m tief in einen 5 x 5 m großen und 3 m hohen Raum kommt. Hier gehen drei unschlufbare Klüfte ab. Da unten wird mir erst bewusst, wo ich mich befinde. Ganz alleine am Ende der Welt. Hierher würde niemand meiner Höhlenkollegen kommen. Zumindest nicht die aus meinem näheren Umfeld. Verletzt geborgen könnte ich hier sowieso nie werden. Also äußerst vorsichtig bewegen und ja keinen Fehler machen.

1Ich klettere wieder hoch bis unter die Decke, dort setzt sich die Krabbelei nach links fort. Es geht wieder rückläufig in den Verbruch zurück in eine 4 x 4 m große Verbruchkammer. Zurück am Deckenabbruch geht es über stark verlehmte Blöcke 3 m nach unten. Die Fortsetzung in den sicher sehr großen Gang ist durch diesen riesigen, stark verlehmten Verbruch unterbrochen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dieser Verbruch ursächlich für die Gangentwicklung der jetzt aktiven Höhlenteile verantwortlich ist. Es wird deutlich, dass sich der Höhlenbach durch diese Blockade weiter höhleneinwärts an Vorzugsklüften seinen heutigen Weg gesucht hat. Die weitere Erforschung dieses Verbruchs wäre alleine zu gefährlich, so breche ich hier ab. Wieder zurück am Fuße des Verbruchberges untersuche ich noch kurz einen Spalt an der linken Felswand, der nach 5 m auch verbrochen endet. Mit der ganzen Ausrüstung wird das Zurücktauchen ziemlich anstrengend.